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21.02.08Leser-Kommentare

Discogs will weltgrößte Musikdatenbank werden und ist auf gutem Weg

Discogs

Es gibt zahlreiche Seiten, die seit vielen Jahren auf elementare Bestandteile des Web-2.0-Konzepts setzen, ohne dabei nur ansatzweise im Rampenlicht zu stehen. Die Frage-Antwort-Plattform wer-weiss-was gehört dazu, genau wie StayFriends, eine Community für ehemalige Schulfreunde. Mein Favorit in der Kategorie abseits der medialen Aufmerksamkeit agierender Webservices ist jedoch Discogs, eine von Usern gepflegte Musikdatenbank, die ich hier näher vorstellen möchte. Discogs steht kurz für "Discographies". Das Ziel der Seite aus Portland (USA) ist es, eine Diskografie aller Labels und Interpreten dieser Welt zu erschaffen und sämtliche Daten sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Dabei setzt Discogs ausschließlich auf User Generated Content. Alle Informationen zu veröffentlichten Singles und Alben werden von den Nutzern eingetragen. Diese sind fleißig, wie der aktuelle Stand von 915.347 hinzugefügten Releases, 770.868 Interpreten und 77.667 Labels beweist. Das ist gewiss nur ein Bruchteil der tatsächlich jemals weltweit veröffentlichten Werke, aber vor allem im Bereich der elektronischen Musik kommt Discogs seinem Ziel schon sehr nah.

 

Ende 2000 ging Discogs mit dem Vorhaben online, die weltweit größte und umfangreichste Datenbank elektronischer Musik aufzubauen. Nachdem dieses Ziel einige Jahre später erreicht wurde, entschied man sich, die Plattform für Hiphop und später auch für andere Genres zu öffnen. Neben seiner Funktion als umfassende Datenbank dient Discogs auch als Community, die von vielen Mitgliedern besonders zum Tausch seltener und heißbegehrter Platten genutzt wird. Registrierte Anwender können angeben, welche Tonträger sie besitzen und welche sie suchen. Zu jedem Release wird angezeigt, wieviele Nutzer dieses ihr Eigen nennen und wieviele dafür ihr letztes Hemd geben würden.

Neben Einnahmen aus der Vermarktung der Seite verdient das drei Mitarbeiter zählende Unternehmen sein Geld mit dem "Marketplace", auf dem Mitglieder Platten kaufen und verkaufen können. Von jedem Verkauf gehen fünf Prozent als Provision an Discogs. Zahlen zum Umsatz und Gewinn liegen mir nicht vor, aber allein das mittlerweile gut siebenjährige Bestehen der Seite, die abgesehen von kleineren Änderungen noch im selben Gewand auftritt wie zu ihrer Gründung, dürfte Beweis genug für ihre Wirtschaftlichkeit sein.

Unter Freunden elektronischer Musik gehört Discogs seit langem zu den beliebtesten Websites überhaupt. Mer als sieben Jahre lang habe die Macher die Seite konsequent und, ohne den Fokus zu verlieren, geführt und weiterentwickelt. Die Tatsache, dass man im Prinzip komplett auf Überraschungen und Marketingmaßnahmen verzichtet hat, wäre bei vielen anderen Web-2.0-Diensten womöglich kritikwürdig. Die Discogs-Macher verließen sich trotzdem lieber auf ihren langen Atem sowie auf die Loyalität und das Potential treuer Musikfans – zu Recht, wie die mittlerweile stark steigende Reichweite zeigt.

Mit der Öffnung der Plattform für alle gängigen Musikrichtungen 2005/2006 hat Discogs seine internationale Zielgruppe erheblich vergrößert und profitiert sowohl von sehr guten Suchmaschinenplatzierungen einzelner Veröffentlichungen als auch von der mit dem Nutzerzuwachs einhergehenden Viralität. Entwickler, die Informationen von Discogs in eigenen Webapplikationen verwenden möchten, haben über die Discogs API übrigens vollen Zugriff auf alle verfügbaren Daten zu Veröffentlichungen und Interpreten. Pro IP-Adresse und Tag sind maximal 5000 Anfragen möglich (Danke Philip für den Hinweis).

