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04.10.10

Yiid: Eine vielversprechende Transformation

Yiid wirft unnötigen Ballast über Bord und verschafft sich endlich eine klare Positionierung. Mit Like- und Dislike-Button sowie dazugehörigem Echtzeitstream empfiehlt sich der Dienst als Alternative zu Facebooks "Gefällt mir"-Button.

 

Facebooks Like-Button und die meisten anderen Ein-Klick-Gesten haben einen entscheidenden Nachteil: Sie zeigen zwar, wie viele User ein bestimmtes Objekt gut finden, aber nicht, wie viele dem jeweiligen Inhalt kritisch gegenüberstehen. Es sagt daher wenig aus, wenn 30 User unter einem beliebigen Artikel auf den Like-Button geklickt haben - ein wirkliches Urteil über die Reaktionen auf einen Beitrag ließe sich erst dann ziehen, wenn der Gesamtkontext deutlich wird:

Wenn lediglich 100 Nutzer den Text zu Gesicht bekommen haben, sind 30 "Like"-Klicks viel. Bei 1.000 oder gar 10.000 Lesern sieht es plötzlich ganz anders aus. Zudem steht dann die Frage im Raum, wie viele gerne ihr Missfallen über das Gelesene geäußert hätten, dies aber nicht extra in Form eines Kommentars tun wollten.

Während "Gefällt mir"-Buttons mit ihrer Fähigkeit, anzuzeigen, wie viele User ein Onlineobjekt für gut befunden haben, durchaus eine relevante Messgröße darstellen, wäre es oft interessant zu erfahren, wie ein Video, Artikel oder Foto insgesamt von den Betrachtern aufgefasst wurde - ob tendenziell positiv oder negativ. Dies erreicht man, indem man den "Likes" die bei Facebook nicht existierenden "Dislikes" gegenüberstellen und die Differenz bilden würde.

Vor einigen Monaten startete der deutsche Dienst Yiid seine Antwort auf Facebooks Like-Button: Ein Widget für Website-Betreiber, mit dem User sowohl ihr Gefallen als auch ihr Missfallen rund um Onlinecontent ausdrücken können (siehe z.B. hier unter dem Artikel). Der Service aus Weinheim südlich von Frankfurt positionierte sich ursprünglich als Aggregator für die persönlichen Internetidentitäten, schien aber selbst ein Problem mit seiner Identität zu haben, weshalb er sich nun von einem Großteil seiner Funktionalität verabschiedet .

Was bleibt, ist ein Livestream aus den "Likes" und "Dislikes" der persönlichen Twitter- und Facebook-Kontakte, die irgendwo im Web den Yiid-Button betätigen. Um die Einstiegshürden möglichst niedrig zu halten, geschieht der Login bei dem Dienst per OAuth entweder über Twitter oder Facebook. Somit können die 500 bis 600 Millionen Anwender, die mindestens bei einem der zwei Services ein Konto besitzen, relativ unproblematisch den Yiid-Button auf einer Site betätigen, selbst wenn sie vorher noch nie von dem Dienst gehört haben.

Die persönliche Yiid-Oberfläche besteht aus drei Spalten. Während die linke Spalten Profilinformationen und zuletzt aktive Freunde anzeigt, befindet sich in der Mitte der Stream mit den Objekten, die von Twitter- und/oder Facebook-Kontakten via Yiid positiv oder negativ beurteilt wurden. Der Stream erlaubt sowohl eine Echtzeitansicht der jüngsten Aktivitäten als auch eine aggregierte Auflistung der Elemente, die am häufigsten mit einem "Like" oder "Dislike" versehen wurden. Ein Klick auf ein Element zeigt in der rechten Spalte, welche Nutzer dieses gemocht oder nicht gemocht haben.

Yiid ist noch weit davon entfernt, das Potenzial seiner Kursänderung voll auszuschopfen - aber die Richtung stimmt und erscheint mir deutlich sinnvoller als die unklare, wenig nutzerzentrische Positionierung bisher (mir war nie klar, was genau es mir gebracht hätte, das alte Yiid zu nutzen). Während es mutige Website-Betreiber bedarf, um einen Button zu implementieren, der Besuchern mit einem einzigen Klick die Abgabe von negativem Feedback erlaubt, könnte das Gegenüberstellen von Likes und Dislikes zu einem neuen spannenden Werkzeug zur Messung von Feedback, Nutzerreaktionen und Lesermeinungen führen.

Da allerdings nicht davon auszugehen ist, dass das Yiid-Widget eine ähnlich steile Karriere machen wird wie Facebooks Like-Button, wäre die Bereitstellung einer Browsererweiterung bzw. eines Bookmarklets der nächste notwendige Schritt, damit Nutzer Websites auch dann "yiiden" können, wenn dort kein entsprechender Button integriert ist. Update: Erweiterungen für Firefox und Chrome gibt es, siehe hier.

Eine unangehme Erscheinung ist mir (abgesehen von den seltsamen Icons für "Like" und "Dislike") beim Ausprobieren des neuen Yiid noch aufgefallen: Eine Betätigung des Yiid-Widgets führte automatisch dazu, dass in meinem Namen ein Tweet versendet wurde. Erst nach genauerer Inspektion des "Vorfalls" stieß ich auf einen leicht zu übersehenden Pfeil am rechten Rand des Widgets, der mir nach einem weiteren Klick das Deaktivieren des Auto-Publizierens ermöglichte. Update: Es scheint, ein "Liken" ist nach dem Deaktivieren des Twitter- (oder Facebook-) Icons nicht möglich. Sprich - wer die Aktion nicht bei Twitter oder Facebook publiziert, kann sie auch nicht bei Yiid bewerten.

Im eigenen Interesse sollte muss Yiid hier nachbessern - am besten Opt-In statt Opt-Out. Sonst entsteht schnell der Eindruck der Bevormundung, und das ist kein geeignetes Instrument, um das Vertrauen potenzieller User zu gewinnen.

Update: Matthias Pfefferle von Yiid erklärt in einem Kommentar, dass es sich bei dem von mir kritisierten Aspekt um ein Kernfeature von Yiid handelt. Offenbar steht das zentrale Aktualisieren seiner Status im Social Web doch stärker im Vordergrund, als ich den Eindruck bekam.

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