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04.01.12

Wunsch nach Intimität: Path entzückt von Facebook-Müdigkeit gezeichnete Geeks

Die US-Internet-Avantgarde überschlägt sich mit Lob für das mobile Social Network Path, das Nutzern die Intimität verspricht, die sie bei Facebook zunehmend vermissen. Auch ein gewisser Elitismus treibt derzeit Neugierige zu dem Dienst.

 

Als das neue mobile Social Network Path Ende November 2011 seinen zweiten Anlauf startete, die Aufmerksamkeit neugieriger Netzwerker für sich zu gewinnen, sorgte es in den USA mit seiner unkonventionell und gleichzeitig sehr liebevoll gestalteten iPhone- und Android-App für eines der besten Echos in der Tech-Presse, die jemals beim Launch eines neuen Onlineservices zu vernehmen waren (siehe Techmeme).

Und weil ein hübsches Gewand den Spaß an einer App pauschal um ein Vielfaches erhöht, gelang es Path 2.0, die initiale Beachtung sofort in einige loyale Nutzer umzumünzen. Ein Blick in die Twitter-Suche genügt, um zu erkennen, dass bereits zahlreiche Personen den Dienst aus San Francisco verwenden, um selektiv private Fotos, Musik oder Standorte zu publizieren.

Begrenzung auf 150 Kontakte soll für intime Atmosphäre sorgen

Path erinnert vom grundsätzlichen Konzept her an Facebook und viele andere Social Networks: Anwender vernetzen sich untereinander, indem sie sich gegenseitig als Freunde bestätigen, und können anschließend (auf Wunsch mittels Filter bearbeitete) Fotos, Standorte, gehörte Musik oder Kommentare publizieren und derartige Updates der Freunde in ihrem Feed beziehen. Anders als beim Wettbewerb ermuntert das von Napster-Co-Founder Shawn Fanning und dem ehemaligen Facebook-Plattform-Manager Dave Morinvon gegründete Startup aus San Francisco seine Mitglieder aber dazu, lediglich Familie und enge Freunde als Kontakte zu akzeptieren, und forciert dies mit einer Begrenzung auf maximal 150 Kontakte.

Path positioniert sich dadurch als privates Netzwerk, was sich auch im Slogan "Share life with the ones you love" niederschlägt. Öffentliche Inhalte gibt es nur, wenn Nutzer diese explizit via Twitter, Facebook, Tumblr oder foursquare veröffentlichen. Dafür herrscht innerhalb des (hoffentlich) sorgfältig ausgewählten persönlichen Kontaktnetzwerks eine hohe Transparenz: So zeigt einem die App jeweils an, wer das eigene Profil besucht oder ein Contentobjekt angeschaut hat. Auch dadurch wird ein gewisser Druck aufgebaut, wirklich nur diejenigen Menschen zu akzeptieren, bei denen einem dies geheuer ist.

Bei der Betrachtungsweise und Analyse des Entwicklungspotenzials der App muss zwischen einer rationalen und einer emotionalen Komponente unterschieden werden. Aus einem rationalen Blickwinkel stellt sich die Frage, inwieweit neben Facebook - das im Prinzip alle Werkzeuge zur Verfügung stellt, damit Nutzer sowohl mit ihren nahen als auch fernen Kontakten granular und selektiv Gedanken, Informationen und Inhalte teilen können - ein verbreiteter Bedarf an einem weiteren Netzwerk besteht, das sich lediglich auf Familienmitglieder sowie engste Freunde beschränkt.

Ermüdungserscheinungen bei Facebook-Kontaktesammlern

Die Antwort hierauf ist individuell und hängt davon ab, nach welchen Kriterien Facebook-Mitglieder ihre Kontakte "gesammelt" und ihr Profil mit Apps überfrachtet haben, inwieweit sie Gebrauch von dem Listen- und Abonnieren-Feature machen und ganz generell davon, wie bewusst sie ihre Bekanntschaften bei dem sozialen Netzwerk verwalten. Da ich seit jeher die Richtlinie verfolge, bei Facebook nur Freundesanfragen von Menschen anzunehmen, die ich im "echten" Leben getroffen habe, und außerdem mit dem Klick auf "Unsubscribe" nicht zimperlich bin, hält sich mein eigener Bedarf an einem privateren Onlinenetzwerk bis dato in Grenzen.

Anders kann dies jedoch bei Nutzern aussehen, die bei Facebook Kontakte im hohen dreistelligen oder gar vierstelligen Bereich um sich gescharrt und keine Lust haben, ihre Privatsphäre- und Sharing-Einstellungen bis ins kleinste Detail auszudefinieren.

