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29.10.08Leser-Kommentare

Zukunft der Zeitung: Internet und einmal pro Woche

Radikaler Schritt: Eine amerikanische Zeitung setzt künftig auf das Internet und erscheint gedruckt nur noch als wöchentliches Magazin. Rettet das Experiment den Christian Science Monitor?

(Keystone)Die Situation: Von Montag bis Freitag erscheint die überregionale Zeitung. Seit einem Jahrhundert steht die Marke Christian Science Monitor für liberale Berichterstattung mit besonderem Fokus auf internationale Politik – sieben Pulitzer-Preise krönen die Arbeit. Die Auflage, einstmals stolze 220.000 Exemplare, ist in den vergangenen 38 Jahren auf rund 50.000 gesunken. Mit Anzeigen macht der Christian Science Monitor weniger als eine Millionen Dollar, rund neun Millionen Dollar werden mit Abonnements erlöst. Die Website verzeichnet rund drei Millionen Seitenaufrufe im Monat , 1,3 Millionen Dollar jährlich mit Anzeigen.

Das Problem: 18,9 Million Dollar Verlust im vergangenen Jahr, wie paidContent.org berichtet. Anzeigenkrise, weniger Leser, stetig steigende Kosten: Derzeit müssen in den USA viele Redaktionen mit weniger Personal auskommen, praktisch alle Verlage kürzen Stellen ein. Der Christian Science Monitor steuert mit dem herkömmlichen Modell in den Ruin.

Das Experiment: Im April ist Schluss. Die Tageszeitung wird aufgegeben – stattdessen setzt der Christian Science Monitor ab April auf das Internet und ein wöchentliches Magazin. Dafür werden die acht Auslandsvertretungen erhalten, Aushängeschild der Marke. Außerdem werde es Entlassungen bei den 100 journalistischen und 30 kaufmännischen Mitarbeitern geben, sagte Chefredakteur John Yemma der New York Times. Demnach erwarte man weniger Einnahmen im Vertrieb, erhofft sich aber besser bezahlte Werbung im neuen Magazin und deutlich mehr Anzeigen auf der Website CSMonitor.com. Die Zugriffszahlen sollen auf das zehnfache ansteigen.

Die Aussichten: Die meisten Zeitungen könnten dennoch nicht auf eine Papierausgabe verzichten, zitiert die New York Times einen Analysten. Mehr als 90 Prozent der Einnahmen würden mit Print-Ausgaben erlöst. Vor allem regionale Zeitungen stecken im Papiergeschäft fest. Für den überregionalen Christian Science Monitor könnte das Experiment tatsächlich gut ausgehen – ein deutscher Verlag fährt mit dem Modell ständig aktuelle Website und wöchentliches Magazin hervorragend: Der Spiegel.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Jean-Claude

    29.10.08 (11:02:58)

    100 journalistische Mitarbeiter, acht Auslandbüros - bei einer Zeitungsauflage von 50 000! Wo gibts denn das bei uns? Da wird einem wieder mal bewusst, wie tief unsere Qualitätsmassstäbe hierzulande inzwischen gesunken sind. Dass die "New York Times" 1200 Stellen im journalistischen Bereich besetzt hat - heute noch! - lässt uns ohnehin nur die Ohren schlackern. Die Tageszeitung zum Wochenmagazin gewandelt, eng verzahnt mit der online-Ausgabe könnte tatsächlich ein Weg sein. Dass man eine alte, renommierte Marke wie den "Christian Science Monitor" - den nahm man zeitweise sogar in Deutschland wahr, weil er mit Elizabeth Pond eine hervorragende Deutschland-Korrespondentin hatte - nicht allein im Netz pflegen kann, scheint auch klar. Die Marke muss weiterhin im Print präsent bleiben, sonst geht sie unter: Das scheint eine Lehre zu sein, die man ernst nehmen sollte. Eebenso, dass das gedruckte Magazin nur mit hohem Qualitätsanspruch überleben kann. Und dass es letztlich eben doch auf die Leute ankommt, die an der Front den Kopf hinhalten. Bei uns hätte man als erstes die acht Auslandbüros gestrichen und die journalistische Crew auf 30 Stellen reduziert. "Das Blatt bez. die online-Ausgabe werden doch auch so noch voll genug", hätte man auf der Verlagsetage argumentiert. "Ihr müsst die Leser als Autoren und Kritiker nützen", so hätte man argumentiert. "Ausserdem könnt ihr doch jede Menge kluger Texte aus dem web heruterladen und in die Print-Ausgabe stecken. Ist doch billiger." Die Leier kennen alle, die in Medienbetrieben arbeiten. Kurzum: Man kann von den USA doch noch was Gscheit's lernen.

