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16.12.13

Wettbewerb der Kommunikations-Apps: Instagram und der vermeintliche Snapchat-Neid

Instagrams Einführung einer Funktion für Direktnachrichten führte zu regen Vergleichen mit Snapchat. Doch diese Sichtweise greift zu kurz.

Instagram DirectWas war das für eine Aufregung in der vergangenen Woche: Instagram führte den Direktversand von Fotos und Miniclips an ausgewählte Personen ein und Journalisten, Blogger und Branchenkenner überschlugen sich mit Vergleichen zur angesagten Foto-/Videosharing-App Snapchat. Bei Twitter gab es fast 100.000 Tweets, die Instagram und Snapchat nebeneinander erwähnten. Die Skizzierung der Parallele hat nur einen Makel: Die Kernfunktion von Snapchat, nämlich die sich selbst zerstörenden Schnappschüsse, übernimmt Instagram nicht. Exakt: Das, was Snapchat erst zu Snapchat macht, wird auch künftig nicht bei Facebooks Multimedia-App Instagram zu finden sein. Wer mit Instagram kurze Clips oder Fotos an bis zu 15 Personen verschickt, der weiß, dass diese auch noch nach Stunden, Tagen oder Monaten von den Empfängern abgerufen werden können - ganz anders als bei Snapchat. Dort verschwinden Fotos und Videos nach maximal zehn Sekunden. Die gerade in Mode befindlichen Vergleiche zwischen den zwei Anwendungen ("Instagram macht Jagd auf Snapchat", "Angriff auf Snapchat & Co") sind damit im Kern eigentlich falsch. Würde Instagram tatsächlich "Jagd" auf Snapchat machen wollen, hätte es dessen Selbstzerstörungungsmodus implementiert.

Snapchat vs Instagram Direct

Optische Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen: Snapchat (links) vs Instagram (Screenshot angefertigt von The Verge)

Die Ursache für die gängigen Gegenüberstellungen beider Services liegt primär darin, dass sich Instagram bei der Benutzerführung zur Auswahl von Empfängern von Fotos eindeutig bei Snapchat hat inspirieren lassen. The Verge stellt fest, Instagram Direct sei Snapchat, "nur ohne die verschwindenden Fotos". Das ist, wie zu behaupten, ein PKW sei wie ein Bagger, nur ohne Vorrichtung zum Lösen und Bewegen von Boden und Fels. Klar gleichen sich beide in der Grundkonstruktion (Motor, Räder, Lenkrad, Sitz). Trotzdem sind die Einsatzgebiete sehr unterschiedlicher Natur.

Sicherlich muss Instagram das besonders bei jungen Nutzern beliebte Snapchat im Auge behalten. Nicht auszuschließen, dass Facebook eines Tages Instagram Direct tatsächlich mit der Option für verschwindende Fotos ausrüstet. Dennoch sollte man vorsichtig damit sein, ein Bild zu zeichnen, das suggeriert, dass Snapchat für Instagram eine Bedrohung darstelle. Denn während Instagram, aktuell 150 Millionen aktive Nutzer stark, bereits die Popularität und Tauglichkeit seines Konzepts über einen längeren Zeitraum hinweg unter Beweis gestellt hat, ist Snapchat vorläufig nichts anderes als eine Modeerscheinung, die fast ausnahmslos von Jugendlichen vorangetrieben wird. Offizielle Zahlen zur Aktivität gibt es keine, realistische Schätzungen gehen von einem Wert aktiver Nutzer im zweistelligen Millionenbereich aus. Nichts, wovor sich Instagram furchten muss - das seinerseits immer höher in der Gunst von Teenagern steht.

Um die Entwicklung zu verstehen, muss man herauszoomen und den Gesamtmarkt betrachtet: Dieser ist geprägt von einem rapiden Aufstieg von mobilen Kommunikationstools, von WhatsApp bis Kik, von Line bis WeChat, von Snapchat bis Google Hangouts, von Twitter bis Instagram, von iMessage bis Facebook Messenger, von Skype bis Viber. Alle diese Apps begannen mit ganz unterschiedlichen Anwendungsszenarien, nähern sich aber durch die Integration von bei anderen abgeschauten Features im Laufe der Zeit immer stärker aneinander an, angetrieben von der Sorge, den nächsten großen Trend zu verpassen und von Usern fallengelassen zu werden. Selbst WhatsApp, lange die Hochburg des funktionellen Stillstands, erlaubt mit der neuen Broadcast-Option das parallele Versenden von Textbotschaften oder Bildern an mehrere Nutzer - ohne dass diese sich dafür in einem gemeinsamen Gruppenchat befinden müssen. Instagram Direct funktioniert sehr ähnlich.

Kein Anbieter weiß so richtig, wo die Reise hingeht. Alle schauen aber ganz genau, was die Konkurrenz macht, und lassen sich inspirieren, sobald diese ein Feature hervorgebracht hat, das bei Anwendern auf Sympathien zu stoßen scheint. Facebook glaubt, dieses Spielchen ganz besonders gut spielen zu müssen. Immerhin hat es als führendes Social Network viele Einnahmen durch Werbung zu verlieren, wenn Nutzer ihre Aufmerksamkeit vermehrt anderen Smartphone-Apps widmen. Snapchat ist lediglich ein Anbieter von vielen, bei dem sich der Internetgigant den ein oder anderen Kniff abschaut. Ob Snapchat selbst seinen kometenhaften Aufstieg durchhalten kann, steht allerdings noch in den Sternen. /mw

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