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26.11.12

Zukunft des Journalismus: Sehr geehrter Herr Schirrmacher...

FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher beschreibt in einem aktuellen Artikel bei FAZ.NET seine Sorgen zur Zukunft des Journalismus - und liefert ein Beispiel dafür, woran es dem Verlagsjournalismus hapert, unfreiwillig gleich mit.

Sehr geehrter Herr Schirrmacher, mit großem Interesse haben wir Ihren aktuellen, im Netz bereits intensiv diskutierten Artikel zur Zukunft des Journalismus gelesen. Auch wenn wir Ihre skeptische Grundperspektive nicht teilen, freut es uns, dass Sie sich als Mitherausgeber der FAZ öffentlich derartig ausführlich mit den Konsequenzen des Internets für die schreibende Zunft auseinandersetzen. Zudem begrüßen wir es, dass bei Ihnen ein tatsächlich vorhandenes Interesse für die Digitalisierung und alle ihre Facetten zu existieren scheint, welches über die notwendige Auseinandersetzung mit dem Thema im Rahmen Ihrer beruflichen Rolle hinausgeht. Leider erwecken nicht alle Medienentscheider in Deutschland diesen Eindruck.

Positiv stimmt uns auch, dass Sie offensichtlich einen jüngst bei netzwertig.com veröffentlichten Beitrag gelesen haben, der beleuchtet, wieso Konsumgüterhersteller künftig eigene Newsrooms und von ihrer produktspezifischen Kommunikationsarbeit losgelösten Journalismus betreiben könnten. Sie nehmen wie folgt auf den Text Bezug:

"Ein auf Medienökonomie spezialisiertes Portal findet es mittlerweile nicht schlecht, wenn Konsumhersteller ihre eigenen Nachrichtenseiten produzieren: Dann kenne man wenigstens die Interessenkonflikte. Wir freuen uns schon, wenn Apple über die Arbeitsbedingungen in China berichtet oder Coca-Cola über die Segnungen der Globalisierung"

Wir fühlen uns geehrt, dass wir Sie zumindest in diesem Fall als Leser begrüßen konnten, auch wenn Sie den Grundtenor des Textes offensichtlich für realitätsfremd halten. Das ist in Ordnung. Die interessantesten und ergiebigsten Beiträge sind die, die nicht nur Zustimmung ernten. Das kennen Sie ja selbst.

Nur eine Sache verstehen wir nicht: Wie kommt es, dass Sie in einem Text, der sich mit dem Überleben von gutem Journalismus in einer digitalisierten, von neuen, mächtigen Akteuren beherrschten Welt auseinandersetzt, selbst so offensichtlich eine Gelegenheit auslassen, guten Journalismus zu machen, und stattdessend Ihren Lesern Informationen vorenthalten?

Wir verstehen es, dass Sie mit Verweisen sparsam umgehen und deshalb lediglich zweimal auf die New York Times verlinken. Schließlich wollen Sie die Aufmerksamkeit mit maximalem Effekt auf Ihre eigenen Ausführungen lenken. Aber wäre es nicht nach den ganz simplen Regeln des Printjournalismus angemessen, die Quelle beim Namen zu nennen, anstatt Leser bewusst im Unklaren zu lassen und mit einem "Ein auf Medienökonomie spezialisiertes Portal" abzuspeisen? Im letzten Absatz nehmen Sie Bezug auf einen Artikel der Wochenzeitung "Die Zeit". Dort schreiben Sie nicht etwa "fragt eine Wochenzeitung", sondern Sie nennen sie beim Namen. Gleiches gilt an anderer Stelle hinsichtlich der von Ihnen zitierten Zeitschrift "The Baffler".

Genau die Art, wie Sie in Ihrem Text traditionelle, allgemein anerkannte Medienmarken mit dem Respekt der namentlichen Erwähnung wertschätzen und gleichzeitig ein junges, Ihrer Leserschaft vermutlich weitgehend unbekanntes Fachblogs oder "Portal" zwar indirekt wiedergeben, aber nicht nennen, zeigt die Kluft, die zwischen den implizierten Ambitionen des Qualitätsjournalismus, dem Leser verpflichtet zu sein, und der Realität besteht.

Wäre der Kernfokus Ihres Textes nicht ausgerechnet die Zukunft des (Qualitäts)Journalismus, hätten wir nicht extra eine derartige Reaktion darauf verfasst - schon weil es natürlich leicht kleinkariert wirkt. Es geht uns wahrlich nicht darum, auf diese Weise eine Nennung zu erhaschen. Nein, wir sind Ihnen gewissermaßen dankbar.

Denn nichts illustriert das Grundproblem des Verlagsjournalismus im Jahr 2012 besser als die fehlende Einsicht, dass "guter Journalismus" im Netz nicht allein die Frage betrifft, ob künftig noch hinreichend finanzielle Mittel für zehnseitige Enthüllungsreportagen vorhanden sein werden. "Guter Journalismus" ist vernetzter Journalismus mit flachen Hierachien, der neue Akteure mit all ihren Stärken und Schwächen anerkennt, statt sie misstrauisch und von oben herab zu beäugen. Nicht, um diesen einen Gefallen zu tun, sondern weil dies der ursprünglichen Mission von Journalismus einen Schritt näher kommt: Menschen unabhängig zu informieren und ihnen bei der Meinungsbildung zu helfen.

Die Zukunft des Journalismus beginnt im Kopf.

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