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02.12.11

WhatsApp: Das andere soziale Netzwerk

Dem mobilen Chatdienst WhatsApp ist es trotz zahlreicher Konkurrenten, schwacher Differenzierungsmerkmale und der Übermacht Facebook gelungen, zwischen Smartphone-Nutzern ein alternatives Social Network aufzubauen.

 

In letzter Zeit habe ich häufiger darüber nachgedacht, wie die Zukunft der rasant wachsenden mobilen Chat-Applikation WhatsApp aussehen könnte und ob sich hier nahezu unbemerkt ein neues Social Network mit globaler Reichweite und Bedeutung etabliert.

Bestätigt fühlte ich mich in diesen Überlegungen, als ich am Donnerstagabend in Zürich einen Vortrag über Trends im Social Web hielt und auf meine Frage, welche der rund 30 Anwesenden WhatsApp verwenden, geschätzte 80 Prozent den Armen hoben - ungefähr das gleiche Bild ergab sich, als ich nach Facebook-Mitgliedern fragte.

Ende Oktober beschrieb ich, wie es WhatsApp gelungen ist, sich innerhalb von nicht einmal zweieinhalb Jahren nach dem Launch im Sommer 2009 auf Millionen von Smartphones rund um den Globus festzusetzen: Der US-Dienst zwingt Nutzer nach der Registrierung dazu, ihr komplettes Smartphone-Adressbuch freizugeben sowie ihre Mobilfunknummer zu nennen. Anschließend gleicht es alle Kontakte miteinander ab und kann auf diese Weise neuen Nutzern sofort eine Reihe von anderen WhatsApp-Anwendern vorschlagen, die sie kennen und mit denen sie sofort loschatten können. So stellt der Service sicher, eine maximale Zahl von Erstanwendern in regelmäßige Stammnutzer zu konvertieren.

Eine Milliarde WhatsApp-Nachrichten pro Tag

Das Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View hält sich im Vergleich zu anderen Branchengrößen mit öffentlichen Auftritten und der Bekanntgabe von Wachstumszahlen zurück. Vor einigen Wochen aber berichtete das Startup in seinem Blog stolz, den Meilenstein von einer Milliarde WhatsApp-Nachrichten pro Tag erreicht zu haben. Bei Quora schlussfolgerte ein User, dass WhatsApp etwa 100 Millionen Mitglieder haben könnte, wenn jedes davon pro Tag im Durchschnitt 10 Nachrichten verschickt.

Diese Schätzung klingt vom Gefühl her durchaus plausibel, zumal die Schweiz für WhatsApp bei weitem nicht das einzige Land mit einer erheblichen Marktdurchdringung ist: Allein im deutschen App Store hat die iPhone-Applikation des Chatdienstes über 40.000 größtenteils hervorragende Bewertungen erhalten. Zum Vergleich: Skype liegt nur einige tausend Bewertungen darüber, Facebook wurde gut 100.000 Mal bewertet und Angry Birds rangiert mit knapp 35.000 Bewertungen sogar hinter WhatsApp. Die App Store Download-Charts für einzelne Länder unterstreichen die Popularität der Applikation: In kaum einem Markt befindet sich die Anwendung nicht in den Top 10.

Das Geschäftsmodell von WhatsApp ist etwas eigenwillig, da zwischen Plattformen unterschieden wird: Die iPhone-App kostet einmalig 0,79 Euro. Die Varianten für Android, BlackBerry und Symbian können gratis heruntergeladen werden. Nach dem ersten Nutzungsjahr fallen dann jedoch zwei Euro pro Jahr an (eine Abbuchung ohne das Wissen der Anwender findet nicht statt, da diese erst ein Zahlungsmittel angeben müssen). WhatsApp selbst erwähnt die Kosten auf seiner Website nicht.

WhatsApp ist profitabel

Im Gegensatz zu kostenlosen Konkurrenten wie Ping Chat oder Kik erwirtschaftet WhatsApp mit seinem Bezahl-Ansatz einen signifikanten Umsatz und ist laut eigenen Angaben profitabel. Im Frühjahr 2011 sammelte es dennoch etwa acht Millionen Dollar Venture Capital ein - ohne dies jedoch offiziell bekannt zu geben.

