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07.03.08Leser-Kommentare

Gastbeitrag: Größtes Social Network Japans macht sich unbeliebt

Es folgt ein Gastbeitrag von Serkan Toto aus Tokyo. Mehr zu seiner Person am Ende des Beitrags.

Mixi LogoIn Japan spielen ausländische Social Networks wie Facebook oder MySpace (trotz einer übersetzten MySpace-Version) keine Rolle. Schätzungen zufolge sind über zwölf Millionen Menschen beim einheimischen Dienst Mixi registriert, womit die gleichnamige Firma als Quasi-Monopolist in ihrem Bereich gilt.

Das scheint auch ein Grund zu sein, wieso Mixi den Mut zu einem Schritt hat, der die jüngsten Eingriffe von Facebook und StudiVZ in die Privatsphäre fast harmlos erscheinen läßt. Die Firma beabsichtigt nichts anderes, als ab dem 1. April sämtliche von seinen Usern erstellte Inhalte auf der Website als Eigentum zu reklamieren. Dieses soll durch eine Änderung der Nutzungsbedingungen geschehen.

Der Schritt beinhaltet folgende Punkte:

- die Mitglieder werden weder finanziell noch in anderer Weise entschädigt

- die Maßnahme gilt auch rückwirkend, schließt also sämtliche vor den Änderungen der Nutzungsbedingungen eingestellten Inhalte ein

- die Nutzungsrechte gehen in vollem Umfang an Mixi

- die Maßnahme umfasst Blogpostings, Kommentare, Chatprotokolle, Forenbeiträge und selbst innerhalb des Mixi-Systems verschickte Privatmails

- nicht nur textliche Inhalte, sondern auch Bilder und Fotos sind betroffen

- die Inhalte können durch Mixi geändert, vertrieben, verkauft und übersetzt werden

Dazu kommt, dass die Mitglieder trotzdem weiterhin selbst für den von ihnen erstellten Content rechtlich verantwortlich sind.

Aufschrei in der japanischen Öffentlichkeit

Dieser Schritt ist an Dreistigkeit und Userfeindlichkeit kaum zu überbieten. Die Besonderheit bei dieser Website liegt darin, dass sie von vielen Japanern nicht nur als Social Network genutzt wird, sondern Mixi auch die größte Blog-Plattform des Landes darstellt. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass Mixi für viele der blogverrückten Japaner fast Teil des Lebens geworden ist. Die Firma kann somit theoretisch einen entsprechend großen Content-Schatz heben.

Die Aufregung in der japanischen Blogosphäre, bei Mixi-Mitgliedern und in der medialen Öffentlichkeit ist erwartungsgemäß riesig. So wird etwa über die Beweggründe für die Verwertung der Nutzerinhalte wild spekuliert.

Als wichtigstes Motiv gilt natürlich die Aussicht auf mehr Umsatz. Mixi ist an der Tokyoter Nikkei-Börse gelistet und ganz offensichtlich unter Wachstums- und Monetarisierungszwang. Anders lässt sich sowohl diese atemberaubende Maßnahme als auch der kürzlich angekündigte (und zum Scheitern verurteilte) Gang nach China nicht erklären.

In einer ersten Reaktion hat Mixi bereits ankündigt, man "prüfe" Änderungen an der Maßnahme. Wird diese trotzdem durchgeführt, werde wohl nicht nur ich meinen Account Ende März auflösen.

Bleibt nur zu hoffen, dass in Zukunft kein anderes Social Network in solcher Art und Weise mit den Daten und Inhalten seiner Nutzer umgehen wird.

Serkan Toto spricht fließend Japanisch und beschäftigt sich intensiv mit der japanischen Internet- und Web-2.0-Szene, deren Entwicklung er in den Blogs Tokyotronic und Asiajin analysiert. Momentan bereitet er die Gründung einer Firma in Tokyo vor, die westlichen Internetunternehmen den Markteintritt in Japan ermöglichen soll. Er ist unter totoserkan [AT] gmail.com oder Xing erreichbar.