  • Klaus Jarchow

    29.10.08 (11:11:51)

    Ein gewisses 'Double Bind' ließ in meinen Augen die 'Marke' CSM immer etwas uneindeutig schillern: Einerseits ist es ganz klar das amerikanische Zentralorgan der christlichen 'Neugeist-Bewegung', die aber andererseits nur im Titel, nicht aber im Blatt dann vorzukommen pflegte. Das irritiert schon ein wenig - einen dezidiert christlichen Leser, der geistlichen Trost sucht, ebenso wie einen dezidiert liberalen Leser, der von seiner Zeitung keinerlei konfessionelle 'Seelenmassage' fordert und 'christliche Wissenschaft' für einen Widerspruch in sich hält.

  • Jean-Claude

    29.10.08 (11:22:42)

    @) ja, Klaus Jarchow, das ist eben die "amerikanische Abteilung", die wir beide nicht verstehen und die wir auch nicht zu verstehen brauchen. CSM ist aber trotzdem kein Pfarreiblatt und auch nicht "Christ und Welt", sondern offener. Der Auslandteil hat hohe Qualität und in den gottlosen USA hat christliche Grundorientierung eben noch eine andere Bedeutung als im gottlosen Europa. Was ich aber meinte: Ist doch erstaunlich, wie ausgerechnet eine solche Zeitung sich selbst versucht aus dem Sumpf zu ziehen - ohne übrigens, wie andere Branchen, zum Staat zu rennen und wie selbstverständlich Geld einzufordern mit dem Argument, ohne funktionierende Medien bräche die Demokratie zusammen. Wir grüssen die UBS und diverse Landes- und Hypothekenbanken....

  • bugsierer

    30.10.08 (12:06:29)

    dieses modell gibt es im berner oberland schon seit jahren: die jungfrauzeitung. das prinzip: online first plus 2x pro woche ein printout aus dem web. scheint gut zu funktionieren. mich wundert, dass dieses modell hierzulande nicht mehr zur kenntnis genommen wird.

  • Jean-Claude

    30.10.08 (12:27:12)

    Dann lernen wir Gscheit's halt auch noch von der "Jungfrauzeitung", die übrigens nichts mit Enthaltsamkeit zu tun hat, sondern mit dem gleichnamigen Berg, interessantwserweise gleich neben dem "Mönch", so heisst der andere Berg. Der dritte daneben ist bekannt: der Eiger mit der entsprechenden Mordwand. Also durchaus eine vielversprechende Gegend. Das könnte sich medienlese mal näher anschauen. Wär doch ein Thema. Von dieser "Jungfrauzeitung" habe ich schon einiges gehört, aber noch nie einen echten Testbericht, ob das wirklich alles so erflgreich ist.

  • Klaus-Hendrik Herr

    28.05.09 (12:10:30)

    Eine späte aber für den Leser hoffentlich hilfreiche Bemerkung zu der Darstellung von Klaus Jarchow, dass der Christian Science Monitor das amerikanische Zentralorgan der christlichen Neugeist-Bewegung sei - jedenfalls im Titel: Neugeist hat nichts mit Christian Science (Christliche Wissenschaft) zu tun. Um es nur kurz anzudeuten, Christian Science ist keine Selbsthilfe-Weltanschauung. Vielmehr lehrt sie den vertrauensvollen Verlass auf Gott, als einziger verändernder Kraft; das unterscheidet die Theologie der Christlichen Wissenschaft fundamental von New-Thought oder positivem Denken. Dass Mary Baker Eddy die Zeitung nicht nur "Monitor" nannte, sondern "Christian Science Monitor", trägt dem aus meiner Sicht Rechnung: eine Zeitung, die sich letztlich der christlichen Forderung von "Umwandlung" als Möglichkeit verschreibt, eben nicht nur persönlich, sondern für die Welt. Interessant dazu, was man auf der "About"-Seite der Website des CSM findet (Website): Für Mary Baker Eddy, die Gründerin der Zeitung war "...the designated title [...] an identification of the paper with the promise that no human situation was beyond healing or rectification if approached with sufficient understanding of man's God-given potentialities." Es gibt allerdings ein Zentralorgan der Christian Science Kirche, aber das heißt "Christian Science Journal" und ist im Unterschied zum CSM eine religiöse Veröffentlichung.

  • Mathis29Estella

    06.09.10 (07:37:31)

    Don't you recognize that it is high time to get the mortgage loans, which would make you dreams real.

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