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05.02.09

Wie sich ein hochbezahlter Redakteur durch den Alltag mogelt

Schon wieder ein anonymer Brief – aber diesmal schreibt ein Festangestellter. Sein Alltag in der Redaktion: Kaffee schlürfen, beschäftigt tun, Raucherpausen und aufs Gehalt warten.

Powernapping im Büro (cc-Lizenz, slworking)

Wie sieht es eigentlich in einer Zeitungsredaktion in Deutschland aus? Alle unmotiviert und arrogant? Gar drogenabhängig? Sicher nicht. Aber einige Redaktionsmitglieder gibt es schon, die schon seit Jahren, seit Jahrzehnten in den Redaktionen rumfläzen oder rumlungern und im besten Fall die Kollegen nicht von der Arbeit abhalten. Sie sind da, weil sie von Rechts wegen nicht so leicht gekündigt werden können. Man kriegt sie nicht weg, weil es ein Unternehmen viel Geld kostet, sich von einem Journalisten, der 15 oder 20 Jahre im Unternehmen verbracht hat, zu trennen.

Wird die Geschäftsleitung mit dem Problem konfrontiert, gibt sie zu, dass die Vorwürfe sehr krass seien und an Arbeitsverweigerung grenzen. Aber: "Solange die nichts klauen oder jemanden ermorden, reicht das alles nicht." Verständlicherweise verspürt kaum jemand in der Führungsetage grosse Lust, als soziales Arschloch gebrandmarkt zu werden und einem jahrelangen Gerichtsprozess entgegenzusehen. Also wartet man, bis sie reif sind für die Rente. Wenn es gar nicht mehr geht in der Redaktion, so landen sie auf dem Abschiebebahnhof, einer Abteilung, die nicht mehr ist als ein Beschäftigungsprogramm. Die taz hat diese Abteilungen hinsichtlich Springer kürzlich ein Totenschiff genannt.

[box align="right"]Debatte auf medienlese.com

Vom Neid auf die Festangestellten

Anonym wurde uns ein offener Brief geschickt. Darin beschreibt offenbar ein freier Journalist seine berufliche und finanzielle Situation. Er gibt zu: Auf die angestellten Kollegen ist er neidisch.

Vom Glück eines freien Journalisten

Die Freiberuflichkeit hat viele Vorteile – findet Don Dahlmann und hat gute Argumente gegen eine Festanstellung. Außerdem gibt’s fünf Tipps für angehende freie Journalisten.[/box]Sucht die Redaktionsleitung das Gespräch mit denen, die schon lange kaum mehr im Blatt vertreten sind, sondern wenigen anderen in der Redaktion einen Grossteil der anfallenden Arbeit überlassen, so sind diese meist uneinsichtig, um nicht zu sagen: "völlig überrascht" und "entsetzt" über die Anschuldigungen. Die Vorwürfe, sie wären faul, sie würden sich nicht engagieren, sie hätten keine eigenen Ideen oder Themenvorschläge, sie würden nicht rausgehen und welche suchen, sie wären wie Beamte, die gemütlich ihren Bürojob verwalten und spätnachmittags schon nervös auf die Uhr schauen, etc., kontern sie mit einem: "Iiiiiiiiich doch nicht!"

Die Beschreibung einiger dieser Fälle haben wir zugespielt gekriegt, von einem Leitenden Redakteur einer Zeitungsredaktion irgendwo in Norddeutschland. Wir veröffentlichen die Einsendung unredigiert.

Arbeitszeit

10 bis 19 Uhr. Heißt bei manchem: 10.15 Uhr kommen, bis 10.20 Uhr Jacke aufhängen und Tasche auspacken, den Kollegen zuwinken, Kaffee oder Tee holen, am Tisch frühstücken (dafür war zu Hause schließlich keine Zeit, Redaktionsbeginn ist ja schon früh um 10!) und dabei gemütlich Zeitung lesen. Da wird's doch locker schon mal 11 Uhr, ehe man endlich dazu kommt, den Bildschirm anzuschalten - und eventuell auch das Hirn.

Ab 17 Uhr wird recht oft Zigarettenpause gemacht, auch der Gang zur Toilette findet jetzt öfter statt, ab 18 Uhr wird aufgeräumt, Lampe und Computer vorsorglich schon mal ausgeschaltet („ich will dem Verlag ja nur Strom sparen!"). Um 18.59 Uhr steht man an der Redaktionstür.

Rauchpausen

Zum Beispiel im Raucherzimmer. Mindestens eine, eher zwei pro Stunde – in netter Runde. Es finden sich immer Leidensgenossen, die nicht wissen, was sie heute machen sollen.

Jede Pause dauert 10 Minuten. Ist die Zigarette aus, wird aber noch weitergequatscht und gelacht. Werden die eifrigen Redakteure angesprochen, heißt es: „Wir überlegen uns gerade tolle Themen." Die Rauchpause - beliebter Treff aller Müßiggänger, die dabei über die kaputte Waschmaschine oder das TV-Programm vom Vorabend plauschen. Ehe sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren und erfreut feststellen: „Oh, gleich ist ja Mittag…."

Engagement

Siehe Arbeitszeit. Siehe Rauchpausen.

