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20.06.14Leser-Kommentare

Zwei-Buchstaben-Messenger mit Millionenfinanzierung: Wieso die Reaktionen zu Yo so weit auseinandergehen

Eine Finanzierungsrunde in Millionenhöhe für den Zwei-Buchstaben-Messenger Yo sorgt in Kreisen der Netzwirtschaft für Verwunderung und Spott. Bekannte Köpfe der Branche mahnen jedoch, neue Kommunikationskonzepte nicht übereilt abzuschreiben. Beide Seiten haben ihre Gründe.

YoYo, eine hochminimalistische Kommunikationsapp, mit der Nutzer einander in beliebigen Lebenslagen die Grußformel "Yo" übermitteln können, hat sich von einem Aprilscherz zu einem ernsthaft betriebenen Startup entwickelt. Ein Startup, das für seine weitere Expansion gerade eine Million Dollar Seed-Finanzierung einsammelte. In sozialen Medien und Blogs ist nun eine Diskussion darüber entbrannt, inwieweit eine siebenstellige Kapitalspritze für ein trivial erscheinendes Ein-Feature-Produkt wie Yo ein Zeichen dafür sei, dass die seit einiger Zeit zu beobachtende Überhitzung des Sektors endgültig die Formen einer Blase angenommen hat. Derartige Mutmaßungen besitzen gerade ohnehin Hochkonjunktur.Auf den teilweise von zynischen Kommentaren begleiteten "Backlash" in Folge des Bekanntwerdens der Yo-Finanzierungsrunde folgten unweigerlich mahnende Worte von Beobachtern, die darauf hinwiesen, dass man neuartige Kommunikationskonzepte nicht voreilig verurteilen sollte. Marc Andreessen produzierte einen seiner mittlerweile berühmt-berüchtigten "Tweetstorms" und verwies auf zahlreiche Alltagsbeispiele, in denen "One Bit"-Kommunikation sich als praktisch und massentauglich erwiesen habe.

8/I'm not saying Yo will be the next $100B social media powerhouse. But instant dismissal makes little sense; let's learn & keep minds open.

— Marc Andreessen (@pmarca) June 19, 2014

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Ciarán O'Leary, Partner bei der Berliner VC-Gesellschaft Earlybird, pflichtete ihm bei und formulierte seine generelle Verwunderung darüber, wie oft die existierenden Herausforderungen und daraus resultierenden Möglichkeiten übersehen werden, die es bezüglich sozialer Interaktion und der praktischen Anwendung von Kenntnissen aus den Sozialwissenschaften gibt.

@pmarca frequently gobsmacked how people overlook how huge social interaction / social engineering challenges & opportunities still are.

— Ciarán O'Leary (@ciaranoleary) June 19, 2014

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Natürlich haben O'Leary und Andreessen recht, wenn sie die vorschnelle Ablehnung von eigenwillig wirkenden sozialen Apps in Frage stellen. Auch zehn Jahre nach dem Aufkommen der ersten ernstzunehmenden sozialen Netzwerke herrscht über die entscheidenden Faktoren Unklarheit, die dafür sorgten, dass Anwendungen wie Twitter, Instagram, WhatsApp oder Snapchat eine kritische Masse und Netzwerkeffekte generieren konnten, während so viele andere, sich nur in Details unterscheidende Protagonisten Geisterstädte blieben.

Dennoch ist die Skepsis von Außenstehenden sowie auch von manchen in der Webwirtschaft involvierten Personen als erste Reaktion auf urplötzlich im Rampenlicht stehende, von Techmedien "hochgeschriebene" Social Apps verständlich und bis zu einem gewissen Grad eine Schutzmaßnahme, um die eigene begrenzte Zeit und Energie nicht bedeutungslosen Neulingen zu widmen, die so schnell verschwinden wie sie gekommen sind.

Denn statistisch gesehen ist fast jede Social-Web-App zum Scheitern verurteilt. Auf ein Facebook, Tumblr oder Pinterest kommen tausende soziale Netzwerke, Chat-Apps und Publishing-Plattformen, die in den letzten Jahren mit gewaltigen Zielen ins Web gehievt wurden, allerdings nie auf nennenswerte Resonanz stießen. Viele dieser Anbieter blieben weitgehend unbemerkt. Manche aber wurden zumindest für einige Tage oder Wochen als Kandidaten für das nächste große Ding gehandelt. Speziell von Tech-Bloggern (auch ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage), Geldgebern und Meinungsführern.

