
Überblick zur Rechtsprechung, Stand: Februar 2008
Haftung für Einträge im Internet
Ob privat oder kommerziell - immer mehr Internetauftritte bieten heutzutage Diskussionsforen, Gästebücher, Blogs oder Chat-Rooms an. Doch wer haftet eigentlich für die Beiträge in diesen virtuellen Räumen?
Ein Beitrag von Rechtsanwalt Sebastian Trost
In diesen virtuellen Räumen - zu denen mitunter mehrere tausend Teilnehmer angemeldet sind - werden alle erdenkliche Themen oder Fragen unter den Nutzern diskutiert. Die Foren dienen dazu, eine schnelle und für jedermann einsehbare Diskussion zu verschiedenen Fragen, Erfahrungen, Ideen oder Produkten zu ermöglichen. Regelmäßig bleiben die Nutzer des Forums anonym und treten nur unter einem frei gewählten Mitgliedsnamen auf. Oftmals veröffentlichen Teilnehmer jedoch unter dem Schutz der Anonymität in den Foren strafbare oder rechtswidrige Inhalte. Dabei werden nicht selten auch Grenzen überschritten, auf deren Einhaltung ein Nutzer sonst aus verschiedenen Gründen genau achten würde.
Wer haftet für Forumsbeiträge?
Klar ist, dass der jeweilige Autor eines Beitrages für dessen Inhalt zivil- und strafrechtlich haftet. Ebenfalls relativ einfach zu bejahen ist die Haftungsfrage für den Forumbetreiber, wenn er zustimmende oder billigende Zusätze zu solchen Forumbeiträgen macht. In diesem Fall haftet er genauso wie der Autor des rechtswidrigen Beitrages.
Schließlich haftet auch derjenige Betreiber eines Forums für den Inhalt der Beiträge, wenn er einen maßgeblichen Einfluss auf die in seinem Forum verbreiteten Inhalte hat, indem er z.B. eine Vorauswahl der veröffentlichen Beiträge vornimmt.
Schwieriger wird es aber, wenn der Forumbetreiber einen rechtswidrigen Beitrag nicht bemerkt oder nicht erkennt, dass der Beitrag die Rechte von Dritten verletzt. Nach der Neufassung des § 11 Teledienstgesetz (TDG) haftet der Betreiber eines Gästebuchs oder Forums nicht, wenn er keine Kenntnis von den fremden Inhalten hat.
Wird er jedoch über rechtswidrige Beiträge informiert oder erlangt er auf sonstige Weise Kenntnis davon, so muss er die fraglichen Inhalte unverzüglich löschen bzw. sperren. Bei rechtswidrigen oder beleidigenden Beiträgen muss der Forumsbetreiber insoweit sein "virtuelles Hausrecht" zwingend ausüben. Von dieser Verpflichtung kann sich der Forumbetreiber nicht befreien, indem er z.B. einen allgemeinen Haftungsausschluss in seinen Disclaimer schreibt oder sich pauschal von den Inhalten distanziert. Eine solche Regelung ist unwirksam.
Der Bundesgerichtshof hat in seinem Urteil vom 27.03.2007, Az. I ZR 101/06 entscheiden, dass diese Haftung des Forum-betreibers gegenüber dem Opfer auch nicht entfällt, wenn dem Opfer die Identität des Autors der rechtswidrigen Äußerungen bekannt sei - der Betreiber des Forums als "Herr des Angebots" und der Autor sind beide zivilrechtlich für die Löschung der rechtswidrigen Beiträge verantwortlich.
Zulässige Meinungsäußerung oder bleidigender Eintrag?
Bei der Ausübung des Hausrechts darf der Anbieter jedoch nach Ansicht der Gerichte nicht willkürlich handeln, sondern muss vorher das Recht der Nutzer auf ihre freie Meinungsäuße-rung berücksichtigen. Eine Meinung ist jegliche Äußerung, wobei es auf den Wert und die Richtigkeit der Aussage nicht ankommt. Somit fallen höchstpersönliche Ansichten wie beispielsweise "Ich finde das Produkt der Firma XY nicht schön" unter die grundgesetzlich geschützte Meinungsfreiheit. Abwertende Kritik, solange sie sachbezogen ist, darf also scharf und schonungslos sein und muss nicht aus dem Forum gelöscht werden.
