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02.10.12

Wenn Erwartungen sich nicht erfüllen: Die neue Sichtweise auf Startup-Misserfolge

Die hiesige Startup-Szene unterscheidet sich in vielen Punkten von der US-amerikanischen. Ein gravierender ist der Blick auf die Konsequenzen aus gescheiterten Vorhaben. Doch mittlerweile bewegt sich hier auch in Deutschland etwas.

Man liest und hört es immer wieder: In Deutschland herrscht eine zu fatalistische Sichtweise auf das Scheitern von jungen Unternehmen - im Gegensatz zu den USA, wo Trial & Error ein ganz normaler Aspekt von Entrepreneurship ist. Wer hierzulande einmal ein Startup in den Sand gesetzt hat, dem haftet dieser Makel noch lange an. Freunde, Verwandte und Öffentlichkeit sehen nicht den enormen Zugewinn an Know-how als unmittelbare Folge einer nicht nach Plan verlaufenen Firmengründung, sondern eher Schulden, Depression und eine langfristige Stigmatisierung. Da verwundert es wenig, dass hiesige Entrepreneure als risikoscheu gelten. Immerhin schmerzt angesichts dieses gesamtgesellschaftlichen Klimas ein eventueller Misserfolg als Gründer deutlich mehr als in einem Umfeld, in dem nach dem vorzeitigen Schließen eines unternehmerischen Kapitels die allgemeine Ermunterung, es gleich wieder zu versuchen, überwiegt.

Während bestimmte bürokratische und strukturelle, das Trial-&-Error-Prinzip erschwerende Gegebenheiten in Deutschland nicht von heute auf morgen verschwinden werden, ist immerhin ein Mentalitätswechsel zu spüren. Nachdem auf Podiumsdiskussionen, in Gründerblogs und bei anderen Zusammenkünftigen der Webbranche seit Jahren gebetsmühlenartig die Notwendigkeit einer neuen Perspektive auf unternehmerisches Scheitern wiederholt wird, hat sich diese Botschaft mittlerweile zumindest in den Köpfen vieler am Branchengeschehen beteiligten Akteure festgesetzt. Beschleunigt wird die Entwicklung durch den Zuzug vieler internationaler Entrepreneure, Entwickler und Multiplikatoren besonders in die boomende Gründerstadt Berlin, wodurch eine weitere Vermischung von Mentalitäten und Werten stattfindet.

Das Wunderkit-Aus als Symbol für den Gesinnungswandel

Ein in diesem Kontext nicht ganz unwesentliches Ereignis dürfte die vor einigen Wochen bekanntgegebene Einstellung des mit großen Ambitionen gestarteten Produktivitätstools Wunderkit darstellen. Da die vom Berliner Startup 6Wunderkinder Anfang 2012 lancierte Anwendung im Vorfeld eine für hiesige Neugründungen untypisch umfangreiche und aufmerksamkeitsweckende PR-Kampagne durchführte, sorgte auch das vorzeitige Ende des Projekts für viel Beachtung und ausgiebige Diskussionen in Szenekreisen und Kommentarspalten. Obwohl Kritik und feindselige Aussagen nicht ausblieben, signalisiert der allgemeine Tenor eine echte Zäsur im Bezug darauf, wie das Scheitern eines viele Blicke auf sich gezogenen Projekts innerhalb der deutschen Internetwirtschaft aufgefasst wird. "Wir bekamen unglaublich viel positives Feedback von unseren Nutzern und aus vielen Bereichen unserer Industrie. Vermutlich erhalten wir aktuell sogar mehr Unterstützung als jemals zuvor", beschrieb uns 6Wunderkinder-Chef Christian Reber die Reaktionen in der Branche auf die von ihm sehr offen kommunizierte Nachricht, Wunderkit nicht weiterentwickeln zu wollen und sich stattdessen auf den Taskmanager Wunderlist zu konzentrieren.

Wir fragten Reber, der nun - freiwillig oder unfreiwillig - zu einer Art Botschafter des beschriebenen Gesinnungswandels in der deutschen Online- und Gründerwelt wird, welche Ratschläge er für Entrepreneure hat, die einschneidende Planänderungen ins Auge fassen müssen. Einsicht sei der erste kritische Punkt, so der gebürtige Brandenburger: "Zu verstehen, dass ein Produkt nicht funktioniert, oder eine Unternehmensstrategie nicht langfristig ist, aus welchen Gründen auch immer (z.B. Ressourcen, Qualität, Geschwindigkeit, Kapital…), ist ein kritischer Moment – und findet in vielen Unternehmen viel zu spät statt. Diesen Punkt zu überwinden ist nicht einfach. Das weiß ich nun auch aus eigener Erfahrung."

Reber ist sich sicher: Der Misserfolg von Wunderkit war für seine persönliche Entwicklung mindestens genauso wertvoll wie der gute Verlauf von Wunderlist. "Erst dadurch habe ich wirklich verstanden, worauf es uns als Unternehmen und mir als CEO ankommt". Für ihn bedeutet ein drastischer Richtungwechsel und die Einstellung eines mit enormen Hoffnungen versehenen Produkts auch nicht, im klassischen Sinne zu scheitern. Diesen negativ beladenen Begriff definiert er anders: "Scheitern ist nur ein Misserfolg, wenn man Tatsachen ignoriert und nichts daraus lernt".

