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07.08.13

Erstaunliches Wachstum: Eigentlich müsste Xing längst weg vom Fenster sein

Nach allen Gesetzmäßigkeiten, die wir meinen, vom Internet zu kennen, müsste es mit Xing längst bergab gehen. Das Gegenteil ist der Fall.

XingFür studiVZ war es der Anfang vom Ende, als die ursprünglichen Gründer das Schiff verließen und die geplante Internationalisierung floppte. Auch Xing verhob sich mit einer geplanten Auslandsexpansion, Gründer Lars Hinrichs ist längst raus und mit ihm der Gründergeist.

Es gab nicht wenige, die Xing deswegen das gleiche Schicksal wie studiVZ in Aussicht stellten. Jahre später schauen die gleichen Kritiker Quartal für Quartal verblüfft auf Xings Zahlen: Das Business-Netzwerk wächst und gedeiht und ist für die deutsche Wirtschaft mittlerweile essentiell. Obwohl oder gerade weil die Betriebswirte dort das Ruder übernommen haben. Wer mich kennt, weiß, dass ich wenig davon halte, wenn "Anzugträger" das Web erobern. Menschen, die eine gute Idee plötzlich in Zahlen und Marketing-Begriffen wie Product Lifecycle Costing sehen und Startups auf Rendite trimmen, die einst mit einer pfiffigen Idee daher kamen, um das Leben der Webnutzer etwas schöner zu machen.

studiVZ war seit jeher umstritten, aber bergab ging es mit dem deutschen Social Network eindeutig, als das Gründungsteam das Schiff verließ und neue Investoren übernahmen, die damit das schnelle Geld machen wollten und das Projekt nicht wesentlich weiter entwickelten. Es kam, wie es kommen musste: Facebook überholte von rechts, die Nutzer flüchteten in Scharen. studiVZ ist heute klinisch tot, auch wenn sich die derzeitigen Betreiber noch weigern, die Seite final abzuschalten.

Xing bleibt das studiVZ-Schicksal erspart

Xing kennt derartige Probleme nicht. In den jüngsten Quartalsergebnissen legten die Hamburger stets zu, sowohl bei Umsatz als auch bei Gewinn und den Nutzerzahlen. Im gerade abgelaufenen 2. Quartal stieg der Umsatz im deutschsprachigen Raum im Vergleich zum Vorjahresquartal um 15 Prozent auf 20,9 Millionen Euro, der Nettogewinn um 30 Prozent auf 2,7 Millionen Euro. Auch studiVZ machte noch Gewinn, als die Nutzer längst mit der Abwanderung begannen. Nicht so aber Xing: Die Zahl der Mitglieder im deutschsprachigen Raum wuchs im Vergleich zum 1. Quartal um 211.000 auf 6,5 Millionen. Weltweit sind es jetzt 13,5 Millionen nach 13,2 Millionen beim vorherigen Ergebnis. Xing wächst nur leicht, aber es wächst. Der Erfolg des international aufgestellten Konkurrenten LinkedIn hat den Hamburgern nichts anhaben können. In Xings wenigen Märkten bestehen beide Unternehmen in einer Art friedlichen Co-Existenz.

Mir persönlich ist Xing in den vergangenen Jahren zunehmend fremd geworden. Ich war früh dabei, als das Netzwerk noch OpenBC hieß und ich mich mit Kollegen und Freunden von früher vernetzen konnte. Ich ging zweimal aus Interesse zu einem Xing-Stammtisch in meiner Region, traf dort bis auf einige Ausnahmen wieder viele Menschen - in Anzügen oder nicht - die auf einer ganz anderen Wellenlänge funkten. Meine Welt war es nicht.

Stammtische und Recruiting als Erfolgsrezepte

Anderen gefällt gerade die Möglichkeit dieser Netzwerk-Stammtische gut. Zuletzt las ich durch Zufall beim Test einer anderen App die Werbung eines Networkings mit einem namhaften Unternehmen als Sponsor. Xing lebt von seinen Gruppen und Events, die sich direkt aus der Plattform buchen lassen. Freunde, die in hiesigen Unternehmen sitzen, schwören mittlerweile auf die Bedeutung von Xings E-Recruiting - ein Bereich, der bei den Hamburgern mittlerweile 5,6 Millionen Euro oder fast ein Viertel vom Umsatz ausmacht. Angestellte wie Freiberufler finden passende Jobs hier durch den informelleren Kontakt oft deutlich leichter. Arbeitgeber können ihre offenen Positionen durch Xing meist besser besetzen. Xings neue Profile sollen dabei helfen.

Inhaltlich hat sich seit dem Weggang von Gründer Lars Hinrichs zumindest nichts zum Negativen hin verändert. Ursprüngliche Funktionen wurden erhalten und um weitere ergänzt. So ist Xing heute eine Plattform für alle. Dass ich sie kaum noch nutze, ist vermutlich nicht maßgeblich. Als freiberuflicher Journalist mit festen Aufträgen benötige ich die E-Recruiting-Funktionen derzeit gar nicht, meine beruflichen Netzwerke finde ich eher woanders. Wer nach Festanstellungen oder häufig nach neuen Projekten sucht, der wird Xing natürlich ganz anders wahrnehmen als ich. Meine Sympathie mit dem Netzwerk hat zwar nachgelassen und eine Kündigung meiner Premium-Mitgliedschaft steht weit oben auf meiner Einspar-Liste, aber mir imponiert, dass Xing es bis hierhin geschafft hat.

Der Unterschied zur studiVZ ist leicht auszumachen: Xing hat weiter in clevere Übernahmen investiert (Kununu und Amiando), führt regelmäßig neue Produkte und Oberflächen ein, wie kürzlich die neuen Profile, und testet weitere Funktionen in den Xing Beta Labs. Aktuell sind das etwa Abonnements, Lesezeichen oder eine Volltextsuche.

Die ewige LinkedIn-Frage

Alles in allem wirkt Xing im Jahre 2013 auf mich wie eine Spielwiese für Betriebswirte. Nicht solche, die ein Unternehmen ohne Rücksicht auf Verluste auf Rendite trimmen, sondern solche, die auf ihre eigene Art und Weise im Netz etwas erreichen wollen. Irgendwann dürften die Hamburger einmal an die Grenzen des Wachstums des deutschsprachigen Marktes stoßen. Dann werden sie sich noch einmal die Frage einer Internationalisierung oder eines Verkaufs an LinkedIn stellen müssen. Ein derartiges Fundament an aktiven Funktionen, wie Xing es besitzt, muss der US-Wettbewerber erst einmal aufbauen. Noch ist auf dem deutschsprachigen Markt angesichts der 6,5 Millionen Nutzer aber viel Luft nach oben. Wenn die Unternehmensstruktur so bleibt, wie sie jetzt ist, wird Xing das Schicksal eines studiVZs mit Sicherheit erspart bleiben.

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