Wer mehr über den Stand des Web 2.0 in Japan erfahren möchte, kann einen Blick auf Serkans früheren Gastbeitrag werfen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Jan S.

    07.03.08 (13:39:56)

    Oha, ich bin auch bei Mixi angemeldet. Ist ja bisher fast Pflicht gewesen. Aber hab eh kaum Daten da und nix was mir wert wäre ;) Ich habe auch viel Zeit in Japan verbracht, und solche Methoden sind mir von den Japanern nicht bekannt. Sehr heftig.

  • Tobi

    07.03.08 (13:52:44)

    Das stellt in der Tat so ziemlich alles hier bekannte in den Schatten. Übel...

  • Anthony

    07.03.08 (13:58:15)

    Facebook ist in Japan? Eine japanische Übersetzung habe ich aber nicht gefunden? hab ich da was übersehen? Gruß Anthony

  • Martin Weigert

    07.03.08 (13:58:56)

    Nee Serkan bezieht sich nur auf die MySpace-Version.

  • Jan S.

    07.03.08 (14:14:32)

    Japan und sein Internetmarkt ist aber allgemein sehr eigen. Zum einen wirken viele Internetpräsenzen von Unternehmen recht überholt, teils 90er Style, überladen mit Schriftzügen. Zum anderen haben auch aus kulturellen Unterschieden amerikanische und europäische Erfolgsunternehmen sehr unterschiedlich den Markt betreten können. Mich würden an dieser Stelle ein paar Infos bzw. Studien zu diesem Thema interessieren, wie bspw. Ebay in Japan augeben musste.

  • Jan S.

    07.03.08 (14:17:12)

    wer mal gucken will: Rakuten ist ein erfolgreiches E-commerce in Japan

  • Fatu Simmayeck

    07.03.08 (17:19:51)

    Kann jemand, der des Japanischen mächtig ist, darlegen wie dieser krasse Umstieg in der Firmenstrategie werbetechnisch vorbereitet wurde? StudiVZ hat damals ja alles daran gesetzt zu erläutern, dass eigentlich nichts Schlimmes an den neuen AGB ist und das nach wie vor nichts verkauft würde. Eine solche Rhetorik der Runterspielung dürfte bei Mixi ja wohl nicht in Frage kommen.

  • Serkan

    07.03.08 (17:50:37)

    @Fatu Die Ankündigung kam aus heiterem Himmel (Mitte der Woche). Unter http://mixi.jp/release_info.pl ist die in meinem Artikel erwähnte offizielle Reaktion zu lesen (sehr kurz, natürlich nur in Japanisch und nur für Mitglieder sichtbar). @Jan Die japanische Internetindustrie ist in der Tat sehr eigen, weswegen die von mir geplante Gründung der Firma hoffentlich Sinn macht. Zum Beispiel landet Google (www.google.co.jp) in Japan unter anderem deswegen keinen Stich gegen Yahoo! (www.yahoo.co.jo), da den Japanern Google zu "aufgeräumt" erscheint. Die wollen eben eine vollgestopfte Startseite sehen. Ich schreibe mal bald einen Artikel in meinem Blog, warum es Ebay in Japan nicht geschafft hat (danke für die Inspiration). Rakuten und viele andere japanische Webgrößen habe ich bereits ausführlich in meinem Blog analysiert (zT "exklusiv", da es kaum Infos in Englisch über sie gibt). Also bei Interesse einfach mal reinschauen (www.tokyotronic.com).

  • holoxic

    07.03.08 (18:29:29)

    @Serkan [Zum Beispiel landet Google (www.google.co.jp) in Japan unter anderem deswegen keinen Stich gegen Yahoo! (www.yahoo.co.jo), da den Japanern Google zu “aufgeräumt” erscheint. Die wollen eben eine vollgestopfte Startseite sehen.] Interessant, ich hätte das jetzt genau anders herum vermutet, da dort ja z.B. Zen-Buddhismus verbreitet ist. Vermutlich haben deshalb Apple-Produkte in Japan auch wenig chancen. Mich wundert, dass sich die Konzerne keine einheimische Beraterfirma zum Nutzerverhalten leisten. Zu dem Posting möchte ich sagen, dass die Firmen immer noch die Macht der Nutzer unterschätzen. Gerade bei SNs, wo eine starke Vernetzung besteht, werden so manche arroganten Firmenstrategen noch auf die Nase fallen. mfg holoxic

