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16.10.08

Zeit-Magazin intern: Gaschke nervt Martenstein

Wie weit kann, darf, soll die Meinungsvielfalt innerhalb einer Publikation, eines Verlags gehen? Ein konkretes Beispiel aus dem Zeit-Magazin – und ein Plädoyer.

Wir haben die Frage kürzlich behandelt, als ein Kolumnist der Sonntagsausgabe einer schweizer Boulevardzeitung sich negativ über die Tagesausgabe äusserte. Doch sie ist nach wie vor ungeklärt. Wie weit sollen / dürfen sich Publizisten innerhalb einer Publikation uneinig sein? Darf ich, soll ich hier einen Beitrag schreiben, wie wenig mir der Artikel von Klaus Jarchow zur Finanzkrise gefallen hat?

Ich bin für Meinungspluralismus, aber was ist mit der Marke, die Blick, die medienlese.com oder die Zeit-Magazin heisst? Wird sie beschädigt durch interne Meinungsverschiedenheiten? Schwierig zu sagen. Versuchen wir es mit einem Beispiel. Die Akteure: Susanne Gaschke und Harald Martenstein, Journalisten für das Zeit-Magazin.

Am 1. Oktober 2008 erscheint ein Text von Susanne Gaschke mit dem Titel "Der Fluch der Nervensägen". Sie nervt sich in einem sicher schon unzählige Male so oder so ähnlich erschienenen feministischen Text, dass Frauen, sobald sie erfolgreich sind, gerne als "nervig" oder "anstrengend" abgestempelt werden. Aber das werden Männer auch. Andere Frauen, ebenso erfolgreich wie Feministinnen, nehmen wir zum Beispiel Madonna oder Angelina Jolie, werden nur selten so dargestellt (Irrtum vorbehalten, ich lese die Klaschpresse nur sehr am Rande...).

Gleiche Publikation, zwei Ausgaben später, am 16. Oktober 2008, die Retourkutsche von Harald Martenstein. Im Text "Der Besserverdienenden-Feminismus" verlinkt er auf den Gaschke-Text, den ihn "fast vom Stuhl gehauen" habe und schreibt dagegen: "Dieser Besserverdienenden-Feminismus geht mir auf die Nerven".

Er legt seine Sicht der Emanzipation dar: "Emanzipation bedeutet, glaube ich, dass man, solange es nicht um Sexualität geht, in erster Linie nicht mehr als Frau oder als Mann wahrgenommen wird, sondern wegen anderer Eigenschaften. Das kann im Einzelfall auch bedeuten, dass man als ein kolossales Arschloch wahrgenommen wird. Da hilft Jammern wenig. Da ist dann auch nicht die Gesellschaft schuld."

Und er macht Solidarität an Taten fest: "Falls das Wort 'Frauensolidarität' etwas bedeuten würde, dann würden sie sich um die Frauen sorgen, die gesteinigt, zwangsverheiratet oder zwangsweise beschnitten werden, das gibt es ja alles noch, aber nein, am wichtigsten sind ihnen ihre kleinen Karriereprobleme."

Ich nehme diesen Fall positiv auf. Zwei Artikel, zwei Standpunkte, zwei Argumentationslinien. Ich wurde zum denken angeregt und kann so meine eigene Argumentation prüfen. Nennt man nicht genau das Meinungsbildung?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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