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21.07.14

Zusammenprall: Das Netz trifft auf eine Welt voller Quatsch und Illusionen

Viele alltägliche Grundannahmen, Geschäftspraktiken und Bräuche entpuppen sich bei genauerem Hinschauen als Quatsch, historische Unfälle oder pure Illusion. Im Netzzeitalter werden mehr Menschen mit dieser Realität konfrontiert.

Diamant

Das Internet verändert die Welt und das Leben ihrer Bewohner auf vielfältige Weise. Ein ganz besonders bemerkenswerter Effekt ist, wie die digitale Vernetzung Normen, Konventionen und Traditionen in Frage stellt. Die Art, wie Wirtschaftssysteme, Wertschöpfungsketten und Gesellschaften in der analogen Ära funktionierten, erscheint plötzlich nicht mehr alternativlos. Vorgänge und Annahmen, die bislang als das "Normale" galten, zeigen Anzeichen historischer Unfälle.

Was mindestens seit dem Beginn des Industriezeitalters eine Selbstverständlichkeit war, wirkt heute dank des wissenschaftlichen, technischen und intellektuellen Fortschritts überholt und ineffektiv. Doch regelmäßig wird deutlich: Der Mensch tut sich extrem schwer damit, die existierenden Strukturen und die das Zusammenleben und Wirtschaften regelnden Übereinkünfte an die neue Realität anzupassen. Anders ausgedrückt: Die Technologie prescht voran und die Gesellschaft hinkt mit halbem Tempo hinterher, zerrissen zwischen dem Wunsch nach Optimierung sowie Behebung von Missständen und dem nach Erhalt des zwar nicht perfekten, aber wenigstens vertrauten und für alte Gatekeeper lukrativen Status Quo.

Aaron Swartz, Programmierer-Talent, Mitgründer von Reddit und politischer Aktivist, gehörte zu den Menschen, die frühzeitig erkannten, wie das Internet die bestehende Ordnung in Frage stellt. Sein Leben, das mit einem tragischen Suizid im Alter von 26 Jahren endete, wurde gerade in einer sehenswerten Dokumentation verfilmt (YouTube-Link). Swartz' Fokusbereich war das Urheberrecht, und hier insbesondere die Domäne wissenschaftlicher Arbeiten. Er engagierte sich auf verschiedene Weise im Kampf gegen die antiquierte Praxis, die Ergebnisse akademischer Forschungsarbeiten exklusiv gewinnorientierten Fachverlagen zu überlassen, die diese Inhalte hinter teure Bezahlschranken sperren.

Viele Jahrhunderte lang war die Publikation wissenschaftlicher Werke über Fachzeitschriften der einzige sinnvolle Weg, neue Erkenntnisse zu verbreiten und sich als Forscher eine Reputation aufzubauen. Mit dem Aufkommen des Internets hatte diese Form der Distribution eigentlich ihren Dienst getan. Doch die alten Strukturen, die den führenden wissenschaftlichen Verlagen wie Elsevier Milliardengewinne einbringen, verschwinden aufgrund von geschaffenen "Lock-In-Effekten" nicht einfach so. Swartz suchte nach Schlupflöchern. Er fand diese und übertrat dabei nach Ansicht der US-Justiz Grenzen, was ihm ein Gerichtsverfahren und die Aussicht auf eine lange Gefängnisstrafe einbrachte. Daran zerbrach er und nahm sich im vergangenen Jahr das Leben.

Das umstrittene, weder der globalen Forschergemeinde noch der Allgemeinheit dienende System des wissenschaftlichen Publizierens gehört zu den Fällen, die auch ein aktuelles E-Book mit dem prägnanten Titel "Everything is Bullshit" aufgreift. Herausgegeben vom US-Daten-Startup Priceonomics in erster Linie zu Marketingzwecken, handelt es sich zwar nicht um ein literarisches Meisterwerk. Das Buch liefert aber eine gelungene Zusammenstellung von fragwürdigen, destruktiven und auf falschen Grundannahmen basierenden Geschäftspraktiken und Alltagstraditionen.

Das Spektrum reicht von durch künstliche Verknappung geschaffenen Statussymbolen wie Diamanten über die Illusion, dass teure Weine besser schmecken, bis zur Absurdität streng limitierter Taxilizenzen. Das Sammelsurium an seltsamen bis bedenklichen Konventionen und Maschen, die zum Teil historisch entstanden sind oder schlicht in das menschliche Gehirn eingebaute Schwächen ausnutzen, führt ziemlich überzeugend vor Augen, wie einfach sich schlechte und eigennützige Lösungen institutionalisieren und zum Standard erheben lassen - trotz (oder gerade wegen) aller Gesetze, Kontrollgremien und Regelungen.

Die Mischung aus charakteristischen gruppendynamischen Verhaltensweisen von Menschen, historisch gewachsenen Gatekeeper-Strukturen sowie der Neigung vieler Menschen, Dinge, die sie nicht anders kennen und nicht anders erlebt haben, als Normalität zu verstehen, hat zur Folge, dass die moderne Gesellschaft auf einem mächtig Fundament aus Irrtümern, Märchen und Ineffizienzen fußt. Ein Fundament, das durch das Netz kräftig ins Wanken gerät. Denn nun stehen jedem und jeder die Mittel zur Verfügung, um Mittler zu umgehen, Strukturen zu durchbrechen, sich auf eigene Faust und ohne Abhängigkeit von den organisierten Massenmedien zu informieren und im Verbund mit anderen Normen umzustürzen, deren Umstürzbarkeit den Generationen zuvor nicht einmal bewusst war.

Nicht alle Individuen empfinden das Wanken dieses Fundaments als angenehm. Denn das mit der Digitalisierung in Mode gekommene Infragestellen bringt einen mächtigen Berg an Unsicherheit, Instabilität und daraus folgenden Widerstands mit sich. Der Wunsch, die Dinge im Großen und Ganzen doch lieber so zu lassen wie sie sind, klingt nicht nur bei überzeugten Konservativen durch. Die Sehnsucht nach Stabilität und Geborgenheit ist mitunter stärker als das Bedürfnis nach Aufklärung, Transparenz und dem Geradebiegen von schiefen Grundannahmen.

Vielleicht sind wir dazu veranlagt, leicht manipulierbar zu sein, und vielleicht geht es uns besser so. Doch das Internet hat den Geist erst einmal aus der Flasche geholt. Zwar arbeiten verschiedene Kräfte daran, ihn wieder dorthin zurückzudrängen - von zensurfreudigen Machthabern über Netzneutralitäts-Unterminierer bis hin zur Urheberrechtslobby. Solange diese damit aber nicht erfolgreich sind, werden wir uns einer nicht unbedingt angenehmen, aber gleichzeitig anspornenden Erkenntnis nicht entziehen können: Vieles von dem, was wir für Tatsachen und Naturgegeben gehalten haben, ist lediglich eine Illusion, ein temporärer Zustand oder einfach purer Quatsch. /mw

(Illustration: Realistic diamond illustration on black background, Shutterstock)

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