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07.02.11

Zwangspause: Verlage blockieren Commentarist

Commentarist macht eine Zwangspause, nachdem der junge Aggregator für Meinungsjournalismus von zwei deutschen Verlagen abgemahnt wurde. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.

 

"Alt gegen neu". "Destruktiv gegen Kreativ". Das waren die ersten Assoziationen, die mir durch den Kopf gingen, als ich am Freitagabend von der erzwungenen Pause des Kommentaraggregators Commentarist erfuhr. Wir hatten das Startup mit Wurzeln in Hamburg und Rumänien Anfang Januar hier vorgestellt. Commentarist fokussiert sich darauf, Kolumnen und Meinungsartikel von mehr als 1000 für 16 führende deutsche Nachrichtenwebsites schreibende Journalisten zu aggregieren und mit jeweils zwei bis drei Zeilen anzureißen.

Diese Praxis jedoch scheint zwei der 16 von dem Service berücksichtigten Nachrichtenangebote ein derartiges Dorn im Auge zu sein, dass sich diese dazu entschlossen, per Abmahnung mit "massiven rechtlichen Schritten" zu drohen, sollte Commentarist den eingeschlagenen Weg fortsetzen. Die Gründer Eric Hauch und Mircea Preotu sahen sich daher gezwungen, die erst wenige Wochen alte Site einer Zwangspause zu unterziehen. Im Firmenblog unterstreichen sie aber, dass es sich nicht um eine Schließung sondern tatsächlich lediglich um eine Pause handelt, um in Ruhe die weitere Vorgehensweise besprechen zu können.

Ich habe am Sonntag mit Eric Hauch über die Hintergründe und Details der Abmahnung gesprochen. Angesichts des drohenden Rechtsstreits, bei dem das junge, von der Universität Karlsruhe finanziell unterstützte Unternehmen ganz nach dem David-gegen-Goliath-Prinzip in den Kampf gegen zwei millionenschwere, juristisch mit allen Wassern gewaschene Verlage ziehen müsste, möchte Hauch verständlicherweise alle weiteren offiziellen Aussagen zuvor mit dem hinzugezogenen Anwalt prüfen, weshalb die Antworten noch ausstehen.

Unter anderem wollte ich wissen, wieso es die zwei Jungunternehmer bisher vermieden haben, die Namen der betreffenden Verlage zu nennen. Es wäre durchaus von öffentlichem Interesse, bekanntzugeben, welche zwei altehrwürdigen Medienunternehmen (einmal wieder) innovativen Ansätzen im Bereich des Onlinejournalismus mit der juristischen Keule den Weg versperren wollen. Ähnlich wie Google News leitet Commentarist seine Benutzer lediglich auf die jeweilige Nachrichtensite weiter, d.h., die aggregierten Meinungsartikel und Kolumnen können nur auf der Originalquelle gelesen werden.

Auch wollte ich von Commentarist-Gründer Hauch wissen, ob er das gesamte Abmahnschreiben veröffentlichten könnte, wie die weitere Strategie aussieht und ob es auch positive Reaktionen von Verlagen gegeben hätte (bei Spiegel Online zumindest klingt es, als scheint man keine Probleme mit dem Treiben von Commentarist zu haben). Eine andere Frage, die momentan noch unbeantwortet bleibt, ist die nach dem einschneidenden Entschluss, die gesamte Site offline zu nehmen.

Eine mögliche Alternative wäre es doch, wenn Hauch und Preotu lediglich die Verweise auf Artikel der zwei abmahnenden Sites entfernen würden - natürlich mit einem prominenten Hinweis, dass diese zwei Angebote sich gegen Commentarist entschieden haben, dass man allerdings Kolumnen und Meinungsartikel von 14 weiteren Quellen bei dem Dienst vorfände. Vielleicht wird so ja der nächste Schritt von Commentarist aussehen.

Dass manche etablierten Medienhäuser ihre Probleme mit Aggregatoren im Allgemeinen und Google News im Speziellen haben, ist allgemein bekannt. Aber auch im Fall Commentarist fällt zumindest mir selbst nach langem Reflektieren und Abwägen kein triftiger Grund ein, durch einen Aggregator für Meinungsartikel negative Folgen für Verlage befürchten zu müssen. Erst recht nicht, was zwei von sich überzeugte Qualitätsmarken betrifft. Das simple Prinzip "Ihr gebt den Teaser und bekommt dafür Leser" lässt wenig Raum für Gegenargumente.

Womöglich ist es die durch Commentarist forcierte Aufwertung von Journalisten als Personenmarken, die in Verlagskreisen als Problem aufgefasst wird. Renommierte Zeitungen definieren sich traditionell durch ihre eigene Marke, die Lesern als Qualitätsgarantie dient und sie zur Loyalität bewegen soll, und höchstens sekundär über die Journalisten, die für sie schreiben. Commentarist stellt die Journalisten ins Zentrum, nicht die Absendermarke der Zeitung, und folgt damit dem generellen Trend hin zu einem personengebundenen, individuellen und meinungsstärkeren Journalismus.

Man möchte meinen, dass nur Verlage mit einem sehr schwachen Selbstbewusstsein ein Problem damit hätten, sich stolz über die für sie aktiven Autoren und Korrespondenten zu zeigen.

Wir halten euch auf dem Laufenden!

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