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27.08.12Leser-Kommentare

Wenn Augenzeugen-Aufnahmen im Netz landen: Das Ende der geschminkten Wirklichkeit

Als es am Freitag vor dem Empire State Building zu einer Schießerei kam, landeten mit Mobiltelefonen geschossene Aufnahmen der Opfer schnell im Netz. Der zunehmende Bürgerjournalismus zwingt uns dazu, unseren Wunsch nach einer bereinigten, leicht bekömmlichen Darstellung der Wirklichkeit zu hinterfragen.

Hinweis: Einige der im ersten Absatz verlinkten Seiten enthalten von Augenzeugen gemachte Aufnahmen der Opfer des Schusswechsels am Empire State Building. 

Am Freitagmorgen erschoss ein Mann beim Empire State Building in New York einen ehemaligen Kollegen. Anschließend wurde er von der Polizei getötet. Ein tragisches Ereignis, aber leider kein Einzelfall. Berichte über Schießereien, Amokläufe und andere körperliche Attacken sind fast täglich in der Presse zu lesen. Doch in einem Punkt hebt sich der Vorfall von anderen dieser Sorte ab: Kurze Zeit nach dem Schusswechsel landeten Fotos der Leichen bei Twitter - aufgenommen von Augenzeuge @yoassman mit dem Mobiltelefon - sowie Instagram. Ein andere Anwesender, Sam Gerwitz, befand sich zum Zeitpunkt der Tat im Empire State Building und nahm kurz darauf mit seinem iPhone ein Foto des Opfers auf. Er publizierte es nicht selbst, sondern übersandte es an die New York Times, welche das Bild für kurze Zeit auf der Startseite platzierte und anschließend nach Leser-Beschwerden in eine Bildergallerie abschob. Gerwitz erklärte später, die 300 Dollar Honorar spenden zu wollen.

Neu ist die Erkenntnis nicht, dass im Smartphone-Zeitalter jeder Mensch spontan in die Rolle des Bürgerjournalisten schlüpfen und in Text und Bild einen Lagebericht abgeben kann, noch bevor offizielle Reporter am Ort des Geschehens eingetroffen sind. Doch das Ereignis vom Freitag beleuchtet in diesem Kontext einen Aspekt, der bisher nur wenig Aufmerksamkeit erhielt: Plötzlich erhält die Allgemeinheit einen Blick auf die ungeschminkte und mitunter grausame Wahrheit. Denn die meisten Pressevertreter verzichteten bisher auf die Veröffentlichung von Bildern und Videos, die Opfer von Gewalttaten darstellten. Zum einen aus ethischen Gründen, und zum anderen, weil derartiges Material nur schwer zugänglich war. Zum Zeitpunkt, als erste Berichterstatter an einem Tatort angelangt waren, hatten die Polizei und Rettungskräfte das Gelände bereits weiträumig abgesperrt.

Doch jetzt, wo kaum noch ein Mensch ohne Mobiltelefon mit Kamera und Internetanbindung durch die Gegend läuft, ändern sich die Vorzeichen. Noch bevor die Behörden mit ihrer Abschirmung beginnen, kursieren mitunter die ersten Aufnahmen bei Twitter, Facebook oder Reddit. Und während ausgebildete Journalisten einem Pressekodex folgen, entscheiden Privatleute allein auf Grundlage ihres Gewissens, ob sie bestimmte, die Folgen von Gewalthandlungen darstellende Fotos oder Clips online verbreiten oder nicht. Egal welche Position man selbst zu dieser sensiblen Thematik einnimmt, muss man sich darauf einstellen, dass andere Menschen mit anderen Wertekonstrukten und Auslegungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung entsprechende Aufnahmen im Netz veröffentlichten werden.

