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16.08.08Leser-Kommentare

Unverständnis deluxe: Westliche Journalisten in Peking

Salopp gekleidete Pressevertreter werden von einer tausendjährigen Kultur freundlich und hilfsbereit empfangen. Doch die interessieren sich nur für eventuelle Proteste und Themen wie Umweltschutz. Sind die westlichen Journalisten zu hart zu China?

Tim WuÜber Zensur in China gibt es mehr als genug zu schreiben. Auch sonst läuft nicht alles zufriedenstellend im Land, das gerade Olympia ausrichtet, Umweltschutz, Menschenrechte, you name it.

Dennoch fragt sich Tim Wu, Professor an der "Columbia Law School", in einem Artikel auf slate.com, ob westliche Journalisten nicht zu böse seien zu China, das zurzeit mehr oder weniger unbeholfen versucht, geliebt zu werden.

Die westliche Presse ist vor allem fasziniert von Umweltverschmutzung und Protesten. Als Dessert dazu ist alles willkommen, was mit tibetischer Unabhängigkeit, Zensur oder ausländischen Besuchern zu tun hat. Manchmal fliessen all diese Themen zusammen, wie letzten Mittwoch, als eine Horde Amerikaner eine "Free Tibet"-Flagge auf dem Tian'anmen-Platz hisste, an einem Tag mit viel Smog. Nun, das ist eine Story.

The Western press is fascinated with the two P's: pollution and protests. For dessert, anything to do with Tibetan independence, censorship, or foreign visitors is also welcome. Sometimes all of these issues converge, like last Wednesday, when a gaggle of Americans put up a "Free Tibet" banner in Tiananmen Square on what happened to be a very smoggy day. Now that's a story.

Viele Chinesen finden diese Art von Berichterstattung unfair. Die Studentin Liu Shudi sagt:

Wir haben so hart gearbeitet. Vielleicht haben wir nicht alles richtig gemacht, aber wir haben wirklich hart gearbeitet. Es ist nicht fair.

We worked so hard. Maybe we didn't do everything right, but we really did work hard. It's unfair.

Dass leere Zuschauerrängen aus unerfindlichen Gründen nicht besetzt werden können, ist nicht gut gemacht. Vieles andere aber schon: Es gibt kaum Pannen in Peking. Der Anlass ist beängstigend gut organisiert, was viele als Kälte empfinden, denn nur Schwäche macht menschlich. Getrieben vom Wunsch nach Perfektion brechen die Gastgeber schon in Tränen aus, wenn sie nicht die goldene, sondern nur die silberne Medaille gewinnen. Dazu kommt eine entwaffnende Fairness: Gewinnen Chinesinnen im Turmspringen eine Goldmedaille, so gratulieren sie zuerst ausführlich den Zweit- und Drittplatzierten, bevor sie selbst das Podest besteigen.

Ich war im Mai 2008 während 28 Tagen in China unterwegs und lernte viele freundliche und hilfsbereite Menschen kennen. Während die Probleme beim Umweltschutz offensichtlich sind, wurde ich weder mit Zensur, noch mit der Verletzung von Menschenrechten konfrontiert. Was natürlich nichts über deren Existenz aussagt - ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass viel Unnötiges passiert im Namen der von China geradezu manisch angestrebten totalen Kontrolle. Der Weg aus dieser altertümlichen Haltung führt meines Erachtens nicht über Proteste, sondern über den technischen Fortschritt, der so herrschaftsfeindliche Erfindungen wie das Internet hervorbringt.

Vielen hierzulande erscheinenden Berichten gemeinsam ist die nicht näher spezifizierte Angst vor Asien. Wie Tanja Dückers in einem lesenswerten Artikel auf Zeit Online erläutert, ist es offenbar das Los von China, den Stempel der vor allem wirtschaftlich begründbaren "gelben Gefahr" von Japan zu übernehmen.

Darauf, dass uns die chinesische Kultur in vielen Punkten etwas voraus hat, kommen westliche Journalisten in der Regel nicht. Warum eigentlich nicht?

Sie meinen, die eigenen Errungenschaften dem ihnen meist in jeder Hinsicht fremden Land einbläuen zu müssen. Unvoreingenommenheit? Fehlanzeige. Stattdessen beschämen sie den Gastgeber, in dem sie in salopper Kleidung ankommen, sich kaum für die mehrtausendjährige Kultur interessieren und nur rastlos auf der Suche nach irgendwelchen Protesten sind. Wie man das auch immer dreht und wendet - es sind schwere Verstösse gegen die Gastfreundschaft.