Und da wäre noch das Pflegen einer gewissen Souveränität. Heißt: Beine auf dem Tisch, Kaffee schlürfen, ab und zu Blick auf den Computer oder den laufenden Fernseher werfen, Moorhühner abschießen oder leise mit der Ehefrau am Telefon das kommende (freie) Wochenende besprechen. Auf die aktuellen Geschehnisse angesprochen, die diesen Redakteur gerade eigentlich unter Hochstrom setzen sollten, lautet die beruhigende Antwort zum Beispiel: „Alles im Griff, die E-Mail von der Pressestelle ist unterwegs." Bedeutet: Gemütliches Warten auf das Zufliegen von Informationen. Rausfahren? Vor Ort recherchieren? Ach iwo! Es regnet doch. Und es reicht, wenn der „Knipser" (Fotograf) rausrödelt und Bilder mitbringt. Und natürlich auch ein paar Infos, logisch. Die faule Nuss soll auch mal was tun! Und dann kommt ja auch noch die versprochene E-Mail von Behörde X oder Y. Wobei die zumeist nicht sehr inhaltsreich sind und dazu noch um 15.58 Uhr abgeschickt wurden, also quasi zum Feierabend des jeweiligen Pressesprechers. Nachfragen bei ihm, um die nötigen Details zu erfahren – keine Chance, der Ruf verhallt. Wenn es dann für den eigenen Text arg eng wird, schauen wir halt, was die Agenturen noch so schreiben, vielleicht lassen sich da noch 2 oder 3 Facts rausfischen.

Beliebt ist auch das Argument: „Muss ich da rausfahren? Das ist soooo weit weg, dann bin ich erst in 3 oder 4 Stunden wieder in der Redaktion und falle solange aus…" Also: Der Griff zum Telefon und die Geschichte mit ein paar Fragen aus dem bequemen Redaktionssessel „recherchiert". Spätere Nachfragen der Vorgesetzten ob des detail-schwachen Textes, wie z.B. der Mann ausgesehen habe oder der Haus, werden mit Achselzucken beantwortet: „Weiß ich doch nicht, ich hab doch nur telefoniert…"

Kann da nicht der Praktikant rausfahren?

Es regnet. Oder schneit. Es ist kalt. Oder stürmisch. Oder auch heiss. Das Thema, das einem der Chef aufs Auge gedrückt hat, gefällt überhaupt nicht. Es nervt. Es bedeutet viel Arbeit und Ungemach. Man muss mit Leuten vor Ort sprechen. Womöglich Leuten, die nichts sagen wollen. Kurzum: es droht eine lästige Recherche, die – Achtung: Höchststrafe! – einem vielleicht sogar den 19-Uhr-Feierabend vermasselt. Wie schön, wenn dann ein junger, hungriger Praktikant in der Redaktion sitzt und nach Arbeit lechzt. Motto: „Kann der junge Mann nicht diese Story machen? Ist doch ne tolle Chance für ihn, mal Reporter zu spielen und Erfahrungen zu sammeln. Dafür ist er ja schließlich hier!"

Beliebte und bequeme Info-Abhol-Theken sind die Cafeterien von Landtag, Rathaus oder Landgericht. Hier z.B. entstehen ganze Prozessberichterstattungen – zwischen Redakteur und irgendeinem beteiligten Juristen zum Beispiel. Bei Kaffee und Kuchen oder Frikadelle und Cola. Der Jurist plappert, der Journalist schreibt mit. Das Verfahren am Landgericht begann schon um 9 – welch eine hässliche Zeit für einen Journalisten. Außerdem hatte es morgens geregnet. Da fahr ich doch lieber erst um 11 oder 12 hin, treffe mich mit Staatsanwalt, Verteidiger oder Gerichts-Pressesprecher (man kennt sich, zuweilen duzt man sich auch) in der Kantine und lass mir die Facts in den Block erzählen. „Allerherzlichsten Dank", heißt es dann. „Ihren Kaffee zahl natürlich ich." Besonders mediengeile Herrschaften werden tags drauf gebauchpinselt, in dem man sie mit dem Abdruck ihres Namens und eines Zitates belohnt. So wäscht eine Hand die andere. Nur: beim Ereignis, das in der Zeitung für Zehntausende nachzulesen ist, dabei gewesen ist der Autor der Zeilen nicht...

Sofa-Journalisten

Überflüssig, zu erwähnen, daß besagte Spezies des "Sofa-Journalisten" sehr oft am "2-Tage-Schnupfenvirus" erkrankt und ausfällt, recht häufig sein Auto in der Werkstatt hat ("sorry, ich kann leider nicht zu der Geschichte rausfahren") und nicht selten - da natürlich Betriebsratsmitglied - Sitzung hat und für Stunden ins Off verschwindet.

Abendtermine, z.B. Konzerte, Theater, Diskussionen, Interviews bei erst spät erreichbaren Berufstätigen - kann er gar nicht wahrnehmen, da er vielen Verpflichtungen nachkommen muß: Kegelabend, Klassentreffen, Volleyball-Training.

Droht feierabend-zerstörendes Ungemach, ist plötzlich daheim mal wieder das Wasserrohr gebrochen. Oder die monatliche Mieterversammlung ruft. Hauptsache, man kommt um die Recherche-Arbeit herum...

O-Ton einer seit vielen Jahren in einer Hamburger Redaktion arbeitenden Sekretärin:

"Wenn ich sehe, was die Damen und Herren Redakteure leisten und was sie verdienen, wird mir schlecht. Da sind stinkend faule Drückeberger dabei, die zum Kaffeetrinken, Zeitunglesen und Surfen hierhin kommen und das dreifache meines Gehaltes kriegen - und sich dabei noch was feixen. Eine Chefreporterin (!!), die bei einer Betriebsfeier mal ganz gut gebechert hatte und sich mir offenbarte, meinte u.a.: 'Weißt du, mich interessieren in diesem Job nur 2 Dinge: dass ich mich für diesen Verlag nicht kaputtmache und dass am Monatsersten das Gehalt auf meinem Konto ist.'"

Klasse, ne?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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