Der Meinungsfreiheit wird jedoch durch die strafbare Beleidigung eine Grenze gesetzt. So liegt keine Meinungsäußerung mehr vor, wenn es nicht mehr um eine Auseinandersetzung in der Sache, sondern um Diffamierungen, Beleidigungen, Herabsetzungen und Anprangerungen handelt. Ebenso ist sog. "Schmähkritik", deren Äußerung durch z.B. pauschale Boykott-Aufrufe oder pauschale Aufrufe zu Sammelklagen allein die Schädigung des von der Äußerung Betroffenen bezweckt, unzulässig. Im Einzelfall kann die Abgrenzung, ob es sich um eine zulässige Meinungsäußerung oder einen beleidigenden bzw. geschäftsschädigenden Eintrag handelt, aber sehr schwierig sein. Hier empfiehlt es sich, einen spezialisierten Rechtsanwalt mit der Überprüfung zu beauftragen.
Ständige Kontrolle notwendig?
In diesem Zusammenhang stellt sich des weiteren die Frage, ob der Betreiber eines Forums ständig den Inhalt der fremden Beiträge kontrollieren muss. Eine generelle Überwachungspflicht des Forumbetreibers sieht der Gesetzeswortlaut nicht vor. Das Oberlandesgericht Koblenz hat mit Urteil vom 12.07.2007, Az. 2 U 862/06 ausdrücklich festgestellt, dass der Betreiber eines Forums zwar nicht verpflichtet sei, den Kommunikationsvorgang zu überwachen, erhält er aber Kenntnis, so müsse er "die Sperrung und Löschung des Vorgangs unverzüglich veranlassen".
Muss der Betreiber eines Forums die Beiträge also niemals aktiv kontrollieren?
Dieses dürfte nicht der Fall sein. Die Beurteilung, ob und inwieweit eine Prüfung zuzumuten war oder ist, richtet sich nach den jeweiligen Umständen des Einzelfalls. Nach Ansicht des Hamburger Landgerichts besteht eine Pflicht zur generellen "Eingangskontrolle" für den Betreiber des Forums, wenn er Anlass zu der Befürchtung haben muss, dass es dort zu Rechtsverletzungen kommen wird und ihm hiervon ausgehend eine Überwachung zumutbar ist.
Dieses kann beispielsweise der Fall sein, wenn er als Diskussionsteilnehmer in seinem Forum aktiv ist oder wenn in dem Forum anonymisierte Pseudonyme für die Teilnehmer zugelassen waren, die nach Ansicht des Gerichts die Hemmschwelle zur Begehung von Persönlichkeitsrechtsverletzungen herabsetzen.
Eine erhöhte Überwachungspflicht sieht das Landgericht auch durch die Tatsache bestätigt, dass in dem entsprechenden Forum kommerzielle Werbung geschaltet war (Urteil des Landgerichts Hamburg vom 18.07.2006, Az.: 324 O 116/06). In diesem Zusammenhang haftet der Betreiber sogar für Urheberverletzungen in seinem Forum, wenn er es den Nutzern ermöglicht, Bildmaterial auf dem Forenserver hochzuladen und in die jeweiligen Beiträge einzubinden (Urteil des Landgericht Hamburg vom 24.08.2007, Az.: 308 O 245/07). Diese Pflichten dürften nach der derzeitigen Rechtsprechung auch für Blogger gelten.
Diese Maßstäbe können sogar dazu führen, dass nur eine kurzzeitige Veröffentlichung zur Haftung führt. In dem noch nicht rechtskräftigen Urteil des Landgerichts Hamburg vom 04.12.2007, Az. 324 O 794/07 hatte dieses es dem Journalisten Niggemeier untersagt, eine unzulässige Äußerung eines Dritten in seinem Blog über die Firma "Callactive" zu veröffentlichen. Der Journalist hatte über die Firma "Callactive" berichtet, die für MTV seiner Ansicht nach "zweifelhafte Anrufsendungen" produziert. Sein Artikel sorgte für zahlreiche Kommentare, von denen einer "unzulässig war". Der Blogger löschte den Kommentar ohne Aufforderung, allerdings zu spät - wie Callactive und das Gericht meinten. Der Kommentar wurde in der Nacht zum Sonntag um 3:37 Uhr abgegeben, Niggemeier löschte ihn am Sonntagvormittag um 11:06 Uhr. Nach Ansicht des Gerichts hätte Niggemeier damit rechnen müssen, dass sein Blog-Eintrag zu Callactive wegen seiner Brisanz rechtswidrige Kommentare mit sich bringe. Daher sei er bei "solch brisanten Blog-Einträgen" verpflichtet, "die Kommentare vorab zu kontrollieren".