In China lebt man auf dem Land wie im Mittelalter, ohne Strom und mit dem Wasserbüffel vor dem Pflug. In vielen urbanen Gebieten sieht es aus wie während der industriellen Revolution (in Europa im 19. Jahrhundert). Der Grossteil der chinesischen Bevölkerung besteht aus diesen beiden Gruppen - und auf so ein Land wollen die Journalisten die übrigens gar nicht scheiterungsresistenten Rezepte der Post-68er-Ära anwenden? In Europa wurden im Mittelalter Hexen verbrannt und ob die Arbeitsbedingungen während der industriellen Revolution in Europa besser waren, ist zu bezweifeln. Leute, die damals angekündigten, gegen die aktuelle Herrschaft zu demonstrieren, wurden vermutlich auch einfach mal vorsorglich eingesperrt. Es ist Unsinn, zu glauben, eine über Jahrzehnte gewachsene Demonstrationskultur könne man mal kurz über zwei Wochen olympische Spiele einführen.

Ich meine nicht, dass China nicht kritisiert werden sollte. Aber es sollte nicht pauschal, sondern in Rücksichtnahme auf eine komplett andere Kultur geschehen. Wer eine "gelbe Gefahr" im Kopf hat, der verurteilt ungerechtfertigt Unschuldige. Kritik muss konkret und punktuell angesetzt werden, bei der Führung, vor allem bei der regionalen Führung. Und auch dann: Ein Land wie China ist eigenständig und löst seine Probleme selbst, ein Anspruch, den auch europäische Länder haben.

Ein schönes Beispiel für sich nicht bestätigende Erwartungen in Peking ist ein Lagebericht von Klaus Zaugg, am 14.08.2008 Top-Aufmacher auf 20min.ch. Obwohl er mit einer kritischen Mao-Biographie eingereist ist, sein Computer nicht durchsucht wurde, er keine Internetzensur bemerkt, er jederzeit und überall telefonieren kann und überall hin kann, wo er hin will, lautet der Titel des Texts "Warum die Wahrheit nicht interessiert". Mit dem Titel wird impliziert, dass die Vorurteile eben doch wahr sind. Ja, viele sind wahr, auch wenn man im Alltag davon nichts mitkriegt. Aber muss man eine Story schreiben über die eigene Unfähigkeit, darüber etwas herauszukriegen?

Vergessen wird auch, dass Sport im Allgemeinen und Olympia im Speziellen nichts zu tun hat mit Menschenrechten, Umweltschutz und anderer Politik. Sport ist die Möglichkeit, sich fair und ohne Rücksicht auf Herkunft, Rasse oder Probleme der anderen zu messen:

Nach der von Pierre de Coubertin eingeführten olympischen Charta ist das Ziel der olympischen Bewegung, beizutragen zum Aufbau einer friedlichen und besseren Welt durch die Ausbildung der Jugend durch Sport, der im olympischen Geist und ohne jegliche Diskriminierung ausgeübt werden kann, was ein gegenseitiges Verständnis erfordert, einen Geist aus Freundschaft, Solidarität und Fair Play.

According to the Olympic Charter, established by Pierre de Coubertin, the goal of the Olympic Movement is to contribute to building a peaceful and better world by educating youth through sport practised without discrimination of any kind and in the Olympic spirit, which requires mutual understanding with a spirit of friendship, solidarity and fair play.

Man könnte auch sagen, dass politische Fragen gerade an den olympischen Spielen nichts zu suchen haben. Doch die Realität sieht anders aus. In Deutschland begann der Moralismus der Medien, der vor allem das schlechte Gewissen der heimischen Zuseher, die gerne fehlende Menschenrechte anprangern, aber konkret oft gar nichts tun, beruhigen soll, schon mit der Eröffnungsfeier. Die Kommentatorin Sandra Maischberger sprach während der Übertragung von einem "Wunsch nach Frieden, der jedenfalls in der Show zum Ausdruck gebracht wird". Notabene über China, das in seiner Geschichte meines Wissens noch nie ein anderes Land angegriffen hat, sondern sich nur immer gegen Angriffe von Aussen, zum Beispiel aus dem Westen, verteidigt hat. Dazu sagte sie über das Land, das etwa zur Hälfte aus Bauern besteht: "Die Einheit von Mensch und Natur ist den Chinesen in den letzten 30 Jahren etwas verloren gegangen." Stimmt, das könnte an der von vielen in China geradezu euphorisch gefeierten Urbanisierung liegen, die dazu keineswegs nur auf China beschränkt ist.

