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25.03.09Leser-Kommentar

Wird britischen Plattenfirmen 'Three Strikes' zu teuer?

Die tatsächliche Umsetzung der zunehmend von Lobbyisten der Contentindustrie in vielen Ländern beworbenen Three-Strikes-Idee könnte für die Musikfirmen zu teuer werden, wenn sie sich an den Kosten beteiligen müssen. 

Von Janko Röttgers

Das Musicweek-Magazin hat diese Woche einen Artikel zu den Beratungen zur Gründung einer Digital Rights Agency in Großbritannien veröffentlicht. Vieles davon sind Details für Insider – aber zwischen den Zeilen findet sich dann doch noch eine interessante Story: Die unter dem Stichwort Three Strikes bekannte Idee, Tauschbörsennutzer nach wiederholten Warnungen vom Netz abzuklemmen, ist offenbar doch schwerer umzusetzen, als Rechteinhaber sich das gedacht hätten.

Zum Hintergrund: Der britischen Musikindustrie gelang es nach einigen Drohgebärden im letzten Sommer, lokale Internet-Anbieter zur Mithilfe im Kampf gegen Tauschbörsen-Piraterie zu verpflichten. Sechs Anbieter erklärten sich dazu einverstanden, im Rahmen eines begrenzten Feldversuchs Warnungen an P2P-Nutzer zu schicken. Die britische Regierung nahm dabei eine Kontrollfunktion ein.

Britische Plattenfirmen feierten dies als ersten Schritt in Richtung eines Three Strikes-Systems, mit dem man Wiederholungstätern den Netzzugang kappen will. Netzanbieter beeilten sich jedoch, zu beteuern, dass sie sich nicht von ihren Kunden trennen wollen. Die Regierung geriet ebenfalls in die Defensive, als Bürger anfingen, kritische Fragen zu stellen.

Die offizielle Version des ganzen Plans lautet deshalb derzeit: Dies ist lediglich ein Test. Es wird dazu noch Beratungen und Gremien geben. Wir müssen erstmal den Ablauf abklären. Vielleicht brauchen wir auch ne Agentur mit nem tollen Namen, aber ohne klar definierten Handlungsspielraum. Zu sehen gibt's auf jeden Fall nix hier. Bitte weitergehen.

So weit der aktuelle Stand. Die Agentur, die das Problem der Tauschbörsen-Piraterie ein für alle Mal lösen soll, wird auf den Namen „Digital Rights Agency“ hören. Was sie genau tun wird, ist allerdings immer noch unklar. Klar, jeder hat so seinen eigenen Wunschzettel. Internet-Anbieter wollen einen Schutz vor juristischen Problemen. Die Musikindustrie will, Überraschung, Three Strikes.

Selbst Tony Cohen, verantwortlich für 'Deutschland sucht den Superstar' sowie das britische Show-Vorbild Pop Idol, hat so seine Ideen. Seiner Vorstellung nach sollte die Agentur Micropayments einsammeln, damit er mehr Geld mit Teenagern verdienen kann, die sich vor einem Millionenpublikum blamieren.

All diese Wünsche werden derzeit laut Musikweek gesammelt. Irgendwer macht sogar schon mal einen ganz groben Überschlag:

"The Department for Business Enterprise and Regulatory Reform and the Department for Culture Media and Sport have just opened a consultation on how such a body would work and has estimated – depending on the agency’s eventual structure – that it could cost at least £2.5m."

Auf deutsch bedeutet dies so viel wie:

„Das Amt für Gewerbebetriebe und Regulierungsreform und das Amt für Kultur, Medien und Sport haben mit einer öffentlichen Konsultation dazu begonnen, was so eine Organisation leisten würde. Sie schätzen, dass die Agentur je nach ihrer letztendlichen Struktur mindestens 2,5 Millionen britische Pfund kosten könnte.“

Das ist eine Menge Geld, selbst mit den derzeitigen Wechselkursen. Warum ist der Spaß so teuer? Musikweek erklärt das so:

"The ministers state, 'There are a range of options for the agency. At one end of the scale it could be a very light touch organisation acting in a similar way to the Advertising Standards Authority… at the other end of the scale, the agency could be a substantial self-regulatory body, working under the authority of the regulator to draft codes of practice.' The latter setup, it is estimated, would require a staff of around 50 to run it, and would need a “minimum budget” of £2.5m“

Oder übersetzt:

„Die Minister führen dazu aus: 'Es gibt für diese Agentur eine Reihe von Möglichkeiten. Ein Szenario wäre eine sehr zurückhaltend agierende Organisation, ähnlich der Aufsichtsbehörde für Werbung. Das andere Extrem wäre eine umfangreiche Regulierungsbehörde, die das Recht hätte, Handlungsvorgaben zu erlassen.' Für das zweite Szenario würden Schätzungen zufolge 50 Mitarbeiter und ein Mindestbudget von 2,5 Millionen Pfund gebraucht.“

Und nein, es geht dabei nicht um Steuergelder. Plattenfirmen müssten davon knapp die Hälfte aufbringen. Der Rest würde von Netzanbietern bezahlt. Dummerweise haben die meisten Plattenfirmen derzeit nicht besonders viel Geld übrig. Die Branche hat bereits ihre eigenen Anti-Piraterie-Maßnahmen zurückgefahren. Bei Organisationen wie der RIAA wurden zudem eine ganze Reihe von Leuten entlassen. Manch einer ist deshalb derzeit nicht bereit, Millionen in eine neue Organisation zu investieren. Musikweek zitiert dazu einen ungenannten Manager mit den folgenden Worten:

"£2m might be a bit steep. The question is, will the agency bring filesharing to a tolerable level? I’m not sure it will."

Übersetzt:

„Zwei Millionen ist möglicherweise ein bisschen zu viel. Die Frage ist, ob diese Agentur den P2P-Tausch auf ein akzeptables Niveau reduzieren kann. Ich bin mir da nicht so sicher.“

Letztlich ist dies eine gute Entwicklung. Die großen Plattenfimen haben über Jahre hinweg Gerichte auf der ganzen Welt mit Klagekampagnen überschüttet, die keinen messbaren Einfluss auf die Tauschbörsen-Nutzung hatten. Jetzt werden sie selbst für diese Maßnahmen zur Kasse gebeten – und beginnen sich zu fragen, wie viel ihnen der Kampf gegen Tauschbörsen wirklich wert ist.

Janko Röttgers arbeitet als freier Journalist und Redakteur des P2P Blogs in Los Angeles.

Kommentare

  • Tobias Knapp

    25.03.09 (18:54:18)

    Dazu auch: "AT&T first to test RIAA antipiracy plan" http://news.cnet.com/8301-1023_3-10203799-93.html?part=rss&tag=feed&subj=News-DigitalMedia Und auch cool: Pirate Bay Announces IPREDATOR Global Anonymity Service http://torrentfreak.com/pirate-bay-announces-ipredator-global-anonymity-service-090323/ Da geht's Wettrüsten los :).

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