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18.06.14

Zukunft von SoundCloud: Exit oder Label-Partnerschaften - alles ist möglich

Die Berliner Audioplattform SoundCloud könnte die Geschichte der Musikindustrie neu schreiben - oder am Ende mangels Profitabilität doch von einem Netzgiganten geschluckt werden. Gerüchte gibt es viele. Eine Bestandsaufnahme.

SoundCloudWie geht es weiter mit SoundCloud?

Diese Frage soll keinesfalls suggerieren, es müsse etwas Negatives geschehen. Es fühlt sich einfach an, als liegt bei der Audioplattform etwas in der Luft. Nur was, und ob dies aus Sicht von Nutzern positiv oder negativ zu bewerten ist, ist aktuell unklar.

Einführend kurz ein Überblick darüber, wo das Unternehmen steht: Gegründet wurde SoundCloud 2007 von den Schweden Eric Wahlforss und Alexander Ljung in Berlin. Nach einem anfänglichen Fokus auf Musik stellten die zwei Skandinavier die Firma sukzessive breiter auf. SoundCloud wurde zu einer Audioplattform, gewisserweise ein Äquivalent zu YouTube. Rund 250 Millionen Nutzer konsumieren pro Monat bei SoundCloud gespeicherte Audioinhalte (Stand Oktober 2013). Registrierte Anwender gab es im Sommer vergangenen Jahres laut einem Medienbericht 40 Millionen. Demnach dürften es heute zwischen 50 und 80 Millionen sein. Als Erlösquellen dienen dem Unternehmen kostenpflichtige Pro-Accounts für Künstler, Journalisten, Podcaster und andere, Audioinhalte bei SoundCloud veröffentlichende Nutzer. Seit kurzem experimentieren die Hauptstädter auch mit Werbemitteln. Allerdings sind Sichtungen von Anzeigen bei dem Dienst noch selten. Sollte das Unternehmen nicht im Verborgenen einen weiteren Umsatzpfeiler errichten haben, so ist auch sieben Jahre nach der Gründung von anhaltenden Verlusten auszugehen (öffentliche Zahlen dazu gibt es keine), finanziert aus 123 Millionen Dollar Risikokapital, aufgenommen verteilt über mehrere Finanzierungsrunden. Investoren bewerten SoundCloud mit 700 Millionen Dollar.

Was sich aktuell noch positiv auf SoundClouds ökonomische Situation auswirkt, ist das Fehlen von Lizenzvereinbarungen mit Labels und Künstlern. Im Gegensatz zu On-Demand-Musikdiensten wie Spotify oder Deezer führt dies dazu, dass SoundCloud für von Nutzern angehörte Streams keine Lizenzgebühren zahlen muss. Das macht den Betrieb des Dienstes günstiger, positioniert das Startup aber in einem rechtlichen Graubereich, der mit zunehmender Relevanz und Reichweite zu einem Problem wird. Automatisierte Maßnahmen gegen Copyright-Vorstöße wiederum sorgten in der Vergangenheit für Verstimmung bei Künstlern.

Auch ohne Lizenzgebühren sind die Personal- und Betriebskosten nicht niedrig. Über 200 Leute beschäftigt SoundCloud derzeit. Bei beispielhaften Durchschnittskosten von 3.000 Euro pro Person käme man auf mindestens 600.000 Euro - oder fast eine Million Dollar pro Monat. Gerade frisch eröffnete neue Edel-Büros in Berlin und New York hinterlassen den Eindruck, das trotz allem keine rigiden Sparmaßnahmen verordnet wurden.

Die Gerüchteküche allerdings brodelt wie noch nie: Zwar seien Übernahmegespräche mit Twitter laut Spiegel Online frühzeitig abgebrochen worden. Doch andere glauben zu wissen, dass doch noch verhandelt wird. Tech.eu-Chefredakteur Robin Wauters implizierte in diesem Beitrag vor einigen Tagen ebenfalls, dass das Thema SoundCloud und Akquisition noch nicht vom Tisch sei (auf unsere Anfrage zur Konkretisierung reagierte er bislang nicht).

Von SoundClouds Pressestelle heißt es als Stellungnahme erwartungsgemäß: "Kein Kommentar". Auch zu anderen Gerüchten möchte man keine Stellung beziehen: Gizmodo berichtete zu Wochenbeginn in diesem regelrechten Liebesbrief an SoundCloud von aus eingeweihten Kreisen in Erfahrung gebrachten Informationen, nach denen das Berliner Audioportal mit Plattenfirmen über Lizenzvereinbarungen verhandele. Auch sei die Einführung von Audiowerken vorgeschalteten "Pre-Roll"-Werbespots geplant. Dass der Artikel auch über SoundClouds offizielles Twitter-Konto verbreitet wurde, lässt den Schluss zu, dass man bei dem Unternehmen kein zu großes Problem damit hat, wenn sich entsprechende Meldungen verbreiten. Sofern es nicht bewusst darum ging, entsprechende Gerüchte in Umlauf zu bringen.

Ohne spekulieren zu müssen, kristallisieren sich bei einem Blick auf den Status Quo bei SoundCloud einige Fakten heraus:

  • Trotz nicht erreichter Profitabilität zeigt SoundCloud nach außen bislang keine Anzeichen einer finanziell angespannten Lage.
  • Auf Dauer wird das Unternehmen, auf dessen Plattform seit Jahren urheberrechtlich geschütztes Material lagert, um eine rechtliche Absicherung in Form von Deals mit Plattenfirmen nicht herumkommen. Es sei denn, es verabschiedet sich gänzlich vom Hosting von urheberrechtlich geschützten Musikstücken. Das wiederum ist hochgradig unwahrscheinlich.
  • Spätestens wenn die Labels für Streams ihrer Songs vergütetet werden, benötigt SoundCloud neue Umsatzquellen. Eine weitere VC-Runde wäre dann zusätzlich denkbar.
  • Der Druck auf die Firma, einen Return On Investment zu liefern, kann nach sieben Jahren nur noch zunehmen.
  • Angesichts dieser Situation ist ein Verkauf nach wie vor nicht auszuschließen (Twitter wirkt allerdings wie ein eher ungeeigneter Partner).

Auch wenn SoundClouds Gründerduo augenscheinlich einige komplizierte Herausforderungen vor sich hat, so gilt es trotz allem festzuhalten: Das Potenzial einer Audioplattform wie SoundCloud, bei der Künstler direkt mit Usern interagieren und persönlich - ohne den Umweg über Major Labels und Distributoren - ihre Produktionen verbreiten, ist für die Zukunft des digitalen Musikökosystems immens. Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, einerseits die Weichen für ein Morgen zu stellen, in dem kreatives Schaffen, Musikkonsum und Wertschöpfung anders ablaufen als bisher, parallel aber die Spielregeln der heutigen Musikbranche sowie die kurzfristigen Erwartungshaltungen an die finanzielle Leistungsfähigkeit des Geschäftsmodells nicht komplett aus den Augen zu verlieren. Ein Balanceakt, wie er im Buche steht. /mw

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