Jeff Jarvis, im Web bekannter Journalist und Medienprofessor, befasst sich in einem Blogbeitrag mit der Attacke am Empire State Buildung und der Tatsache, dass wir durch den Wegfall des Monopols von Massenmedien in der Berichterstattung von nachrichtenrelevanten Ereignissen plötzlich die ungeschönte, grausige Realität betrachten können. "Ich denke, wir wurden zu sehr an durch Medien vermittelte, in der Darstellung von Grausamkeiten "bereinigte" Nachrichten gewöhnt", so Jarvis, der seine Retweets der Aufnahmen von Augenzeuge @yoassman verteidigt. Zuvor wurde er bei Twitter dafür kritisiert, nicht wenigstens eine Warnung über die Art der Darstellung ausgesprochen zu haben. "Menschen waren neugierig genug, auf die Links zu den Fotos zu klicken, aber nicht neugierig genug, um zu sehen, wie es tatsächlich am Tatort aussah", moniert Jarvis, der die Medien für das verbreitete Bedürfnis an geschminkter Vor-Ort-Reportage verantwortlich macht.

Sicherlich lässt sich darüber diskutieren, ob die Abbildung einer in einer Blutlache liegenden Leiche tatsächlich einen essentiellen Teil der Nachricht darstellt und ob es für das seelische Wohl der Betrachter gut ist, mit dieser Facette des Ereignisses konfrontiert zu werden. Doch Jarvis hat Recht, wenn er darauf hinweist, dass wir alle uns aufgrund der oben beschriebenen Entwicklung an derartiges Augenzeugenmaterial gewöhnen müssen.

In der westlichen Welt hat sich über die Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands eine sehr distanzierte Haltung zum Tod entwickelt. Man versucht, ihn so wenig wie möglich zu thematisieren, und viele Menschen haben in ihrem ganzen Leben noch nie eine Leiche gesehen. Natürlich handelt es sich dabei um eine enorme Errungenschaft der modernen Gesellschaft. Doch es hat den Nachteil, das wir extrem sensibel reagieren, wenn wir doch einmal mit der "dunklen Seite" des Lebens konfrontiert werden und etwa einen ungeschönten Blick auf den Tatort eines Gewaltdelikts oder Unglücks erhalten.

Das digitale Zeitalter lässt uns keine andere Wahl, als unser durch die Medien antrainiertes Selbstverständnis, von unbekömmlichen Abbildungen menschlichen Leids vollständig verschont zu bleiben, zu hinterfragen. Vielleicht ist dies gar nicht so schlecht.

Kommentare

  • Ad. Fichter

    27.08.12 (14:17:52)

    Danke für diesen Artikel...Über den Umgang mit Kriegsberichterstattung in Echtzeit und ungeschönten Realität habe ich ebenfalls gebloggt: http://adfichter.wordpress.com/2012/08/22/inquisition-2-0/

  • Ley

    27.08.12 (14:48:59)

    "Das digitale Zeitalter lässt uns keine andere Wahl, als unser durch die Medien antrainiertes Selbstverständnis, von unbekömmlichen Abbildungen menschlichen Leids vollständig verschont zu bleiben, zu hinterfragen. Vielleicht ist dies gar nicht so schlecht." Ich finde sehr wohl das das schlecht ist. Für mich und vor allem für meine Kinder. Die Brutalität und Gewaltbereitschaft an Schulen zum Beispiel ist in den letzten Jahren um ein vielfaches angewachsen. Und ich schieb die Schuld klar den Medien und vor allem dem Internet zu. Im Endeffekt veröffentlichen solche Leute die Bilder nicht weil sie solche Gutmenschen sind und die Welt aufklären möchten, sondern weil sie mit den Aufnahmen Kohle machen wollen. PS: Ich für meinen Teil muss die Welt nicht verbessern, mich interessiert nicht wie viele Leute am Tag irgendwo auf der Welt erschossen werden. Wir haben in Europa und speziell hier in Österreich ein gutes und sicheres System aufgebaut und so soll es auch bleiben. Fuck globalization!

