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29.01.09

Wer wird "das nächste große Ding" im Internet?

Seit bald zehn Jahren dominiert Google die Webwelt. Kaum ein Nutzer, der nicht mit den Services des Internetgiganten in Berührung kommt. Doch die Zeit ist reif, um nach einem Nachfolger Ausschau zu halten. Wer wird das nächste große Ding im Internet?

Das nächste große DingEine der spannendsten und in Web- und IT-Kreisen gern diskutierten Fragen ist die nach dem "next big thing", dem "nächsten großen Ding". Die Kriterien, wann ein Dienst diesen höchsten aller Status erreicht hat, variieren je nach eigener Perspektive. Gemäß meiner persönlichen Definition wird ein Service zum nächsten großen Ding, wenn er bestehende Nutzungsmuster und Strukturen grundlegend verändert, nahezu bei jedem User regelmäßig und bewusst eingesetzt wird sowie über ein richtig cleveres Geschäftsmodell verfügt, welches ihn zu einer Gelddruckmaschine macht.

Wer heute vom nächsten großen Ding spricht, nimmt dabei meist Google als Maßstab. Der Onlineriese befindet sich seit fast einer Dekade in der komfortablen und bemerkenswerten Position, von fast jedem Menschen gekannt und genutzt zu werden, den Zugang zu Informationen revolutioniert zu haben und dabei Quartal für Quartal Traumprofite zu erzielen.

Die ersten zehn Jahre des 21. Jahrhunderts werden für immer als Google-Epoche in die Geschichtsbücher eingehen. Doch selbst wenn die bisher unschlagbare Kombination aus omnipräsenter Internetsuche und hochrelevantem Vermarktungssystem auch in Zukunft weitere Erfolge feiern und die Google-Bilanz erstrahlen lassen sollte, ist es an der Zeit, sich erneut auf die Suche nach dem nächsten Hit zu machen; nach einem Service, dem ein ähnlich glänzender Aufstieg gelingen könnte wie einst Google mit seiner Suchmaschine.

Welche heute schon existierenden Angebot kämen hierfür am ehesten in Frage?

Facebook

FacebookMit über 222 Millionen Unique Visitors erreichte Facebook im Dezember fast ein Viertel aller weltweiten Internetnutzer und ist damit das mit Abstand größte existierende Social Network. Eine Abschwächung des Aufwärtstrends ist nicht abzusehen. Angesichts des rapiden Wachstums erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass das US-Unternehmen innerhalb der kommenden zwei Jahre die Marke von 500 Millionen Besuchern durchbrechen wird.

Wer Facebook aktiv und regelmäßig nutzt, weiß, dass Kommunikation und soziales Leben komplett anders verlaufen als in grauer Social-Networking-Vorzeit. Wer kein Profil hat, gilt und fühlt sich (besonders in Ländern mit hoher Facebook-Penetration) zunehmend isoliert - selbst wenn Kritiker dies gerne in Frage stellen. Fakt ist: Facebook revolutioniert den sozialen Umgang von Menschen untereinander.

Was dem Dienst zum ganz großen Erfolg noch fehlt, sind Gewinne. Umsätzen im dreistelligen Millionen-Dollar-Bereich stehen hohe operative Kosten gegenüber, die über die bisher implementierten Wege der Werbevermarktung noch nicht wieder eingespielt werden können. Doch wie Andreas Göldi kürzlich erklärte: Es ist völlig normal, dass es eine Weile dauert, bis Unternehmen funktionierende Geschäftsmodelle für neuartige Medienformen entwickeln. Facebook dürfte sein Potenzial noch nicht mal im Ansatz ausgereizt haben.

