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12.06.08Leser-Kommentare

Wollt ihr diesen Qualitätsjournalismus?

20 oder 24 Prozent? Für eine gute Geschichte sollte man bloß nicht zu genau hinschauen. Diesen Eindruck kann man von der Rheinischen Post haben.

Um 'Qualitätsjournalismus' erzeugen zu können, sollte ein Schreiber zunächst einmal bei einer großen Zeitung arbeiten, zum Beispiel bei der Rheinischen Post im schönen Düsseldorf. Dort nehme er sich dann - in diesem Fall in Gestalt der Herren Redakteure Michael Bröcker und Thomas Seim - einen demoskopischen Ausreißer zur Brust, etwa die Forsa-Umfrage vom 4. 6., wonach die SPD nur noch bei 20 Prozent liegen solle, sofern am kommenden Sonntag Wahlen wären. Daraus flechte er dem verehrten Publikum unter Zuhilfenahme der Imagination einen mächtig langen Riemen mit ordentlich Kassandrageorgel und mit gespenstischen Wiedergängern in Westerwelles 18-Prozent-Schuhen, die schon bald dem Kurt Beck passen würden. Fertig ist das Gebräu, resp. der moderne Qualitätsjournalismus:

 

"Die verheerenden Umfragen der laufenden Woche, die die Partei bei nur noch 20 Prozent in der Stimmung der Bevölkerung messen, machen die Führung ratlos".

Im Detail: Um allein schon diesen Satz schreiben zu können, musste zunächst einmal eine kleine Hinzu-Erfindung her, die sich in diesem Fall in den Plural hüllt. Denn leider gab es in der dürren Steppe der Fakten ja nur eine einzige Umfrage in der 'laufenden Woche', welche die SPD derart im Keller sieht, das ist diejenige des Herrn Güllner, der sich übrigens in meinen Augen inzwischen allzu gern in den Medien sonnen möchte. Wozu seine Präsentation wiederum einen gewissen medialen Sensationsfaktor aufbieten muss, der allemal nur neben der ausgetretenen Spur anderer Institute zu finden ist. Wissenschaftler sprechen vom Gesetz der Differenzbildung.

Unser absolut fingierter Schreiber muss ferner ignorant sein und die Umfragen - auch dieser Plural ist von mir geflunkert! - vom darauf folgenden Tag nicht zur Kenntnis nehmen, weil sie nur seines Vorurteils Lauf beim fröhlichen Artikelschreiben hemmen könnte(n). So die Umfrage von Infratest dimap, wo die SPD einen Tag später, am 5. 6., zwar immer noch arm, doch ziemlich ungerupft bei 24 % in der politischen Landschaft herumsteht - zugebenermaßen mit dummen Gesicht! Gar net erst ignorieren, schon gar nicht, wenn's die Story kaputtmacht, lautet also der zweite Hauptsatz der qualitätsjournalistischen Eigendynamik ...

Das Ergebnis ist dann eine faktenarme Variante des PR- oder Meinungsjournalismus, wo zwar nichts so ganz und gar hingebogen ist, wo aber ein 'Qualitätsjournalist' sich ohne weitere Anhaltspunkte auch gern mal - sozusagen 'self-propelling' - die vorhandenen Vorurteile bestätigt. Bzw. diejenigen seines Verlegers. Ganz stiekum und durch die Blume deuten die obigen Verfasser dabei das derzeitige Kernproblem der SPD schon richtig an - allerdings ungewollterweise, weil der Text meist schlauer ist als seine Verfasser:

 

"Dann meldet sich die SPD-Landesvorsitzende aus Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, zu Wort: ?Das Problem ist, dass ich die Themen, die ich transportieren will, nicht mehr transportiert bekomme?, wird die Chefin des stärksten SPD-Landesverbandes aus der Runde zitiert."

Ein komplettes Medienversagen konstatiert diese Frau Kraft damit: Die Redaktionen würden derzeit ihrer Rolle als funktionaler Transmitter von Themen gesellschaftlich relevanter Gruppen in die Öffentlichkeit hinein nicht mehr gerecht. Vermutlich, weil sie längst selbst Politik machten und dabei meinen, darüber entscheiden zu dürfen, was auf der Agenda zu stehen habe. Und die Rheinische Post, die will nun mal lieber eine Entscheidung in der SPD-Kandidatenfrage, um sich als christliches Blatt genussreicher aufs Jahr 2009 einschießen zu können - sie will aber keineswegs über die Themen der Frau Kraft berichten. Mit anderen Worten: Das Pferd will bestimmen, wohin die Kutsche fährt. Wen wundert's da, wenn Passagiere aussteigen ...?