Noch scheint Discogs als Unternehmen unabhängig zu sein. In Anbetracht des bisherigen Erfolges, der hohen Nutzerbindung sowie des angesammelten Datenmaterials dürften Übernahmeangebote von E-Commerce-Anbietern (wie wär's, Amazon?) und anderen im Web-Musik-Bereich tätigen Unternehmen nicht ausbleiben. Wie lange werden die Discogs-Macher den Offerten wohl widerstehen können?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Yella

    21.02.08 (13:36:25)

    Warum sollten sie widerstehen, irgendwann will man auch mal ernten. Glaube dass der kommerzielle Erfolg zur Zeit weit unter den Möglichkeiten eines potentiellen Exits der Macher liegt. Kritisch ist immer, dass die eigentliche 'Arbeit' von den Usern 'gemacht' wurde, wie z.B. am Beispiel dieser Musikdatenbankgeschichte (war das freedb/cddb die in irgendwas kommerzielles aufgegangen ist?)

  • Yella

    21.02.08 (13:37:11)

    Gracenote war das, ja. Jetzt kommerziell, damals von Usern aufgebaut.

  • Martin Weigert

    21.02.08 (13:43:08)

    "Widerstehen", weil anzunehmen ist, dass die Betreiber einer solchen Site vermutlich idealistische Motive haben (z.B. Verwurzelung im Bereich elektronischer Musik, wo "Kommerz" generell nicht gut angesehen ist) und es deshalb keine leichte Entscheidung für sie wäre, die Site an ein großes Unternehmen zu verkaufen. Interessant, das mit Gracenote. Kannte zwar die Namen, war mir aber nicht über den Zusammenhang bewusst.

  • Carsten Pötter

    21.02.08 (20:09:42)

    Ich liebe Discogs und bin seit 2002 dort registriert. Allerdings ist das von Yella angesprochene Problem der Arbeit der User für mich real. Ich habe bislang 579 Releases beigesteuert und hunderte Updates gemacht. Das ist zwar im Vergleich zu manchen Usern nicht besonders viel, aber sollte Discogs verkauft werden, hätte ich schön für den Erfolg anderer umsonst "gearbeitet". Bei neueren, Web 2.0 Unternehmen weiß ich von Anfang an, dass andere mit meinen Beiträgen Geld (versuchen zu) verdienen. Es ist dann meine Entscheidung, ob ich zu diesem Dienst etwas beitragen möchte und auf Kompensation verzichte. Bei Discogs sieht das halt anders aus und deshalb werde ich wohl nur noch hin und wieder einen Release beisteuern.

  • Martin Weigert

    21.02.08 (20:27:38)

    Das kann ich gut nachvollziehen. Vielleicht sehen die Betreiber dies ähnlich und führen deshalb die Seite seit so langer Zeit noch immer selbst. Selbst wenn sie mit einem Verkauf reich werden könnten, hätten sie dann ggf. die gesamte Community gegen sich. Angesichts eines anzunehmenden, hohen Involvements und dichten Kontaktnetzes im Musikbereich wäre das sicherlich ein komplizierter Schritt (natürlich je nach dem, wer der Käufer wäre).

  • Stefan

    21.02.08 (22:36:41)

    Gegen Musicbrainz.org und Musicmoz.org kommt Discogs allerdings nicht an. Musicbrainz profitiert außerdem auch noch von der Zusammenarbeit mit last.fm. So betreibt last.fm einen Musicbrainz Mirror und arbeitet an einer Integration der Musicbrainz Daten. Die Verbindung zwischen Musicbrainz und last.fm? Joichi (Joi) Ito! http://tinyurl.com/37tpp2 (Alexa: Musicbrainz, Musicmoz, Discogs) http://metabrainz.org/about/ (Director Emeritus Joichi Ito) http://joi.ito.com/archives/2006/02/18/invested_in_lastfm.html

  • Martin Weigert

    22.02.08 (09:01:35)

    In deinem Alexa-Vergleich hast du discogs.org verwendet, nicht .com. Mit letzterer Adresse sieht das dann ganz anders aus. Außerdem erscheint es mir so, als wären Musicbrainz und Discogs zwei völlig unterschiedliche Dinge, die man nicht vergleichen kann.