Twitter

TwitterDer Microbloggingdienst Twitter hat nur sechs Millionen Nutzer weltweit. Ein Geschäftsmodell ist nach wie vor nicht in Sicht. Dennoch landet Twitter auf meiner Liste der Kandidaten für das nächste große Ding. Die enorme Aufmerksamkeit, die der Dienst in den letzten Monaten in Folge politischer und tagesaktueller Ereignisse (US-Präsidentschaftswahl, Hessenwahl, Flugzeugabsturz in New York, Mumbai-Attentate) erhalten hat, zeigt, welche Faszination die Schnelligkeit und Vernetzung von Twitter auf Menschen ausübt.

Ob eines Tages tatsächlich jeder 140-Zeichen-Meldungen bei Twitter veröffentlicht, ist zwar offen - als einzigartiges, kombiniertes Kommunikations- und Recherchemittel für globale Echtzeitberichte sowie einfachstes und gerade deshalb bestechendes Networkingtool steht dem Unternehmen aus San Francisco in jedem Fall eine großartige Zukunft bevor - vorausgesetzt, die Twitter-Macher finden einen Weg, den Erfolg auch entsprechend monetarisieren zu können. Bonusargument: Wer einmal in den Bann von Twitter gezogen wurde (was lange dauern kann), will den Service (richtig eingesetzt) nicht mehr missen.

Spotify

SpotifyFür User in Deutschland größtenteils noch unbekannt, schickt sich das finanziell gut ausgerüstete schwedische Startup Spotify an, die bekanntermaßen in Schwierigkeiten steckende Musikindustrie nachhaltig zu verändern. Spotify streamt Millionen von Songs legal über einen Desktop-Client (und bald auch eine mobile Applikation) und macht das so gut, dass beim Nutzer der Eindruck entsteht, er hätte sämtliche Titel auf seiner Festplatte. Spotify steckt derzeit in den Verhandlungen mit den Plattenfirmen, um so schnell wie möglich in vielen Ländern nicht nur die kostenpflichtige sondern auch eine werbefinanzierte Gratisversion des Dienstes anbieten zu können.

In seinem Heimatland Schweden ist Spotify bereits einen Schritt weiter: Dort erhält Zugang zur kostenlosen Version, wer von einem anderen User eingeladen wurde. Invitations sind harte Währung und der Hype um Spotify hat gerade einen neuen Höhepunkt erreicht. Hier in Stockholm beispielsweise gibt es kaum noch eine Privatparty, auf der im Laufe des Abends NICHT Spotify zum Einsatz kommt - und das trotz unzähliger, browserbasierter Alternativen. Egal wo im Web über Spotify geschrieben wird - immer sorgt der Service für Begeisterungsstürme.

Spotify nennt keine User- oder Umsatzzahlen. Wenn aber die durch perfektes Marketing in Schweden bereits jetzt erlangte Popularität des Dienstes sowie einige Spitzen-Recruitments der letzten Zeit ein Indiz dafür sind, was bei einem internationalen Launch geschehen würde, dann hat Spotify definitiv das Zeug zum "next big thing".

Skype

SkypeDer VoIP-Service Skype ist mit mehr als fünf Jahren des Bestehens ein echter Oldie. Auch wenn eBay mit dem 2005 für rund drei Milliarden Dollar akquirierten Unternehmen nie richtig glücklich wurde und Gerüchten zufolge über einen Verkauf nachdenkt, gehört Skype zu einem der erfolgreichsten Webdienste jemals: Über 400 Millionen Menschen verwenden die Software für Telefonate und Chats. Laut eigener Aussage wirft Skype seit einiger Zeit nennenswerte Gewinne ab.

Trotz des aus heutiger Sicht schon bemerkenswerten Erfolges könnte Skype seine Blütezeit erst noch vor sich haben: Dann nämlich, wenn der Service sich auch zunehmend auf Mobiltelefonen ausbreitet, um unterwegs teure Handygespräche durch günstige Telefonate über das Datennetz zu ersetzen - was Mobilfunktunternehmen derzeit (aus nachvollziehbaren Gründen) noch ein Dorn im Auge ist. Weiteres Potenzial für Skype liegt in der Möglichkeit, die für SkypeOut-Gespräche eingesetzten Skype Credits als praktisches Zahlungsmittel für webbasierte Micropayments anzuwenden - ein Wachstumsbereich im zukünftigen Internet.