Sofern man das Early-Adopter-Dasein nicht als essentiellen Teil der eigenen Persönlichkeit ansieht oder beruflich unbedingt frühzeitig auf den Zügen mitfahren muss, deren Fahrtrichtung sich viel später als optimal erweisen wird, hat es im Jahr 2014 also durchaus Vorteile, bei dieser Kategorie von Anwendung nicht zu schnell zu enthusiastisch zu werden. Welche Social App zum Shootingstar und Publikumsliebling avanciert, können auch die kompetentesten, erfahrensten Technologie- und Branchen-Kenner nicht sicher vorhersagen. Eher im Gegenteil: Ihre Filterblase und Interessenverflechtungen sowie das manchmal schwach ausgeprägte Verständnis für die Befindlichkeiten von Otto-Normal-Usern und Jugendlichen (eine wichtige Zielgruppe gerade bei Social Apps) hindern sie gelegentlich sogar daran, rechtzeitig die richtigen Trends zu identifizieren. Zahlreiche der mobilen Social-Apps mit der größten Anziehungskraft der vergangenen Jahre tauchten erst ernsthaft auf dem Radar der US-Techpresse auf, als sie in ihrer Kernzielgruppe bereits über den kritischen Tipping Point hinaus waren, etwa Pinterest, Snapchat, WhatsApp, Whisper oder Ask.fm.

Im Gegensatz zu Nutzern ohne finanzielle oder berufliche Anreize dafür, frühzeitig beim nächsten großen Ding mitzumischen, ist es für Investoren wie Marc Andreessen oder Ciarán O'Leary entscheidend, rechtzeitig auf das beste Pferde zu setzen. Das finden sie einerseits durch ihre professionelle Qualifikation und Erfahrung, andererseits aber auch, indem sie einfach auf viele Pferde parallel setzen. Aus VC-Sicht ist es bekanntlich kein Drama, mehrfach in Flops zu investieren, solange sie auch bei der vergleichsweise geringen Zahl an echten Erfolgsgeschichten mit im Boot sitzen.

Daraus ergeben sich zwei grundverschiedene Philosophien für Investoren und interessierte, aber nicht unmittelbar involvierte Nutzer und Beobachter:

Letztere Gruppe verhindert mit reflexartiger Skepsis, stark begrenzte Ressourcen (Zeit, Aufmerksamkeit) mit Apps zu verschwenden, die von orakelnden Netzpromis, twitternden Investoren und leicht vom Hype beeinflussten Journalisten/Bloggern bejubelt werden, über die einen Monat später aber niemand mehr spricht. VCs und Business Angel dagegen verhindern mit einem bewussten, offen artikulierten Widerstand gegen die eventuell auch bei ihnen kurz auftretenden initialen Zweifel, dass ihnen ein besonders renditestarkes Investment durch die Lappen geht.  Mögliche Szenarien durchzuspielen, in denen eine Idee zu einem massiven Hit wird, kann sich für sie auszahlen. Benchmark ist hier Sequoia Capital, das eine Beteiligung in zweistelliger Millionenhöhe an WhatsApp innerhalb weniger Jahre in rekordverdächtige 3,5 Milliarden Dollar Rendite verwandelt hat (zuvor aber mit dem Riesenflop Color bis zu 25 Millionen Dollar verbrannte).

Könnte Yo das nächste WhatsApp sein? Wahrscheinlicher ist, dass die Ostsee zu Weihnachten Badetemperatur hat. Doch solange eine minimale Chance existiert, lohnt es sich für manche Protagonisten der Webszene, einen unvoreingenommenen Blick auf ein solches Projekt zu werfen und nicht in den allgemeinen Chor der Belustigten und Zyniker einzustimmen. Diese wiederum haben trotzdem einen guten Grund, sich darüber zu mokieren, dass ein als Witz gedachtes Ein-Funktionen-Konzept wie Yo eine siebenstellige Finanzierung einstreichen kann. Zu oft haben sie schon mitansehen müssen, wie ihnen irgendeine App als potenzielles Riesending verkauft wurde, die dieses Versprechen dann aber doch nicht hielt. /mw

Update: Mittlerweile kursieren Meldungen zu Hacks und Sicherheitslücken. Wer Yo ausprobiert, sollte also ein wachsames Auge haben - auch wenn sich der anzurichtende Schaden in Grenzen halten dürfte.

