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29.07.08

Wie informieren sich Schweizer IT-Chefs: «Fredy sagt auch, bei ihnen sei es gar nicht schlecht gelaufen.»

Schweizer IT-Verantwortliche informieren sich vor allem aus Branchentratsch und Fachmagazinen. Müssen wir uns Sorgen machen? Ja: um die Firmen, für die sie verantwortlich sind.

Die Technologie macht weiter rasante Fortschritte. Insbesondere alles, was online angeliefert wird, wird schneller, besser, billiger. Dabei fällt auf, dass während der Zugang von privaten Usern und kleinen Firmen zu professionellen Tools in letzter Zeit grosse Fortschritte gemacht hat, sich viele IT-Umgebungen in Grossunternehmen vergleichsweise wenig verändert haben. Das hat einen einfachen Grund, wenn man einer Studie glauben darf: Die IT-Leiter erfahren von den neuen Tools nichts.

Ende Mai stellte Lea Knobel von der Agentur Farner PR (beide kenne und mag ich) ihre Diplomarbeit «Das Informationsverhalten von IT-Verantwortlichen – Nutzung und Wirkung von IT-Fachmedien» vor, die sie an der FH Winterthur erstellt hat. (Meine heutige Replik folgt also eher einer Print-Zeitmetrik.)

Wie informieren sich also diese 236 Leute? Hier die «fünf zentralen Ergebnisse» der Studie im O-Ton:

  • Gespräche mit Kollegen und IT-Fachmagazine sind die wichtigsten Informationsquellen für IT-Verantwortliche.
  • Am meisten gelesen und am besten bewertet werden die IT-Fachmagazine InfoWeek und Computerworld.
  • Online-Informationen wie die Webseiten der Medien, Newsticker und Blogs finden markant geringere Beachtung als die Printmedien.
  • Die unter 30-jährigen IT-Verantwortlichen weisen ein anderes Informationsverhalten auf als die anderen Altersgruppen.
  • Die CIOs informieren sich anders als ihre Unterstellten.

Es lohnt, sich die entsprechende Auswertung genauer anzuschauen.

«Gespräche mit Berufskollegen» sind also das wichtigste, mit deutlich über 90% «sehr wichtig» oder «wichtig». Hier hätte man in einer Interviewsituation nachfragen können: Welche Kollegen sind das denn genau? Andere CIOs beim Branchenevent? Dann ist das Ergebnis eine wunderbare Dokumentation für den bekannten Herdentrieb der IT: «Fredy führt demnächst bei sich Sharepoint ein, das sollten wir wohl auch machen.»* Nicht umsonst ist «Nobody ever got fired for buying IBM» (gilt auch für: SAP, Microsoft, Oracle) eine schon sprichwörtliche Leitlinie für wenig innovationsfreundliche Typen.

Oder fragt er vielleicht den jungen Mitarbeiter, von dem er weiss, dass dieser viel näher dran ist als er selbst? (Das meine ich nicht wertend, ich frage auch immer gern Experten.) Aber wo informiert sich dieser wichtige Einflüsterer? Wir wissen es nicht.

Auf Platz 2 folgen die «IT-Fachzeitschriften». Diese sind in einer separaten Auswertung aufgeschlüsselt.

Interessant, dass zwar oben über 80% Fachzeitschriften als «sehr wichtig» oder «wichtig» angegeben hatten, aber die beiden topplatzierten Computerworld und InfoWeek nur von rund 35% der Leute regelmässig gelesen werden. Ich kenne das von mir selbst: Ich bekomme drei der Top-5-Magazine zugeschickt und lese sie eigentlich ganz gern, habe aber de facto sowohl zuhaus wie auch im Büro schnell wachsende Stapel von noch verschweissten Heften, die ich alle paar Monate ungelesen entsorge.

