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17.02.11Leser-Kommentare

Zahlungssystem One Pass: Google umgarnt die Verlage

Mit One Pass startet Google ein Bezahlsystem für Onlineinhalte, das die Interessen von Presseverlagen stärker berücksichtigt als Konkurrent Apple. Dass Nutzer für Artikel nun in Scharen ihr Portemonnaie zücken, ist jedoch unwahrscheinlich.

 

Einen Tag, nachdem Apple den Startschuss für seine Abonnements-Funktion für iOS gegeben und aufgrund neuer restriktiver Regeln für einen mittleren Aufruhr im Netz gesorgt hat, kontert Google mit einem eigenen Bezahl- und Abodienst für Inhalteanbieter.

Google One Pass nennt sich die Funktion, die vorerst nur Contentsites aus Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien und den USA implementieren können. Dass der Internetriese an einer entsprechenden Lösung arbeitete, war seit Sommer vergangenen Jahres bekannt (damals wurde noch der Name "Newspass" kolportiert).One Pass ist im Prinzip das exakte Gegenteil zu Apples Abo-System: Google fordert im Gegensatz zu Apple keine 30-prozentige Umsatzprovision sondern behält lediglich 10 Prozent der Erlöse, versorgt Verlage mit ausgewählten Anwenderdaten (Nutzer können dies aktiv per Opt-Out ausschalten) - Apple hingegen erbittet von Usern die aktive Zustimmung zur Datenweitergabe - und spart sich Auflagen für Contentanbietern, was den Einsatz alternativer Zahlungswege betrifft. In Deutschland setzen zum Launch die Axel Springer AG, Focus Online und stern.de auf One Pass.

Während Apple seine eigenen Profitinteressen sowie die Benutzerfreundlichkeit seiner Plattform in den Vordergrund stellt, scheint One Pass vor allem darauf ausgelegt zu sein, die sonst eher Google-kritischen Presseverlage zufriedenzustellen. Letztlich ist One Pass eine verlagsübergreifende Paywall-Lösung, die für Nutzer den Vorteil bietet, Rechnungsdaten zentral bei Googles Zahlungsdienst Checkout zu verwalten.

Über One Pass vertriebene Inhalte können laut Pressemitteilung von Google von verschiedenen Geräten wie Laptops, Smartphones oder Tablets aus abgerufen werden. Ein Erwerb von Inhalten (einzelne Artikel oder Abos) ist auch über mobile Geräte möglich, erfordert jedoch einen Zahlungsprozess außerhalb einer nativen Applikation - für Plattformen wie Apples iOS, die eine derartige Praxis untersagen, steht One Pass somit nicht zur Verfügung.

Inhalteanbieter, die One Pass verwenden, definieren über eine Adminoberfläche die Seiten ihrer Onlinepräsenz, die durch One Pass geschützt werden sollen. Außerdem muss einer entsprechenden Artikelseite ein Code-Element hinzugefügt werden.

Bisher scheint One Pass weder bei stern.de noch bei focus.de implementiert worden zu sein. Bild.de aus dem Axel Springer Verlag kündigt aber bereits an, One Pass ab Samstag für die Live-Übertragung von Spielen der türkischen Fußball-Liga einzusetzen. Die Preise dafür sollen zwischen 5 und 15 Euro pro Spiel liegen. Dies ist sicher ein eher kreatives Anwendungsbeispiel, solte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine ganze Reihe von Verlagen One Pass dafür nutzen werden, Teile ihrer online abrufbaren Texte hinter eine Bezahlschranke zu verfrachten.

Genau dieses Vorgehen jedoch gilt als umstritten . Es setzt voraus, dass Nutzer im stationären Internet wie selbstverständlich für den Zugriff auf einzelne Artikel das Portemonnaie zücken, statt sich nach einer kostenlosen Alternative umzusehen. Solange es Gratisangebote gibt, welche die neue Aufmerksamkeit und das damit verbundene Vermarktungspotenzial nutzen wollen, ist dieses Selbstverständnis aber nicht gegeben.

Unklar ist zur Zeit noch, inwieweit mit One Pass gesicherter Content trotzdem über Google auffindbar ist. Da ein Ausschluss entsprechender Inhalten von der Suchmaschine selbstmörderisch wäre, ist davon auszugehen, dass die Indexierung durch eine One-Pass-Partizipation nicht negativ beeinflusst wird. Doch wie sicher können Anwendern dann sein, dass Google solche Suchergebnisse, die am One-Pass-System teilnehmen, nicht sogar bevorteilt? Ein klares Interesse daran hätte es.

Googles Vorstoß in den Markt der Bezahllösungen für Inhalte wirft damit nicht nur erneut die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Paid Content auf, sondern auch die nach Interessenkonflikten und Suchneutralität. Vorwürfe, dass Google eigene Services bei den Suchresultaten bevorzugt, wäre kein Novum.

Kommentare

  • joschi

    17.02.11 (09:23:03)

    Googles Vorstoß […] wirft damit […] die Frage nach […] Suchneutralität [auf]. Wie an anderer Stelle schon ausgeführt wurde, kann es so etwas wie Suchneutralität (search neutrality) nicht geben. Die Relevanz der Suchergebnisse ist für den Einzelnen immer subjektiv, je nach Intention und Erwartung gegenüber der Suche an sich.

