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16.05.12Kommentieren

Wissensplattform: Quora verlässt das Tal der Ernüchterung

Auf den Hype folgte die Ernüchterung - da war auch die Frage-Antwort- und Wissensplattform Quora keine Ausnahme. Doch die Besucherzahlen steigen wieder. Und frisches Kapital soll die langfristige Orientierung der Kalifornier manifestieren.

Manche Startups sind gut damit beraten, bei ausbleibendem exponentiellen Wachstum grundsätzliche Schwächen an ihrer Produktidee zu identifizieren und mit einem abgewandelten Konzept frühzeitig einen Neustart zu wagen (der berühmte "Pivot"). Andere wiederum tun gut darin, den bestehenden Ansatz kontinuierlich zu verfeinern und geduldig auf das Eintreten des Tipping Points zu warten. Pinterest benötigte beispielsweise mehr als ein Jahr, bevor die Nutzerzahlen plötzlich explosionsartig anstiegen. Die Schwierigkeit für Gründer liegt darin, zu erkennen, in welche der zwei Kategorien ihr Angebot fällt. Ich persönliche glaube, dass Quora, die Frage-Antwort-Plattform aus Palo Alto, die richtige Entscheidung getroffen hat, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und sich nicht von einer nachlassenden Aufmerksamkeit in Branchenkreisen beirren zu lassen.Wir erinnern uns: Zur Jahreswende 2010/2011 kannte die gesamte Tech- und Webwelt kaum ein anderes Gesprächsthema als Quora. Angetrieben wurde das Momentum des von den zwei ehemaligen Facebook-Mitarbeitern Charlie Cheever und Adam D'Angelo gegründeten Dienstes von zahlreichen auf der Plattform präsenten Experten und Unternehmenslenkern, die bereitwillig auf Fragen von Anwendern Antwort gaben und die Plattform damit von der Schar herkömmlicher Q&A-Angebote abhob. Lange erschien es auch, als habe das kalifornische Startup einen Grad an "Stickiness" erreicht, der Nutzer auf Dauer an den Dienst binden würde. Doch jeder Hype geht einmal vorüber. Als die Social-Media- und Tech-Karawane im Frühjahr 2011 endlich weiterzog und sich dem nächsten vielversprechenden, jungen Onlinedienst widmete, war es mit dem großen Besucheransturm erst einmal vorbei. Und so richtig ist es dem US-Service seitdem nicht gelungen, sich wieder als spannendes Thema ins Gespräch zu bringen.

Doch obwohl Quoras Facebook-App gerade einmal 190.000 aktive Nutzer pro Monat aufweist und damit entweder eine tatsächlich geringe Zahl aktiver Quora-Mitglieder oder ein Desinteresse der Anwender für die (gerade erweiterte) Facebook-Integration nahelegt, entwickeln sich die Zugriffszahlen seit dem Einbruch vor einem Jahr mittlerweile wieder recht positiv. Google Trends signalisiert einen stetigen Anstieg der Unique Visitors, und laut dem Google AdPlanner besuchen weltweit 5,1 Millionen Menschen pro Monat das Frage-Antwort-Portal. Ein nicht unwesentlicher Teil davon wird direkt von Suchmaschinen kommen und dementsprechend gar kein Mitgliedskonto bei Quora besitzen.

Das Startup ist also durchaus dabei, das nach der anfänglichen Euphorie unweigerlich folgende Tal der Ernüchterung zu verlassen. Eine jüngste Kapitalspritze über satte 50 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 400 Millionen Dollar unterstreicht diese Botschaft. Beachtlich ist das Investment, weil die Hälfte der ersten, elf Millionen Dollar schweren Finanzierungsrunde nach den Worten von Mitgründer D'Angelo noch gar nicht aufgebraucht wurde. Das frische Kapital soll seiner Aussage nach sicherstellen, dass Quora sich weiterhin langfristig orientieren kann und nicht wie viele andere Firmen zu kurzfristigen Schritten gezwungen wird.

Bei einer in ihrer Form bisher einzigartigen, hohen Qualitätsstandards folgenden Wissensplattform halte ich diesen Ansatz für die einzig sinnvolle Strategie, um auf dieser ein funktionierendes Geschäftsmodell aufzubauen, ohne dabei die noch vergleichsweise kleine, aus vielen Spezialisten bestehende Anwenderschaft vor den Kopf zu stoßen. Das Prinzip Quora erfordert vorsichtig durchgeführte Experimente, um das Engagement der Mitglieder, die Akquisition neuer Nutzer sowie die Entwicklung von Monetarisierungsmaßnahmen gleichermaßen zu realisieren. Dies funktioniert nicht mit Gewalt oder unter Zeitdruck aufgrund einer leeren Kasse.

Mathew Ingram sinniert bei GigaOm darüber, ob Quora eine gewinnorientierte Version von Wikipedia auf die Beine stellen kann. Genau in diese Richtung dürfte sich der Dienst entwickeln. Wikipedia ist ein gigantischer Wissensschatz, liefert aber nicht immer Antworten auf spezifische Fragen und eignet sich nicht zur persönlichen Profilierung. Für Wikipedia ist dies sicher ein Segen, lässt aber Raum für einen Dienst, der das Know-how von Menschen online zugänglich macht, die dafür im Gegenzug Sichtbarkeit und Wertschätzung verlangen - wobei es sich ja um äußerst menschliche Züge handelt. Quora kann diese Lücke füllen. Ein digitaler Ort, der Kompetenz, Informationsbedarf und das Streben nach Reputation zusammenbringt, dürfte auch ein tragfähiges Geschäftsmodell ermöglichen. Erste Versuche laufen bereits. Sofern es Quora gelingt, noch mehr Anwender auf die Plattform zu ziehen, sollte das mit dem Geldverdienen gar nicht so schwer werden.

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