Sebastian Kurt hält Scheitern für notwendig

Der 6Wunderkinder-Mitgründer ist bei weitem nicht der einzige Entrepreneur aus der hiesigen Webwelt, der in letzter Zeit eine schwerwiegende Entscheidung treffen musste. deutsche-startups.de listete gestern eine ganze Reihe von Jungfirmen auf, die 2012 vom Markt verschwanden. Eins davon: The Chicken, eine aus Berlin stammende Plattform für Produkterlebnisse. Auch Co-Founder Sebastian Kurt übt sich darin, aus der Not eine Tugend zu machen: "Aus meiner Sicht muss man unbedingt einige Male scheitern. Man darf nur nie den gleichen Fehler erneut begehen".

Als Triathlet und zweifacher Ironman weiß er, wovon er spricht. "Ich selbst sehe das Scheitern wie eine große Treppe. Jede Stufe stellt eine Hürde dar. Man hat jeweils seinen Anlauf um hinauf zu kommen. Einige Stufen sind flacher, andere sind höher. Wenn man in einem Schritt hängen bleibt, sollte man beim nächsten Versuch nicht wieder hier abbrechen müssen. Wie Kollege Reber hält er das frühzeitige Ziehen der Reißleine für essentiell, um ein unnötig schmerzhaftes Ende zu verhindern. Man müsse ja nicht mit Vollgas gegen die Wand fahren, so Kurt. Sein zweiter Ratschlag: Ab und an einen Schritt zurückmachen, um nicht zu dicht vor dem Problem zu stehen, und um auch einmal eine andere Sichtweise einzunehmen. Zudem hält er ein persönliches Sicherungsnetz im Hintergrund für empfehlenswert: "Wenn man nicht existentiell bedroht ist, nimmt man bei vielem weit mehr in Kauf".

Wappwolf baut um - und lernt

Während Reber und Kurt die schwierigen Schritte schon hinter sich haben, befindet sich Wappwolf-CEO Michael Eisler gerade mitten drin. Nachdem das Startup im vergangenen Jahr in Teilen von Wien ins Silicon Valley zog und dort mit der Entwicklung des WappwolfAutomator durchaus einen Achtungserfolg hinlegte, erkannte das Management, dass Wappwolf trotz 85.000 Usern nicht in ein Masseprodukt zu verwandeln sei. Trotz der positiven Tendenzen entschloss sich die Firma deshalb, den WappwolfAutomator in seinem aktuellen Zustand zu belassen und sich auf die Entwicklung eines völlig neuen Dienstes zu konzentrieren. Gleichzeitig war Eisler gezwungen, das Team von zwölf auf vier Mitarbeiter zu schrumpfen - mit dieser Besetzung reichen die Finanzmittel seiner Aussage nach noch weitere sechs Monate.

Seine Learnings aus diesem natürlich nicht ganz angenehmen Prozess sind also noch sehr frisch. Er empfiehlt, schon bei der Gründung den Grundstein dafür zu legen, um im Falle einer frühzeitigen Veränderung diesen Vorgang erschwerende Konflikte vermeiden zu können - indem man unbedingt die Zusammenarbeit, die Bezahlung und die Besitzansprüche vertraglich regelt. Auch wenn man mit Freunden gründet. Was Eisler außerdem unterstreicht: Ein Startup ist nur etwas für risikobereite Menschen und kein Platz für Leute, für die der Beibehalt ihrer Komfortzone höchste Priorität hat. Kurzum: Wer ein junges Web- oder Mobile- Unternehmen mitgründet oder frühzeitig dort mitarbeitet, muss sich einfach darauf einstellen, dass die Uhren anders ticken als in einem Großkonzern oder einem Jahrzehnte altem Traditionsunternehmen.

Während Eisler nun von Palo Alto aus mit einem kleinen Team ein völlig neues Produkt aus der Taufe hebt und Kurt dem Ende von The Chicken als CTO beim Münchner Startup Snipclip angeheuert hat und somit eine zumindest temporäre Pause vom Gründerleben einlegt, sieht 6Wunderkinder-Chef Christian Reber trotz - oder gerade wegen - der Ereignisse der letzten Zeit zuversichtlich in die Zukunft: "Wir haben den Strategiewechsel von Wunderkit zu Wunderlist ohne großen Schaden überstanden. Unser Team ist exzellent und voller Energie, wir haben großartige Partner und noch ausreichend Kapital um uns 2013 voll auf Wunderlist 2 zu fokussieren – das bedeutet für mich Erfolg".

Sicherlich hat nicht jeder das Zeug zum erfolgreichen Entrepreneur, und es wäre fatal, selbst den untalentiertesten Gründern nach jedem Flop aufs Neue zu raten, wieder von vorne anzufangen. Zumindest gemäß den Definitionen von Reber und Kurt erkennt man diese Personen jedoch relativ leicht daran, dass sie die gleichen Fehler immer wieder machen. Wer sich selbst dabei ertappt, sollte darüber nachdenken, ob Entrepreneurship für sie oder ihn tatsächlich die ideale Betätigung darstellt. Firmengründer aber, deren Vorhaben trotz guter Ideen nicht verlaufen wie erhofft, die jedoch jeweils weiter kommen als beim vorherigen Versuch, befinden sich auf dem richtigen Weg. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie selbst in Deutschland in Zukunft häufiger auf öffentliche Ermunterung stoßen.

(Foto: stock.xchng/lusi)

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