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25.06.07Leser-Kommentare

Semantisches Web Teil 3: konkrete Anwendungsbeispiele

Nachdem sich der letzte Teil der Semantic Web-Serie etwas mehr der Theorie widmete, stelle ich in diesem Beitrag einige Applikationen und Anwendungsbeispiele aus der Praxis vor, die auf Semantic Web-Ansätzen beruhen.

Obwohl die Verbreitung von semantischen Webanwendungen bei privaten Unternehmen immer mehr an Fahrt gewinnt, können dennoch hauptsächlich öffentliche Behörden als Vorreiter dieser neuen Technologie bezeichnet werden. So wie etwa die US-Raumfahrtbehörde NASA, welche ihre unglaublichen Datenbestände in mehr als 11 Rechenzentren verwaltet. Als wäre das nicht schon genug, liegen all diese unterschiedlichen Daten auch noch in allen möglichen und unmöglichen Formaten vor. Um diesem Problem Herr zu werden, bedient man sich immer öfter semantischer Web-Anwendungen.

 

Eines der Projekte um Daten effizienter abfragen zu können ist POPS. Es dient dazu, Experten innerhalb der eigenen Organisation zu finden. Die Quelldaten dazu liegen bei der NASA auf drei Datenbanken verteilt: Eine für Projekt-Daten, eine für Qualifikationen und eine für organisatorische Daten. Für die Semantic Web-Lösung wurden alle Datenbanken so beibehalten, wie sie sind, jedoch per RDF-Schnittstellen miteinander verknüpft.

Obwohl eine solche Datenbank bereits mit Queries abgefragt werden kann, musste natürlich auch noch eine Oberfläche geschaffen werden, mit der auch Anwender ohne technische Kenntnisse nach Personen mit den gewünschten Qualifikationen suchen können. Der gesamte, sehr lesenswerte Bericht ist in der Zusammenfassung der Session Semantic Web @ NASA zu finden, welcher auf der XTech 2006 gehalten wurde.

Doch auch die europäischen Behörden sind längst auf das Thema Semantic Web aufmerksam geworden. So gibt es etwa mit SemanticGov ein von der EU gefördertes Projekt, welches es zum Ziel hat, Einsatzmöglichkeiten von semantischen Web-Anwendungen für Behörden zu erforschen und zu entwickeln. Das Projekt, an dem insgesamt 11 Organisationen aus 7 Ländern teilnehmen, ist mit einem Gesamtbudget von mehr als 4 Millionen Euro ausgestattet und läuft noch bis zum 1. Januar 2009.

DBpedia

Bei der DBpedia werden Daten aus der Wikipedia in ein semantisches Format aufbereitet und so das darin enthaltene Wissen besser zugänglich gemacht. Anwender der Wikipedia können davon nämlich ein Lied singen: Die angebotene Volltext-Suche ist nämlich nur von äußert beschränktem Nutzen. Auf der DBPedia gibt es im Gegensatz dazu schon einige wesentlich ausgereiftere Methoden zu sehen, um an die gewünschten Informationen zu gelangen. Insgesamt wurden für das DBpedia-Projekt derzeit bereits etwa 91 Millionen Tripel (Subjekt – Prädikat – Objekt-Aussagen) extrahiert, die mit dem zur Verfügung gestellten SPARQL-Server abefragt werden können.

Ein Dienst, der diese Schnittstelle anzapft, ist unter wikipedia.3ba.se zu finden. Dort gibt es einen Query-Builder, der es einem erlaubt, vielfältige Anfragen auf einfache Weise zu erstellen. So lässt sich zum Beispiel leicht herausfinden, was denn die Städte Innsbruck und Leipzig gemeinsam haben , eine Liste von Menschen erstellen, die genau 1,80 m groß sind oder eine Liste von US-Bürgermeistern, die Städte regieren, die auf mehr als 1.000 m Seehöhe liegen . Das Ganze geschieht natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber es wird hier sehr schön aufgezeigt, welche Möglichkeiten sich mit semantischen Web-Anwendungen auftun.

MSpace

Ein ebenfalls sehr interessantes Projekt ist MSpace. Es handelt sich hier um eine graphische Oberfläche, um Informationen zu entdecken und finden. Eine Demo-Anwendung wird auf beta.mspace.fm zur Verfügung gestellt. In dieser Datenbank lässt sich durch einen Katalog an klassischer Musik stöbern. Man kann die Daten auf intuitive Art auf die vielfältigste Weise gruppieren und kombinieren. So lässt sich zum Beispiel leicht herausfinden, welche Komponisten des Barock es gibt, in deren Stücken Trompeten enthalten sind. MSpace spuckt für diese Anfrage Antonio Vivaldi und Heinrich Ignaz Franz von Biber aus. Inwieweit diese Ergebnisse stimmen kann ich mangels Kenntnis zwar nicht beurteilen, die Oberfläche aber jedenfalls ist sehr intuitiv zu bedienen.

mspace.png

Semantische Foto-Verwaltung

Auf der Webseite des W3C ist eine Beispiel-Anwendung zu finden, welche auf den unhandlichen Namen "Describing and retrieving photos using RDF and HTTP" hört. Die Ziele dieses Demo-Projektes sind laut eigener Beschreibung «teils privater Natur und teils um W3C-Technologien zu promoten«. Mit einer Software werden Bilder katalogisiert und mit semantischen Informationen versehen.

