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30.07.08

Wie informieren sich Schweizer IT-Chefs: IT-Chefs haben andere Sorgen

Schweizer IT-Chefs sind innovationsfeindlich, weil sie sich primär bei Branchenkollegen und in Papiermedien informieren, schrieb Peter Hogenkamp in seinem Beitrag. Aber vielleicht helfen neue Medien den CIOs halt einfach nicht dabei, ihren eigentlichen Job zu erledigen.

Die in Peters Beitrag zitierten Studienresultate könnten nicht eindeutiger sein: IT-Chefs verlassen sich bei der Evaluation ihrer Strategien primär auf Gespräche mit Fachkollegen. An zweiter Stelle kommt die gedruckte IT-Fachpresse. Kurz dahinter Testinstallationen von Produkten. Wer das hört, könnte berechtigterweise denken: IT-Chefs verlassen sich primär auf Tratsch und auf sehr konventionelle Formen der Information. Die wahrhafte Explosion von unabhängigen, fundierten IT-Informationsquellen im Internet scheint fast spurlos an ihnen vorbeigegangen zu sein.

Wie soll da ein IT-Chef erfahren, was die neusten "Enterprise 2.0"-Trends sind, welches Blog- oder Wiki-Paket seine Firma braucht, wie man tolle Enterprise-Mash-Ups macht oder wie man Social Networking intern einsetzen könnte? Kein Wunder, dass die CIOs so langsam die Kontrolle über die IT-Infrastruktur verlieren und oft als letzte herausfinden, dass die Mitarbeiter schon längst internetbasierte Tools von externen Herstellern einsetzen.

Warum also geben sich die IT-Chefs nicht mehr Mühe, mit den neusten Trends Schritt zu halten? Warum recherchieren sie nicht mehr im Internet, warum lesen sie keine Blogs? Nun, dafür gibt es eine Reihe guter Gründe.

Zunächst mal: All diese trendigen Informationshäppchen aus dem Internet helfen dem IT-Leiter nicht, seinen eigentlichen Hauptjob zu erledigen, nämlich die bestehenden Systeme am Laufen zu halten. Die meisten Unternehmen geben mindestens 70% ihres IT-Budgets für Wartung, Betrieb und Updates der bestehenden Hardware und Software aus. Das ist kein wahnsinnig aufregender Job, und darum gibt es herzlich wenige tolle Blogs zum Thema "Wie aktualisiere ich meine uralte SAP-Version auf eine geringfühgig weniger alte?". Für solche Themen, die den IT-Chef in der Realität primär bewegen, sind Gespräche mit Fachkollege Fredy unter Umständen wirklich die beste Informationsquelle. Kein Wunder, dass CIO-Konferenzen oft den Charakter von Selbsthilfegruppen haben.

Für die Entscheidung, wo die übrigen 30% des Budgets (das Geld für neue Projekte) eingesetzt werden, sind IT-Chefs diversen Abhängigkeiten ausgesetzt, bei deren Bewältigung Online-Quellen ebenfalls nur sehr wenig helfen.

Warum führen derzeit so viele Firmen Microsoft Sharepoint ein statt irgendein hippes, viel eleganteres und vermutlich viel billigeres Wiki-Paket? (Anmerkung dazu: Nichts gegen Microsoft Sharepoint, das ich durchaus für ein gutes Produkt halte. Aber es ist ein aktuelles und sehr typisches Beispiel für diese Mechanismen.)

Erstens haben die IT-Chefs schon eine bestehende Beziehung mit Microsoft und müssen nicht durch den schmerzhaften Prozess, dem Topmanagement und der Einkaufsabteilung zu erklären, warum man lieber ein Produkt von diesem tollen, aber völlig ungetesteten und daher risikobehafteten Silicon-Valley-Startup kaufen will. Und die Tatsache, dass alle Blogs von diesem einen Wiki-Produkt schwärmen, hilft da nicht weiter, denn die internen Zielgruppen wissen vermutlich nicht mal, was ein Blog ist. Dass aber eine angesehene Firma in der Nähe auch schon erfolgreich Sharepoint eingeführt hat, zählt da sehr viel.

Zweitens macht Microsoft sicher einen sehr guten Preis, wenn die Firma dafür gleich noch ein paar hundert neue Office-Lizenzen kauft, die man sowieso braucht. Es gibt kaum was Tolleres für IT-Chefs, als intern sagen zu können, dass man Microsoft (oder Oracle oder SAP) bei den Lizenzverhandlungen runtergehandelt hat. Da freut sich auch der Finanzchef. Objektiv spart die Firma gesamthaft so zwar nichts, aber es sieht vordergründig wenigstens danach aus, und im Management zählt Schein oft mehr als Sein.