  • Martin Weigert

    27.08.12 (14:53:17)

    "Die Brutalität und Gewaltbereitschaft an Schulen zum Beispiel ist in den letzten Jahren um ein vielfaches angewachsen" Das ist aber ein sehr subjektive Aussage. Hast du dazu eine Quelle? Davon abgesehen ist es eigentlich ein anderes Thema als das im Artikel angesprochene. "sondern weil sie mit den Aufnahmen Kohle machen wollen." Das stimmt in den meisten Fälle nicht. Wer Bilder bei Facebook, Twitter oder Instagram veröffentlicht, verdient damit nichts.

  • Ley

    27.08.12 (15:03:59)

    hi! nein dafür habe ich keine Quellen aber dafür Erfahrungswerte bzw. erlebe es bei meinem Sohnemann. Schon mal in der letzten Zeit an einer allgemeinen Hauptschule gewesen? Natürlich hast du recht. Das hat mit dem Artikel aber eigentlich nichts zu tun. Vielleicht kommt es mir nur so vor aber irgendwie finde ich wird die Welt immer brutaler. Oder es kommt einem nur so vor weil es (wie du in deinem Artikel schreibst) ein leichtes ist an Informationen über Gewalttaten auf der ganzen Welt zu kommen. Aber muss das sein? muss man solche Bilder veröffentlichen? Für mich ein klares NEIN!

  • mark

    27.08.12 (17:58:24)

    Die Ursache von Gewalt bei irgendwelchen Medien zu suchen. Geschieht schon seit Ewiegkeiten. Seriöse Studien gibt es nicht, alles nur FUD von Politikern, weiterverbreitet von Leuten die alles glauben was man ihnen erzählt. Das Internet könnte trotzdem "schuld" sein bringt es doch mehr Wissen und damit auch mehr Frust. Der sich bei manchen vielleicht auch in Gewalt manifestiert. Aber deshalb Wissensgewinnung zensieren zu wollen ist quatsch.

  • Christian Vock

    27.08.12 (18:01:46)

    Interessanter Artikel, der in der Tat einige Fragen aufwirft. Man sollte sich in der Diskussion (wie hier im Text leider geschehen) jedoch nicht vom inzwischen leider etablierten Begriff des "Bürgerjournalisten" täuschen lassen. Das bloße ins Netz stellen von Handyfotos hat nichts mit Journalismus zu tun. Zum wirklichen Journalismus gehört etwas mehr. Wer "Bürgerjournalismus" mit Journalismus verwechselt, der sollte so mutig sein und sich konsequenterweise auch von einem "Bürgerarzt" operieren oder von einem "Bürgerpiloten" in den Urlaub fliegen lassen.

  • Ad. Fichter

    27.08.12 (19:51:49)

    Noch eine kleine Ergänzung: Mich persönlich wühlen und rütteln solche Bilder mehr auf, als wenn ein Nachrichtensprecher von einem Blatt die Todesbilanz von Ereignissen abliest: "Bei einem Anschlag sind 100 Menschen ums Leben gekommen" Vorher konnte ich diese Zahl und das Ausmass dieses persönlichen Leids gar nicht richtig fassen. Die Bilder und Berichte vor Ort erzeugen somit eine grössere Betroffenheit, auch wenn sie manchmal schwer zu ertragen sind...

  • mccrain

    27.08.12 (20:41:46)

    Kaum geschieht dies vor der "Haustür" macht man sich ethische Gedanken oder verstehe ich hier was falsch. Was ist mit den privat geschossenen Fotos aus fernen Kriegsgebieten die seit Jahren im Netz landen? Der Artikel kommt wie viel zu spät!

  • Martin Weigert

    27.08.12 (20:51:37)

    Es mag dir nicht gefallen aber aber dass die subjektive Relevanz von Ereignissen zunimmt, je näher sie rücken, ist eine Tatsache, die auch du akzeptieren musst. Und bzgl deines Hinweises, dass der Artikel zu spät kommt: In die Vergangenheit zurückreisen können wir leider nicht.