Viele Journalisten zeichnet die Suche nach eventuellen Protesten und Skandalen aus, was an der Eröffnungsfeier, an der jeder Bändel am Handgelenk zur Protest-Debatte stand, schon fast etwas obsessiv wirkte. Unerfreuliche, aber am Ende doch eher harmlose Ereignisse werden gerne dramatisch überzeichnet. So schreibt der stern.de-Reporter angesichts mehrerer Polizisten, die ihn nachts aufwecken:

Gefühlt dauerte es Ewigkeiten, bis einer der Polizisten meinen Pass öffnete und sich meinen Daten widmete. Selten in meinem Leben hatte ich solche Angst. Beim Schreiben dieser Zeilen ist sie wieder da, meine Hände zittern, ähnlich wie in der vergangenen Nacht. Ob ich allein sei, wurde ich gelöchert. Immer wieder schweiften die prüfenden Blicke in mein Zimmer, hinein in den Ort, wo man sich auf Reisen sicher und zu Hause fühlt.

Klar ist das unangenehm, aber "selten in meinem Leben hatte ich solche Angst"? Wenn man in nichts mehr als in eine Kontrolle der Polizei gerät?

Joachim Huber vom Tagesspiegel fand die moralistischen Einwürfe von Maischberger zu sparsam:

Die Kommentatoren Sandra Maischberger und Ralf Scholt gaben im Ersten kurze, vielleicht zu sparsame Erläuterungen für die Menschenmassenbilder im Stadionrund. Beim Einzug der Mannschaften rollten ihnen nur selten Begriffe wie Skandal oder Doping von den Lippen, bescheiden übten sie sich in Olympia-Historie, Länderkunde und Weltpolitik. Die Eröffnungsfeier in Peking durfte auf das Publikum wirken.

Vorher und nachher die allfällige Diktatur der Heuchelei.

Viele Medien und Blogger waren davon aber gestört:

welt.de, Antje Hildebrandt: "Das gute Gewissen der ARD? Oder doch eher Hofnärrin? Der Preis, den Maischberger für ihre Als-Ob-Moderation verdient hätten, müsste erst noch gebacken werden. Wenn nicht alles täuscht, läuft es auf einen chinesischen Glückskeks hinaus."

readers-editions.de, Claus-Dieter Stille: "Was Frau Maischberger als Moderatorin der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking ablieferte, war jedenfalls weit unter ihrem Niveau. Diese Moderation war weder fair noch anständig gegenüber dem Gastgeber. Und die Zuschauer daheim wurden für dumm verkauft, mindestens aber bevormundet. Die ARD hätte deshalb besser darauf verzichtet, Sandra Maischberger mit der Moderation zu betrauen."

spiegel.de, Matthias Matussek: "'Die haben hundert Jahre einfach weggelassen', kommentiert Ralf Scholt empört. Die Gründung des modernen China! 'Mao fehlt völlig!'. Das müsste Punktabzüge geben. Tatsächlich: Keine roten Frauenbataillone, keine Bilder vom langen Marsch, keine lustigen Fensterstürze aus der Kulturrevolution – da wurde ganz bedenklich überschminkt, weiß jetzt das kritische Gewissen."

franztoo.de, Franz Patzig: "Ich frage mich ebenfalls, ob es zum öffentlich-rechtlichen Auftrag gehört, mir Tibet zum tausendsten Mal und die Uiguren zum zweihundertsten Mal unter die Nase zu reiben. Wer bis jetzt noch nichts davon gehört hat, der wird es durch die Betroffenheits-Bits von Sandra Maischberger auch an diesem Abend nicht lernen. Ich kann meine eigenen Schlüsse ziehen, das habe ich auch. Ansonsten wollte mich aber dem Spektakel hingeben und es genießen."

Und auch ich lehne "Betroffenheits-Bits" ab. Ich möchte Sport sehen und vielleicht etwas über die Kultur des Gastgeberlands erfahren. Für moralische Vorträge brauche ich die Medien nicht. Sollten in mir jemals solche Bedürfnisse hochkommen, nutze ich gerne die Freiheit, einer Sekte meiner Wahl beizutreten.

Vom Umgang mit Journalisten und von deren Berichterstattung berichtet fortlaufend unser Olympia-Tagebuch "Medien unter Kontrolle"

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • XiongShui

    16.08.08 (13:20:28)