Die Silicon-Valley-Elite schwärmt von Path

Genau auf diesen Nutzertyp zielt Path ab. Und was sind das für Leute, die bei Facebook derartig viele Kontakte besitzen, dass sie sich nach einer intimeren Alternative sehnen? Multiplikatoren, leidenschaftliche Netzwerker und Promis aus den Tech-Kreisen des Silicon Valley. Und genau bei diesen Leuten hat Path einen Nerv getroffen: Jeder, der im Silicon Valley etwas auf sich hält und Rang und Namen hat, ist mittlerweile bei Path anzutreffen, so LeWeb-Initiator und Unternehmer Loic Le Meur in einem Blogbeitrag . "Die derzeitigen Zuwächse von Path sind nicht auf die Funktionen sondern auf die Menschen zurückzuführen", stellt Le Meur fest. Überschwänglich klingt Gizmodo-Autor Mat Honan, der beschreibt, wie Path ihm im positiven Sinne "Weihnachten gestohlen" und die Sichtweise auf "seine kleine Welt" für immer verändert habe. Zumindest im Raum San Francisco sei der "Tipping Point" (ab dem das Nutzerwachstum exponentiell zunimmt) nach seinen Beobachtungen mittlerweile erreicht.

Elitismus treibt die Entwicklung

Das bringt uns zum emotionalen Aspekt, der bei der Beurteilung der aktuellen Entwicklung von Path einbezogen werden muss: Die Präsenz der Tech-Promis bei Path sowie deren Lobeshymnen haben zur Folge, dass ein größerer Kreis von Nutzern Sympathien für den Dienst entwickelt - ungeachtet davon, inwieweit Path für sie rationale Bedürfnisse befriedigt. Allein der Gedanke, sich von der grauen Masse bei Facebook abzuheben und sich zusammen mit der Silicon-Valley-Avantgarde als einer der Ersten beim womöglich nächsten großen Social Network aufzuhalten, wird viele dazu animieren, sich intensiver mit Path auseinanderzusetzen. Kurzum: Derzeit ist es auch Elitismus, der Neugierige zu Path treibt.

Auch der einflussreiche Neu-Venture-Capitalist und TechCrunch-Gründer Michael Arrington bläßt in das "Wir sind jetzt alle bei Path, statt uns bei Facebook mit dem Freundesmanagement herumzuplagen"-Horn. Allein sein Blogpost wird Tausende direkt oder indirekt zu Path treiben. Ihm soll es recht sein - denn er ist einer der Investoren, wie er auch kenntlich macht.

Die Kraft des Technologie-Clusters

Path ist damit nicht nur ein Vorbild in Sachen App-Design, sondern auch ein Beispiel für die enorme Kraft eines international anerkannten, hochgradig vernetzten Technologie-Clusters. Wenn Entrepreneure, Geldgeber, Star-Blogger und Entscheider im Silicon Valley an einem Strang ziehen, dann ist es ihnen durchaus möglich, einen ernstzunehmenden Facebook-Kontrahenten ins Rampenlicht zu rücken.

Eine exakte Prognose für die Zukunft von Path fällt schwer, weil dafür die Kenntnis über das Geschehen hinter den Kulissen hilfreich wäre. Ließe die US-Web-Elite Path morgen fallen, um zum nächsten Hype weiterzuziehen, könnte die App in der äußeren Wahrnehmung schnell ihre Magie verlieren. Derzeit jedoch sieht es eher danach aus, als wenn die Loyalität der Nutzer zu Path stetig zunimmt. Als Anwendung zum Teilen persönlicher Momente mit den Liebsten ist Path auch prädestiniert dafür, sich schnell auf dem Home-Screen der Smartphones seiner Mitglieder breit zu machen und von dort aus viele Male pro Tag geöffnet zu werden. Je mehr der Blick auf den Path-Stream zum Reflex wird, desto größer ist auch die Bindung der Nutzer an die App.

Keine direkte Bedrohung für Facebook, aber ein Grund zur Sorge

Und was hieße ein anhaltender Aufstieg von Path für die Konkurrenz? Facebook sollte sich über den rapiden Imageverlust bei einer zahlenmäßig kleinen, aber einflussreichen Anwenderzahlen Sorgen machen. Als "uncool" zu gelten und bei Menschen einen Drang nach Differenzierung auzulösen, kann durchaus eines Tages gefährlich werden. Eine unmittelbare Gefahr allerdings besteht nicht - dafür ist Facebook als Plattform mittlerweile zu eng mit dem gesamnten Internet verwoben. Twitter als komplett offenem Publikationskanal kann das Schicksal von Path im Prinzip egal sein. Und Google+? Im Hause Google sollte man sich fragen, wieso Leuc Le Meur oder Mat Honan derartige Blogposts nicht über Google+ verfasst haben.

Was haltet ihr von Path?

Link: Path

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