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15.03.08

Wer plagiiert, ist doch nur doof

Zitat oder Plagiat: Mit wenig Aufwand wird aus dem geborgten Satz ein eigenes Werk. In der Wissenschaft wird das geahndet – und im Journalismus?

Quotes
Zitat pfui, Plagiat hui

Ein Ende des BVG-Streiks ist nicht in Sicht, nun droht Berlin auch noch ein Ausstand im öffentlichen Dienst. – Geben Sie's ruhig zu: Das haben Sie gleich gewusst, dass ich ein ganz übler Plagiator bin. Ich mieser Abschreiberling habe diesen hochbedeutenden ersten Satz aus einem Artikel der Berliner Zeitung vom 14.3.2007 schlicht geklaut. Dieser, mein erster Satz war nichts als ein übles Plagiat.

Hätte ich ihn allerdings wie folgt geschrieben, dann wäre er kein Plagiat mehr gewesen: "Ein Ende des BVG-Streiks ist nicht in Sicht, nun droht Berlin auch noch ein Ausstand im öffentlichen Dienst (BZ)". Joho, was so ein paar Anführungsstriche mit Quellenangabe doch ausmachen! Das war jetzt nur noch ein Zitat. Was wiederum nicht nur erlaubt ist, was sogar als ein Beitrag zur Kultur gilt:

Ich habe endlich etwas für die Gesellschaft getan.

 

"Die Verwendung von Zitaten ist durch das Urheberrecht geregelt und unter bestimmten Voraussetzungen gestattet, ohne dass eine Erlaubnis des Urhebers eingeholt oder diesem eine Vergütung gezahlt werden müsste (§ 51 UrhG in Deutschland, siehe unten). Die allgemeine Begründung dafür ist, dass Zitate der kulturellen und wissenschaftlichen Weiterentwicklung einer Gesellschaft dienen".

Im Medienbereich allerdings darf ich - anders als in der toleranteren Wissenschaft - keineswegs endlos ein zitierendes Zappzerapp betreiben, um anschließend drumherum ein paar Anführungsstriche zu drapieren. Mir ist nur ein Zitieren in einem beschränkten Umfang erlaubt: Das so genannte 'Kleinzitat' definiert sich durch das ' aptum ' der ollen Römer, durch seine 'Angemessenheit', was natürlich juristisch ein Begriff aus feinstem Kautschuk ist.

 

"Kleinzitate dürfen weiterreichend verwendet werden. Der Zitierzweck muss erkennbar sein. Das Zitat muss also in irgendeiner Beziehung zu der eigenen Leistung stehen, beispielsweise als Erörterungsgrundlage. Der Umfang des Zitats muss dem Zweck angemessen sein".

Nun ja, mich als kreativen Plagiator hält so etwas keineswegs auf. Schließlich will ich diesen genialen Satz unwiderruflich in mein geistiges Eigentum überführen. Also schraube ich ein wenig an der Grammatik herum, betreibe – zackzackzack! – ein verbales Hütchenspiel und schreibe zum Beispiel: "Berlin droht ein Ausstand im Öffentlichen Dienst, während ein Ende des BVG-Streiks noch immer nicht in Sicht ist". Zum Schluss entferne ich aus Eigeninteresse die Anführungsstriche.

Ha, liebes Publikum – ist dieser Satz jetzt nicht sogar 'noch schöner' geworden? Obwohl statt zweier aneinandergenagelter Hauptsätze nun eine Temporalkonstruktion hier ihr Unwesen treibt. Ein Nebensatz also, das ultimative Teufelswerk aller Journalistenschulen.

Viel gearbeitet habe ich noch immer nicht, der Satz weist juristisch trotzdem jene nur in Millimetern zu messende 'Schaffenshöhe' auf, die ihn endgültig zu meinem Produkt macht. Und das soll mal jemand wagen mir zu klauen! Zugleich habe ich damit etwas getan, was fast alle Journalisten täglich machen: Ich habe mir einen fremden Text 'anverwandelt'.

Zu diesem Zweck wird eine inhaltlich brauchbare Vorlage ein wenig hin- und hergeruckelt und umgestellt, ein zwei Wörtchen werden durchs Synonymbad gejagt, die Konstruktion minimal modifiziert, manchmal wird auch aus zwei Texten einer gemacht - fertig ist der nagelneue Originalartikel, dem der Ludergeruch des Plagiats nicht länger anhaftet.

Der Journalismus ist hierbei übrigens viel unbedenklicher als der Universitätsbetrieb, wo längst routinemäßig eine Software zum Einsatz kommt, die nach derartigen 'Plagiaten' fahndet, nach Fällen also, wo sich jemand mit fremden Texterfedern schmückt. Worüber sich die verschämte 'Generation Journalismus 1.0' genüsslich zu empören pflegt: "Schamlose Generation Internet". Man beachte auch hier meine virtuos gesetzten Anführungsstriche.

Es kommt also immer darauf an, wer das Medium besitzt, um 'Haltet den Dieb!' zu schreien. Käme diese genannte Plagiats-Software nämlich im Medienbereich jemals zum Einsatz, dann nähme das 'Lalü-Lala' der Trefferanzeige gar kein Ende mehr. Und ginge es bei Textrechten zu wie bei den Bildrechten, dann gäbe es gar nicht so viel Anwälte, wie plötzlich Nasen zu vergolden wären. Erhielten wiederum Adornos Erben Geld für jedes Zitat, das ohne Quellenangabe darauf insistiert, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könne, dann wären für sie alle Lottogewinne fortan nur noch 'Peanuts'. Obwohl inhaltlich Adornos Zitat gequirlter Schwachsinn bleibt ...

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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