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15.07.06Leser-Kommentar

YouTube und Co.: "Long Tail" oder "Winner takes it all"?

Ich lese gerade das neue Buch "The Long Tail: Why the Future of Business Is Selling Less of More" von Wired-Chefredakteur Chris Anderson (Buchbesprechung folgt, sobald ich fertig bin). Seit Andersons Artikel zu diesem Thema erschienen ist, ist das Long-Tail-Konzept zur vermutlich einflussreichsten Idee der Web-2.0-Welle geworden. Kurz gesagt geht es darum, dass in unserer Zeit der unbegrenzten digitalen Verfügbarkeit von Content der Trend weg geht von Hits, hin zu sehr vielen, sehr kleinen Nischen. Das ist zu beobachen in der Musikbranche, bei Buchverkäufen, für Blogs, für Video usw.




In diesen Zusammenhang passt gut die Meldung, dass die populärste Videosite YouTube gerade die Marke von 100 Millionen Video-Abrufen geknackt hat. Und zwar nicht etwa pro Monat oder pro Woche, sondern pro Tag.




YouTube ist das "Poster Child" der Long-Tail-Revolution: Ganz, ganz viele Leute schauen sich täglich ganz, ganz viele verschiedene Kurzvideos an, die nicht notwendigerweise von überragender Qualität sind. Das meistgesehene Video auf YouTube hat etwa 28.7 Millionen Zuschauer erreicht und zeigt einen Comedian, der sechs Minuten in verschiedenen Tanzstilen rumhüpft. Durchaus unterhaltsam, aber nicht gerade die Krönung der Entertainment-Geschichte. Und danach gehen die Zuschauerzahlen Long-Tail-typisch runter: Nummer 100 der Hitliste (ein geklauter Ausschnitt aus "Dirty Dancing") hat beispielsweise noch total 1.5 Millionen Zuschauer erreicht. Woher kommen dann die gigantische Zahl von 100 Millionen Abrufen pro Tag? Ganz einfach, aus dem Long Tail eben. Jedes der Millionen von Videos auf YouTube erreicht immerhin noch mindestens je ein paar hundert Abrufe pro Stück. Absolut gesehen nicht aufregend, aber ein so grosses Publikum erreicht ein Hobbyfilmer sonst kaum. Und in der Summe ergibt das eben riesige Zuschauerzahlen.






YouTube zeigt aber ein fundamentales Paradoxon dieser schönen neuen Content-Welt auf: Wenn von Online-Video die Rede ist, kennen praktisch alle nur YouTube. Aber: YouTube-ähnliche Sites gibt es wie Sand am Meer, nur operieren sie fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Site veoh.com beispielsweise, finanziert unter anderem von Ex-Disney Chef Michael Eisner, weist beim populärsten Video gerade mal 80'000 Abrufe aus. Beim deutschsprachigen Mitbewerber myvideo.de sind es noch 5200 Abrufe.




Genau so sieht es auch in anderen Kategorien aus: Bei Büchern denkt man an Amazon, bei Suche an Google, bei Auktionen an eBay. Alle Teenies treffen sich auf Myspace.com. Kleinanzeigen sucht man (in den USA) bei Craigslist. In fast jeder Kategorie gibt es einen weitaus dominierenden Anbieter, der den Markt völlig beherrscht. Man muss schon extrem viel falsch machen (wie Microsoft bei Hotmail), um eine solch dominante Stellung wieder zu verlieren.




Der Long Tail beim Content fördert offenbar das Prinzip "The winner takes it all" bei der dafür nötigen Infrastruktur. Das ist nicht wirklich überraschend, denn der Long Tail funktioniert nur, wenn eine Vernetzung zwischen den diversen Angeboten stattfindet, sei es in der Form von Empfehlungen ("Kunden, die diese Buch gekauft haben, kauften auch...") oder als soziale Netzwerke. Und da schlägt dann natürlich sofort der gute alte Netzwerkeffekt zu.

Kommentare

  • Montgomery

    19.05.11 (19:43:10)

    Ganz so stimmt es nicht, denn der Gewinner bekommt nicht immer alles sofort. Deshalb kämpfen die abgezäunten Gärten immer noch gegeneinander. Da wo Funktionalität, Einfachheit und Inhalte stimmen und der Dienst "quasi" kostenlos ist, zieht es die Menschen dann aber zum größten Anbieter, denn ansonsten ginge die Bequemlichkeit flöten. Dabei muss der Anbieter nicht einmal das beste Image haben, wie Facebook beweist. Knifflig wird es dann, die Nutzer zu halten, irgendwann sind aber auch die zur Treue verpflichtet und werden aus Bequemlichkeit nur noch unwillig das Schiff verlassen. Dann ist die Gelegenheit auch für so populäre Dienste wie Youtube, die Nutzer an die Leine zu legen, so das auch aus anfangs freien Spielplätzen möglicherweise irgendwann ein kostenpflichtiger Garten wird. Umsonst bleibt nichts, wenn das Medium erstmal monopolisiert ist. Beispiel dafür sieht man am stark zurück gehendem Streaming. Früher konnte man sich eine Tv-Serie noch einfach kostenlos im Internet ansehen wenn man die mal verpasst hat, heute dominieren kostenpflichtige Streamingservices, die hart gegen jeden Rivalen vorgehen. Das könnte auch leicht mit den anderen Informationsangeboten passieren.

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