  • mccrain

    27.08.12 (20:51:58)

    Was hat die Globalisierung mit der Gewalt in Schulen zu tun. Ich bin vor Jahrzehnten in die Schule gegangen und "durfte" täglich Gewalt spüren. Der vermeintlich Schuldige ist immer schnell und weit weg von Einem gefunden.

  • mccrain

    27.08.12 (20:54:07)

    Aber eigentlich schade, oder?

  • Jens Best

    28.08.12 (02:06:08)

    @Ley Ich stelle deine subjektiven Eindrücke nicht in Frage, dennoch ist die Behauptung einer quasi-monokausalen Abhängigkeit zwischen Medien und Gewalt an der Schule schwer zu beweisen.hier könnte man jetzt lange diskutieren ohne Ergebnis. Viel bedenklicher allerdings finde ich deine Worte “...mich interessiert nicht wie viele Leute am Tag irgendwo auf der Welt erschossen werden. Wir haben in Europa und speziell hier in Österreich ein gutes und sicheres System aufgebaut und so soll es auch bleiben.“ Darin zeigt sich eine solch selbstherrliche Ignoranz gegenüber globalen Interdependenzen, dass einem fast schlecht werden kann. ich denke du sagst das nicht absichtlich so, aber Naivität kann auch gefährlich sein. Nur weil du nicht siehst, wie sein Lebenswandel elende Bilder des Todes erzeugt, bist du weder zivilsiert noch frei von Verantwortung.

  • Paul

    28.08.12 (10:14:08)

    Was auf der Titelseite von Bild und Stern ekliger Sensationsjournalismus wäre, ist auf twitter ein Akt der Aufklärung?

  • Martin Weigert

    28.08.12 (10:20:06)

    Auf das Motiv kommt es an: Geht es um das Erhöhen der Auflage und Werbeeinnahmen, oder um die Vermittlung von Informationen?!

  • Jan Radecker

    28.08.12 (10:49:19)

    Hallo, danke für diesen Artikel. Auch wenn ich eine etwas andere Ansicht vertrete, so hast Du nicht unrecht. Die Frage, die für mich zentral wird, ist, ob diese Bilder wirklich dem Realitätsverständnis oder eher dem (leider vorranig mediengerprägten) Voyeurismus dienen? Bei den veröffentlichenten Fotos hat bestimmt keiner bei den Familien nachgefragt, ob diese etwas gegen die Veröffentlichung haben. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass ich ja nicht genötigt werde mir solche Bilder anzusehen. Den finalen Klick muss ich schon selbst machen. Darüber hinaus ist es schade, dass wir nach 20 Jahren Internet immer noch nicht vernünftig mit diesem Medium umgehen können. Jan

  • sarkytob

    28.08.12 (11:10:10)

    Eben aus den im Artikel erwähnten ethischen Erwägungen finde ich das sehr wohl schlecht. Das was hierbei verloren geht, ist der Respekt vor der Würde der Opfer. Ich möchte jedenfalls nicht auf einem Bild in einer Blutlache liegend um die Welt gereicht und von jedem Hinz und Kunz kommentiert werden. Einen zusätzlichen Nachrichtenwert bieten solche Bilder nicht und ich denke auch nicht, dass diese abstrakten Opferzahlen greifbarer machen. Sicherlich, das Leid dieses einen wird damit sichtbar, das Leid der 99 anderen bleibt aber genauso abstrakt wie vorher.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (11:15:16)

    Dieser Einwand ist vollkommen berechtigt. Das Problem ist: Von 9 Milliarden Menschen auf diesem Planeten werden eben einige - aus welchen Gründen auch immer - entsprechende Fotos trotzdem publizieren. Man kann dies verurteilen, aber es wäre illusorisch, anzunehmen, es würde nicht geschehen. Und deshalb ist es wichtig, sich eben auch mit dem Gedanken anzufreunden, häufiger mit der unangenehmen Bildern konfrontiert zu werden.

