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13.08.08

Zoff bei Tanja-Anjas: Lügen haben lange Beine

Petra Sammer ist empört. Sie ist Geschäftsführerin bei einem 'weltweiten Top-Ten-PR-Netzwerk', bei der Münchner Ketchum GmbH, und sie will sich nicht nachsagen lassen, dass sie zu einer Berufsgruppe von Rosstäuschern gehöre:

"Ganz klar und vollkommen unwissenschaftlich ausgedrückt: ich sehe Täuschung nicht als Teil unseres Berufes und ich hoffe, es gibt Kollegen und Kolleginnen, die diese Meinung teilen."

Was aber war ihr bloß über die Leber gelaufen? Ganz einfach: Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten war in Münster auf einem Treffen der Branche aufgetreten, um unter anderem dies zu verkünden:

"Der Siegeszug der Fiktion setzt jetzt in großem Stil ein, denn Medien liefern ja keine „reale“ Wirklichkeit, sondern eben nur eine „fiktionale“ Wirklichkeit. Doch diese hat es in sich, denn sie wird als Stellvertreter akzeptiert und als Modell für die „reale Wirklichkeit“ übernommen. Reale Objekte werden systematisch durch Fiktionen ersetzt: Die Person durch das Image dieser Person, das Ereignis durch das Pseudo-Ereignis (event), das zu lösende Problem durch das öffentlich (z.B. in der Talkshow) zu diskutierende Thema und die Wahrheit durch die öffentliche Meinung."

(Übrigens schon im Juli, pdf zum Download hier)

Dass in allen Medienberufen eine 'Blendung des Publikums' resp. die 'Konstruktion von Wirklichkeiten' zu den unausweichlichen Folgen jedes Schreibaktes gehört, dass die mediale Abbildung eines Ereignisses nur annähernd diesem Ereignis selbst gleichen könne, das zählt intellektuell zur eisernen Ration jedes Journalistikstudenten, sofern er jemals Signifikat und Signifikant zu unterscheiden lernte. Er muss 'ethisch' nur ständig beweisen, dass er 'verantwortlich' mit der ihm verliehenen medialen Macht zur 'Fiktionalisierung' oder zur 'Narration' umgehen kann. Das publizistische Echo auf diesen angeblich so 'skandalösen' Vortrag von Prof. Merten fiel daher auch verhalten aus. Nur das Handelsblatt berichtete darüber unter dem Titel: 'Lügen in den Zeiten des Internets'.

In den Reihen der Public Relations aber tobt jetzt ein Sturm im Wasserglas - wobei sich im Wesentlichen die Fraktionen der großen Ausbildungsverbände beharken und 'Pragmatiker' sich zu Wort melden, die als 'Frontschweine' täglich die großen Versprechungen der Interessenverbände aufpolieren müssen: von der segensreichen Wirkung neuer Atomkraftwerke über die Notwendigkeit radikaler Einschnitte in den 'Sozialspeck' der Gesellschaft bis hin zur garantierten Dopingfreiheit im Bund deutscher Radfahrer. Wer dabei alles, was er schreibend zu Papier bringt, auch noch fürwahrnehmen müsste, der käme aus der Borderline-Psychose wohl gar nicht mehr heraus. Auch ist der Durchschnittsbürger längst aufgeklärt genug, um zu wissen, was er von seinen 'Tanja-Anjas' und den 'Himbeer-Tonis' zu halten hat. Unter Journalisten lautet bekanntlich ein alter Zynismus:

"Im Scheißhaus nährt's die grüne Fliege,

auf Pressestellen tut's der Duft der Lüge."

Ganz anders natürlich - und nicht nur aus Gründen der Selbstachtung - sieht die Binnensicht innerhalb der Public Relations aus. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Berufsstände immer diejenigen Werte am höchsten halten, die sie am wenigstens vertreten - man denke an den Begriff der 'Ehre' und an die 'ehrenwerten Gesellschaften'. Eine PR-Studentin aus Darmstadt dort in den Kommentaren zum Beispiel hat ihren 'Code d'Athènes' (und was ihr dort sonst noch so beigebimst wird) blauäugigst und fernab aller Kommunikationstheorie verinnerlicht:

"Dass Täuschung ... nicht zum Repertoire der PR-Menschen zählen sollte, müsste wohl bei der Mehrheit angekommen sein. Wer andere Ansichten vertritt, MUSS bei seiner Ausbildung oder seiner Erziehung etwas falsch verstanden haben."

Prompt flattert dieser Sina Lauer daraufhin ein Job-Angebot der Frau Sammer auf den Tisch:

"Liebe Frau Lauer, Ihr Beitrag lässt mich sehr hoffen. Bitte bewerben Sie sich gerne und jederzeit bei Ketchum! Solche Leute braucht die Branche. Bravo."

Ein Pragmatiker wie Peer Brockhöfer dagegen, der täglich mit beiden Füßen im Informationsgeschehen steht, der argumentiert schlicht mit seinem Alltag, auf den Frau Sammers hoher Anspruch so gar nicht passen will:

"Nun stellen wir uns mal der Realtität: Beispiel: Ich bin Pressesprecher und weiß, dass mein Unternehmen bald Mitarbeiter entlassen muss. Das hat irgendwie auch der Lokalreporter mitbekommen. Meine Aufgabe ist es, die Wogen nicht zu hoch schlagen zu lassen, dafür habe ich mir ein Konzept zurecht gelegt, Argumentationslinien und Zeitabläufe."

