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14.06.07

Die Desktop-Anwendung auf dem Weg ins Netz

Wenn man die aktuellen Entwicklungen im Web betrachtet, dann lässt sich ein Trend ganz klar erkennen: Immer mehr klassische Desktop-Applikationen wandern vom heimischen Rechner ab ins Netz. Auch wenn sich viele dieser Applikationen derzeit noch bestenfalls im Beta-Stadium befinden, ist die Tendenz dennoch deutlich. Doch wo liegen die Vor- und Nachteile dieser Anwendungen? Wie kann man als Betreiber damit Geld verdienen? Wie sieht das Ganze aus Entwicklersicht aus? Dieser Artikel versucht, einen Überblick über das Thema zu geben. Ein Überblick über den Status quo

Die erste wirkliche klassische Desktop-Anwendung, die ich im Netz gesehen habe war Writely, welches wenig später von Google gekauft und anschließend in Google Docs aufgegangen ist. Doch nicht nur Google bietet solche Web-Anwendungen an, es gibt noch unzählige weitere andere Betreiber, die ihr Glück auf diesem Gebiet versuchen. So stellt Zoho auf seiner Webseite eine komplette Office-Suite zur Verfügung, welche sowohl klassische Programme wie Tabellenkalkulation, Textverarbeitung und Bildschirmpräsentationen beinhaltet, aber auch über komplexe Anwendungen wie ein CRM-System oder Projektmanagement verfügt (auch wenn die beiden letzteren grundsätzlich nicht immer kostenlos sind). Technology Review hat vor kurzem einen lesenswerten Artikel über Zoho veröffentlicht.

Doch nicht nur Office-Anwendungen finden ihren Weg ins Netz. Auch Grafik-Anwendungen bahnen sich immer mehr ihren Weg dort hin: So arbeitet Adobe scheinbar an einer kostenlosen Web-Version seiner Grafikbearbeitungs-Software Photoshop. Ein bereits lauffähige Web-Grafik-Applikation gibt es bereits unter pixer.us , welche Standard-Werkzeuge wie Drehen und Skalieren von Bildern aber auch das Anwenden einiger Effekte anbietet. Betrieben wird der Dienst von der Web 2.0-Agentur construktiv (Für die ich übrigens arbeite, ganz nebenbei ;)).

 

Zoho Writer bietet eine Textverarbeitung mit allen gängigen Funktionen, die man so braucht

Was für Web-Anwendungen spricht ... und was dagegen

Der größte Vorteil von Web-Anwendungen ist wohl, dass alle erstellten Daten immer verfügbar sind, da sie nicht mehr lokal auf dem Rechner, sondern online abgespeichert werden. Das macht auch die Zusammenarbeit eines Teams an den selben Dokumenten wesentlich einfacher, als das bisher der Fall ist. Der Preis für diese Flexibilität: Man gibt die Kontrolle darüber aus der Hand, wie die Daten sowohl vor unbefugtem Zugriff als auch vor Verlust geschützt werden. Da es für ein Unternehmen untragbar wäre, ein solches Risiko einzugehen, werden diese kritische Web-Basierte Anwendungen wohl eher ins hauseigene Intranet verlagern, als einem Drittanbieter zu vertrauen. Ein Beispiel einer solchen Intranet-Web-Applikation ist der SharePoint -Server von Microsoft.

Ein weiterer großer Vorteil von Web-Applikationen ist die echte Plattformunabhängigkeit, welche diese bieten. Web-Anwendungen laufen unter jedem Betriebssystem, welches in der Lage ist, einen Browser der neueren Generation ausführen zu können. Auch wenn es in der Praxis zwar so aussieht, dass die unterschiedlichen Browsern gewisse Dinge unterschiedlich interpretieren, so folgen doch alle prinzipiell den selben Standards.

Ein häufig ins Feld geführtes Argument gegen Web-Applikationen ist, dass diese nur bei bestehender Internet-Verbindung verwendet werden können. Doch auch hier gibt es aktuelle Entwicklungen, die versuchen, dieses Manko zu zu beseitigen. Google hat zu diesem Zweck vor kurzem etwa Google Gears vorgestellt. Dieses Browser-Plugin ermöglicht es, dafür vorhergesehene Anwendungen auch offline nützen zu können. Als erste Anwendung der eigenen Produktreihe unterstützt der Google Reader Gears. Damit kann man RSS-Feeds nun auf den lokalen Rechner laden um diese dann später offline zu lesen. Firefox 3 wird aller Voraussicht nach ebenfalls das Offline-Ausführen von Web-Anwendungen unterstützen. Wie diese Unterstützung im Detail aussieht ist mir derzeit noch nicht bekannt.

