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08.04.10Leser-Kommentare

Wikipedia und WikiLeaks: Auch Nonprofit braucht Geld

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Die Nonprofit-Projekte Wikipedia und WikiLeaks erfüllen eine immens wichtige Funktion im Netz: Sie hauchen der Vision einer gerechteren und demokratischeren Welt im Web Leben ein. Gleichzeitig stehen sie vor einem immanenten Finanzierungsproblem.

Nonprofit-Projekte wie Wikipedia und WikiLeaks bieten Millionen von Menschen ungehinderten Zugang zu Informationen und stellen mitunter Herrschaftswissen in Frage, wie gerade das Beispiel des veröffentlichten Irak-Videos zeigt. Doch für den Betrieb derartiger Plattformen braucht es mehr als Peanuts.

Erstens stellen sie Content bereit und leiden somit unter dem allgemeinen Finanzierungsproblem für Inhalte im Netz. Zweitens haben sie einen anti-kommerziellen, humanistischen Anspruch, so dass Erlösformen wie Werbung und Bezahlschranken von vorn herein ausscheiden. Drittens stehen beide vor dem Dilemma öffentlicher Güter. Gewiss, was ihren Finanzbedarf betrifft, spielen sie in anderen Ligen als kommerzielle Content-Anbieter: Personal- und Autorenkosten sind minimierbar. Dabei geraten sie nicht in den Verdacht, ihre Nutzer als gutgläubige Content-Sklaven auszubeuten. NPO-Sites haben den Vorteil, dass sie problemlos freiwillige Unterstützer finden, die kostenlos Inhalte erstellen oder redaktionelle Aufgaben übernehmen. Kein Medienkonzern der Welt könnte die fiktiven Honorare für die unzähligen Arbeitsstunden bezahlen, in denen Experten und Laien Millionen von Wikipedia-Artikeln erstellen.

Doch zumindest bei größeren nicht-kommerziellen Angeboten müssen reale Rechnungen beglichen werden, und ganz ohne Angestellte geht es meistens auch nicht. Einen Einblick in das Finanzierungs-Modell des größten nicht-kommerziellen Webprojekts ermöglicht der alljährliche erscheinende Tätigkeitsbericht des Vereins Wikimedia, der hinter der deutschen Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia steht.

Wovon lebt Wikimedia?

2009 war für die deutsche Wikimedia ein gutes Jahr. Die Einnahmen haben sich im Vergleich zum Vorjahr beinahe verdoppelt, von 443.956 Euro auf 818.041 Euro.

Ein Großteil dieses Geldes kam von Privatspendern, was verwundern kann angesichts der Tatsache, dass zu Beginn der jährlichen Spendenkampagne der emotional ausgetragene Exklusionisten-vs.-Inklusionisten-Streit und die Querelen um die Löschtaliban-Nation Deutschland ihren Höhepunkt erreicht hatten.

Einnahmen von Wikimedia 2009

Tabellarische Übersicht der Einnahmen von Wikimedia 2009

Quelle: Tätigkeitsbericht Wikimedia Deutschland, S. 31

Schauen wir uns die größten Einnahme-Posten des Wikimedia-Vereins genauer an:

1. Spenden

Wikimedia Deutschland wird zu über 90 Prozent von Spendern finanziert, wobei Privatspenden den Löwenanteil ausmachen. Doch während sich diese, ähnlich wie die Gesamteinnahmen, "nur" etwa um den Faktor 1,9 erhöht haben, haben sich die Unternehmensspenden fast verzehnfacht. Bei den Unternehmensspenden handelt es sich nach Aussage von Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter allerdings nicht um Großspenden, sondern solche im Bereich von 1.000-2.000 Euro.

Von besonderer Bedeutung ist die alljährliche internationale Spendenkampagne, bei der mit gut sichtbaren Bannern auf Wikipedia um Spenden gebeten wird. Damit wird ein Großteil der Spenden erwirtschaft, wie die folgende Grafik aus dem Bericht von 2007 zeigt (die Kampagne begann in dem Jahr etwas eher).

Spendenentwicklung 2007

Quelle: Tätigkeitsbericht Wikimedia Deutschland 2007, S. 9

Zwischen dem 12. November 2009 und dem 6. Januar 2010 kamen vier Fünftel der Spenden (614.000 Euro) zustande. Es gab insgesamt knapp 20.000 Einzelspender, durchschnittlich wurden 31 Euro überwiesen. Pavel Richter bezeichnet das als Rekordergebnis.

