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31.12.07Kommentieren

Wir sind Knut

Wir können ihn doch auch nicht mehr sehen: Knut, den pelzgewordenen Auflagen- und Quoten-Hit des Medienjahres 2007. Weitere Highlights aus der kunterbunten Medienwelt in unserem vollkommen unvollkommenen Jahresrückblick.

Von Markus Kirchsteiger, Ronnie Grob und Ole Reißmann

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Hallo, kleiner Eisbär! (Bild: Jens Koßmagk, cc)

Januar

Holtzbrinck gruschelt, ähm, kauft das StudiVZ. Nur konsequent: Früher machten Zeitungen mit Auto- und Stellenanzeigen ihr Geschäft, die sind aber längst ins Internet abgewandert. Jetzt muss das Geld woanders herkommen. Damit sich die geschätzten 80 Millionen Euro Kaufpreis für die Online-Community rechnen, strickt StudiVZ an den Datenschutzbestimmungen. Personalisierte Werbung soll die Kasse zum klingen bringen.

Februar

Mit Til Schweiger und einem Lämmchen auf dem Cover startete Vanity Fair am 7. Februar in Deutschland. Was angekündigt war als geistig und journalistisch hochstehendes Wochenmagazin für die Movers and Shakers, entpuppte sich als Hochglanz-Klatschheft ohne besonderen Tiefgang. Die Auflage allerdings ist gar nicht so schlecht, wie von den vielen Spöttern behauptet.

März

Ein durchschnittlicher Eisbär, wie er immer mal wieder geboren wird, versetzte die deutschsprachigen Medien in eine Aufregung, wie es noch kaum ein Tier geschafft hatte. Richtig muss es natürlich heißen, dass sich die Medien wegen Eisbär Knut in eine Aufregung versetzten, die kaum nachzuvollziehen ist, denn Knut alleine, seiner mirakulösen Ausstrahlung sei durchaus Rechnung getragen, hat herzlich wenig Einfluss, einfach so. Von dieser Aufregung liessen sich viele Medienkonsumenten anstecken, litten mit dem unnahbaren Tier und kauften sich allerlei Abbilder von ihm, Anstecknadeln, Hüte, Plüschbären. Dem Berliner Zoo bescherte ein Jahr mit grossartigen Besucherzahlen und dem bärtigen Betreuer eine kurzweilige Berühmtheit.

April

Harry Rowohlt: "Früher, wenn man sich keine Namen merken konnte, hieß das vergesslich. Inzwischen heißt das Alzheimer. Und wieder muss man sich einen Namen merken."

Mai

Die Bild-Zeitung gehört in die Hauptstadt - finden jedenfalls der Chefredakteur und kündigt den Umzug der Redaktion an. Viele Mitarbeiter demonstrierten daraufhin mit roten T-Shirts und Bannern vor dem Verlagshaus. Eigentlich schon am 3. Oktober sollte das Blatt aus Berlin gemacht werden. Die Verlagerung von rund 500 Arbeitsplätzen dauert aber doch, nun soll es Ostern 2008 soweit sein.

Kennen wir uns nicht? Das Zeit-Magazin Leben (geschrieben ZEITmagazin Leben, warum auch immer) ist zurück.

Die Frankfurter Rundschau erscheint von nun an im kleinen Tabloid-Format und erfindet damit mindestens die Zeitung neu. Die neue FR ist am Kiosk unter all den großformatigen Zeitungen mitunter nicht mehr zu finden, dafür kann man sie als Pendler hervorragend in der Bahn lesen.

Juni

Gleich zwei große Publikationen verliert die Schweiz: Das Verlagshaus Ringier stellt die Wirtschaftszeitung Cash ein und die Redakteure feiern ihre letzte Ausgabe mit Bootsfahrt und Nachtessen. Enttäuscht und wütend sind hingegen die Redakteure von Facts: Tamedia knippst dem Schweizer Nachrichtenmagazin das Licht aus.

Juli

Die Leistungsshow der modernen Medizin, die Tour-de-France, fliegt endlich aus dem Programm von ARD und ZDF. Sat.1 übernimmt dankend die Tour-Berichterstattung und überrascht mit einem aufgeklärtem, investigativem Sportjournalismus. Nicht.

Am Indepedence Day wird die kriselnde NRW-Ausgabe der taz beerdigt.

August

Während man in der ersten Jahreshälfte jeden Tag irgendwo etwas über das Spiel Second Life lesen konnte, war in der zweiten Jahreshälfte kaum noch etwas darüber zu finden. Der Hype baute sich Ende letzten Jahres langsam auf und nahm, als der Spiegel Second Life auf die Titelseite nahm, richtig an Fahrt auf. Jedes Lokalblatt, auch der Grevenbroicher Irgendwas, informierte seine Leser darüber, was doch in dieser zweiten, virtuellen Welt alles abgehe. Wirklich viel passiert ist aber nicht, außer, dass nun einige eiligst aufgebaute Präsenzen in der virtuellen Welt vor sich hin gammeln.