  • Martin Weigert

    17.02.11 (09:35:01)

    Suchneutralität bedeutet für mich, dass Algorithmen in größtmöglichem Maße das Ranking bestimmen, und dass die Zahl der äußeren Eingriffe auf ein Mindestmaß reduziert wird. Ich denke auch nicht, dass es eine absolute Suchneutralität gibt. Allein das Herausfiltern von Spam ist ja ein Eingriff und zudem einer, der in der Tat subjektiv beurteilt werden kann. Aber es sollte dennoch Grenzen geben. Ich will gar nicht behaupten, dass Google diese überschreitet. Das Problem liegt allein in dem potenziellen Interessenkonflikt, der für Spannungen sorgen wird. Wenn ein aktueller Artikel, der auf One Pass setzt, bei Google vor einem anderen Beitrag zum selben Theme erscheint, der nicht das One-Pass-System einsetzt, wird es automatisch zu Vorwürfen kommen, Google bevorzuge One-Pass-Anbieter. Egal ob dies stimmt oder nicht.

  • Ralf-Thomas Hillebrand

    17.02.11 (10:43:41)

    Ich glaube, das Problem ist noch etwas komplexer: Gerade hat doch Google erst eine Browserextension für seinen Chrome-Browser freigegeben, mit der man ganze Websites aus seinem persönlichen Suchergebnis verbannen kann. Seiten mit einer Bezahlschranke kann ich also mit einem Klick aus meinem virtuellen Dasein verbannen. Die Extension meldet aber meine Verbannungen auch an die Google-Zentrale, denn die Kernidee hinter der Extension ist es offensichtlich, so etwas wie einen Korrekturfaktor für den Google-Algoritmus zu bekommen. Was aber nun mit den Zeitungs-Websites, die von den Usern verbannt werden? Mir scheint, Google wird dann eben genau den Tugendpfad der Neutralität aufgeben müssen, sonst ist eines der beiden Projekte (One Pass oder Extension) sinnlos. Oder Google ist mittlerweile so groß, dass die Rechte nicht weiß, was die Linke tut.

  • Chron2

    17.02.11 (11:37:41)

    Die geplante App Version ist mir noch nicht so ganz klar. Werden die Apps dann von den Verlagen erstellt oder stellt Google eine zentrale App zur verfügung?

  • Martin Weigert

    17.02.11 (14:05:15)

    Ich deute die Google-Meldung so, dass es keine spezifische App-Version geben wird, aber dass z.B. Bild.de (als Beispiel) in einer App Inhalte via One Pass anbieten kann, und User müssen sich dann durch einen Link aus der App raus in den Browser authentifizieren. Oder so. Scheint ja auch für Google vorerst ein Testballon zu sein. Wenn's gut läuft, wäre sicher eine native Integration in Android vorstellbar. Aber genau weil es für mobile Geräte nach einer suboptimalen Usability klingt, könnte One Pass sein einziges echtes Potenzial - nämlich in Apps - verschenken.

  • Martin Raißle

    17.02.11 (16:09:28)

    Ich glaube die "Rückflüsse" von der Extension gehen nicht automatisch in das Suchergebnis anderer Nutzer ein sondern werden erst nochmal von Googles Mitarbeitern beäugt. Abgesehen davon sehe ich nicht unbedingt einen Grund, warum ich Anbieter, bei denen ich bezahlen muss, aus meinen Ergebnissen streichen sollte. Für bestimmte Publikationen bin ich durchaus bereit zu zahlen (zB Die Zeit und taz), solange die Qualität stimmt. Ich weiß natürlich, dass das nicht alle so sehen, aber ich denke, die Zahlungsbereitschaft ist unter den Extensionbenutzern relativ hoch (im Vergleich zur Grundgesamtheit der Webnutzer), einfach weil sie eben Qualität suchen (und deshalb Spam entfernen).

  • Oliver Springer

    18.02.11 (16:10:26)

    Diejenigen User, die gezielt kostenpflichtige Angebote aus ihren Trefferlisten entfernen, werden sehr wahrscheinlich tatsächlich kein Geld ausgeben. Ist also nicht schlimm. Außerdem darf man nicht übersehen, dass die wenigsten Websites einen radikalen Ansatz wählen werden und gleich ihren ganzen Content hinter die Paywall schaffen werden. Ein gutes Gratis-Angebot ist immer noch die beste Werbung für das Premium-Angebot.

  • Oliver Springer

    18.02.11 (16:17:17)

    Ich sehe den angesprochenen Interessenkonflikt so nicht. Google verdient viel Geld mit Anzeigen im Content-Netzwerk. Wo Geld bezahlt werden muss, wird es weniger Werbung zu sehen geben. Ob die Websites mit Paid Content für Google lukrativer sind, muss sich erst zeigen. Google verdient jedenfalls sowohl auf für den User kostenlosen als auch mit kostenpflichtigen Websites. Inhalte, für die Nutzer zu zahlen bereit sind, stärker zu gewichten, könnte übrigens sinnvoll sein. Angesichts der Massen an Gratis-Inhalten müssen sich diese - sofern tatsächlich dafür bezahlt wird - sich positiv hervorheben.

  • Ralf Kaumanns

    24.02.11 (08:34:59)

    "Unklar ist zur Zeit noch, inwieweit mit One Pass gesicherter Content trotzdem über Google auffindbar ist." Die Indexierung erfolgt mit dem "Five Clicks Free"-Ansatz. Der Publisher kann definieren, welche Inhalte ein Nutzer sehen kann, bevor er zum Paywall kommt. Die Indexierung erfolgt jedoch über den gesamten Inhalt und wird entsprechend auffindbar sein. Hierzu weitere Infos: http://googlenewsblog.blogspot.com/2009/12/update-to-first-click-free.html Ich gehe davon aus, dass in den SERPs eine Möglichkeit kommen wird, mit der zwischen Paid und Free Content gefiltert werden kann... zumindest im Kontext von Google News.

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