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17.12.10

Yahoo schließt Delicious: Social Bookmarking ist tot - lang lebe Social Search!

Yahoo schließt den Social-Bookmarking-Pionier Delicous. Das Ende des Dienstes ist bezeichnend für den Niedergang eines ganzen Sektors.

Bastian Karweg ist Gründer des Social-Bookmarking-Dienstes folkd.com.

Quelle: TechCrunchGerade lese ich, dass Yahoo den weltweit größten und erfolgreichsten Social-Bookmarking-Service Delicious einstampfen will (Update: 24 Stunden später dementiert Yahoo eine Schließung von Delicious. Stattdessen soll der Dienst veräußert werden.) Was in einer internen Yahoo-Besprechung bekanntgegeben wurde, ist jetzt offenbar aus Frustration der Beteiligten an die Öffentlichkeit gelangt: Die am Mittwoch angekündigten Entlassungen von rund 560 Yahoo-Angestellten betreffen insbesondere auch die Teams einiger noch während des Web-2.0-Booms zugekauften Startups wie z.B. MyBlogLog und eben auch das von Joshua Schachter gegründete Delicious.

Diese drastische Entwicklung, von Yahoo gekonnt als "Sunset"-Periode umschrieben, ist bereits länger absehbar und bezeichnend für den Niedergang des Social-Bookmarking- und Social-News-Sektors. Einige Beispiele:

1) Digg, die einst so erfolgreiche Social-News-Seite von Kevin Rose, kämpft mit massiven Traffic-Einbußen. Nachdem dieses Jahr durch einen

Relaunch versucht wurde, Boden gegenüber Twitter gut zu machen, wird Digg jetzt sogar fast von Konkurrent reddit überholt.

2) Xmarks, der früher als Foxmarks bekannte Synchronisationsdienst für Browser-Bookmarks, ist trotz 23 Millionen Installationen durch eine Übernahme nur knapp der Schließung entgangen . Die Mails zum Ende von Xmarks an die User waren sogar schon verschickt.

Auch in Deutschland tut man sich schwer:

3) Kai Tietjen und sein Team bei Mister Wong wurden wie auch wir bei folkd.com von den Google Updates (MayDay, Caffein) hart getroffen.

4) Michael Reuter von YiGG kämpft zwar eisern, hatte dieses Jahr aber zusätzlich noch mit internen Verstimmungen zu kämpfen.

5) Auch dem Urgestein oneview von Axel Schmiegelow oder dem an die lokalisten verkauften Webnews fehlen bislang die Konzepte.

Was läuft hier schief?

Das Hauptproblem ist wohl, dass sich mit den Modellen kaum Geld verdienen lässt. Zwar hat man mit entsprechender Reichweite und sehr niedrigen Kosten für die Content-Generierung durchaus Möglichkeiten der Werbevermarktung, aber gerade die ist eher auf Sand gebaut, wenn man bedenkt, dass der Traffic solcher Seiten zu über 85% von Longtail-Suchergebnisseiten bei Google stammt.

Doch genau bei diesen Suchresultaten herrscht ein knallharter Verdrängungswettbewerb durch Preisvergleichsdienste und Contentfarmen wie Demand Media. Klar, dass Google die Reißleine gezogen hat und jetzt stärker originäre Inhalte belohnt.

Auch die Zahlungsbereitschaft der Nutzer für Social-Bookmarking-Dienste ist meiner Erfahrung nach eher gering. Ich ziehe den Hut, sollten es Services wie Memonic oder Licorize schaffen, mit einem mehrköpfigen Team die Profitabilität zu erreichen.

Schade ist besonders, dass auch ein hervorragendes Produkt mit ausgezeichneten Features nur wenig hilft, wenn man die Traffic-Völkerwanderungen zu Facebook beobachtet. Dort werden ja bekanntlich alle wichtigen Funktionen erfolgreicher Startups sukzessive nachgebaut. Und gerade die dadurch generierte enorme Reichweite ist es, die anderen Portalen fehlt.

Wie reagieren die Markt-Teilnehmer?

Natürlich gibt es auch einige Dienste, die sich nach wie vor nicht unterkriegen lassen. Hier sind international insbesondere das stark wachsende Diigo, Instapaper oder Read It Later zu nennen. Diese Services versuchen sich durch Feature-Feuerwerke und mobile Apps Marktanteile zu sichern. In Deutschland betreibt Bastian Allgeier seinen sehr schicken, visuell orientierten Bookmarking-Service Zootool.

Einen ganz eigenen Weg hat das SEO-optimierende Mister-Wong-Team eingeschlagen: Schon beim PageRank konnten die Bremer in der Vergangenheit mit einem uneinholbaren Wert von 9 glänzen. Das versuchen sie jetzt konsequent zu nutzen: Reduktion der für Google indizierten Seitenzahl von mehreren Millionen auf nur noch 400.000 und die Einführung von Dokumenten-Uploads sollen für besser rankende Inhalte sorgen und so den SVR (Search Visibility Rank) und die Werbeeinnahmen wieder nach oben treiben. Geld verdient das Unternehmen ja bereits über SEO-Dienstleistungen.

Ausblick

Social Bookmarking befindet sich in der Krise. Auch mit folkd.com habe ich lange überlegt, welchen Weg ich einschlagen soll. Zwar ist das Produkt durch extrem niedrige Personal- und Serverkosten seit langem profitabel, aber viel Spielraum für technische Innovationen über den alltäglichen Kampf gegen Spammer hinaus bleibt nicht.

Durch Recherchen im Rahmen meiner Diplomarbeit bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass sich der Trend weg vom herkömmlichen Social Bookmarking noch weiter verstärken wird: User speichern zukünftig noch weniger Bookmarks und posten stattdessen vermehrt Links bei Facebook und Twitter.

Aus dieser enormen Anzahl Links und "Likes" von Filmen, Bands, Büchern etc. entsteht aus dem (heute noch) Social Network Facebook über kurz oder lang definitiv die nächste (viel bessere) Suchmaschine!

So kann der User neben den eigenen Favoriten auch die Empfehlungen seiner Freunde in die Suchergebnisse einfließen lassen und erhält ein personalisiertes Suchergebnis, welches über die konstant sprudelnden Pinnwände und Status-Updates stetig dazulernt.

Soziale Suche

Als Endergebnis von einem halben Jahr Diplom-, Forschungs- und Programmierarbeit an diesem Thema habe ich versucht, dieser Entwicklung

bereits etwas vorwegzunehmen und auf Basis von folkd.com eine eigene soziale Suchmaschine gebaut. Das Ergebnis kann man hier ausprobieren: Social-Search.com.

Eure Teilnahme am Beta-Test hilft mir, Daten zu sammeln, um noch genauer auswerten zu können, in welchen Bereichen Social-Search ihre wirklichen Stärken hat. Wer Interesse an den dahinterliegenden Theorien hat, dem sende ich nach Fertigstellung gerne die entsprechenden Papere zu. Füllt dafür bitte das Formular unter "About" aus.

Ich freue mich auf eure Meinung zum Thema in den Kommentaren!

Update: Yahoo dementiert eine Schließung von Delicious. Stattdessen soll der Dienst veräußert werden.

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