Viel lohnenderer wäre übrigens die Untersuchung, ob nicht Forsa, das uns ja schon seit Wochen den Zahlen-Rastelli und SPD-Tod mimt, am Ende gar seiner vergangenen Herrlichkeit hinterhertrauert. Denn die Rolle der Zahlenfee war stets Forsas Spezialität - nur die Richtung bei den kleinen Ausreißerchen hat sich seit diesem Artikel aus dem Jahr 2002 wohl um 180 Grad gewendet. Dazu aber wäre schon ein etwas arbeitsintensiverer Recherchejournalismus erforderlich, die Befragung von Forsa-Aussteigern, vielleicht ein Interview mit Gerd Schröder usw.:

 

"Vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung erhält Forsa derzeit den größten Batzen unter sechs Meinungsforschungsinstituten. Vor dem Regierungswechsel 1998 bekam Forsa aus diesem Etat keinen Pfennig, seither jedoch ein Drittel des Auftragsvolumens - ziemlich genauso viel, wie Allensbach unter Kanzler Helmut Kohl erhielt."

*Disclaimer:* Ich bin ganz und gar kein SPD-Anhänger, ich habe diese Partei auch noch nie gewählt. Mir stinkt es nur, wenn das Interesse die Fakten ignoriert. Weitere schöne Beispiele für 'Qualitätsjournalismus' konnten wir übrigens anlässlich der Trauerartikel der Rheinischen Post für den verstorbenen Düsseldorfer CDU-OB Joachim Erwin erleben. 'Fremdschämen' ist gar kein angemessener Ausdruck für das, was einem als Leser beim Anblick eines solchen 'qualitätsjournalistischen Devotionalienhandels' widerfährt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Merzmensch

    12.06.08 (11:29:16)

    Wahrscheinlich ist das essenzielle am Qualitätsjournalismus die Kompetenz für die Meinungslandschaft der eigenen Redaktion. Denn es geht letztendlich nicht um die Berichterstattung, sondern um eine als Berichterstattung präsentierte Meinungspolitik des eigenen Presseorgans. Bei den von der Presse erhobenen Ansprüchen auf die Objektivität ist jeder auch so polemische und subjektive Blog vertrauenswürdiger als diese "Berichterstattung" der Presse.

  • XiongShui

    12.06.08 (12:21:39)

    Ehrlich gesagt, halte ich die Rheinische Post schon seit dem Weggang von Reitz nicht mehr für ein Qualitätsprodukt. Um so ärgerlicher, da sie ja nach wie die verbreitetste Zeitung hier im Rheinland ist und sich durch weitreichende Beteiligungen an anderen Blättern, immer weiter ausdehnt. Da ist schade. Es bleibt zu hoffen, daß irgendwann jemand Einsehen entwickelt und wieder Qualität auf die Fahnen schreibt. Andererseits, ich schrieb das schon einmal an anderem Ort, sollte man das Online- Angebot nicht mit der gedruckten Ausgabe verwechseln, da besteht doch ein deutlicher Unterschied.

  • teddy

    13.06.08 (11:59:55)

    Doppelfrage an Sie, Herr K.J. - was bitte haben denn Sie mit "Qualitätsjorunalismus" am Hut, und warum posten Sie nicht in de.wikipedia ? Teddy, Freitag: 13. Juni 2008

  • Klaus Jarchow

    13.06.08 (14:27:52)

    @ Teddy: Gegen qualitativ hochwertigen Journalismus habe ich gar nichts einzuwenden. Der 'moderne Qualitätsjournalismus' aber, das ist ein Denkmaleinweihungsbegriff, eine verlegerische Allzweckwaffe, die auf Pressebällen, Verbandstagungen usw. abgestaubt und aus der Ecke geholt wird, während das faktische Handeln im Alltag meist von einem blanken Content-Gehubere vom 'Newsdesk' aus bestimmt wird, am besten mit wild zusammenrekrutierten Prekariatskräften. Und dann wundern sie sich, wenn das Publikum rennt. M.a.W.: Der 'Qualitätsjournalismus' ist gar keiner. Das ist das, was ich gegen ihn habe: Es ist ein Nichts im Schafspelz ... Die Frage mit wikipedia müssen Sie mir erst einmal näher erklären. Solange gilt: Ich poste da nicht, weil ich da nicht poste. Bisher jedenfalls ...

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