  • Paul

    28.08.12 (12:23:52)

    Was dem einen seine Auflage ist dem anderen seine Followerzahl und die Pappkrone als twitterkönig des Tages. Die Bild.de hatte mal so ein Bürgerjournalistenkonzept, bei dem man Handyfotos vom morgendlichen Frontalunfall auf der Bundesstraße einschicken konnte. Ich weiß nicht, ob es das noch gibt. Das Wissen, dass es das überhaupt gab, verdanke ich der Aufrgeung, die damals u.a. durch die Bloggerszene ging wg. Voyeurismus, Sensationsjournalismus etc. Und wenn nun die technische Plattform vorhanden ist, dass jeder sein Massakerbild ohne Bild.de dazwischen twittern kann, ist es deshalb "ungeschminkte Wirklichkeit"? Die These, dass es in unserer Gesellschaft an BILDERN von Grausamkit fehlt, ist übrigens ultrasteil. Nicht an vermeintlich ungeschminkten Bildern fehlt es unserer Gesellschaft, sondern an realer Erfahrung mit Leid und Tod.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (12:33:48)

    Nicht an vermeintlich ungeschminkten Bildern fehlt es unserer Gesellschaft, sondern an realer Erfahrung mit Leid und Tod. Jo signed. Aber Bilder sind ein Teil davon.

  • Udo Vonderlinden

    28.08.12 (12:45:09)

    Es lohnt sich, das einen Schritt weiter zu denken. Wenn neben der Geschwindigkeit und der "Exklusivität" dieses sog. Bürgerjournalismus (ich finde die Wortschöpfung kann man genau so ruhig stehen lassen) die Ungeschminktheit Maßstab für den "Buzz", also die medial-virale Wirkung ist, dann tritt die Wertschöpfung in den Fokus. Kurz: Wenn Vulgarität Kohle bringt, wird das zum eigentlichen Motiv. Ganz schön widerliche Spirale ...

  • Jurassic

    28.08.12 (12:48:54)

    Die Frage ist doch eigentlich nicht so sehr, wieviel Realität und Wirklichkeit man uns als Medienkonsumenten zumuten kann --- das können nach wie vor höchst selbst entscheiden. Wenn ich keine bösen Bilder sehen will dann meide ich eben entsprechende Medien und wenn ich Blutlachen anziehend finde, dann mache ich halt rotten.com oder etwas in der Art zu meiner Startseite. Das funktioniert seit mindestens zehn Jahren so, und vermutlich schon wesentlich länger (Horrorfilme in denen Theaterblut nicht flaschen- sondern fässerweise verbraucht wird sind ja beispielweise auch nicht gerade eine Erfindung dieses Jahrtausends). Die eigentliche Frage ist, ob die Gesellschaft es den Opfern und deren Angehörigen eine derartige Zurschaustellung menschlichen Leids zumuten kann und will. Und meine Antwort darauf ist ein ziemlich klares nein. Das Recht am eigenen Bild und die Persönlichkeitsrechte eines jeden Menschen erlöschen nicht, wenn man zum Unfall- oder Schießereiopfer wird, ja nicht mal dann wenn man dabei das Zeitliche segnet. Und den Pressecodex gibt es nicht etwa, weil alle Journalisten so nette Zeitgenossen sind, sondern weil sich die Presse in ihrer Gesamtheit irgendwann selbst recht weit gefasste Grenzen gesetzt hat um nicht jeden Tag aufs Neue von ordentlichen Gerichten andere, dann vermutlich deutlich engere, Grenzen gesetzt zu bekommen. Leichen in Blutlachen werden von Massenmedien regelmässig nicht etwa deshalb nicht gezeigt, weil diese ihre Leser und Zuschauer schonen wollen, sondern weil sie, würden sie sie zeigen, gegen elementare Rechtsgüter wie eben das Recht am eigenen Bild und die Persönlchkeitsrechte der Abgebildeten verstossen würden und die dann nötige Abwägung dieser Rechte gegen das der Pressefeiheit nicht selten zu ungunsten der Presse ausgehen würde. Überspitzt formuliert zeigen BILD und andere die Leiche in der Blutlache im Wesentlichen deshalb nicht, weil sie, würden sie sie zeigen, über kurz oder lang gerichtlich untersagt bekämen den Abtransport der mit einem Tuch bedeckten Leiche und den Blutfleck zu zeigen, und das wäre schlicht schlecht für die Auflage oder die Einschaltquote. Die Selbstbeschränkung der Presse dient lediglich dazu den Bogen nicht so sehr zu überspannen, dass eines schönen Tages ordentliche Gerichte Urteile fällen die dem Umsatz schaden. Und wenn irgendwer meint die ohnehin schon eher weiten Grenzen des Pressecodex hätten für ihn keine Gültigkeit, dann muss sie oder er im Zweifel halt damit leben, wenn das eigenen Handeln am Ende gerichtlich bewertet wird. Ein paar entsprechende Urteile mit angemessenen Kostenfolgen und das Thema wird sich schnell erledigt haben.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (12:55:24)

