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23.02.08Leser-Kommentare

Zehn Regeln für angehende Musterpatrioten: Mach mir den Matussek!

Der Matthias Matussek, frischerkorener Ex-Kulturchef des Spiegel, ist bekanntlich der Erfinder des Neo-Patriotismus: "Matthias Matussek (* 9. März 1954 in Münster) ist ein deutscher Journalist und Publizist, der durch seinen streitbaren Konservatismus und Patriotismus für Aufsehen sorgt".

Der Neo-Patriotismus war eine zugkräftige Medienmasche, die recht einträglich lief, damals, als viele unserer inzwischen manchmal recht gnadenbrötlerischen Alphajournalisten jeden besseren Leitartikel mit schwarzrotgüldenen Fähnchen tapezierten und über ein neues deutsches Selbstverständnis jubelten, das endlich - anders als sie - ganz ohne Komplexe sei. Wer also in ihre Fußstapfen treten möchte, wem der Sinn nach Anbiederung an den patriotischen Zeitgeist oder auch nur nach einer karriereförderlichen CDU-Mitgliedschaft steht, dem mag meine Hilfestellung gerade recht kommen.

Da der Herr Matussek in den letzten Monaten vor allem via Videoblog zum Volk zu sprechen pflegt, wobei er die Schriftform arg vernachlässigt, habe ich sein bekanntes Deutschlandradio-Interview, wo er dem Jürgen Liminski seinen neuen Patriotismus am sinnfälligsten erläuterte, als Vorlage für diese Lehrstunde genommen. Ich werde mich dabei bemühen, nicht nur möglichst anschaulich, sondern auch recht freundlich zu schreiben, da der Matthias Matussek ein stadtbekannter Choleriker und Kollerer ist, und mir am Ende sonst ein Leides täte.

Hier also zehn Regeln, um es in fünf Minuten zum Musterpatrioten zu bringen:

1. Bejahen Sie grundsätzlich alles, was Ihnen vor die Flinte läuft: "Wir haben ... eine Bejahungswelle erlebt"; "Ja, das ist Nationalismus ..."; "Ja also, ja ohne Zweifel ..."; "Ja, es ist richtig ..." - kurzum: Dein Reden sei 'Ja!, Ja!, Ja!' und niemals 'Nein'. Geben Sie sich einfach Íhrem ungebrochenen Bejahungswillen so hin, wie die hingerissenen Mädels dem Brad Pitt.

2. Greifen Sie wie ein Messerverkäufer vorm Möbelmarkt ganz tief in den Eimer mit Ekstatischem: Artikulieren Sie ihr "Jubelbedürfnis", inszenieren Sie rings um Ihr innovatives Produkt namens 'Neo-Patriotismus' "einen Tanz in den Straßen, wie wir ihn vorher noch nicht gehabt haben nach dem Kriege". Sie werden sehen, Ihr Text "stellt alles in den Schatten", auch wenn in ihm die Sonne nicht scheint.

3. Als geborener Anwender neuer Medien scheuen Sie bitte bei der Wortlänge keinen 'Schwanzvergleich' - nur so erzeugen Sie bei Minderbegabten die notwendige Demut - zum Beispiel mit einem höchstlängenpreisverdächtigen: "Nationenzusammengehörigkeitsgefühl". An dem daraus entstandenen Imponiervokabellianengestrüpp schwingen sie sich dann mit einem maskulinen Strahlelächeln wie Johnny Weissmüller durch die Zeilen.

4. Schaffen Sie Helden, jede gute Geschichte braucht schließlich einen solchen Dummbold. Machen Sie also aus dem schwäbischen Bäckerbuben einen visionären Parziwaller hier auf Erden. Schwadronieren sie von einer "Legendengestalt", die "alle Ingredienzien eines Helden" besäße (nebenbei: 'Ingredienzen' finden wir auch nicht bei Jedermanns unterm Sofa) - und gipfeln sie in einer jesusgleich gen Himmel schreienden Klimax: "Er hat sich gegen Widerstände durchgeboxt. Er begann als absoluter Außenseiter und steht jetzt sozusagen als strahlender Held im Zentrum der Zuneigung." Flechten Sie anschließend für die historisch Beflissenen noch ein wenig "Kennedy" und sogar "Tony Blair" in den Zeilensalat. Schenken Sie sich am Schluss das im Sakralraum übliche 'Hallelujah!'.

5. Machen Sie aus jeder Banalität ein Argument. Zum Beispiel aus Ihrem zweitägigen Aufenthalt in Buxtehude neulich - oder aus dem bevorstehenden Rockpalast-Konzert am Rhein, für das Sie als Kulturspezl einige Freikarten abstauben konnten:

 

"[U]nser Land [ist] schön, landschaftlich schön. Es gibt immer zunehmend mehr Leute, die jetzt im eigenen Land Urlaub machen - das mache ich dieses Jahr mit meiner Familie auch, Urlaub, und fahre zur Loreley, weil ich da noch nie gewesen bin".

Lassen Sie als Begleitmusik in Ihren Texten die guten, alten Eichendorffschen Wälder noch einmal so patriotisch lispeln und raunen, wie einst im romantischen Mai, auch wenn faktisch längst Borkenkäfer und Borreliose dort hausen.