    Dieser "Kontrollzwang" resultiert möglicherweise sogar aus der Kaiserzeit. Das ursprüngliche Verwaltungssystem war so angelegt, daß die Kontrolle gegenläufig war: einerseits meldete der Magistrat (die unterste Verwaltungseinheit) alle Vorgänge an den Palast, andererseits kamen von dort klare Order, wie in den Einzelfällen zu verfahren sei. Fühlte sich jemand in Prozessen benachteiligt, konnte er sich unmittelbar an den Kaiser wenden. Ungerechtfertigt verhängte Strafen trafen im positiven Beschwerdefall den urteilenden Richter 1:1. Ein kluges System, daß zwar auch nicht, wie die Erfahrung zeigte gegen Korruption gefeit war, das aber immer dann, wenn die kaiserlichen Behörden ordentlich arbeiteten, den Bürgern ein Höchstmaß an Gerechtigkeit garantierte. (Robert van Gulik, Diplomat und profunder Asienkenner, hat über das Verwaltungssystem eine Krimireihe verfasst, die den Leser auf spannende und unterhaltende Weise, viel über China lernen läßt.) Es ist schade, das die Medien nicht über die große Geschichte und Kultur dieses herrlichen Landes berichten. Dieses kleinliche Gezänk ist einfach nur peinlich, ganz besonders tun sich da die deutschen Medien hervor: kleinkariert und dumm. Ebenso wie Merkels Weigerung, an der Eröffnungsfeier teilzunehmen. Darum schlägt die Stimmung den Deutschen gegenüber auch zur Zeit um, China ist enttäuscht und gekränkt. Mit Recht.

  • Martin

    16.08.08 (17:26:52)

    Ich wusste gar nicht, dass das die Frau Maischberger war. Ich habe mich über ihre angestrengt kritischen Bemerkungen, die ich einem jugendlichen Mitglied von Amnesty International - nicht jedoch einer gestandenen Journalistin - jederzeit zugestanden hätte, ziemlich geärgert. Die olympischen Spiele finden nun einmal in China statt, und wie es dort zu und hergeht, dürfte zumindest den aufgeklärteren Bürgern inzwischen in etwa bekannt sein. Aber: Hat jemand der Ko-Kommentatorin des Schweizer Fernsehens zugehört? Jede Bewertung meinerseits würde vermutlich einer Ehrverletzung gleichkommen!

  • Michael

    17.08.08 (03:06:16)

    Schön! Ein Text, der auch von der chinesischen Seite zu beleuchten versucht, deren Sicht hier natürlichweise schon zu kurz kommt. Dabei haben die westlichen Medien sich mit dem Vorlauf zur Olympiade bei der darauffolgenden Berichterstattung auch noch ordentlich sich selbst behindert und es ist bedauerlich, dass die Olympischen Spiele dafür herhalten mussten, ein Stück abendländischer Kultur. @XiongShui: Ich habe in den letzten 2 Wochen gelegentlich einige gute China-Themenabende sehen können, bei den ÖR und den guten Kultursendern, wenn ich mich nicht irre lief auch im Radio etwas. Deutlicher war aber leider der allgemeine Tenor von der "roten bzw. gelben" Gefahr im Zuge der aufkommenden Vorwürfe zu den plötzlichen Tibetunruhen. Wie stand es mit der alten Kultur Chinas, wie stehts mit deren Verbreitung in der heutigen Zeit, die ja offensichtlich auch einigen Nicht-Chinesen zu verdanken ist? Da gibt es Lücken, die einem die Kultur bestimmt nicht nur mies machen. Vielen Dank für den Buchtip, steht ja sogar online! Gruss M.

  • XiongShui

    17.08.08 (11:31:28)

    Hallo Michael, ich hätte da noch so einiges an Literaturtips anzubieten, gern per E- Mail, bzw. da wird in den nächsten Tagen auch was in meinem Blog kommen. Was mich neben der Landschaft, der Kultur und den Menschen dort fasziniert ist die Tatsache, das "die Chinesen" immer noch "für den Kaiser" arbeiten, wenn sie in der Verwaltung tätig sind. Man sollte sich den chinesischen Kommunismus genau ansehen, der hat sehr viel mit den alten Strukturen zu tun (obwohl er das natürlich ableugnet). Sogar die Auslandchinesen sind noch diesen Strukturen verhaftet. D.h., wenn man China verstehen will, sollte man sich seine Geschichte ansehen. Dem kommt entgegen, daß die chinesische Geschichte immer in einer Form überliefert wurde, die wir als Roman bezeichnen würden. Dadurch wird sie lebendig und es macht Spaß, sie zu lesen. Das war auch der Grund, warum van Gulik seine Kenntnis Chinas in Form von Kriminalromanen veröffentlicht hat. Was bei diesen Forderungen (Menschenrechte etc.) aus dem Westen gern übersehen wird, ist die Tatsache, daß wir selbst Jahrhunderte gebraucht haben, um sie uns zu erkämpfen. Da kann man nicht von China erwarten, daß das nun alles über Nacht eingeführt wird. Man kennt das Problem und arbeitet daran.

  • Michael

    03.09.08 (22:46:20)

    Ja, dankeschön! Gerne natürlich, bei Gelegenheiten-, hoffentlich beizeiten ;-) Gruss M.

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