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19.10.12 07:10

, von Martin Weigert

Zielgruppe "passive Jobsucher": Poachee animiert Angestellte, sich abwerben zu lassen

Das Berliner Startup Poachee will mit ihrer derzeitigen Jobsituation bedingt zufriedene Angestellte dazu bringen, sich abwerben zu lassen. Es zielt damit auf den Großteil aller Arbeitnehmer ab.

"Sind Startups Sklavengaleeren im Dienste weniger Profiteure?", fragte Gründerszene-Chefredakteur Joel Kaczmarek vor einigen Wochen im Hinblick auf lange Arbeitstage, geringes Gehalt und unbefristete Arbeitsverhältnisse in die Runde. Und während die Antwort sicherlich nicht simpel "ja" oder "nein" lautet, stimmt es, dass Startup-Angestellte mitunter eine dicke Haut benötigen, um mit dem hohen Entwicklungstempo, kurzfristigen Planänderungen und der generellen Unsicherheit, was in einem Monat sein wird, klarzukommen. Insofern wird es bei den zahlreichen Jungunternehmen im Internetsektor nicht wenige Team-Mitglieder geben, die einen Branchen- oder Arbeitgeberwechsel nicht ausschließen. Das neue Berliner Startup Poachee hat ein Angebot für Personen entwickelt, die eine grundsätzliche Bereitschaft für neue berufliche Abenteuer aufweisen, aber ihre aktuelle Anstellung nicht durch öffentliche Gesuche und Mitgliedschaften bei Jobbörsen riskieren wollen oder können.

Der Ansatz von Poachee, über das deutsche-startups.de gestern berichtete, ist denkbar einfach: Wer mit der eigenen Jobsituation unzufrieden ist, kann auf der Website der Berliner ein anonymes Profil erstellen und sich anschließend von nach Talenten suchenden Firmen abwerben lassen. Ein derartiges Profil beinhaltet den derzeitigen Jobtitel, den aktuellen Standort, sowie Angaben zu besonderen Kenntnissen, zum momentanen Gehalt und zur Anzahl der Jahre mit Arbeitserfahrung. Weiterhin werden an Kontaktaufnahmen durch Recruiter Interessierte um ihre gewünschten Tätigkeitsbereiche, bevorzugte Branchen und Regionen sowie eine Auskunft zu ihrem Wunschgehalt gebeten. Ist das erledigt, muss nur noch eine E-Mail-Adresse zur Kontaktaufnahme und eine Nachricht an Recruiter mit Informationen zur Motivation für den Jobwechsel hinterlassen werden. Ein Klick auf "Wirb mich ab" speichert das Profil und macht es für Recruiter und Headhunter zugänglich. Diese können bei Poachee eine exklusive Einladung zum Mitgliederbereich anfragen und daraufhin in der Datenbank nach potenziell geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten suchen, mit denen sie in eine Dialog treten möchten.

 

Bedenkt man, dass sich in der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen 76 Prozent der Arbeitnehmer eine berufliche Veränderung wünschen, und bei 31- bis 40-Jährigen immer noch 62 Prozent, erscheint offensichtlich, dass sich Poachee-Gründer Florian Röllig wenig Sorgen darüber machen muss, schnell eine signifikante Zahl an Jobprofilen bei Poachee ansammeln zu können. Die Herausforderung dürfte stattdessen darin liegen, den Personalern seriöse und qualitative Kandidaten zu präsentieren. Da die vollkommen kostenfreie Profilanfertigung anonym verläuft und in einer Minute abgeschlossen werden kann, ist das Risiko für halbherzige oder nicht ernst gemeinte Einträge hoch. Sobald von Poachee mit einem Mitgliederzugang ausgestattete Recruiter das Gefühl bekommen, bei Kontaktaufnahmen über Poachee ihre wertvolle Zeit zu verschwenden, fällt das gesamte Konzept in sich zusammen.

Der Beta-Stempel und ein attraktives Preismodell sollen dafür sorgen, dass in der Anfangsphase solche Personalspezialisten und Headhunter partizipieren, die bereit sind, sich durch Feedback und etwas Geduld an der Verfeinerung und Ausarbeitung des Poachee-Ansatzes zu beteiligen. Im Gegenzug dürfen sie den Dienst bis ins erste Quartal 2013 kostenfrei verwenden. Die Monetarisierung des von Poachee-Chef Röllig bisher aus eigener Tasche finanzierten Startups soll danach durch ein Freemium-Modell für Recruiter erfolgen, bei dem ab einer bestimmten Anzahl an Kontaktaufnahmen pro Monat Geld fällig wird.

Poachee bezeichnet sich als Dienst, der speziell für passive Jobsucher entwickelt wurde. Im selben Terrain fischt auch der Zürcher Konkurrent Silp, der im Sommer seine Pforten öffnete. Anders als Poachee setzt Silp auf die Kraft der Vernetzung über Facebook und verspricht Jobsuchenden, dass ihr Traumjob sie über ihr Kontaktnetzwerk findet. Im Wettbewerb steht der Berliner Dienst sicherlich auch mit den Geschäftsnetzwerken Xing und LinkedIn, bei denen Mitgliederprofile allein durch ihre öffentliche Existenz als Instrument der passiven Jobsuche dienen.

Niemand profitiert davon, wenn Menschen zu lange in Tätigkeiten oder Arbeitsumfeldern festhängen, für die sie sich nicht begeistern können oder in denen sie sich unwohl fühlen. Poachee kann seinen Beitrag dazu leisten, mehr glückliche Arbeitnehmer und damit auch zufriedene Arbeitgeber hervorzubringen. Sofern das Konzept aufgeht.

Link: Poachee

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