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05.05.12

Zu unrecht stigmatisiert: Peer-to-Peer ist besser als sein Ruf

Einst galt das Peer-to-Peer-Verfahren als Innovation, die einen effektiveren und kostenschonenderen Datenaustausch ermöglicht. Mittlerweile hängt dem Ansatz jedoch der Makel des Bösen und Illegalen an. Zeit, den Ruf von P2P wieder aufzupolieren.

Vor einigen Wochen sprach ich mit den Machern eines Startups, deren Technologie auf einem Peer-to-Peer-Ansatz (P2P) basiert. Statt über einen zentralen Server läuft die Kommunikation der Daten direkt zwischen den Nutzern ab. Viele bekannte Onlineservices verwenden P2P zumindest teilweise, unter anderem Skype und Spotify. Doch für manche steht P2P auch als Synonym für Piraterie und Urheberrechtsverstöße, da einschlägige Tauschbörsen und Filesharing-Konzepte (Napster, Kazaa, BitTorrent) auf dem P2P-Ansatz fußen oder dies bis zu ihrer Schließung taten.

P2P mit illegalen Aktivitäten gleichzusetzen, ist zwar vollkommen falsch. Doch der Ruf dieser innovativen, vielseitigen und effektiven Technik hat aufgrund der jahrelangen Diskreditierung des Verfahrens durch die Contentindustrie, Politiker und auch Medien erheblich gelitten - so sehr, dass die Gründer des eingangs erwähnten Startups mich fragten, ob ich in einem eventuellen Beitrag über den Service davon absehen könnte, die P2P-Funktionalität als Aufhänger anzuführen. Zu stark sei ihrer Ansicht nach die Stigmatisierung des Prinzips der direkten Kommunikation zwischen Anwendern und zu groß sei das Risiko von Assoziationen, die den Dienst zu unrecht sofort in eine zwielichtige Ecke rücken würden.

Am Freitag auf der re:publica wurde ich wieder an dieses Gespräch erinnert. Da diskutierten der Hacker und Mit-Entwickler des Anonymisierungsnetzwerks Tor, Jacob Appelbaum, und der Autor und Netzaktivist Dmytri Kleiner, was man der drohenden Überwachung im Netz entgegensetzen könnte und wie man das Ziel erreicht, über jeden staatlichen Zugriff auf die persönlichen Daten informiert zu werden, statt diesen willkürlich ausgeliefert zu sein.

Ich kam zu der Session erst, als sie schon fast beendet war. Doch in der Antwort auf eine Publikumsfrage schnitt Dmytri Kleiner das Thema P2P an und wiederholte im Prinzip die gleiche Aussage, die ich Wochen vorher von dem erwähnten Onlinedienst zu hören bekam: Dem direkten Datenaustausch zwischen Clients ohne einen Mittler, durch den die gesamte Kommunikation fließt, wurde in den vergangenen Jahren sukzessive ein Makel angehängt. P2P gilt heute nach dem Verständnis vieler und der von Medien und Politikern transporten Sichtweise als etwas Anrüchiges und Problematisches, das man meiden beziehungsweise vermeiden sollte.

Eine P2P-Kommunikation erlaubt es Bürgern, sich (zumindest ansatzweise) staatlichen Überwachungsmaßnahmen zu entziehen. Daran jedoch hat die Politik kein Interesse, weshalb dafür gesorgt wurde, dass P2P als Technologie in der öffentlichen Wahrnehmung als etwas Unanständiges und Böses aufgefasst wird, so der Tenor von Kleiners Aussage.

Ob nun Staaten und Firmen systematisch am Image des P2P-Verfahrens gesägt haben oder ob das Naserümpfen, das die Erwähnung des Begriffs heutzutage auslösen kann, die natürliche Folge der breiten medialen Aufmerksamkeit für illegales Filesharing mittels P2P darstellt, möchte ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Tatsache ist, dass junge Internetfirmen, deren Dienste sich das P2P-Verfahren zunutze machen - um beispielsweise Infrastrukturkosten zu sparen oder Anwendern das sichere Gefühl zu geben, nicht in ihre Kommunikation einzugreifen -  mittlerweile befürchten, allein die Erwähnung von P2P könnte ihre Erfolgschancen schmälern und sie ungerechtfertigt in eine mit digitalen Schurkenangeboten gefüllte Schublade befördern.

Es ist an der Zeit, etwas gegen die unverdiente Reputation von P2P als Quelle allen Übels im Internet zu tun. Ein P2P-Netz ist eine neutrales System, das für viele sinnvolle und vollkommen legale Zwecke verwendet werden kann. Gerade weil es Anwendern eine gewisse Autonomie verschafft, die beim Client-Server-Modell fehlt, sollte Menschen einen verbreiteten Einsatz von P2P begrüßen und sich nicht von denjenigen blenden lassen, die am liebsten jedes versendete Byte an zentraler Stelle durchleuchten würden.


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