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13.05.13

Zattoo bekommt Konkurrenz: Magine plant Deutschlandstart im Sommer

Trotz der schwierigen rechtlichen Lage, die Zattoo seit Jahren am Wachstum hindert, plant der schwedische Live-TV-Anbieter Magine den Eintritt in den deutschen Markt.

MagineTrotz der vergleichsweise komplizierten Rechtelage fand der Schweizer Live-TV-Anbieter Zattoo in Deutschland bisher ein gutes Marktumfeld vor: Denn er war - und ist immer noch - der einzige Dienst seiner Art. Nutzern, die lineare Fernsehprogramme über Rechner oder mobile Apps streamen und dabei nicht auf illegale Services ausweichen möchten, steht bisher allein Zattoo zur Verfügung. Und mit der kommenden Integration der RTL-Sender gewinnen die Zürcher für hiesige Anwender künftig noch an Attraktivität.

Doch die Zeiten, in denen Zattoo im deutschen Markt ganz von Konkurrenten ungestört schalten und walten konnte, neigen sich dem Ende zu. Der junge schwedische Wettbewerber Magine hat laut lokalen Medien angekündigt, im Sommer über den heimischen Markt hinaus expandieren zu wollen. Die ersten zwei Auslandsmärkte für die Stockholmer sollen Deutschland und Spanien sein, gefolgt von Großbritannien. Drei Jahre lang hat das auch schon von der internationalen Tech-Presse entdeckte Startup an seinem Streamingdienst für Live- und On-Demand-Fernsehen gearbeitet, 8,3 Millionen Dollar flossen bisher in die Entwicklung. Im Herbst stellten wir die Funktionalität von Magine vor, nachdem ich das Glück hatte, an eine Beta-Einladung zu gelangen. Seit Ende März ist Magine offiziell in seinem Heimatland verfügbar und bietet ein aus sieben Kanälen bestehendes Gratisangebot sowie ein monatliches Abo mit etwa 30 Kanälen zum Preis von 99 schwedischen Kronen (rund 12 Euro).

Mit welchem Angebot und welcher Preisstruktur die Nordeuropäer hierzulande an den Start gehen werden, dazu gibt es derzeit leider keine Informationen. Unsere Anfragen dazu blieben unbeantwortet. Sehr wahrscheinlich ist, dass Magine analog zu Zattoo konzeptionelle Anpassungen für Deutschland vornehmen muss. Der Schweizer Dienst muss bei uns aufgrund einer ungeklärten Rechtslage etwa auf das Anbieten des bei Schweizer Usern beliebten Onlinevideorekorders verzichten. Auch Magine stellt seinen Anwendern ein entsprechendes Feature bereit, das von der Usability deutlich aufregender gelöst wurde als bei dem Wettbewerber aus der Alpenrepublik. Wenn diese Funktion jedoch für deutsche Anwender entfernt werden muss, würde dem Startup ein wirkliches Alleinsstellungsmerkmal fehlen. Auch bleibt offen, ob es den Schweden gelingt, ebenfalls die RTL-Gruppe mit ins Boot zu holen - oder gar ProSiebenSat.1, das sich bisher der Partizipation bei Zattoo entzieht.

Möglich wäre, dass Magine auch in Deutschland sein zweistrahliges Modell aus Gratispaket mit einer begrenzten Zahl an vorrangig öffentlich-rechtlichen Sendern und einem kostenpflichtigen Premiumpaket mit einer deutlich größeren Senderauswahl im höheren Preissegment von etwa zehn Euro lancieren wird. Dann ließen sich womöglich zumindest für das Abo die Bedenken der Rechteinhaber bezüglich einer Aufnahmefunktion aus dem Weg räumen, da ihnen eine unmittelbar Vergütung winken würde. Zattoos "HiQ Paket" ist dafür mit 3,75 Euro pro Monat mutmaßlich zu niedrig bepreist.

Ein wenig verwundert es, dass Magine ausgerechnet Deutschland als einen der zwei ersten Auslandsmärkte wählt. Immerhin hat Zattoo selbst nach vielen Jahren hierzulande noch nicht den durchschlagenden Erfolg, den sich das Unternehmen erhoffte. Eben auch deshalb, weil die schwierige Rechtslage unpopuläre Einschnitte erfordert. Andererseits bedeutet dies, dass es noch viel zu holen gibt, sofern ein Anbieter es schafft, die Contentseite vollständig mit ins Boot zu holen. Magine profitiert hier natürlich auch von der durch Spotify geleisteten Pionierarbeit. Bei einem schwedischen Startup, das sich auf die Fahne geschrieben hat, Fernsehen neu zu erfinden, schauen viele nun zweimal hin.

Schon einmal schickte sich mit Voddler ein schwedisches Jungunternehmen an, das "Spotify für Video" zu werden. So richtig wurde daraus jedoch nichts. Mattias Hjelmstedt war einer der Gründer von Voddler und gehört nun auch zur Startcrew von Magine. Er sowie seine Mitstreiter Michael Werner, Håkan Tranvik und Erik Wikström werden es kaum leichter haben als Spotify-Chef Daniel Ek, von einem im einheimischen Markt bejubelten Medienliebling zu einem tonangebenden internationalen Innovator und Disruptor aufzusteigen. Speziell der US-amerikanische TV-Markt wirkt den Erfahrungen des dortigen Magine-Pendants Aereo nach zu urteilen noch unwirtlicher als das Musiksegment. Doch das Magine-Quartett wird sich denken, dass, wenn es einmal geklappt hat, es ruhig auch ein zweites Mal funktionieren könnte. Allein für den Mut verdienen sie Respekt. /mw

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