Die Liste der «Fachzeitschriften» beinhaltet noch eine weitere Überraschung: Auf Platz 3 steht der PC-Tipp, eine Zeitschrift mit einem klaren B2C- und Servicethemen-Profil (vergleichbar der deutschen Computerbild, nur ohne die grossen Tests). Christoph Hugenschmidt von inside-it kommentierte den guten Platz entsprechend hämisch: «CIOs scheinen auch massiv PC-Probleme zu haben und sich für CD-Ripping zu interessieren.»

Am meisten wahrgenommen an der Studie wurde die Tatsache, wie schlecht die Online-Medien abschneiden. Platz 10 ist etwas verwirrend als «Webseiten der Medien» bezeichnet, und man weiss nicht genau, ob sich dies auf die Online-Präsenzen der genannten Print-Magazine bezieht (deren Websites sich nicht gerade durch herausragende Nur-Online-Inhalte als Pflichtlektüre empfehlen), oder auch auf Nur-Online-Medien wie das genannte inside-it. So oder so sind nur etwas über 40% «sehr wichtig» und «wichtig» ein enttäuschender Wert für uns «Onliner».

E-Mail-Newsletter kommen immerhin noch auf über 20% (auch das kommt einem sehr gering vor, zumal etwa der Netzwocheticker 13'000 Abonnenten hat), und ganz schlecht kommen die Blogs weg, die nur unter 10% der CIOs als «sehr wichtig» oder «wichtig» nennen. Natürlich wurde dieses Ergebnis von den Holzmedien mit einer gewissen Genugtuung kommentiert; diese Vorlage würde ich mir auch nicht entgehen lassen.

Was also sagen wir dazu? Sind IT-Chefs ignorant, oder wissen sie sich nur effizienter zu informieren als wir, die wir Stunden online mit dem Lesen von Blogs vertrödeln?

Zweifellos ist man mit dem Lesen von Fachmagazinen nicht schlecht informiert, wenn es um einen breiten Überblick über das Thema IT geht. Wie auch auf den Digital-Seiten der Tagespresse oder im Multimedia-Bund der Sonntagszeitung bekommt man einen guten Überblick und bisweilen auch im Detail einige ganz interessante Hinweise. Allerdings: Wer «sein Thema» auch online verfolgt, erfährt auf dem Printkanal alles mindestens eine Woche (bedingt durch die Erscheinungsweise), in der Regel aber eher vier Wochen (bedingt durch den redaktionellen Vorlauf für alles, was keinen besonderen Aktualitätsanspruch hat), nachdem es passiert ist. Vielen IT-Leitern - in der Regel freundliche Herren im «besten Alter» mit bunten, kurzärmligen Hemden - reicht das offenbar auch heute noch.

Zweitens kann bei einem Thema, das einen wirklich interessiert und betrifft, ein Artikel in einem «General-Interest-IT-Magazin» wie der InfoWeek oder Computerworld unmöglich detailliert genug sein, um zum Beispiel einen grossen Investitionsentscheid zu rechtfertigen. Hier muss man für eine seriöse Evaluation online recherchieren. Eine Google-Suche nach dem Produktnamen und dem Begriff «probleme» bzw. «problems» und das Studieren der ersten Trefferseiten bringt fast immer gute Erkenntnisse, die in Print-Artikeln schlicht nicht vorkommen (die englische Variante bringt fast immer den besseren Überblick, während die deutschen Top-Treffer sich oft mit Detailproblemen beschäftigen, weil beim viel grösseren englischsprachigen Web Googles PageRank-Logik besser funktioniert). Welche davon Blogs sind, welche Online-Medien und welche Websites von Print-Magazinen, erkennt man meist auf den ersten Blick, und es kann einem helfen, die dort erhaltenen Informationen einzuordnen.

Die Synthese muss man sich dabei selbst erarbeiten, nachdem man 20 Online-Artikel (quer)gelesen hat. Das ist eine andere, anstrengende Art der Informationsbeschaffung, deutlich aufwändiger, als mit Fredy zu sprechen, der beim Apéro sagt, nein, sie hätten eigentlich keine grossen Probleme bei der Einführung von Sharepoint gehabt (was auch mehr oder weniger der Wahrheit entsprechen kann).