2. Lizenzeinnahmen

Mit sehr großem Abstand folgen „Lizenzeinnahmen u.ä.“. Der Posten überrascht auf den ersten Blick, sind die Wikimedia-Inhalte doch durch eine umfassende Creative-Commons-Lizensierung auch für die kommerzielle Nutzung kostenlos freigegeben. Gebühren fallen stattdessen an, wenn Unternehmen zusätzlich noch das Wikipedia-Logo und damit die „Marke“ einbinden wollen, wie es der Spiegel macht. Anders als anzunehmen, scheinen die Einnahmen durch den Verkauf des Wikipedia-Einbänders hingegen nicht als Lizenzeinnahmen zu gelten, sondern als Spenden.

3. Mitgliedsbeiträge

Der drittgrößte Posten sind die Beiträge der 537 Vereinsmitglieder. Im Vergleich zu den vielen Nutzern von Wikipedia ist diese Zahl wirklich überschaubar. Der Mindest-Jahresbeitrag beträgt 24 Euro, der ermäßigte 12 Euro. Juristische Personen müssen mindestens 100 Euro zahlen. Ein Teil der Mitglieder zahlt freiwillig einen höheren Beitrag. So kamen etwas mehr als 12.000 Euro zusammen.

Mitgliedsbeiträge

4. Fördermittel

Interessant ist schließlich noch der Posten Fördermittel: Dieser schwankt sehr stark. Im Jahr 2009 und 2006 waren es 0 Euro. 2008 betrug der Posten 32.000 € und war damit die drittgrößte Einnahmequelle. Für 2010 will Wikimedia versuchen, wieder solches Geld einzuwerben. So hat der Verein für das Projekt Generation 50+ bereits eine grundsätzliche Zusage für EU-Mittel erhalten.

Vergleich der Einnahmen von Wikipedia und WikiLeaks

Zum Schluss will ich die Einnahme-Situation der beiden wohl wichtigsten nicht-kommerziellen Online-Projekte vergleichen.

Beide bemühen sich um Fördermittel. Wikimedia Deutschland etwa beantragt Mittel aus einem EU-Programm, also staatliche Förderung, WikiLeaks bewirbt sich bei der privaten Knight-Foundation um einen Betrag von 532.000 US-Dollar.

Während Wikipedia schon erfolgreich Lizenz-Einnahmen erhält, ist dieser Erlösstrom bei WikiLeaks mit dem geplanten Auktions-Modell zumindest in der Pipeline. Wenn es gelingt, das Modell erfolgreich zu etablieren, wären damit möglicherweise die Finanzierungsprobleme gelöst.

Bei der Generierung von Spenden ist Wikipedia definitiv erfolgreicher. Die internationale Wikimedia-Foundation hat es in der letzten Spendenkampagne international auf respektable acht Millionen US-Dollar geschafft und die Kampagne ohne Verlängerung zu Ende bringen können.

Die Spendenkampagne von WikiLeaks verlief hingegen schleppend. Um den Jahreswechsel herum war der reguläre Betrieb der Seite eingestellt worden, um dem Spendenaufruf Nachdruck zu verleihen. Sie sollte am 6. Januar 2010 wieder komplett online gehen, doch die Laufzeit der Kampagne wurde immer wieder verlängert und es wurden in regelmäßigen Abständen Aufrufe über Twitter nachgeschoben. Mittlerweile veröffentlicht WikiLeaks zwar wieder Dokumente, doch auf der Startseite ist der Spendenaufruf noch immer prominent vertreten. Von den 600.000 US-Dollar, die die WL-Mutterorganisation Sunshine Press zur Deckung des Jahresbudgets anpeilt, sind bis dato zwei Drittel eingegangen.

Ein anderer Weg könnte der gerade gestartete Versuch sein, für die Realisierung konkreter einzelner Leaks um Unterstützung zu bitten. In einem Pitch auf der Crowdfunding-Seite spot.us wirbt WikiLeaks um Geld, das die Veröffentlichung eines weiteren Collateral-Murder-Videos ermöglichen soll und beziffert den finanziellen Aufwand auf knapp 50.000 US-Dollar.

Fazit

Der Vergleich zeigt zweierlei. Erkenntnis eins: Es ist für Nonprofit-Projekte im Netz möglich, auch eine größere Summe Geld zu erwirtschaften und so auf Dauer den eigenen Betrieb sicher zu stellen. Es scheint also eine globale Gemeinschaft mit einem reifen digitalen Bürger-Bewusstsein zu geben, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Erkenntnis zwei: Zwangsläufig ist eine solche Erfolgsgeschichte nicht.