Kommentare

  • Moritz

    20.06.14 (06:44:03)

    Yo!

  • Martin Weigert

    20.06.14 (06:45:23)

    Seit Ewigkeit kein Kommentar mehr von dir, und dann gleich so ein Meisterwerk. Das Warten hat sich gelohnt! :)

  • Hansi

    20.06.14 (08:42:51)

    Leute, so wird das nichts. Jede Startup-Klitsche baut ihr eigenes Inselsystem und scheitert daran. Genauso wie es damals beim World Wide Web war wird nur ein standardisiertes (herstellerübergreifendes) Kommunikationsprotokoll Erfolg haben. XMPP wäre ein guter Start. Aber nicht so wie bei Whatsapp, wo Fremdclients ausgesperrt sind.

  • Ciarán O'Leary

    20.06.14 (08:57:08)

    Wirklich sehr guter Artikel. Vielleicht etwas mehr Background dazu, wieso im Moment recht viel im Messaging Bereich Experimentiert wird und vieles von uns auch unterstützt wird. 1) Kommunikation ist im Prinzip das Grund Fundament des Internets. It's pretty much all we do... Messaging = relevant für (fast) die gesamte Weltbevölkerung. 2) Enter Smartphones. Die heute großen / beliebten Messaging Apps & Paradigms sind im Prinzip noch aus der Nokia Feature Phone Schule. Addressbuch, Conversations, Text-Stream. Mit nach unten gebeugten Kopf 'langsam' eine Nachricht tippen - please let that not be the future! Es müssen neue Paradigms / Messaging Frameworks her 3) Im Smartphone ist i) die Kamera das mächtigste Input Device ii) jeder unnötige "tap" ist extrem Teuer / ineffizient und iii) Information-Overload-Kontrolle sehr wichtig. Daher im Moment viele Apps die diese 3 Aspekte versuchen bestmöglich zu kombinieren 4) Wir glauben nicht an Eierlegendewollmilchsäue; Messaging Apps werden ach auf Use Cases und Zielgruppen zugeschnitten sein. Daher wird es mehrere geben (müssen) 5) Messaging Plattformen sind extrem dafür geeignet auch andere Services mit einzubinden (Payments, andere Apps, Services etc) und haben daher sehr hohes Monetarisierungspotential. Man muss aber eben zuerst ein sehr großes Netzwerk von aktiven Usern bauen. Das ist ok, es ist unser Job soetwas "vorzufinanzieren" Yo, Taptalk, etc sind alles MVPs um zu checken ob Sie ein neues Behaviour / Interaction Prinzip etablieren können. Als mehr sollte man Sie im Moment nicht sehen - sie werden sich mit Sicherheit massiv weiter entwickeln (falls der Erfolg kommt); aber wir wollen diese Apps schon sehr, sehr früh unterstützen und begleiten. Wer sagt denn, daß nicht am Ende YO eine coole API Strategie um 1-Bit Information fährt; daß man sein Auto nicht mal schnell mal per Taptalk anmorsen kann. You get the picture... Man muss halt aber mit was einfachem, kleinen Anfangen. I don't know - but always, always, keep an open mind. Und zu allerletzt - wieso setzten wir auch so gerne auf Sachen worüber andere Lachen? Weil das tiefen ökonomischen Sinn macht, siehe zB http://avc.com/2013/04/return-and-ridicule/ oder https://twitter.com/hunterwalk/status/479874336590151680

  • Michael

    20.06.14 (09:42:04)

    Yo.

  • René Fischer

    20.06.14 (09:55:06)

    Finde die Idee gar nicht so schlecht. Nur ein Yo! wäre mit vermutlich zu wenig. Würde mit mehr kleinteilige Kommunikation ala "Essen", "Fahren" ... etc wünschen. Geht schnell und niemand erwartet in einer solchen App Romane.