  • Serkan

    07.03.08 (18:59:47)

    Der Bezug des Zen-Buddhismus auf das Internetverhalten ist mal was Neues, daran habe ich noch nie gedacht. Insbesondere die jungen Japaner können im Zuge der Verwestlichung aber damit nichts anfangen. Interessant ist dabei jedoch, daß auch an Ältere gerichtete Websites (etwa von konservativeren Firmen zB aus dem Bankenbereich) ebenfalls quietschbunt und vollgestopft daherkommen. Beispiel: Sumitomo Mitsui, eine der größten Banken Japans (http://www.smbc.co.jp/). Apple ist in Japan doch schon sehr erfolgreich. Der iPod hat hier knapp 70% Marktanteil, obwohl besonders Sony und Panasonic ebenfalls sehr gute Multimediaplayer anbieten und Millionen in die Vermarktung buttern. Die PCs und Laptops laufen ebenfalls sehr gut und auch das iPhone kommt bald hierher.

  • Jan S.

    07.03.08 (21:14:18)

    @Serkan: Das schau ich mir gerne an. Na, dann hab ich wieder einen neuen Blog gefunden! ^^

  • Jan S.

    07.03.08 (21:17:16)

    @Serkan: Das mit Google und Yahoo! war mir auch bekannt (obwohl das nicht unbedingt soo viel Aussage hat, da sich das bei Suchmaschinen sowieso sehr unterschiedlich entwickelt, Bsp. in Deutschland ist Google unbestrittener Marktführer, während in den Staaten Yahoo! vorne liegt.) Aber in Bezug auf Japan und Ebay hat Yahoo! Auction keine unwesentliche Rolle gespielt.

  • Hendrik

    08.03.08 (09:32:40)

    Schock, Horror, quak, quak... Ich weiß, sich über sowas aufzuregen macht unheimlich viel Spaß. Den will ich euch auch gar nicht nehmen. Aber solche Nutzungsbedingungen sind (wenn auch aus Usersicht aüßerst fragwürdig, klar) nicht unüblich. Hoffentlich benutzt von euch keiner ICQ? Die haben nämlich in ihren Nutzungsbedingungen stehen: "You agree that by posting any material or information anywhere on the ICQ Services and Information you surrender your copyright and any other proprietary right in the posted material or information. You further agree that ICQ Inc. is entitled to use at its own discretion any of the posted material or information in any manner it deems fit, including, but not limited to, publishing the material or distributing it." Oops!

  • Fatu Simmayeck

    08.03.08 (12:52:48)

    Also ich benutze ICQ seitdem nicht mehr. Und außerdem: Fehlende Weitsicht (sprich: sich bei einigen Serviceanbietern beschweren und bei anderen auf Grund von Unwissen nicht) kann man zwar kritisieren. Der Rückschluss dagegen, dass man sich darüber - weil es "nicht unüblich" - nicht aufregen sollte, ist in meinen Augen nicht legitim. Wenn das so wäre dürfte man sich über eigentlich gar nichts mehr aufregen. Dem ist zum Glück nicht so.

  • Hendrik

    08.03.08 (13:26:06)

    Fatu, klar. Natürlich kann und soll man skeptisch bleiben. Es geht hier eher um die Auslegung ("Geldgier!"). ICQ hat diese neuen Nutzungsbedingungen, glaube ich, um 2000 herum eingeführt. Seitdem ist mir kein Beispiel bekannt, wie ICQ ihr neues "Eigentum" irgendwie verwertet haben soll. Solche Erfahrungswerte sollten euch doch eigentlich auf den Gedanken bringen, dass Nutzungsbedingungen wie diese vielleicht ganz anders motiviert sind (z.B. damit sich Firmen dagegen schützen können, dass Nutzer sie wegen sonstwas verklagen und sich dabei auf Missbrauch ihres Eigentums beziehen. Glaub mir, sowas gibt's!) Aber stattdessen wird halt nur einseitig "Skandal! Die wollen sich an uns bereichern!" geschrien, und *das* ist das, was manchmal etwas nervt.