Fazit
Der Betreiber eines Forums haftet in der Regel erst dann, wenn er Kenntnis von rechtswidrigen Handlungen erlangt und nach Kenntnis nicht unverzüglich reagiert. Diese Haftung verstärkt sich aber für den Betreiber des Forums, je mehr konkreter Anlass zu der Befürchtung besteht, dass es auf seiner Internetseite zu Rechtsverletzungen Dritter kommen wird und je schwerwiegender die zu befürchtenden Verletzungen sind. In diesen Fällen muss der Betreiber erheblichen Aufwand auf sich nehmen, um die auf seiner Seite eingestellten Kommentare einer rechtlichen Überprüfung zu unterziehen. Ansonsten droht ihm die Gefahr, dass er wegen rechtswidriger oder strafbarer Handlungen in seinem Forum abgemahnt wird und hierbei die eventuell anfallenden außergerichtlichen und gerichtlichen Kosten zu tragen hat.
Über den Autor
Nach dem zweiten Staatsexamen im Jahr 2003 war RA Sebastian Trost in einer mittelständischen Anwaltskanzlei im Sauerland tätig, bevor er als Syndikusanwalt und Assistent der Geschäftsleitung zu einem der führenden Marketingunternehmen, der VOK DAMS GRUPPE, wechselte.
Seit Anfang 2005 ist er selbstständig als Rechtsanwalt tätig. Außerdem veröffentlicht er regelmäßig Aufsätze und Artikel zu aktuellen rechtlichen Themen und hält weiterführende Seminare ab.
Neben der außergerichtlichen und gerichtlichen Vertretung in allgemeinen Angelegenheiten des Zivilrechts, des Verkehrs- und Unfallrechts sowie des Sozialrechts, liegen die Schwerpunkte der Tätigkeit von RA Trost auf folgenden Rechtsgebieten: Mietrecht, Internetrecht, Urheber- und Markenrecht, Vertragsgestaltung und AGB Recht sowie Arbeitsrecht.
Körnerstraße 66
58095 Hagen
E-Mail: info(at)ra-trost.de
www.rechtsanwalt-news.de
Neue Fachbeiträge
-
Projektmanagement in IT-Start-ups
IT-Start-ups verschenken Effizienzpotenziale
Obwohl sich Projekt bezogenes Arbeiten in manchen Start-ups zu etablieren beginnt, ist professionelles Projektmanagement noch vielerorts weitgehend unbekannt. Hauke Thun, Gründer und Inhaber von PM Firefighters, erklärt in seinem Fachbeitrag, wie Start-ups ihre Potentiale mittels Projektmanagement bestmöglich nutzen. mehr
-
E-Commerce
E-Commerce mit CIVETS im Blick – Chancen und Risiken!
Nicht nur die BRIC Staaten Brasilien, Russland, Indien und China bieten Chancen für deutsche Unternehmen, die für E-Commerce Zielgruppen auf neuen Märkten suchen. In seinem Fachbeitrag beleuchtet Christian Arno, Gründer des Übersetzungsdienstes Lingo24, die so genannten CIVETS, also die wirtschaftlich aufstrebenden Länder Kolumbien, Indonesien, Vietnam, Ägypten, Türkei und Südafrika. mehr
-
Kundenkontaktpunkt-Management
Wie man Touchpoint-Projekte erfolgreich macht - Teil 3
Anne M. Schüller, führende Expertin für Loyalitätsmarketing, erklärt im dritten und letzten Teil ihrer Beitragsserie zum Thema "Touchpoint Management", wie Sie die Mitarbeiter aktivieren, sie tagtäglich mit dem Kunden in Kontakt stehen. mehr
-
Kundenkontaktpunkt-Management
Wie man Touchpoint-Projekte erfolgreich macht - Teil 2
Im zweiten Teil ihrer Beitragsserie zum Thema "Touchpoint-Projekte" erklärt Anne M. Schüller, führende Expertin für Loyalitätsmarketing, wie Sie bei Mitarbeitern den "Mein-Baby-Effekt" erzeugen. mehr
-
Kundenkontaktpunkt-Management Teil 1
Wie man Touchpoint-Projekte erfolgreich macht
Anne M. Schüller ist zehnfache Buch- und Bestsellerautorin und gilt als Europas führende Expertin für Loyalitätsmarketing. Kürzlich veröffentlichte sie ihr neuestes Buch mit dem Titel „Touchpoints – Auf Tuchfühlung mit dem Kunden von heute“. In einer dreiteiligen Beitragsserie auf förderland gibt Anne M. Schüller jetzt eine Einführung ins Thema. mehr
-
Cloud Software
Cloud Software für Existenzgründer – Was sollte beachtet werden?