  • Stefan

    22.02.08 (09:36:31)

    Tatsächlich ... :) Na dann wird es trotzdem spannend, in wie weit Musicbrainz von der last.fm Integration profitieren kann (immerhin gibt es unzählige Nutzer der last.fm API, die dann auch einfach auf Musicbrainz Daten zugreifen könnten) Völlig unterschiedliche Dinge? In ihrem bestreben eine freie Musikdatenbank aufzubauen sind sie sich doch ziemlich ähnlich. Musicbrainz ist da aber noch etwas "freier", da sämtlicher Code unter Open Source Lizenzen steht und die komplette Datenbank auch zum Download bereit steht (zusätzlich auch "Live Data Feed" für regelmäßige Updates). In einem gebe ich dir daher recht: Discogs setzt eher auf die eigene Plattform (zB mit dem Discogs Marketplace) während Musicbrainz vor allem für Betreiber anderer Musik-bezogener Dienste interessant ist - eben auch über indirekt über last.fm. Aber grundsätzliche liegt liegt der Unterschied nur im unglaublich hässlichen UI von Musicbrainz ;)

  • Martin Weigert

    22.02.08 (09:39:37)

    Hehe auf dieses Fazit können wir uns einigen :)

  • philip

    22.02.08 (10:06:53)

    hi, das mit dem ungeeinschränkten Zugriff ist nicht korrekt. "API usage is limited to 5,000 requests per 24-hour period, per IP address." Das sollte man bei der Entwicklung einer App. bedenken..

  • Stefan

    22.02.08 (10:09:27)

    Wer mehr braucht kann dafür einen eigenen Mirror aufsetzen (oder auch nur die Datebank und dann direkt darauf zugreifen) ... Daten und Code stehen ja zum Download bereit.

  • Martin Weigert

    22.02.08 (10:17:40)

    Thx, habe den Satz angepasst.

  • Stefan

    22.02.08 (12:14:24)

    ah, dachte der kommentar von philip bezog sich auf die letzte diskussion ...

  • Carsten Pötter

    22.02.08 (16:45:26)

    @Martin: Ich denke schon, dass Discogs irgendwann einmal verkauft wird. Die Kosten für Server, Administration, etc dürften mittlerweile nicht unerheblich sein. Bei Discogs sollte man auch die sehr strenge Moderation (gegenüber früher ist sie allerdings schon ein wenig aufgeweicht) beachten, die für eine ziemlich hohe inhaltliche Qualität der Einträge sorgt. Bei einem Verkauf müssten entweder die Moderatoren bezahlt werden (so dürften zumindest ein paar Poweruser gehalten werden) oder Moderation wird aufgegeben, was zu Lasten der Qualität führen wird. Aber wie du bereits erwähnt hast, werden viele User ihre Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, auch vom Käufer abhängig machen.

  • Rachael

    04.04.08 (04:12:30)

    Seit der Umstellung auf Version 4 am 10. März 2008, mit welcher das Moderationssystem als Qualitätskontrolle und -standard aufgegeben wurde, sieht es mit Discogs nicht mehr so gut aus. Moderatoren und Nutzer gleichermaßen verlassen in Scharen die Seite (vgl. z.B. http://www.discogs.com/help/forums/topic/158975 mit den Top Contributors), die Umstellung wurde enorm schlecht kommuniziert und gegen den expliziten Willen eines Großteil der Nutzerbasis vollzogen und erwies sich zudem als technisch unsauber implementiert mit einer nicht geringen Anzahl gravierender und fortbestehender Fehler (Bugs) und Probleme, wie selbst der Site-Administrator mittlerweile eingestanden hat: http://www.discogs.com/help/forums/topic/160353 . Verschiedene Foren haben die Verläßlichkeit des Datenbestandes mittlerweile als kritisch eingeschätzt, und auch von der Nutzung des Market Place wird zum Teil schon abgeraten, da Releases zum Verkauf ohne Zustimmung des Verkäufers und ohne Kontrollinstanz "live editiert", d.h. ohne Warnung verändert werden können.

  • Martin Weigert

    04.04.08 (09:53:52)

    Danke für das Update, Rachael. Das klingt ja gar nicht gut. Warum wurde das Moderationssystem denn aufgegeben?

  • Mav303

    09.11.09 (15:55:56)

    Discogs gehört für mich seit Jahren zu einer meiner meistbesuchtesten Seiten. Ich habe Anfang der 90er Jahre eine Platten veröffentlicht und dachte diese wären schon in den ewigen Jagdgründen verschwunden. Ich war überrascht das diese dort aufgeführt sind. Seitdem nutze ich die Seite fast täglich, nicht auszudenken was passieren würde, wenn es diese Seite irgendwann nicht mehr geben würde. Das wäre ein wirklich irrreparabler Verlust für die komplette elektronische Musikszene. Discogs 4 EVER ;-) ganz große Seite

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