Das liebe Geld

Welche Zukunft diese Desktop-Web-Applikationen vor sich haben, wird vor allem von der Frage bestimmt sein, womit die Betreiber solcher Anwendungen Geld verdienen können. Nicht nur die Entwicklung von Web-Applikationen verschlingt enorme Ressourcen. Auch der laufende Betrieb kann richtig ins Geld gehen. Wird es etwa wie bei Google Mail auch bei der Google Textverarbeitung kontextbezogene Werbung passend zum Inhalt der gerade bearbeiteten Datei geben? Oder können andere Anbieter mit klassischen Werbebannern einen solchen Dienst gewinnbringend betreiben?

Sollten sich Web-Anwendungen tatsächlich auf breiter Front durchsetzen können, werden meiner Meinung nach werbefinanzierte Modelle eher nicht ausreichen, um derart komplexe Anwendungen kostendeckend betreiben zu können. Vielmehr wird man sich wohl darauf einstellen müssen, dass man für die Anwendung solcher Software eine monatliche Pauschale zu bezahlen hat. Fraglich ist nur, ob sich solche Bezahlmodelle bei den Anwendern letztendlich auch durchsetzen können.

Entwickeln von Web-Anwendungen

Von allen monetären Dingen mal abgesehen, gestaltet sich für Entwickler das Programmieren von Web-Applikationen im Vergleich zur klassischen Softwareentwicklung derzeit immer noch etwas mühselig. Allerdings helfen viele Frameworks bei der Entwicklung, in dem sie zumindest schon mal Standardfunktionen und -verhalten wie etwa Drag&Drop bereitstellen und vor allem die Inkompatibilitäten der gängigen Browser untereinander ausgleichen. Die Bekanntesten dieser Javascript-Frameworks sind die Mootools, script.aculo.us oder die Yahoo! User Interface Libray (YUI). Jeder, der Anwendungsentwicklung im Netz betreiben möchte, sollte sich mit diesen Bibliotheken auseinandersetzen – sie sparen enorm viel Zeit bei der Entwicklung, da man sich mehr auf die eigentliche Anwendung konzentrieren kann.

Neben diesen Frameworks gibt es auch Vorschläge, in kommenden HTML-Versionen Elemente mit aufzunehmen, welche das Entwickeln von Web-Anwendungen zusätzlich erleichtern. Besonders die Bemühungen der Web Hypertext Application Technology Working Group zielen genau in diese Richtung. Die mit WHATWG abgekürzte Arbeitsgruppe, die als Alternative zum W3C-Konsortium antritt, entwickelte den Entwurf von HTML 5, welches Elemente wie Fortschrittsanzeigen oder Eigenschaften wie "draggable" vorsieht.

Die Web-Entwicklung selber nimmt ohnehin immer mehr Anleihen bei der klassischen Applikationsentwicklung. So stößt man immer häufiger auf echte RAD-Umgebungen (Rapid Application Development) für das Web. So nennt man Entwicklungswerkzeuge, in denen man auf einem Formular Objekte platziert und diese mit Events versieht - Eine Anwendung also "zusammenklickt", um es salopp zu formulieren. Eine solche Entwicklungsumgebung ist der Visual Web Developer von Microsoft (welcher in der Express-Version sogar kostenlos verfügbar ist), aber auch für andere Sprachen gibt es solche Umgebungen von vielen unterschiedlichen Anbietern, für PHP wird etwa von Codegear (Borland) das Produkt «Delphi for PHP« angeboten, welches tatsächlich mehr als ein Werkzeug zum Schreiben von Windows-Applikationen erinnert, als an ein Entwicklungswerkzeug für PHP.

Fazit

Dass sich das Web von einer Plattform zum Bereitstellen von Dokumenten hin zu einer Plattform für den Betrieb von Anwendungen entwickelt hat, ist ein Faktum, an dem kein Weg vorbei führt. Was sich heute jedoch noch größtenteils in einem experimentellem Stadium abspielt, könnte in naher Zukunft schon zu knallharten Geschäftsmodellen heranwachsen. Voraussetzung ist, dass die Betreiber solcher Web-Anwendungen auch Wege finden, ihre Dienste lukrativ betreiben zu können. Dann könnte die Zukunft so aussehen, dass zusätzlich zum Betriebssystem nur mehr ein Browser notwendig ist, um alle Anwendungen ausführen zu können, die man so braucht. Ein spannender Gedanke!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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