Im Folgenden beschreibt Peer Brockhöfer, wie er - gezwungen durch seine Position zwischen Stamm und Borke - an seinen Formulierungen solange herumschnetzeln wird, bis sie zwar nicht geradezu unwahr werden, aber trotzdem das in Rede stehende Faktum konsequent beschweigen. Wie er also schon nolens volens ständig 'Täuschung' betreibe.

Seinen Funktionären wiederum, vorneweg Herrn Richard Gaul, Vorsitzender des Ethik-Rates der vereinigten PR-Industrien, wirft er eine eher bequeme und selbstgerechte Haltung vor. Gaul hatte nämlich nach dem bewussten Vortrag von einem PR-Ausbildungsinstitut Aufklärung gefordert, weil der missliebige Klaus Merten mit seinen strittigen Ansichten dort ja auch Gesellschafter sei und am Ende sein Gift der notwendigen Lüge ungestört arglosen jungen Menschen einimpfen könne:

"Der Deutsche Rat für Public Relations (DRPR) fordert vom PR-Ausbildungsinstitut „com+plus“ Auskunft darüber, ob und wie die national und international geltenden PR-Kodices in dessen Lehrpläne einfließen. Grund ist eine Äußerung des „com+plus“-Gesellschafters, Professor Dr. Klaus Merten, wer PR betreibe, habe eine Lizenz zum Täuschen."

Kurzum: Großes Gequake in Froschhausen. Was aber treibt Frau Sammer um, die jetzt nicht weniger als eine "Ehrenrettung (ih)res Berufsstandes" fordert? Deshalb, weil der Klaus Merten mit seinem Vortrag die Glaubwürdigkeit der Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland mit einem einzigen Treffer so gekonnt versenkt habe, wie einst die Bismarck die H.M.S. Hood?

"Und wo ist meine DPRG? Wieder einmal durchforste ich die Webseite nach einem Kommentar oder einem empörten Aufruf zur Widerstand. ... Am 19.6. hatte man noch gegen Schleichwerbung was zu sagen. Das war am selben Tag, als Merten in Münster uns PR-ler endgültig in den Abrund riß."

Oha - D-Day in Honighausen! In meinen Augen ist das allzuviel Krach um ein Omelett. Für mich ist das große Ballyhoo nur dadurch zu erklären, dass Frau Sammer in ihrer Agentur eine sehr spezielle Form von Public Relations vertritt, die deshalb auf Ethik setzen muss, damit im Interesse ihrer Kunden das branchenübliche 'Schönreden im Gewande des Euphemismus' funktionieren kann. Laut Selbstauskunft ist Petra Sammer aus den Bereichen 'Food', 'Nutrition' und 'Healthcare' heraus auf ihre heutige Position gelangt. Ketchum arbeitet unter anderem im Bereich der Nahrungsmittelindustrie (Starbucks, Gerolsteiner, Unilever) oder auch der Pharmaindustrie (Takeda Pharma), auf Geschäftsfeldern also, wo jeder Vertrauensverlust durch ethische Unwahrhaftigkeiten ganz unmittelbar zu Einbrüchen beim Umsatz führen kann. Ein enttarnter PR-'Liar' rauscht hier im Handumdrehen die Leiter der Börsenkurse hinunter, 'Ehrlichkeit' ist in diesem Marktsegment also ein Prinzip der Geschäftsklugheit - mehr nicht.

Ganz anders zu betrachten wiederum wäre der Bereich der politischen oder auch unternehmenspolitischen PR, den Peer Brockhöfer oben ansatzweise schon erläuterte. Es gibt eben auch 'kommunikative Sachzwänge', die Ehrlichkeit schlicht nicht zulassen. Würde ein Herr Hubertus Heil uns heute offenbaren, dass die SPD selbstverständlich demnächst auch mit der Linken kungeln wird, nur eben nicht vor der Bayern-Wahl, dann wäre das politischer Selbstmord für ihn und für seine Partei (wobei ich über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage gar nichts gesagt haben will, ich hielte 'unter Politikern' solch einen späteren 'Schwenk' nur für möglich). Also muss der Generalsekretär der SPD diese Spekulationen mit allen Zeichen der Entrüstung weit von sich weisen. Jeder Journalist kennt das Spiel - und er spielt es mitlügend täglich mit.

Eine der ersten deutschen Journalistinnen, Margret Boveri, schrieb im Jahr 1965 ein Buch über ihren Berufsstand. Der Titel: "Wir lügen alle". Formal geht es darin zwar um eine 'Hauptstadtzeitung unter Hitler', vieles aber gilt nach wie vor. So, wenn Margret Boveri jede Form von schreibender Berichterstattung mit einer Schachtelmetapher beschreibt: Soziale Systeme gleichen gewissermaßen nebeneinander liegenden Schachteln - und es käme aus jeder jedesmal eine ganz neue Wahrheit heraus, je nachdem, von welcher Schachtel aus man schreibe, oder ob man aus dem Inneren einer Schachtel heraus berichte oder diese Schachtel von außen beschreibe.

Um einfach mal in diesem Bild zu bleiben: Public Relations berichten gewissermaßen aus dem Inneren ihrer jeweiligen Kundenschachteln heraus. Daher auch ihr Problem mit den Außenbeschreibungen ihrer selbst, sobald diese nur ein wenig nach Klaus Merten duften. Public Relations leiden gewissermaßen unter einem 'publizistischen Tunnelblick', der eine Theorie nur akzeptieren kann, wenn die ebenso euphemistisch ist wie die Public Relations selbst. Was ihnen von innen her als wahr erscheint, gleicht in den Augen eines externen Beobachters aber oft und notwendigerweise einer Lüge. Trotzdem haben beide 'recht'. Oder, um mit Heinz von Foerster zu reden: "Die Wahrheit ist eine Erfindung des Lügners" ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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