Hulu

HuluZugegeben - Hulu als das eventuell nächste große Ding zu bezeichnen, ist gewagt. Doch das Joint Venture der beiden großen US-Fernsehhäuser Fox und NBC entwickelt sich prächtig, bietet eine immer größere Zahl an hochwertigen Filmen und Serien zum On-Demand-Streaming und kommt auch bei der Werbewirtschaft gut an . Diese bevorzugt für ihre Kampagnen nämlich professionell erstellte Inhalte gegenüber User Generated Content.

Hulus größte Hürde besteht darin, globale Übertragungsrechte für die angebotenen Inhalte zu erwerben. Derzeit kann der Dienst (von einer temporären Ausnahme letztens abgesehen) nur aus den USA genutzt werden. Das Erwirken einer Erlaubnis zum internationalen Streaming von TV- und Filmproduktionen dürfte sich als noch schwieriger erweisen als im Falle der Musikindustrie. Immerhin würden so Fernsehsender rund um den Globus ihre bisherigen nationalen Exklusivausstrahlungsrechte verlieren.

Auch wenn die mögliche internationale Expansion von Hulu noch mit diversen Fragezeichen versehen ist, so steht jetzt schon fest, dass Fox und NBC eine vorbildliche, bestechend einfache und überzeugende Plattform für IP-TV geschaffen und diese mit den Inhalten bestückt haben, die ein solches Projekt benötigt, um nachhaltig erfolgreich zu sein.

Google

GoogleNa klar: Auch Google könnte das nächste große Ding werden. Dann nämlich, wenn es dem Unternehmen gelingt, das in Zukunft größte Wachstumsfeld im Internet - das mobile Web - und dessen Werbevermarktung im selben Umfang zu dominieren, wie es im stationären Web geschehen ist. Mit seinem Android-Betriebssystem für Smartphones und andere portable Geräte könnte die Ausgangssituation für den Web-Giganten kaum besser sein.

Sollte es Google nicht gelingen, aus eigener Kraft DEN (mobilen) Webservice des nächsten Jahrzehnts zu entwickeln, ist die Kriegskasse auf absehbare Zeit derartig gut gefüllt, dass man theoretisch jeden anderen Dienst von dieser Liste kaufen könnte - unter der Voraussetzung, dass die Wettbewerbshüter mitspielen. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass das nächste große Ding nach Google erneut Google heißen wird.

Fazit

Jeder der aufgelisteten Services hat meiner Ansicht nach das Potenzial, eine webweite Verbreitung/Nutzerschaft zu erreichen, vorhandene Strukturen radikal umzukrempeln und dabei ordentlich Gewinne abzuwerfen. Für eine ganze Reihe von namhaften, aber hier nicht erwähnten Unternehmen sehe ich dagegen ein größeres Risiko, an einem der drei genannten Kriterien zu scheitern.

So erfolgreich Apple mit iTunes und dem iPhone auch ist - ich halte es für unwahrscheinlich, dass eines Tages jeder User Apple-Produkte bzw -Dienste einsetzen wird - jedenfalls solange Apple seinen Fokus auf Hardware beibehält. Oder dass etablierten Big Playern aus der IT- und Technologie-Welt wie Microsoft, IBM oder Nokia ein derartig großer Wurf gelingen könnte, um in den nächsten Jahren im Onlinebereich in Google-ähnliche Dimensionen vorzustoßen.

Ausschließen kann man es natürlich nicht. Aber aus heutiger Sicht würde ich nicht darauf wetten wollen. Genauso wenig wie darauf, dass das nächste große Dinge um jeden Preis ein bereits heute etablierter bzw. bestehender Service sein muss. Man denke nur daran, in wievielen Garagen gerade hinter verschlossenen Toren gewerkelt wird...

Und jetzt eure Tipps bitte!

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