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31.08.12

Wettstreit der mobilen Chatdienste: Warum iMessage in seiner jetzigen Form gescheitert ist

Der einzigartige Erfolg von WhatsApp zeigt: Apples eigener Nachrichtendienst iMessage verfehlt sein Ziel, sich zu DEM "SMS-Killer" zu entwickeln. In einem Markt, in dem Android den Ton angibt, ist das kein Wunder.

Bleiben wir beim Thema mobile Kommunikation: Der im Artikel von heute früh beschriebene kometenhafte Aufstieg von WhatsApp (bitte lest den Beitrag für Zahlen und Statistiken zu WhatsApp) ist nicht nur Beleg dafür, dass manchmal Dienste ohne Nachhilfe der Presse und aufwändige Marketingaktivitäten den Tipping Point und ein exponentielles, globales Nutzerwachstum erreichen können, sondern zeigt auch deutlich, dass Apples Versuch, iMessage als DEN SMS-Ersatz zu etablieren, gescheitert ist.

Zwar sehen die offiziellen Zahlen ordentlich aus - 140 Millionen iOS- und Mac-Nutzer haben Apples Messagingdienst aktiviert und senden eine Milliarde Mitteilungen pro Tag - doch die Tatsache, dass iMessage-Konkurrent WhatsApp in 126 Ländern die Downloadcharts der kostenpflichtigen iOS-Apps anführt, spricht für sich: Trotz der Existenz von iMessage, das unbegrenzt kostenfreie Textnachrichten zu anderen iMessage-Nutzern erlaubt, fühlen sich Millionen Menschen animiert, für 79 Cent eine Chatapplikation für ihr iOS-Gerät zu erwerben. Und seit der Lancierung von iMessage mit iOS 5 im Oktober vergangenen Jahres hat sich das Volumen der über WhatsApp versendeten Mitteilungen verzehnfacht. Während iMessage also zweifelsohne einen weiteren Sargnagel für die SMS darstellt, hat es im Wettstreit mit WhatsApp trotz der Ab-Werk-Integration bei iPhone und iPad den Kürzeren gezogen.

Funktionell unterlegen

Die Gründe hierfür muss man nicht lange suchen. Zum einen bietet WhatsApp einen größeren Funktionsumfang als das im Grunde vollständig die SMS imitierende iMessage. Der Apple-Dienst beherrscht weder Gruppenchats noch nicht das von WhatsApp her bekannte Spektrum an Multimediaoptionen. Auch erfahren Nutzer erst nach dem ersten Versand einer Nachricht, ob diese als herkömmliche SMS oder iMessage übermittelt wurde - je nach dem, ob der Empfänger ein Apple-Gerät besitzt und iMessage aktiviert hat.

Nachtrag: Leser David weist korrektweise daraufhin, dass Gruppenchats doch möglich sind, und dass sich beim Verfassen einer Nachricht der Senden-Button nach einigen Sekunden verfärbt, sofern der Empfänger iMessages erhalten kann. 

Wenn iOS den Markt dominieren würde...

Damit kommen wir zur zweiten, vermutlich entscheidenden Ursache für den ungebrochenen Erfolg von WhatsApp auch nach der Einführung von iMessage vor einem Jahr: iMessage mangelt es an einer plattformübergreifenden Verfügbarkeit. Wer kein iPhone, iPad oder Mac-Rechner besitzt, kann nicht über iMessage kommunizieren. In einer Welt, in der iOS den Markt mobiler Smart Devices dominiert, wäre dies kein Problem - und unter dieser Prämisse wurde es vielleicht auch konzipiert. Doch die Realität im Sommer 2012 sieht anders aus: Eindeutiger Marktführer in den meisten Ländern und weltweit betrachtet ist mittlerweile Android. Vereinfacht ausgedrückt und soziodemographische sowie regionale Faktoren ausklammernd bedeutet dies, dass sich im Kontaktnetzwerk von durchschnittlichen iPhone-/iPad-Nutzern mehr Menschen mit Android-Geräten als mit mobilen Apple-Computern befinden.

Und unter diesen Umständen kann ein nur für Apples eigene Plattform bereitgestellter Nachrichtendienst niemals mit Wettbewerbern mithalten, die plattformübergreifend angeboten werden.

Wird sich Apple mit der zweiten Reihe begnügen? Wahrscheinlich nicht

Die Frage ist, ob sich Apple mit der bisherigen Rolle von iMessage als bevorzugter Service für die Kommunikation zwischen Apple-Hardware zufriedenstellen wird. Selbst wenn der Dienst für den Konzern aus Cupertino keine Einnahmequelle darstellt, so widerspricht die fehlende Fähigkeit zu iMessage-Konversationen mit Personen auf anderen Plattformen Apples Credo eines möglichst maximalen Anwenderkomforts und minimaler mentaler Kosten. Wenn User extra gezwungen sind, sich eine alternative Chatapp zu besorgen, nur um abseits von SMS bequem mit ihren Android-Freunden und Windows-Phone-Kollegen kommunizieren zu können, dann muss dies als Schwäche von iOS gewertet werden. Es wäre eine Überraschung, wenn Apple nicht irgendwann versuchen würde, diese zu beheben.

Eine Öffnung von iMessage (und dessen Video-Pendant FaceTime) für andere Plattformen wäre die logische Folge. Doch was einfach klingt, wird für Apple eine Herausforderung. Während das kalifornische Unternehmen bei Software, die es für seine eigenen Betriebssysteme iOS und Mac OS X entwickelt, regelmäßig Standards in puncto Design und Benutzerfreundlichkeit setzt, verhält es sich auf fremden Plattformen deutlich unsicherer. iTunes für Windows etwa ist eine Usability-Katastrophe, Safari für Windows wird stiefmütterlich behandelt, und bestimmte Prozesse wie die Entwicklung von iOS-Apps funktionieren ausschließlich unter Mac.

Öffnung von iMessage wäre Neuland für Apple

An dieser Strategie ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Doch Apples konsequente Fokussierung auf einen Ein- beziehungsweise Zwei-Plattform-Ansatz hat zur Folge, dass das Unternehmen unerfahren in der Öffnung seiner Anwendungen für andere Systeme ist. Man stelle sich vor, Apple würde eine offene API für iMessage bereitstellen - plötzlich müsste die Firma, dessen DNA von einem Kontrollfreak geprägt wurde, sich mit allen möglichen Problemen und Fragestellungen außerhalb ihres unmittelbaren Einflussbereiches auseinandersetzen.

Selbst wenn Apple die Öffnung von iMessage entweder über eine API oder den Launch von nativen Apps unter Android und Windows Phone meistern und dabei trotz der ungewohnten Entwicklerumgebung solide Software abliefern würde, wäre fraglich, ob Programmierer und Nutzer diese Gelegenheit wahrnähmen. Dazu müssten sich die ihnen gebotenen Lösungen in Qualität und Eleganz schon deutlich von der Vielzahl an konkurrierenden Anbietern abheben. Und App-Programmierern müsste Apple mächtige Argumente liefern, damit sie iMessage als Infrastruktur für die Nachrichtenübermittlung einsetzen.

Dass iPhone- und iPad-Nutzer iMessage annehmen würden, war absehbar. Die wahre Kunst liegt darin, den Dienst auf andere Geräte außerhalb des Apple-Universums zu bringen. Die Chancen, dass dies klappt, sind eher gering - was iMessage dazu verdammt, für immer einen Platz in der zweiten Reihe einzunehmen und WhatsApp beim Siegen zuzusehen. Oder Joyn - vielleicht. Naja, vermutlich nicht. Aber der Versuch zählt.

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