    Ein paar entsprechende Urteile mit angemessenen Kostenfolgen und das Thema wird sich schnell erledigt haben. Ungefähr so schnell wie Onlinepiraterie, richtig? Meines Erachtens nach ist falsch, die Frage zu stellen, ob die Gesellschaft das will. Denn so eine Frage suggeriert, dass es tatsächlich mit einem "nein" und "ein paar Urteilen" reichen würde, und die Sache wäre erledigt. Doch dass dieser Lösungsansatz in der global vernetzten Welt mit seinen 200 unterschiedlichen nationalen Rechtssprechungen nicht funktioniert, zeigen diverse andere Konfliktgebiete wie Urheberrechtsverletzungen, Datenschutzgeschichten oder das Darstellen von nicht jugendfreien Inhalten doch seit Jahren. Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem wir selbst wählen können, welche Konsequenzen der Digitalisierung wir ertragen WOLLEN und auf welche wir lieber verzichten - falls es diesen Punkt überhaupt gab. Nun müssen wir das ganze Paket hinnehmen und daraus das Beste machen.

  • Gregor Euler

    28.08.12 (13:02:37)

    Denn die meisten Pressevertreter verzichteten bisher auf die Veröffentlichung von Bildern und Videos, die Opfer von Gewalttaten darstellten. Zum einen aus ethischen Gründen, und zum anderen, weil derartiges Material nur schwer zugänglich war Sorry, aber ehrlich gesagt, glaube ich, dass für die meisten Pressevertreter wohl Letzteres den Hauptgrund darstellt. Ethische Abwägungen dürften in der heutigen Presselandschaft kaum eine Rolle spielen. Bezeichnend hierfür ist die zunehmende Boulevardisierung vermeintlich seriöser Medien, wie der Süddeutschen oder anderen. Von der Bild-Zeitung ganz zu schweigen. Schon allein deshalb finde ich die Grundlage der Diskussion etwas bigott. Die meisten Journalisten würden wohl fast alles veröffentlichen, was Auflage bringt.

  • Julian

    28.08.12 (13:15:57)

    Die Welt ist eben nun mal nicht rosarot und leicht bekömmlich. Egal ob die sog. "Freiheitskämpfer" der FSA in Syrien hunderte Zivilisten abschlachten, egal ob Los Zetas Gangmitglieder köpfen oder Leute bei Unfällen, Selbstmorden oder Schießereien sterben. Alles passiert, alles gehört dazu. Man sollte lernen damit klar zu kommen, man wird es immer öfter selber sehen. Die Zensierungen der Medien ist da nicht wirklich hilfreich.

