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19.03.08

NEON.de – gegen den Community-Einheitsbrei

Obwohl die (rein gefühlte) Frequenz in letzter Zeit etwas abgenommen hat, so erreichen uns doch nahezu täglich Meldungen über neu gegründete Communitys. Wirft man dann jedoch einen Blick auf die Seiten, kann man 90 Prozent schnell und ohne weiteres in die Kategorie Facebook-Klon Nr. 1045 einordnen und für immer vergessen. Diese Emsigkeit und Einfalt im Kopieren von neuen Diensten hat im letzten Jahr sogar kurzzeitig dazu geführt, dass Deutschland den Ruf als Kopierer-Nation weg hatte.

Dennoch gibt es hierzulande Communitys, die - vom Radar der Blogosphäre nahezu unbeobachtet - friedlich vor sich hin existieren und trotzdem über durchwegs interessante Funktionen und Konzepte verfügen, die es sich lohnt, genauer unter die Lupe zu nehmen. Eine solche Community ist NEON.de, die ich deshalb hier mal als Beispiel herauspicken und vorstellen möchte.

 

NEON.de ist die Community der Zeitschrift "NEON", welche sich in erster Linie an junge Erwachsene im Alter von 20 bis 35 Jahren richtet. Christian Flierl, Redaktionsleiter bei NEON online, sieht den Online-Auftritt von NEON nicht unbedingt als Konkurrent zu den großen «ungebrandeten« Anbietern wie studiVZ, sondern man richtet sich an eine eigene, sehr klar definierten Zielgruppe, welche auf der Webseite die Möglichkeit hat, sich selbst und ihre Artikel zu präsentieren.

Das im Jahre 2003 online gegangene Angebot solle nicht bloß eine starre Abbildung oder Erweiterung der Printausgabe darstellen, sondern ein zweites, komplett eigenständiges Standbein sein, welches den selben Gedanken auf zwei Medien transportiere, so Flierl. Während NEON mit der Print-Ausgabe, in der die meisten Artikel von Redakteuren stammen, zum Leser spricht, gibt man auf der Internetseite dem Leser das Wort.

Nimmt man die vergeben User-IDs als Indikator, so versammelt die Community derzeit schätzungsweise 120.000 registrierte User auf der Seite, was bei einer Leseranzahl des Magazins von 680.000 (Quelle: Wikipedia) knappen 18 % entspricht. Größenmäßig fällt sie somit nicht besonders ins Gewicht, ist aber dennoch deutlich größer, als so manches gescheitertes Copycat. Das Wachstum scheint äußerst linear zu erfolgen - von einem Hype wie bei wer-kennt-wen.de kann da keine Rede sein, die Community scheint aber dafür für ihre überschaubare Größe überdurchschnittlich aktiv zu sein.

Neben den Standard-Funktionen eines jeden Social Networks (Nachrichten-Versand, Gästebuch, Freunde hinzufügen, Bilder hochladen, etc.) gibt es eine Reihe von kleinen Funktionen, die in meinen Augen sehr innovativ sind und zeigen, dass in der Münchner Zentrale nicht vorrangig von den Big Playern abgepaust wird, sondern man versucht, ein eigenständiges Produkt zu kreieren. Die Seite wird laufend um neue Funktionen erweitert.

Eines dieser besonderen Features ist die Rubrik "vom Leben gelernt". Jeder User kann dort bis zu zehn seiner persönlichen Lebensweisheiten eingeben, welche dann auf der Profilseite dargestellt werden. Auf seiner eigenen Profilseite sieht man die Weisheiten seiner Freunde. Andere Mitglieder können auf eine Aussage klicken, sofern sie dieser zustimmen. Je nach Akzeptanz unter den Usern werden populäre Aussagen nach und nach größer dargestellt, während solche mit weniger Zustimmung kleiner werden. So entwickelt sich eine Tag-Cloud, die den Menschen hinter dem Profil wesentlich trefflicher beschreiben kann, als wenn es lediglich Spalten wie "Musik", "Hobbys", etc. gäbe. Eine interessante Idee, die ich in dieser Form noch nirgends gesehen habe.

Ein weiteres kniffliges Detail ist das Live-Benachrichtigungssystem, welche sofort anschlägt, wenn jemand auf eine der oben erwähnten Aussagen klickt. Man erhält aber auch Benachrichtigungen darüber, wenn jemand einen Gästebucheintrag hinterlässt oder eine Mail versendet. Da es zusätzlich auch ein kleines (unaufdringliches) akustisches "Pling"-Geräusch gibt, bemerkt man solche Aktionen auch, wen man gerade mit etwas anderem beschäftigt ist. Das verleitet dazu, die Seite wie einen Instant Messenger immer nebenher geöffnet zu halten, um nichts zu verpassen. Eine ziemlich geschickte Idee um User auf der Seite zu halten und zur Interaktion zu bewegen, wie ich finde. Dieses Nachrichten-System könnte man vielleicht als eine Art "Live"-Newsfeed beschreiben.

Trotz aller Innovationsfreude gibt es dennoch einige Kritikpunkte. Die Seite ist phasenweise ziemlich langsam. Nimmt man den Quelltext genauer unter die Lupe, so fällt einem auf, dass jeder Seitenaufruf an die 16 Ajax-Requests erzeugt. Die Extension "ySlow" verpasst NEON.de da eine glatte Fünf – Bei 36 externen Javascript-Dateien auch nicht verwunderlich. Kaum etwas ist meiner Meinung nach so sehr in der Lage User zu vergrämen als konstant lange Ladezeiten. Hier könnte man durchaus zur Optimierung ansetzen. Auch die Werbeeinblendungen in Form von Flash-Anzeigen, die sich über das Profil legen, können auf Dauer ganz schön nerven.

Trotz der Kritik finde ich es dennoch ziemlich positiv, dass es eben doch Beispiele gibt, die zeigen, dass man als Community nicht automatisch ein Klon der etablierten Anbieter sein muss. Ich bin mir sicher, dass neben NEON.de noch einige andere Communitys und Social Networks "made in Germany" existieren, die durch Innovation und Eigenständigkeit auffallen. Welche kennt ihr?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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