Ein Jahr nach ihrer Befreiung tritt Entführungsopfer Natascha Kampusch im August mit einem Fernsehinterview erneut an die Öffentlichkeit. Das Interesse an ihrer Geschichte bewegt immer noch. Einige Medien versuchen daher Kapital daraus zu schlagen. Das Gratisblatt heute veröffentlicht Fotos von Natascha Kampusch, die sie angeblich küssend mit einem Anwaltssohn zeigen - im Dezember wird die Zeitung wegen Verletzung der Privatsphäre zu 13.000 Euro Schadenersatz verurteilt. Doch selbst die eigene Mutter macht Geld mit dem Schicksal ihrer Tochter und veröffentlicht ein Buch. Schließlich trägt auch Natascha Kampusch selbst dazu bei, dass sie nicht aus dem Aufmerksamkeitsradar der Medienöffentlichkeit rutscht: Nächstes Jahr soll sie eine Talk-Show im österreichischen Privat-TV moderieren.

September

Die neue Tageszeitung Österreich feiert ihren ersten Geburtstag. Von bahnbrechendem Journalismus war in diesem Jahr wenig zu sehen, dafür vergrämte das schreierische Zeitungskind von Marketinggenie Wolfgang Fellner den Zeitungsriesen Mediaprint (Kronen Zeitung, Kurier) aus der Österreichischen Auflagenkontrolle. So sieht sich Österreich seit Jahresanfang auf Platz zwei hinter der Kronen Zeitung und vor der Kleinen Zeitung und Kurier. Wie man die Auflage hochtreibt, hat Fellner schon jahrzehntelang mit seinen Magazinen vorgemacht. Daher verwundert es nicht, dass er auch für seine Tageszeitung reichlich aus seiner Trickkiste schöpft: von allerlei Abo-Geschenken bis hin zu Gratisauflage von rund 100.000 Stück. Aber wie viele LeserInnen Österreich nun tatsächlich hat, bleibt wohl auch im neuen Jahr ein Geheimnis.

Schon wieder gratis in der Schweiz: Mit .ch erscheint wieder ein kostenloses Blättchen.

Papst Benedikt XVI. besucht Österreich und versetzt das Land in Ausnahmezustand. Wochen vorher schon sind die Zeitungen mit Sonderbeilagen zugepflastert, das Fernsehen sendet am Wochenende des Besuchs 16 Stunden live Berichte, Analysen und Gesprächsrunden. Keine Details werden ausgelassen: Selbst ein zweiminütiger Beitrag über das tragbare Papst-WC darf nicht fehlen. Und als ?Benedetto" schließlich in Wien landet, sind sich die österreichischen Zeitungsportale einig wie nie: ?Der Papst fühlt sich bei uns ?daheim'", ?Papst gefeiert wie ein Popstar" und ?Viva Benedictus" lauten die euphorischen Aufmacher. Wer kann da noch Papstmuffel sein?

Oktober

Die WAZ startet derWesten und erfindet damit mindestens die Zeitung neu. Wie auch immer, die diversen Lokalredationen schreiben nun auch ins Internet rein.

Die FAZ druckt nun immer Fotos auf der Titelseite und erfindet damit mindestens die Zeitung neu. Wie auch immer, eigentlich ändert sich überhaupt nichts.

November

Aus für Aust: Der Chefredakteur des Spiegels wird von den Mitarbeitern geschasst, das Medienecho ist gewaltig. In der aktuellen Spiegel-Ausgabe schreiben Markus Brauck und Thomas Tuma über das eigene Heft: "Wechselt gerade die Chefredaktion. Sonst ist aber alles okay."

?Die größte Programmreform aller Zeiten" sollte es laut ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz werden. Seit Jahren zappten immer mehr junge Zuseher vom ORF weg zu den deutschen Privatsendern - dem wollte Wrabetz mit ?Mitten im Achten", dem Herzstück seiner Reform einer, entgegensteuern. Doch die angepeilte Zielgruppe verschmähte die teure Mischung aus Daily Soap und Telenovela (gesamt 6,5 Mio. Euro) - die Quoten brachen so stark ein, dass nach 45 Folgen Schluss war. So sind Visionen und Hoffnungen nach dem ersten Jahr unter Wrabetz geplatzt wie Seifenblasen und die Zukunftsaussichten so trübe wie zuvor: die Einschaltquoten sind im Keller (-5,8% innert einem Jahr), die Werbewirtschaft verlangt niedrigere Werbetarife, die Stimmung bei den ORF-Redakteuren sei ?trist wie selten zuvor" (Moderatorin Danielle Spera) und dennoch steigen die ORF-Gebühren ab 1.Juni 2008 um 1,30 Euro.

Dezember

Die Süddeutsche Zeitung wird verkauft, nach einem monatelangen Pokerspiel (taz: "Denverlerger-Clan") nimmt die Südwestdeutsche Medien-Holding Geld in die Hand und schafft Fakten.

Bildblogger für einen Tag: Das agile Internet-Startup, pardon, Grassroot-Medien-Watch-Blog bekommt Unterstützung von Friedrich Küppersbusch, Silvana Koch-Mehrin, Hans-Peter Buschheuer, Sascha Lobo, Hoi Polloi, Miriam Meckel, Christian Schertz, Klaus Vater, Jürgen Trittin, Hans Leyendecker, Peter Lewandowski, Oliver Gehrs, Bastian Pastewka, Martin Sonneborn, Jens Weinreich, Judith Holofernes und Max Goldt. Sehr gut!

Liebe Medienlese-Leserschaft - was fehlt Euch? Was hat Euch so richtig zu Tränen gerührt, im Innersten bewegt, amüsiert, informiert, belustigt, bestätigt? Was ist Euer mediales Highlight des Jahres?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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