6. Stellen Sie schrille Thesen auf. Es macht dabei gar nichts, wenn Beispiele wie Belgien und auch der Kleinstaat Kosova nebenan sie sofort als gedankenflüchtigen Absurdisten outen. Merken Sie sich bei diesem Anlass bitte ein für allemal eins - im Patriotismus ist nur wichtig, was gut klingt und lauthals von neuen Werten singt:

 

"Alle Nationen haben natürlich im Moment diese Rückwendung auf das Eigene, auf die eigene kulturelle Identität, auf die Nation. Das ist ja eine spannende welthistorische Situation im Moment: Es gibt dieses Aufsteigen neuer Mächte, es gibt die Globalisierung, es gibt eine grenzenlose Internationalisierung durch die Medien, durch den Markt und so weiter. Und gleichzeitig wächst in allen Nationen dieses Gespür, dieses Bedürfnis nach dem je Eigenen, nach der kulturellen Identität".

Dieses realitätsenthobene Verfahren, das Kochexperten die Al-Gusto-Argumentation nennen, gibt Ihrem Text dann den gewissen Blubb, feinere Nasen sprechen von Haut Gout.

7. Orientieren Sie sich in Ihrer Redeweise an großen Vorbildern, wie der Matussek hier unzweifelhaft an dem bayrischen Riesenstaatsmann Edmund Stoiber:

 

"Die erste geschlossene Geschichtsausstellung, die sozusagen in der Zeitenwende beginnt und die präsentiert 2000 Jahre stolze deutsche Geschichte, die auch zum großen Teil eben Kulturgeschichte, und das ist spannend, was da der Öffentlichkeit sozusagen für Räume eröffnet werden".

Schon - das erkennen Sie an den anerkennenden Blicken des Publikums - wirken Sie bedeutender, weil Sie niemand mehr versteht. Ignorieren Sie später alle Abmahnschreiben, die Ihnen Edmund Stoibers Anwalt wegen Plagiatorentums zuschickt.

8. 'Quod licet Iovi non licet bovi' - machen Sie als patriotischer Anfänger eins nie: Kritisieren Sie bitte niemals, niemals, niemals Angela Merkel. Jedenfalls dann, wenn Sie im Neo-Patriotismus und in all den anderen Wertewinden aus den diversen konservativen Abluftanlagen noch Karriere machen möchten. Das dürfen Sie erst ab einer gewissen Flughöhe, dort oben am Rande der Parnass-Caldera, wo der Matussek spielerisch wie ein roter Baron der Angela um die Nase schwirrt:

 

"Wir, es waren ja große Erwartungen - auch meinerseits - geknüpft an Angela Merkel, weil sie ja eine ostdeutsche Kanzlerin ist, oder eine Kanzlerin mit dieser anderen Vita. ... Aber, sie scheint eine geschickte Taktiererin zu sein, aber das, was sie an Politisch-Visionärem vorgelegt hat, das ist eher zu vernachlässigen."

9. Knüpfen Sie unbedingt an das neue Hurra-Gefühl die erwünschten sozialpolitischen Konnotationen, so wie einst das Wilhelminische Deutschland seine Flottenpolitik in den flotten Matrosenanzug steckte:

 

"Umfragen zeigen ja, dass die Deutschen ... im Prinzip zu schmerzhaften Einschnitten bereit sind. ... [Ich] glaube, dass es ein Nationenzusammengehörigkeitsgefühl braucht, um gerade durch schwierige Zeiten zu kommen und zu sagen: Okay, das muss jetzt sein, diesen Einschnitt machen wir. Und da ist Patriotismus natürlich sehr tauglich".

10. Wiederholen Sie sich ruhig des öfteren. Dem Pöbel muss sowieso alles eingebläut werden:

 

"Also, wenn wir nun Fahne zeigen, zeigen wir sie mit einem sehr wachen Verstand - nicht nur mit glühendem Herzen, sondern auch einem sehr wachen Verstand.

Soweit also mein kleines Exerzitium aus dem Reich des modernen Patriotismus. Möge die Nation jetzt neben Matussek erwachen! Wer aber soll das Schlusswort sprechen? Ich finde, es ist nur fair, wenn dies der Kollege auch noch erledigt:

 

"Nur, glaube ich, betonst Du die Spaßseite ein bisschen mehr, und ich sage, dass hinter diesem Flaggenschwenken auch ein bisschen das Kriegsspiel ist, das Abgrenzungs- und Streitspiel, was der Mensch ja braucht. ... Tschüss."

Und tschüß!

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Frank

    24.02.08 (17:29:21)

    Jau, darum mehren sich jetzt auch die Patrioten (Arbeitgeberchefs, Pressesprecher von Parteien und so), die das Mehrheitswahlrecht nach britischem Muster fordern, damit den Linken Einhalt geboten werden kann.

  • Klaus Jarchow

    24.02.08 (19:08:08)

    Nun ja - das entstehende Fünfparteiensystem, das sich immer mehr verfestigt, zeigt zugleich, wie effektiv das mediale Patriotismus-Gebolze ist. Fähnchenschwenken hilft über die eigenen Interessen einfach nicht hinweg - und niemand außer den eh schon Überzeugten hört auf den Staatsmann Matussek. Der erwünschte Effekt tritt jedenfalls nirgendwo ein. Patriotismus bleibt bloß 'ne Föjetonnisten-Idee - man hat dann was, um die Spalten zu füllen. Wie sagt Nestroy: "Die einzig vernünftige Nation ist die Resignation ..."

  • bioadapter

    20.03.08 (18:57:16)

    Matussektum gut auf den Punkt gebracht

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