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07.12.08

Wochenrückblick: Wir sind alle Reporter

Politiker als Terroristen, Mitarbeiter als "Minderleister" und Überwachung als Leserjournalismus in unserem Rückblick auf die 49. Kalenderwoche.

Aktuelles Cover, historisches Fahndungsplakat

Zwischen Provokation und Geschmacklosigkeit: Anlässlich der Bundesrats-Ersatzwahl am kommenden Mittwoch stellt die Weltwoche ein Fahndungsplakat auf dem Cover nach. Angeprangert sind zehn Politiker, die etwas gegen Ueli Maurer und Christoph Blocher im Bundesrat haben – und deshalb "Verschwörer gegen die Schweiz" sind und von der Weltwoche reichlich hysterisch optisch in eine Reihe mit anarchistischen Gewalttätern gerückt werden. "Wann kommt die 'Weltwoche'-Titelseite, auf welcher der Einfachheit halber die 'Guten' mit einem roten Herzen (oder vielleicht: gelben Sünneli) umrahmt, die 'Schlechten' mit einem roten Kreuz durchgestrichen sind?", fragt das Schweizer Medienmagazins Klartext im Redaktions-Blog.

Krisenticker: Der Verlag Gruner und Jahr will sich von "Minderleistern" verabschieden. Spiegel Online berichtet, dass sich insgesamt 110 Mitarbeiter abfinden haben lassen. Nach einem internen Papier soll nun Mitarbeitern "mit unzureichendem Leistungsniveau" konsequent Druck gemacht werden – bis hin zu Abmahnung und Kündigung. Bei der WAZ-Gruppe sollen nun 260 Stellen gestrichen werden, schreibt Kress. Der Abbau soll ohne betriebsbedingte Kündigungen vonstatten gehen. Eine Seite der WAZ im Mantelteil soll künftig für 500 bis 700 Euro produziert werden, noch kostet sie rund 1500 Euro, berichtet sueddeutsche.de . Zur Kostensenkung beitragen könnte auch der Verzicht auf den dpa-Basisdienst, wie er in der vergangenen Woche bereits ausprobiert wurde. Bei der Branchenzeitschrift Werbung und Verkaufen sollen 13 Mitarbeiter gehen, schreibt Turi2 .

Kommentar-Knüwer: Und dann war da noch Thomas Knüwers Ende der Debatte. Handelsblatt-Blogger Knüwer bekam von seinem Kollegen Sönke Iwersen eine Breitseite in die Kommentare gepfeffert ("warum kommen die Scoops im Handelsblatt [...] nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen?"), nachdem er eine geistige 180-Grad-Wende von Journalisten gefordert hatte. Die Replik verschwand zunächst in der Versenkung, woraufhin Stefan Niggemeier den Kommentar in seinem Blog dokumentierte. Später schaltete Knüwer den Kommentar wieder frei – und der Streit landete in der Frankfurter Allgemeine Zeitung ... besser als der Tatort am Sonntag.

Wir sind alle Reporter: Der durch verdeckte Mitarbeiter-Überwachung aufgefallene Handelsriese Lidl macht gemeinsame Sache mit der Bild-Zeitung und verkauft kleine, funktionsreduzierte Videokameras für rund 70 Euro. Damit sollen die Bild-Leser durch die Republik ziehen und ihre Filmchen bei der Bild hochladen. Auf sueddeutsche.de heißt es dazu. "Die Menschen beschweren sich derzeit, dass durch das BKA-Gesetz der nächste Schritt zum Überwachungsstaat getan wird und sich keiner mehr seiner Privatsphäre sicher sein kann. Über den Volksjournalismus à la Bild echauffiert sich kaum jemand. Und doch: Es ist der erste Schritt zur Überwachungszeitung"

Das gedruckte Fotomagazin Spiegelreflex digital wurde von fokussiert.com getestet. Das Fazit: "Teuer, aber billig" und ernüchternde 17 von 54 möglichen Punkten.

Der News-Aggregator Techmeme hat eine Redakteurin angestellt, die künftig die automatische Auswahl der zusammengesammelten Artikel editieren wird. "Ein erstaunlicher Schritt", schreibt Jürgen Vielmeier auf Update2 . Die Blog-Suchmaschine Technorati hat "radikal umgebaut" und besinnt sich auf "alte Werte". Endlich sei die Seite wieder benutzbar, findet Markus Spath auf netzwertig.com.

In eigener Sache: Blogwerk macht jetzt auch in Games, wir haben mit gamgea.com ein neues Mitglied in unserer kleinen Blog-Familie.

Auf medienlese.com in der vergangenen sieben Tagen: Wir haben über die Blochermania in den Schweizer Medien geschrieben, die Diskussion mit über 40 Beiträgen dauert an. Über den Bund, der zum Tages-Bund oder Berner Bund werden könnte. Über Bundesliga-Bezahlfernsehen und Internet-Alternativen in Deutschland. Über die Zukunft der Zeitung in Indien. Über entlassene Journalisten . Über Audio im Internet . Und wir haben ein paar Tipps gesammelt, was man Journalisten denn so zu Weihnachten schenken könnte – ganz ironiefrei. Unsere Leser verließen unsere Seite in der vergangenen Woche vor allem über den Link auf den taz-Artikel über die Fußball-Fernsehrechte.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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