GigaOm hatte kürzlich die Gelegenheit, mit WhatsApp CEO Jan Koum zu sprechen - angeblich war es das zweite öffentliche Interview des Unternehmens überhaupt.

Ein Verkauf ist nicht geplant

In dem Artikel ist unter anderem zu lesen, dass WhatsApp 20 Mitarbeiter in Mountain View beschäftigt, davon 17 Programmierer und drei Supportkräfte. Eine Marketing- oder Presseabteilung existiert also nicht, und das Unternehmen hat bisher auch keinerlei Mittel in Marketingmaßnahmen investiert.

Im Gespräch mit GigaOm unterstrich WhatsApp-Gründer Koum, der zuvor bei Yahoo tätig war, dass er kein Interesse habe, das Unternehmen zu verkaufen: "Wir möchten ein Firma schaffen, die Bestand hat. Wir wollen nicht den schnellen Verkauf". Auch wenn man sich auf derartige Aussagen grundsätzlich nicht verlassen sollte, zeigt das in vielen Punkten untypische Agieren von WhatsApp zumindest, dass es sich um ein Unternehmen handelt, dass bisher seinen eigenen Weg gegangen ist und dies auch in Zukunft so fortsetzen könnte.

Ein Social Network abseits von Facebook

Im Kern ist WhatsApp gelungen, woran so viele andere Anbieter im Social Web gescheitert sind: vollkommen unabhängig von Facebook eine signifikante Vernetzung seiner Nutzer zu erreichen und damit ihren Social Graph abzubilden - und das parallel zum explosiven Wachstum des blau-weißen Social Networks sowohl im stationären Internet als auch im mobilen Sektor.

Die Big Player wollen ihr Stück vom Kuchen

Den Big Playern ist diese Entwicklung nicht entgangen. Mit dem Messenger hat Facebook jüngst eine eigene, leichtgewichtige Chat-Applikation veröffentlicht. Gleiches gilt für Google+, dessen mobiles Chatwerkzeug Huddle mittlerweile auch Messenger heißt. Und Apple hat in die aktuellste Version 5 seines iOS-Betriebssystems mit iMessage eine Funktion integriert, die Kurznachrichten statt als SMS im WhatsApp-Stil kostenfrei über das Datennetz verschickt, sofern der Empfänger ebenfalls ein mobiles Apple-Gerät mit iOS 5 sein Eigen nennt.

Unangefochten ist WhatsApp als Marktführer folglich nicht, zumal speziell Apples Ansatz durch die Ab-Werk-Integration unter Garantie schnell viele Anhänger finden und die SMS weiter verdrängen wird. Andererseits kann man über iMessage nur mit anderen iPhone- bzw. iPad-Besitzern kommunizieren. Da der Marktanteil des iPhone tendenziell eher rückläufig ist, wird der Apple-Dienst auf absehbare Zukunft WhatsApp nicht den Rang ablaufen können - außer Apple findet einen Weg, iMessage für andere mobile Plattformen zu öffnen.

WhatsApps Optionen für die Zukunft

WhatsApp könnte versuchen, seinen Service um standortbasierte Features zu erweitern (es ist bereits möglich, anderen Anwendern den aktuellen Standort zu zeigen), und auf diese Weise in ein Segment vorzustoßen, das Facebook mit seinen mobilen Services bisher vernachlässigt hat. Vorstellbar ist beispielsweise, dass WhatsApp Nutzern Push-Mitteilungen schickt, wenn sich ihre Freunde in der unmittelbaren Umgebung befinden - aufgrund des geschlossenen Benutzerumfelds ist davon auszugehen, dass Privatsphäre-Bedenken eine weitaus geringere Rolle spielen als bei Facebook. Mit einem derartigen Feature würde sich WhatsApp auch von iMessage abheben.

Ebenfalls denkbar wäre ein API, die es Drittanbietern erlaubt, das Nachrichtensystem von WhatsApp in eigene Anwendungen zu integrieren, um so einen universellen Kommunikationsdienst aufzubauen.

Wie auch immer die Zukunft von WhatsApp aussehen wird: Sowohl aufgrund seiner unkonventionellen Vorgehensweise als auch wegen der beeindruckenden Verbreitung in einem überfüllten Markt ohne nennenswerte Differenzierungsmerkmale ist WhatsApp einer der größten Erfolge, die das mobile Internet bisher hervorgebracht hat.

Link: WhatsApp

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