Als Existenzgründer sind viele Entscheidungen zu treffen. Neben der Durchführung, Steuerung und Kontrolle des Geschäftsbetriebs müssen auch verschiedene Fragen bezüglich der Nutzung von Unternehmenssoftware beantwortet werden. Frank Elsenbruch von der Scopevisio AG aus Bonn geht in seinem Fachbeitrag der Frage nach, was Gründer beim Einsatz von Software aus der Cloud beachten sollten. mehr
-
SEO
Suchmaschinenoptimierung mal anders. Ein Blick hinter das System ...
Suchmaschinenoptimierung: Oft gehört, aber nie wirklich verstanden was Suchmaschinenoptimierung ist und vor allem, wie es funktioniert. Eines können wir bereits ausschließen, Suchmaschinenoptimierung bedeutet nicht, auch wenn es klingt, dass eine Suchmaschine optimiert wird. Einen Blick hinter das System gewährt uns heute Korhan Parlar, Gründer und Geschäftsführer der SEOvista aus Berlin. mehr
-
Empfehlungsmarketing
10 schriftliche Verstärker in Sachen Empfehlungsmarketing
Die gute alte Mundpropaganda, die vor Jahrmillionen an den Lagerfeuern begann, erlebt gerade einen mächtigen Wandel. Die Social Media und der Hype um trendige Smartphones sind die wesentlichen Treiber dafür. Empfehlungen sind inzwischen der Kaufauslöser Nummer eins. Damit rückt das Empfehlungsmarketing an die vorderste Stelle im Marketingplan. Mithilfe der folgenden 10 Tipps von Anne M. Schüller können Sie Andere auf schriftliche Weise ermuntern, Ihre Angebote aktiv zu empfehlen. mehr
-
Empfehlungsmarketing
10 Verstärker in Sachen Online-Empfehlungsmarketing
Das größte Empfehlungsnetzwerk, das es je gab, heißt Social Web. Die gute alte Mundpropaganda verlagert sich immer mehr ins Internet. Das klassische Weitererzählen erlebt als digitaler Consumer-Content eine unbändige Renaissance. "Social Sharing" wird dies auch genannt. 10 Verstärker in Sachen Online-Empfehlungsmarketing stellt Anne M. Schüller, führende Expertin für Loyalitätsmarketing, in ihrem aktuellen Fachbeitrag vor. mehr
-
Empfehlungsmarketing
10 mündliche Verstärker in Sachen Empfehlungsmarketing
Wir leben in einer neuen Businesswelt. Heute ist alles "like" oder "dislike". Da müssen Unternehmen zunehmend zeigen, dass sie zu den wirklich Guten gehören. Am wirkungsvollsten ist es, wenn dies nicht vom Anbieter selbst behauptet, sondern von seinen begeisterten Kunden bezeugt wird. Die von enthusiastischen Fans persönlich ausgesprochenen Empfehlungen, Hinweise und Tipps sind heutzutage der Kaufauslöser Nummer eins. 10 mündliche Verstärker in Sachen Empfehlungsmarketing empfiehlt Anne M. Schüller, führende Expertin für Loyalitätsmarketing, in ihrem Fachbeitrag. mehr
-
Fachbeitrag
Unternehmensgründung mit Erfolg: Darauf kommt es an!
Viele Gründer beschäftigen sich mit scheinbar wichtigen Fragen im Vorfeld einer Unternehmensgründung. Diese Fragen stellen sie dann womöglich kompetenten Steuerberatern, Gründungsberatern und anderen Experten. Auf den ersten Blick ist dies ja auch sehr positiv. Doch leider hört man immer wieder die gleichen Fragen – Fragen, die so gut wie nichts mit dem künftigen Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens zu tun haben. Worauf es wirklich ankommt, erklärt Unternehmensberater Martin Grünstäudl in seinem Fachbeitrag. mehr
anzeige
-
Steuerberater suchen
Jetzt kostenlos und unverbindlich.
mehr...
-
Private Krankenversicherung
Sparen Sie 2.500 EUR pro Jahr bei besserer Leistung.
mehr...
-
Gründerberater suchen und finden
Sie sind Gründerberater? Jetzt eintragen und Vorteile sichern.
mehr...
RSS Feed abonnieren
- Nachrichten Gründer, Start-ups, Investoren Feed abonnieren
- Aktuelle Veranstaltungen Feed abonnieren
- Aktuelle Fachbeiträge Feed abonnieren
förderland-Autor werden
Neue Autoren
- 22.05.2012Hauke Thun
- 12.04.2012Christian Arno
- 11.04.2012Max Karagoz
- 08.03.2012Frank Elsenbruch
- 01.03.2012Martin Grünstäudl
- 01.03.2012Korhan Parlar
- Alle Autoren