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15.12.08

Wie weiter ohne Geld: Inhalte, von Spenden finanziert

Die direkte Unterstützung ist ein Ausweg aus der Abhängigkeit von Werbung. Inhalte würden so refinanziert, der Journalismus gerettet. Wir spenden und gucken, was passiert.

Funktioniert der Spenden-Journalismus? (voxeros, CC-Lizenz)Immer mehr Journalisten sehen sich gezwungen, für beleidigende Honorare zu schreiben, Absagen zu sammeln oder einen anderen Beruf zu ergreifen: Wohin mit all den Entlassenen? Was tun? Gibt es auch Einnahmequellen jenseits von werbefinanzierten Titeln?

Ich habe es kürzlich das erste Mal getan. Eine Spende an einen Blogbetreiber. Ohne Zwang und aus einer Laune heraus drückte ich den PayPal-Knopf auf JacoBlök. Das ist ein Blog von Andi Jacomet, einem mir persönlich unbekannten Mittdreissiger aus Bern, der sein Geld als Webpublisher, Texter, Hobbyfotograf verdient und immer wieder lange, lesenswerte Blogeinträge verfasst.

Zum Beispiel über die eingefahrene Olivenernte: " Das flüssige Gold ist da - 28,5 Liter eigenes Olivenöl ". Nicht, dass das JacoBlök für mich das beste Blog der Welt ist, aber ich wollte es mal versuchen mit dem Spenden und überwies 20 Franken. Angekommen sind dann nur 18,73 Franken, aber immerhin.

Über sein Blog sagt Jacomet, es sei ein Kraut-und-Rüben-Blog mit Beiträgen, "die von quasijournalistischen Texten bis Ferienberichten so ziemlich alles beinhalten". Zu finden sind "Archiv-Perlen von DRS1 und DRS3", Dokumentationen der Probleme beim Wechsel des Telefonanbieters oder aber ein Zeugnis über die Wirkung von Blogs, und sei es auch nur etwas Banales wie das "Comeback des Holunderblütensirups bei der Migros".

Das Internet ermöglicht direkte Zuwendungen auf einfache Art. Mit wenigen Klicks kann man unterstützen, was einem wert erscheint. Kleinere Zuschüsse sind eher moralische als existenzsichernde Zuwendungen. Was aber, wenn ein Blogger plötzlich 10.000 Euro erhält von einem Spender, der ihm schreibt, er solle so weitermachen wie bisher, vielleicht sogar selbst anonym bleibt?

Markus Schneider, Journalist und Mitinhaber des Buchverlags Echtzeit, schreib kürzlich in einem Blogeintrag:

Wer nämlich wirklich Kultur fördern will, kauft seine Bücher am besten direkt. Dann verdient kein Grosshändler, kein Zwischenhändler, keine Migros-Tochter - sondern diejenigen, die das Kulturgut Buch herstellen.

Und so ist es mit allen Inhalten. Wer Inhalte fördern will, der muss das Geld den Produzenten der Inhalte geben. Also den Schriftstellern, den Musikern, den Fotografen, den Filmern, den Bloggern, den Illustratoren, den Journalisten.

Ich überlege mir, auch einen PayPal-Button in mein eigenes Blog einzubauen. Nicht, weil ich denke, dass meine Ergüsse so wertvoll sind, dass sich unzählige "Fans" darum schlagen würden, mir den ersten oder den grössten Beitrag zu überweisen. Aber wäre eine Welt, in der ein "Find’ ich gut" auch finanzielle Konsequenzen nach sich zieht, nicht vorstellbar? Könnte die gelegentliche Spende nicht ein Übergang sein zu einer noch immer weit weg scheinenden Welt der Micropayments?

Andi Jacomets Beispiel schreckt ab. Meine Spende ist die erste, die eingeht, seit er den Button Ende 2006 auf sein Blog gesetzt hat. Sie wurde freundlich verdankt:

Hallo Ronnie

Das ist aber nicht Dein Ernst...? :) Echt? Famos - die erste Spende!

Vielen Dank und Grüsse

Andi

Selbst glaubt er nicht an den Erfolg dieser Art von Finanzierung:

Es wäre an sich ein begrüssenswertes Modell, ist aber bloss eine schöne Illusion: Der Mensch funktioniert leider nicht so. Ich gebe gern zu, dass ich ja auch nicht auf jeden Spendenbutton klicke, den ich im Web sehe - selbst bei PHP-Applikationen nicht, die ich seit Jahren gern einsetze. Der Effekt ist wohl: "Aha, es funktioniert offenbar auch ohne Spenden, wieso soll ich denn da was bezahlen?"

Was meint ihr? Würde jemand freiwillig einem Blogger oder Journalisten Geld überweisen? Immerhin geht es um Berufsgruppen, die im Ruf stehen, ihr Geld sowieso nur für Tabak, Wein, Gadgets, Software oder DVDs auszugeben.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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