Drittens hat man schon viele interne Mitarbeiter, die sich mit Microsoft-Technologie auskennen und gern wieder mal einen externen Kurs in einem netten Seminarhotel besuchen wollen, statt sich mühselig mit diesen komplizierten Open-Source-Sachen auseinanderzusetzen. Anders gesagt: Die wichtigsten internen Anspruchsgruppen finden die konventionelle Lösung besser und interessieren sich nicht für noch so fundierte gegenteilige Meinungen aus dem Internet.

Dann kommt hinzu, dass man ja gern neue Systeme mit seinen alten verbinden will. Microsoft schwört natürlich hoch und heilig, dass das bei Sharepoint gar kein Problem ist. Das stimmt vielleicht sogar, aber es ist eigentlich irrelevant, denn bei Integrationsprojekten jeder Art geht fast immer sehr viel schief. Wenn Microsoft dran schuld ist, können alle gemeinsam über das böse Monopol aus Redmond schimpfen. Wenn hingegen ein kleines Wiki-Startup schuld ist, steht der IT-Chef sehr dumm da, denn warum hat er auch auf so eine risikobehaftete Lösung gesetzt? Auch da hilft es dann herzlich wenig, auf die vielen Erfolgsstories aus dem Internet zu verweisen.

Aber was ist mit den Endusern? Sind die glücklich mit diesen Entscheidungen, die weniger auf objektiven Qualitätskriterien, sondern mehr auf internen politischen Aspekten basieren? Wären die User überhaupt gefragt worden, hätten sie sich nicht vielleicht für ein anderes, einfacheres und benutzerfreundlicheres Produkt entschieden?

Grob gesagt gibt es typischerweise zwei Arten von Endusern in Unternehmen: Für die erste Gruppe sind IT-Systeme ein pures Arbeitswerkzeug, dem man so wenig Begeisterung entgegenbringt wie dem Stuhl, auf dem man sitzt. Dass ein IT-System schlecht zu bedienen ist, ist sozusagen der Erwartungswert. Die Bedienung eines neuen Tools zu erlernen, wird von dieser Gruppe so oder so als Belastung empfunden, und darum würde sie sich kaum dafür begeistern, wenn sie plötzlich hippe, AJAX-basierte Web-2.0-Tools benutzen sollte. Der IT-Chef wird von dieser schweigenden Mehrheit keinen Applaus für irgendwelche Verbesserungen kriegen.

Die andere Gruppe, die stark IT-affinen und innovationsfreudigen Benutzer, sind meist deutlich in der Minderheit und interessieren sich sowieso nicht gross für die Entscheidungen der IT-Abteilung. Sie haben nämlich schon längst ein Abteilungswiki auf einer extern gehosteten Web-2.0-Plattform aufgesetzt. Für diese Gruppe sind Online-Informationsquellen sehr wichtig, denn dank dem Internet können sie sehr schnell rausfinden, wie sie ihre Informationsverarbeitungsprobleme am effizientesten und an der IT-Abteilung vorbei lösen können.

Fazit: IT-Leiter sind normalerweise keineswegs in der Situation, dass sie objektiv entscheiden können und dürfen, welche neuen IT-Tools das Unternehmen voranbringen würden. Sonst würden sie zweifelsfrei mehr Zeit damit verbringen, sich im Internet über die neusten Entwicklungen zu informieren. Für ca. 90% der Arbeit eines typischen IT-Chefs helfen die typischen Internetquellen aber kaum weiter. Und inzwischen suchen sich innovative Mitarbeiter halt ihre eigenen IT-Lösungen, ohne die IT-Abteilung zu fragen. Ineffizient? Ja. Aber es ist die Realität in den meisten Unternehmen.

Dieser Zustand ist übrigens keineswegs neu. Schon der PC verbreitete sich in den meisten Firmen nicht über die IT-Abteilung, sondern über einzelne Mitarbeiter, die so ein Gerät halt einfach mal mitbrachten, weil sie damit ein Problem lösen konnten. Es hat etwa zwei Jahrzehnte gedauert, bis sich diese neue Technologiegeneration schliesslich auf dem Schreibtisch fast jeden Mitarbeiters wiederfand und die IT-Abteilung den PC als eine Hauptkomponente ihrer Infrastruktur akzeptierte.

Ist also alles nur eine Frage der Zeit, bis Web-2.0-Technologie sich breit durchsetzt und auch IT-Chefs sich mehr im Internet informieren? Vermutlich ja. Die grösste Schwierigkeit an neuer Technologie ist immer, sie in grossen, komplexen Unternehmen in der richtigen Weise zum Einsatz zu bringen. Und da steht der "Cutting Edge" der Web-2.0-Technologie noch ganz am Anfang. Das konservative Informationsverhalten der IT-Chefs ist nur eine Reflektion dieser Tatsache.

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