Was die Studie nicht beantworten will und kann, ist die pikante Frage, wieviel IT-Entscheidungen überhaupt noch zentral vom Leiter Informatik gefällt werden. Billy Marshall schildert im Artikel «The CIO is the Last to Know» eine Anekdote aus dem Jahr 2002 von einem konservativen IT-Chef, der nicht wusste, dass ein Viertel seiner Systeme bereits auf Linux lief. Heute hat sich diese Entwicklung noch verschärft. Die Fachabteilung oder die Länderniederlassung kann schnell mal irgendwo für ein paar Dollar im Monat ein CRM oder ein Corporate Wiki zumieten, oder haufenweise Dokumente in Google Docs speichern statt auf dem Fileserver, ohne dass die IT etwas davon erfährt.

Mein Fazit:

1. IT-Abteilungen neigen von Haus dazu, konservativ zu sein, denn nur so können sie standardisieren, und nur das spart Kosten (denken sie). Der IT-Chef sieht sich als oberster Verfechter dieser Politik. Allerdings hat sich die Branche recht fundamental verändert. Was vor zehn Jahren noch sechsstellige Beträge kostete, ist heute für einen Bruchteil dessen zu haben, auf dem eigenen Server oder irgendwo. Die Hersteller von «klassischer» Soft- und Hardware haben ein Interesse daran, dass sich das nicht allzu schnell herumspricht, und die Fachzeitschriften helfen ihnen (ihren Inseratekunden) dabei, indem viele immer noch tun, als seien Begriffe wie «open source» oder «Virtualisierung» eigentlich eher etwas Unanständiges. Der Wettbewerb und die Anprüche der User werden Firmen mit IT-Infrastruktur alter Prägung früher oder später einholen.

2. Die Begriffe «IT-Verantwortlicher», «Leiter Informatik» und «Chief Information Officer» werden häufig synonym verwendet, drücken aber völlig unterschiedliche Interpretationen des Jobs aus. Während der «CIO» den Auftrag hat, dem Unternehmen die Ressource Information möglichst effektiv und effizient nutzbar zu machen, um so strategische Wettbewerbsvorteile zu erarbeiten, verwaltet der «Leiter Informatik» das Hard- und Software-Inventar wie sein Kollege die Liegenschaften und Büromöbel (beide Aufgaben sind daher auch vielen KMUs beim Finanzchef angesiedelt). In vielen Schweizer Unternehmen dominiert noch dieser Typ, der zu Mainframe-Zeiten «RZ-Leiter» hiess. Echte «CIOs» dagegen sind noch eher die Ausnahme - aber ich bin auch ohne komparative Studie überzeugt, dass diese Leute mit dem neuen Jobverständnis alle überzeugte Onliner sind.

3. Dass sich sowohl die jungen Leute wie auch die «Untergebenen» anders informieren als ihre alten Chefs, sagt alles über die zukünftige Entwicklung. Der IT-Leiter, der zwar viel mailt und ein bisschen surft, ansonsten aber arbeitet wie vor dem Internet, ist ein Auslaufmodell. Blogs, Wikis, Instant Messaging, VoIP und so weiter sind ihm fremd, und er versucht, ohne sie bis zur Rente durchzukommen. (Was nichts Neues ist: Die gleiche Situation gab es vor 20 bis 30 Jahren, als Sachbearbeiter versuchten, sich vor der Einführung «des Computers» in die Rente zu retten.) Von Jason Calacanis stammt der schöne Ausspruch: «As internet people, we shouldn't bother with people who don't understand the internet, because they'll be dead soon.»

* Alle Namen und Beispiele sind ausgedacht. Keine Ahnung, was Fredy einführt, aber Sharepoint scheint mir ein Beispiel zu sein, bei dem der Herdentrieb gut spielt.

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