  • Droid Boy

    20.06.14 (09:56:20)

    Für gewöhnlich kommentiere ich nur, um einen Artikel zu kritiisieren. Diesmal aber aber ein Kompliment für einen gut geschriebenen und weitsichtigen Artikel. Dankeschön! LG Droid Boy

  • Victor

    20.06.14 (09:59:56)

    Mir fehlt deine subjektive Meinung zu dem Messanger. Oder habe ich sie überlesen?

  • Carsten

    20.06.14 (10:36:34)

    Völlig unbeachtet von der Annahme, dass Yo! das nächste WhatsApp werden könnte, hat für Winterschwimmer die Ostsee zu Weihnachten immer Badetemperatur :) Winterswimming rocks! Yeah! Yo!

  • Martin Weigert

    20.06.14 (16:31:44)

    @ Ciarán O'Leary Danke für diese Gedanken. @ Droid Boy Danke! @ Victor Tendenziell und initial halte ich das Konzept von Yo als eigenständige App für überflüssig (ein "Yo-Button" in existierenden Messenger-Apps wäre aber keine dumme Idee). Aber wie ich im Artikel schreibe: Das hat relativ wenig zu sagen. @ Carsten Eine solche Reaktion habe ich kommen gesehen :)

  • Malte Goesche

    20.06.14 (19:00:14)

    Mir hat vor zehn Jahren mal jemand erzählt, dass italienische Teenager sich gegenseitig auf ihren Mobiltelefonen anrufen und nach dem ersten Klingeln auflegen. Einfach damit der andere sieht dass an ihn gedacht wurde. Ich habe natürlich keine Ahnung, ob dies weit verbreitet war, aber es ist im Prinzip wie ein Yo: Hey, ich habe gerade an dich gedacht. habe zwar nichts speziell zu erzählen, aber du bist nicht vergessen. Es gibt sicher schlimmeres.

  • Martin Weigert

    20.06.14 (19:06:12)

    Ja dieses "Missed-Call-Phänomen" hat Andreessen auch in seinen Tweets angesprochen. Allerdings sollte man bedenken, dass das eine Notlösung ist. Es muss nicht sinnvoll sein, dies 1:1 nachzuahmen.

  • Leonie

    20.06.14 (20:57:13)

    Könnte einer der kundigen Kommentatoren vielleicht ein paar erklärende Sätze dazu verlieren, was der Sinn eines Programms ist, das nichts kann außer "yo!" an irgendwelche Adressaten zu versenden? Das geht doch mit zig anderen Messengern auch... Und schade, dass dem Autor nicht mal die Idee gekommen ist, den Versuch einer Erklärung zu geben.

  • Martin Weigert

    20.06.14 (21:04:21)

    Wie an anderer Stelle in den Kommentaren schon angesprochen: Der Sinn des Programms KÖNNTE etwa der gleiche sein wie der des "Missed Call". http://en.wikipedia.org/wiki/Missed_call

  • nk

    20.06.14 (22:31:27)

    Das Wesen des „Missed Call“ ist doch aber der Hack des bezahlpflichtigen Dienstes (genauso wie eine Verabredung, 3 mal Klingeln zu lassen), nicht die Kommunikation selbst. Insofern hinkt der Vergleich und beantwortet die Frage auch nicht, im Gegenteil, zeigt, dass das Prinzip auch ohne Yo bereits umgesetzt ist (bzw. trivial gelöst werden kann).

  • nk

    20.06.14 (22:36:29)

    Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wo die Schnittmenge der beiden Argumente sein soll. Selbst die exotischste, neueste Kommunikationsform rechtfertigt doch keine eigene App, die 1) durch jeden anderen Dienst abgebildet werden kann (und das bereits als Abfallprodukt) und 2) erst recht keine millionenschwere Entwicklungsfinanzierung

  • _heiko

    22.06.14 (20:17:13)

    War gerade in Barcelona und habe einige Situationen erfahren in denen ein einfaches Yo perfekt gewesen wären: Yo = Ich bin da/fertig/bereit/...

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