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07.04.10

Wikileaks: Die Medien haben versagt

Die Veröffentlichung des Videos aus einem der beiden Apache-Kampfhelikopter, die 2007 eine Gruppe Zivilisten im Irak niedermähten, ist nicht nur eine beispiellose Blamage fürs Pentagon - sondern auch und vor allem für die US-Mainstreammedien.

Das ist eine Waffe: Video und Funk aus dem KampfhelikopterEs gibt einen Grund dafür, warum Verleger, aber auch Journalisten die neue Konkurrenz der Blogger und anderer selbstautorisierter Publizisten im Internet nicht mögen: Sie erlauben sich Dinge, die in der Medienwelt aus politischen und kommerziellen Gründen tabu sind.

Für manche dieser Tabus gibt es gute oder wenigstens juristische Gründe. Andere beruhen ganz einfach auf Bequemlichkeit, Kommerzdenken und der Verflechtung zwischen der «Vierten» mit der realen Staatsgewalt.

Und während das Publikum den mangelnden Biss der Mainstream-Medien bis vor einigen Jahren lediglich erahnte, kriegt es jetzt immer häufiger Beweise dafür, dass Zeitungen, TV- und Radiosender bisweilen die Wahrheit nicht an den Tag bringen wollen oder sie gar fälschen.

Ein ausserordentlich gutes Beispiel dafür ist das jetzt von Wikileaks veröffentlichte Video aus einem der beiden Kampfhelikopter der Amerikaner, welche 2007 in New Bagdad eine Gruppe von 12 Zivilisten niedermähten.

Über den Zynismus der US-Soldaten im Cockpit und ihre eiskalten Sprüche muss man sich dabei nicht aufregen, auch wenn sie ein zusätzliches PR-Desaster für die USA darstellen, weil die Soldaten wie Teenage-Cowboys an einer Videospielkonsole rüberkommen. Krieg ist unmenschlich, und die Protagonisten schützen sich mit Abstumpfung.

Tatsächlich könnte man sogar die Fotokameras mit Teleobjektiv, welche die beiden getöteten Reuters-Journalisten in der Gruppe der Iraker mit sich tragen, in der Aufregung für Granatwerfer halten, wie das die Heli-Besatzungen ganz offensichtlich tun. Über diese Dinge kann man durchaus diskutieren.

Aber eben erst, wenn man das Video gesehen hat. Und das hat das Pentagon drei Jahre lang unter Verschluss gehalten, obwohl Reuters die Herausgabe aufgrund des Freedom of Information Acts verlangt hatte; die "Untersuchung" des Militärs brachte kein Fehlverhalten der Soldaten zu Tage, und der Beschuss des Fahrzeugs, mit dem weitere Zivilisten einen Überlebenden abtransportieren wollten und in dem zwei kleine Kinder sassen, die verletzt wurden, war nach Angaben der Verantwortlichen "unerklärbar". Wer das Video ansieht, kann sich diese Aussage wiederum nicht erklären. Und allen Widersprüchen und Abwiegelungen der Militärs zum Trotz hat keins der grossen Medienhäuser der USA die Geschichte aufgedeckt und das Video beschafft. Das kriegte erst ein kleines, mittelloses "Whistleblower"-Portal im Internet zustande.

Neben der totalen Blamage für das Pentagon und den erneuten Imageschaden für die USA in der restlichen Welt zeigt das Video, respektive seine Veröffentlichung auf Wikileak, vor allem eines: Dass die amerikanischen Medien keine wirklich heissen Eisen mehr anzufassen bereit sind.

Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass das Video, welches Wikileaks nach eigenen Angaben von mehreren Seiten aus Militärkreisen zugespielt wurde, auch grossen Zeitungen und TV-Ketten vorlag. Denn wer Kopf und Karriere riskiert, weil er oder sie es nicht ertragen kann, dass die Wahrheit vertuscht wird, wendet sich an die grössten und vertrauenswürdigsten Outlets.

Das macht die Veröffentlichung des Videos auf Wikileaks zur Schande für die Mainstreammedien: Entweder sie hatten das Video nicht - weil ihnen die Whistleblower nicht mehr trauen -, oder sie hatten es und veröffentlichten es nicht. Beides ist eine journalistische Bankrotterklärung.

Bei Skandalen, welche die Regierung oder das Militär schlecht aussehen lassen, kann man indes vor allem in Kriegszeiten und vor allem in den USA selbst als grosser Konzern nur zu leicht als Nestbeschmutzer oder gar Verräter an der "nationalen Sicherheit" hingestellt und massiv geschädigt werden. Schlimm daran ist, dass diese Schäden als schwererwiegend eingeschätzt werden als der schleichende Verlust jeglicher Glaubwürdigkeit und Kontur, dem inzwischen fast alle amerikanischen Medien unterworfen sind.

Wie real indes auch der Druck von der Politik ist, beweist der Umstand, dass das Portal Wikileaks von den US-Militärgeheimdiensten bereits als Bedrohung eingestuft wurde.

Was es, wie sich jetzt gerade zeigt, durchaus auch ist. Denn Organisationen und Gruppierungen, die Skandale Aufdeckten und das Gekungel der Medien mit der Politik anprangerten, gibt es seit eh und je. In den USA beispielsweise das Project Cencorship Censored , das jedes Jahr die übelsten Fälle und Themen auflistet, die unter den Teppich gekehrt wurden - worüber die Zeitungen irgendwo in 12 Zeilen berichten.

Aber mit dem Internet sind auch die Whistleblower nicht mehr auf die Gnade der Besitzer der Druckerpressen angewiesen, und ein Video - grade ein Video! - wird durch Youtube oder auf irgendeiner Website blitzschnell aus aller Welt verlinkt und gespiegelt. Da hilft kein nachträglicher Rückruf mehr, wie er gelegentlich sogar bei Zeitungsgeschichten vorkam, die einfach in den folgenden Tagen langsam in eine andere Geschichte umgebogen und dann vergessen wurden.

Wikileaks und ähnliche Organisationen sind deswegen nicht nur für das Militär und die Politik, sondern auch für die Medien eine Bedrohung. Sie machen deutlich, wieviel und was die grossen Medienhäuser aus Gefälligkeit der Politik und den andern Konzernen gegenüber verschweigen oder manipulieren.

Und sie übernehmen eine weitere Rolle, welche die Verlage immer weniger zu spielen bereit waren: Die der politischen Aufpasser, der Mahninstanz, welche Korruption und Diktatur in Schach halten muss.

Angesichts dieser Konkurrenz müssten sich die Verleger eigentlich in einer beispiellosen Schlacht um die heissesten und kritischsten Geschichten befinden, Unzahlen von investigativen Journalisten beschäftigen und dem Publikum mit aller Macht verdeutlichen wollen, dass sie eine Aufgabe wahrnehmen, ohne die auch in einer Demokratie die Willkür zu herrschen beginnt.

Stattdessen verklagen sie Google wegen verletzten Copyrights.

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