Der Artikel ist deshalb lesenswert, da er eine konkrete Anwendungsmöglichkeit aufzeigt und die verschiedenen Werkzeuge beschreibt, die notwendig sind, um eine solche Anwendung zu betreiben.

RDF-Schemata

Zu den praktischen Anwendungsbeispielen zählen neben Daten-Browsern auch die verschiedenen RDF-Schemata, welche aus den formalen Beschreibungen von RDF konkrete Anwendungen modellieren. Als Beispiel picke ich FOAF, DOAP und SIOC (4-buchstabige Abkürzungen scheinen wohl sehr beliebt zu sein) heraus.

FOAF

foaf.png

FOAF steht für «Friend of a Friend« und ist ein RDF-Schema, um sowohl sich selber als Person als auch die Beziehungen zu anderen Menschen zu beschreiben. Aus der Fülle an RDF-Dateien, die über das Web verstreut sind und zueinander verlinken ergibt sich dann ein dezentralisiertes soziales Netzwerk. Viele Informationen dazu gibt es auf was-ist-foaf.de. Auf foafer.org gibt es einen Browser, mit welchem man durch FOAF-Datensätze navigieren kann. Meiner Meinung nach hat FOAF das Potential, die erste Semantic Web-Anwendung mit weiter Verbreitung zu werden.

DOAP

Description of a Project: Doap ist ein RDF-Schema, um Open Source-Projekte zu beschreiben. DOAP findet unter anderem im CodeZoo von O'Reilly Verwendung.

SIOC

Hinter der Abkürzung SIOC verbirgt sich das Semantically-Interlinked Online Communities Project. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die verschiedenen Diskussions-Plattformen wie Blog-Kommentare, Mailing-Listen oder Web-Foren miteinander zu verknüpfen. Auch hierfür gibt es einen Browser, den SIOC Explorer.

Semantic Web Browser

Neben den eben genannten, auf bestimme RDF-Schemata beschränkte Browser gibt es noch eine Reihe an allgemeinen RDF-Browsern, welche die in den Dateien enthaltenen Daten visualisieren und es möglich machen, sich durch die einzelnen Verknüpfungungen "durchzuhangeln".

Vier dieser Browser sind:

Der Vorteil aller vier Browser ist, dass es sich um reine Web-Anwendungen handelt und so keine zusätzliche Software installiert werden muss. Das "Surfvergnügen" durch RDF-Dateien wird allerdings häufig noch dadurch getrübt, dass es nur sehr wenige RDF-Datenquellen im Netz gibt. Dadurch ergibt sich gewissermaßen ein Henne-Ei-Problem: Mangels vorhandener Daten gibt es nur wenige Anwender, welche diese Funktionen nutzen und somit sind auch nur wenige Anbieter bereit, RDF-Daten zur Verfügung zu stellen.

Logo Piggy Bank

Ein sehr interessantes Plug-In für den Firefox-Browser stellt Piggy Bank dar, welches versucht, genau diese Lücke auf elegante Weise zu schließen. Mit sogenannten «Screen Scrapern« wird der normale Inhalt einer Webseite in RDF umgewandelt und kann so gleichwertig wie direkt zur Verfügung gestellte RDF-Daten verwendet werden.

Allerdings sind scheinbar nicht alle begeistert von diesen Screen Scrapern, auf der Download-Seite für den LinkedIn Scraper ist beispielsweise eine große Warnung zu sehen, dass Benutzeraccounts von LinkedIn geblockt werden, welche das Skript zu intensiv einsetzen.

Semantic Web Challenge

Um Projekte zu prämieren, welche die praktischen Anwendungsmöglichkeiten des semantischen Webs aufzeigen, wurde im Jahre 2003 die Semantic Web Challenge ins Leben gerufen. Die Verleihung findet in diesem Jahr auf der zum sechsten Mal stattfindenden International Semantic Web Conference in Busan (Südkorea) statt. Auf der Webseite der Semantic Web Challenge sind zudem die Siegerprojekte der vergangenen Jahre gelistet.

Fazit

Es gibt im Internet derzeit schon eine Menge an Anwendungen, welche das praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Semantic Web-Anwendungen demonstrieren. Diese Muster-Anwendungen spielen eine große Rolle um die Weiterverbreitung dieser neuen Technologien zu unterstützen, indem sie durch praktische Beispiele Usern zeigt, was alles möglich ist.

Siehe auch

Semantisches Web Teil 2: die technische Umsetzung

Semantisches Web Teil 1: Was steckt hinter dem Begriff?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Rafa

    19.07.07 (00:05:39)

    Ich denke, dass das Fazit gut gelungen ist. Ich sehe es auch so, dass das Thema sehr spannend ist, aber leider auch noch eher von akademischer Natur. Von Praxiseinsatz kann man nicht wirklich reden, ich denke aber, dass sich das schnell ändern kann. Man sollte auf jeden Fall am Ball bleiben, was das Thema angeht!

  • Manuel

    01.06.08 (21:17:05)

    Der Link zu MSpace ist falsch. Richtig ist http://demo.mspace.fm

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