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06.09.12

Wunderkit wird eingestellt: Wer Risiko eingeht, kann scheitern - und lernt dabei viel

Gut sechs Monat nach dem Debüt verkündet das Berliner Startup 6Wunderkinder, seinen mit großen Hoffnungen ausgestatteten Produktivitätsdienst Wunderkit nicht weiterzuentwickeln und mittelfristig einzustellen. Künftig werden alle Ressourcen auf den erfolgreichen Taskmanager Wunderlist konzentriert.

Zum aufmerksamkeitserregenden Launch im Januar bezeichnete ich Wunderkit als "Facebook für Produktivität". Doch die Analogie hatte eine entscheidende Schwäche: Während Facebook eine ungebrochene Erfolgsgeschichte bleibt, scheiterte der Dienst des Berliner Startups 6Wunderkinder an seiner Komplexität und den hohen Erwartungen - die das Unternehmen durch eine äußerst effektive PR-Arbeit im Vorfeld des Debüts selbst verursachte. Wunderkit sah ziemlich nett aus und fühlte sich anfänglich auch gut an, doch es zeigte sich schnell, dass klare Einsatzszenarien für Endanwender fehlten, und dass die komplexe Struktur auf Dauer dem Versprechen erhöhter Produktivität im Wege stand. Fast 400.000 Nutzer haben sich nach Unternehmensangaben in den vergangen sechs Monaten für Wunderkit registriert, allerdings nicht die erhoffte Aktivität an den Tag gelegt.

Dass die Hauptstädter eine potenziell unangenehme Entscheidung zur weiteren Vorgehensweise treffen würden, lag schon länger in der Luft. Spätestens, seit vor einigen Monaten eine Reihe von Mitarbeitern, darunter das gesamte PR-Team, 6Wunderkinder verließ. Heute nun gab das Unternehmen in einem Blogbeitrag bekannt, wohin die weitere Reise geht: Wunderkit wird nicht weiterentwickelt, stattdessen werden sämtliche Ressourcen auf den Taskmanager Wunderlist konzentriert. Ende des Jahres wollen die Berliner von diesem eine komplett überarbeitete Fassung lancieren. Ursprünglich war Wunderlist lediglich ein Teaser für das in der Entwicklung befindliche Kernprodukt Wunderkit, wird mit bisher 5,5 Millionen Downloads und fast drei Millionen Nutzern nun aber zum alleinigen Schwerpunkt von 6Wunderkinder. Firmenchef Christian Reber erklärte GigaOm, dass Wunderkit komplett eingestellt wird, sobald eine Exportfunktion verfügbar ist und Wunderlist 2 seine Premiere feiert.

Weil es der jungen, heute 35 Angestellte zählenden Firma so gut gelang, noch vor dem Start für Wunderkit zu trommeln und über 100.000 Nutzer für einen Beta-Zugang anstehen zu lassen, zog sie einige Kritik auf sich - besonders, nachdem Nutzer die Möglichkeiten erhielten, den Service auszuprobieren, und ihre Erwartungen enttäuscht sahen. Hämische Reaktionen nach dem Motto "Ich hab's euch ja gesagt" werden daher nicht ausbleiben. Gleichzeitig ist der Fall eines Shootingstars der Berliner Startup-Szene eine schöne Gelegenheit, sich in der häufig als US-Standortvorteil angepriesenen, positiven Sicht auf das Scheitern zu üben. Die 6Wunderkinder sind mit ihrer intensiven PR-Strategie das Risiko eingegangen, bei einem Misserfolg deutlich mehr Blicke auf sich zu ziehen als ein herkömmliches Webunternehmen, dessen von Anwendern ignoriertes Angebot im Prinzip von der Bildfläche verschwinden kann, ohne dass es jemand merkt. So unangenehm das zu erwartende Rampenlicht für die Berliner dieser Tage sein mag, so sehr muss ihnen ihre Risikobereitschaft hoch angerechnet werden.

Mit Wunderkit hat die junge Firma einiges an Geld und Zeit verpulvert, dafür aber auch viel gelernt. Dieses Wissen können sie nun für den weiteren Entwicklungsprozess von Wunderlist verwenden. Einen Bonuspunkt erhält das Startup dafür, mit der Meldung zum Ende von Wunderkit nicht am Freitagnachmittag an die Öffentlichkeit gegangen zu sein, so wie es viele Firmen praktizieren, die eine Hiobsbotschaft zu verkünden haben, aber hoffen, dass sie niemand mitbekommt - was ohnehin niemals funktioniert.

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