  • Martin Weigert

    08.03.08 (13:34:01)

    Fatu, wir hatten ja in einem anderen anderen Thread bereits diese Diskussion. Ich stimme dir völlig zu, wenn du sagst, dass das Argument "so ist das nunmal" nicht automatisch heißen darf, dass man Dinge hinnehmen muss. Die Frage ist doch aber, wo man die Grenze zieht. Denn gemäß dieser Logik müsste man sich dann einfach über alles aufregen, was einem persönlich aus irgendwelchen Gründen missfällt. Ich finde, dass man es sich mit dieser zum Teil egoistischen Ansicht sehr leicht macht, weil man Dinge stets nur aus seiner eigenen Perspektive sieht (ich als Nutzer eines SN möchte nicht meine Daten preisgeben, aber diesen Service trotzdem frei und unbegrenzt nutzen. Wie der Anbieter das finanziert, ist nicht mein Problem.) Andere Sichtweise (z.B. die unternehmerische) blendet man dadurch recht häufig einfach aus, dabei geben sie vielleicht die Antwort auf die Frage, warum bestimmte Dinge so sind, wie sie sind.

  • Fatu Simmayeck

    08.03.08 (14:01:18)

    @Hendrik Ich weiß, was es alles gibt und ich kann mich nicht entsinnen irgendwo geschrieben zu haben "Ihr bösen bösen komerziellen Wirtschaftsunternehmen". Letzteres halte ich für ausgemachten Dummfug und mindestens genauso bescheuert wie "Ich akzeptier´s weils ja nicht anders geht". Mir ist auch kein Fall bekannt, in dem ICQ Ideen die ein User auf ICQ im Zwiegespräch mit jemand anderen entwickelt hat für viel Geld vermarktet hat. Das ist auch ziemlich unwahrscheinlich. Fest steht aber auch, dass ICQ natürlich (denn es sind ja ihre Daten) Einsicht in alle geschriebenen Texte hat und auch das Recht diese in egal welcher Weise zu verwerten und zu kontrollieren. Mir ist unschlüssig wie ein User an dieser Stelle ICQ verklagen sollte, wenn diese die Texte nicht anrühren würden. Aber das tun sie eben, weswegen sie auch gut daran tun diese in meinen Augen dreiste Phrase in die AGB einzubauen. Ich wiederhole mich da, aber ich fände es wirklich absolut unproblematisch WENN die Leute sich dessen und der Folgen (für alle) bewusst wären. Die meisten kennen diese Textstelle nicht einmal. Ich blende die unternehmerische Frage sicherlich teilweise aus, aber ich argumentiere auf der anderen Seite ja auch nicht für die "Ansprüche, die ein Nutzer erheben darf", sondern die Rechte, die verloren gehen, weil der Großteil der User kein wirkliches Bewusstsein hat, was mit seinen Daten passiert und welche Folgen es hat. Ich bin mir sicher, dass keiner von uns bestreitet, dass es besser/optimal wäre, wenn User die AGB´s lesen und verstehen, wenn sie ihnen zustimmen. Infolgedessen kann es nur ein Manko sein, wenn dies nicht passiert. Dass Unternehmen das relative Desinteresse an den AGB und Datenschutzbestimmungen auch ausnutzen finde ich persönlich schlimm, aber ich würde es den Firmen niemals vorwerfen, schließlich folgt es der Logik des Unternehmens und ist zudem nicht unrechtens.

  • Andreas

    25.03.08 (11:11:56)

    Da der erste April naht: Hat Mixi sich durchgesetzt - werden die Inhalte der Nutzer privatisiert?

  • Andreas

    27.03.08 (11:22:19)

    Bitte um Antwort - ich schreibe an einem Artikel zu diesem Thema.

  • Martin Weigert

    27.03.08 (11:40:29)

    Andreas, am Ende des Artikels stehen Serkans Kontaktdaten. Maile ihm am besten.

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