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01.02.12

Zweifelhafter Ruf der deutschen Internetwirtschaft: iversity beugt Copycat-Vorwürfen vor

Das Berliner Startup iversity hat einem US-Konkurrenten zu dessen Kapitalspritze gratuliert und nutzt die Gelegenheit, potenzielle Copycat-Vorwürfe frühzeitig zu entkräften. Der Ruf der deutschen Internetbranche als Klonfabrik erfordert derartige Maßnahmen.

 

Die deutsche Internetbranche hat sich in den vergangenen Jahren bekanntlich einen zweifelhaften Ruf aufgebaut, leidenschaftlich gern erfolgreiche US-Webkonzepte nachzuahmen. Das hat zur Folge, dass auch schnell hiesige Startups als Copycats abgestempelt werden, deren Macher keineswegs die Intention hatten, einen bestehenden ausländischen Dienst zu imitieren.

Prominente Beispiele hierfür sind Xing, das zwar von vielen als LinkedIn-Klon angesehen wird, aber nach Aussage eines frühen Xing-Crewmitglieds zu Beginn ohne Kenntnis über den US-Kontrahenten entwickelt wurde, sowie das Städte- und Empfehlungsportal Qype. Dessen Gründer Stephan Uhrenbacher beteuert ebenfalls, erst vom Wettbewerber Yelp erfahren zu haben, als die Entwicklung von Qype bereits in vollem Gange war.

Die Macher der jungen Berliner Hochschulplattform iversity, über die wir im Herbst vergangen Jahres berichteten, wollen sich künftige Copycat-Vorwürfe sparen und haben sich deshalb zu dem unkonventionellen Schritt entschlossen, in einer Pressemitteilung dem zwei Monate später gestarteten US-Konkurrenten Coursekit zu dessen Kapitalspritze zu gratulieren.

iversity (oben) und CoursekitDer von drei Studenten aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania gegründete Dienst hatte kürzlich fünf Millionen Dollar Risikokapital erhalten. Coursekit hat nicht nur konzeptionelle Ähnlichkeiten zu iversity, sondern sieht dem digitalen Campus aus Berlin auch optisch nicht unähnlich. Selbst bei den Logos gibt es auffällige Parallelen.

Die Hauptstädter sahen die Gefahr, irgendwann pauschal als Kopie von Coursekit bezeichnet zu werden und damit dem problematischen Ruf der hiesigen Onlinebranche zum Opfer zu fallen. Um das zu verhindern, gratulierten sie dem US-Unternehmen in einer Pressemitteilung zur Finanzierung und nutzten die Gelegenheit, um dabei auf den früheren Launch von iversity hinzuweisen:

"Dem Berliner Start-up iversity ist Coursekit dabei überraschend ähnlich: Beide Startups haben im Sommer eine erste Finanzierungsrunde abgeschlossen, sind im Herbst 2011 gelauncht, haben ähnliche Features, ein ähnliches Design, das gleiche Geschäftsmodell und eine ähnlich große Nutzerbasis. Auch wenn die Ähnlichkeiten überraschen, versteht iversity das zwei Monate später am Markt erscheinende amerikanische Start-up keineswegs als Kopie der Idee von iversity, sondern als die folgerichtige Reaktion auf einen aktuellen Missstand im Hochschulsektor."

Durch die großzügige Geste, Coursekit nicht als Kopie von iversity zu bezeichnen, versuchen die Berliner unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, wie der Fall gelagert ist: Sie waren zuerst da, Coursekit kam kurze Zeit später - ob inspiriert von iversity oder nicht, lässt sich im Nachhinein schwer beweisen.

Die frühzeitige Offensive in Bezug auf den absehbaren Copycat-Vorwurf ist aus Sicht von iversity sinnvoll, um einem potenziellen, zukünftigen Imageschaden durch das Klon-Stigma vorzubeugen. Gleichzeitig verdeutlicht der Schritt aber auch die enorme Furcht hiesiger Startups davor, unberechtigterweise als Imitation abgestempelt zu werden - und damit, wie wichtig es ist, mit dem Copycat-Begriff trotz aller eindeutigen Fälle vorsichtig umzugehen.

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