Man könnte die beiden Projekte als noch ungleiche Brüder sehen. Wikipedia ist schon längst erwachsen geworden und hat bewährte Wege gefunden, Wertschätzung in Einnahmen umzumünzen. Der kleinere Bruder hingegen muss ökonomisch gesehen noch laufen lernen: WikiLeaks sucht nach neuen Wegen, experimentiert herum und ruft, wenn gar nichts mehr geht, laut um Hilfe.

Vielleicht lässt sich in der Causa WikiLeaks der Reifegrad einer globalen Netz-Community ablesen: Der wäre erreicht, wenn es eine ausreichend große Gruppe gibt, die neue Möglichkeiten im Netz nicht nur begeistert aufnimmt, sondern bereit ist, auch für aufwändigere Projekte ökonomische Verantwortung zu übernehmen. Dann stände weiteren Erfolgsgeschichten nichts im Wege: Wikipedia, WikiLeaks, WikiEverything.

Über den Autor: Stefan Mey, Jahrgang 1981, studiert Publizistik und Soziologie in Berlin und Potsdam und ist als freier Autor tätig. Er schreibt an einer Magisterarbeit über die Ökonomie von Blogs und betreibt seit August 2009 einen Blog über Medien-Ökonomie. Im Januar veröffentlichte er dort ein Interview mit Julian Assange, einer der international prominentesten WikiLeaks-Figuren. Auf der re:publica in Berlin wird Stefan zusammen mit Philipp Katzer eine Session zu Blog- und Blogger-Typologien leiten.

Kommentare

  • dvux

    08.04.10 (12:57:23)

    toller artikel mal wieder ;)

  • hathead

    08.04.10 (13:14:00)

    Guter und ausführlicher Beitrag. Ich würde mir mehr derart aufklärendes wünschen. Also Stefan: öfter mal Gastautor werden ;-)

  • Alf

    08.04.10 (15:33:31)

    Schöner Artikel wie ich finde. Ich hätte nicht gedacht das Wikipedia eine so derart großes Spendenpotenzial besitzt. Es freut mich aber auch das sich genug Investitoren finden um das Projekt langfristig auf den Beinen zuhalten. Also scheint eine Non-Profit Organisation doch nicht so weit hergeholt und kann auch ruhig von Nicht Millionären betrieben werden ;-)

  • Martin

    08.04.10 (19:07:12)

    Einen Einblick in das Finanzierungs-Modell des größten nicht-kommerziellen Webprojekts ermöglicht der alljährliche erscheinende Tätigkeitsbericht des Vereins Wikimedia, der hinter der deutschen Version der Online-Enzyklopädie Wikipedia steht. Wikimedia Deutschland steht nicht hinter der deutschsprachigen Version der Wikipedia – das merkt man jeweils, wenn es um Fragen der Verantwortung für Wikipedia geht … :roll:

  • Christoph

    08.04.10 (20:43:24)

    Jetzt bin ich schlauer.

  • Arne Klempert

    09.04.10 (09:59:58)

    Wer sich für die internationalen Zahlen von Wikimedia interessiert, wird hier fündig: http://wikimediafoundation.org/wiki/Financial_reports

  • Tim 'avatar' Bartel

    09.04.10 (10:52:49)

    Schöner Artikel! Den hauptsächlichen Grund dafür, dass die Spendenkampagne von WikiLeaks nicht annähernd einen ähnlichen Erfolg verbuchen kann, liegt sicherlich in der unterschiedlichen Nutzung der beiden Projekte begründet. Ein "normaler Internetuser" besucht die Wikipedia häufig und zieht einen unmittelbaren Nutzen daraus. Macht ihn ein deutlicher Hinweis darauf aufmerksam, dass dieses Projekt nur durch Spenden finanziert wird, kommt schnell das Bedürfnis auf, hierzu selbst beizutragen. WikiLeaks hingegen kommt hauptsächlich dann ins Spiel, wenn es um einen Skandal geht. Viele Leute ziehen aus der Arbeit von WikiLeaks einen Nutzen, nehmen diese Arbeit aber nur sekundär wahr - hauptsächlich dann, wenn die Medien über einen von WikiLeaks veröffentlichen Vorfall berichten. Ein verschwindend geringer Bruchteil von Menschen wird WikiLeaks regelmäßig direkt nutzen. Insofern ist es viel, viel schwieriger einen direkten Bezug herzustellen.

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