  • Jurassic

    28.08.12 (13:24:34)

    Es wird letztlich mehr brauchen als ein paar Urteile und Rechtsverstösse werden sich letztlich nie ganz verhindern lassen, online nicht wie offline auch nicht. Aber so wie unsere Gesellschaft bestimmtes Verhalten offline, auf Straßen und Plätzen, nicht toleriert und entsprechend sanktioniert, so wird sie auch lernen müssen online ihre Regeln durchzusetzen. Das Netz war nie ein rechtsfreier Raum und es darf auch keiner sein, bestimmte Mindeststandards des gemeinsamen Miteinander müssen auch online gelten und die Gesellschaft, also wir alle, müssen Mittel und Wege finden diese im Zweifel auch durchzusetzen. Es war die Rede vom "Bürgerjournalismus". (Staats-)Bürger sind wir, weil Staat und Gesellschaft uns einen Rahmen vorgeben, Rechte und Pflichten zuweisen und uns Grenzen setzen. Für den Netzbürger muss das Gleiche gelten. Wir haben Rechte aber eben auch Pflichten und unsere Handlungsfreiheit ist begrenzt. Und früher oder später werden wir in der Lage sein diesen gemeinsam beschlossenen Regelsatz auch durchzusetzen. Denn wenn wir es nich sind, wenn das Netz quasi rechtsfreier Raum ohne Regeln und Schranken ist, dann verliert es für das Gros der Nutzer jeden Wert. Natürlich werden wir, online wie offline, nicht jeden Rechtsverstoss verhindern können. Natürlih werden wir, online wie offline, mit den Folgen von Rechtsverstössen konfrontiert werden. Und natürlich sollten wir uns daran in gewisser Weise gewöhnen. Aber der Rechtserstoss bleibt eben doch ein Rechtsverstoss, und genau so sollten wir ihn innerlich abheften und nicht als "Unschönes Bild zum Frühstück"

  • Martin Weigert

    28.08.12 (13:29:40)

    Ich habe noch nie jemanden, der nicht Politiker und dabei vorrangig CDU-Mitglied ist, die Rechtsfreier-Raum-Floskel erwähnen hören. Du musst Politiker sein...

  • Jurassic

    28.08.12 (13:44:09)

    Du hast nicht gut genug gelesen. Ich schrieb, dass das Netz eben gerade kein rechtsfreier Raum sei und es auch nie war, das ist das Gegenteil von dem, was bestimmte CDU-Politiker gelegetlich von sich geben. Es braucht also keine großartigen neuen Gesetze zum Umgang mit den diversen Problemen die sich aus der Vernetztheit unserer Welt ergeben, wir müssen nur lernen die vorhandenen rechtliche Mittel vernünftig und angemessen anzuwerden, so wie wir das offline ja i.a.R. auch ganz brauchbar hinbekommen.

  • Claus Hornung

    28.08.12 (17:12:06)

    Einige Mutmaßungen dazu, warum Redaktionen solche Fotos bislang nicht veröffentlichten, führen in die Irre. Aus meiner Erfahrung als Journalist kann ich sagen, dass es a) auch schon vor Einführung von Handys und Smartphones in jeder Redaktion unzählige Gewaltbilder gab, die nicht gezeigt wurden. Etwa von Folteropfern oder von Kriegstoten´. b) es auch oft Bilder von Unfalltoten in Blutlachen gab, die mit Sicherheit nicht deshalb nicht von Boulevardzeitungen veröffentlicht wurden, weil man mit Angst vor Gerichtsprozessen gehabt hätte. Denn diese Prozesse können die Verwandten des Toten auch anstreben, wenn man ein Lebendfoto von ihm veröffentlich - was Boulevardzeitungen regelmäßig tun. Die Gründe sind ganz überwiegend entweder ethische Zurückhaltung, teils mangelndes Interesse an der Story (etwa bei Konflikten, die man im Westen längst vergessen hat) oder eben die Frage, ob man dem Leser/Zuschauer wirklich das Bild eines Toten zeigen muss, damit er weiß, dass Krieg eine schlimme Sache ist. Oder noch krasser: Muss man ihm ausgerechnet den Toten zeigen, dessen Gedärme aus dem Bauch quillen, oder der lebendig verbrannt wurde? Letzeres Bild sollten sich vielleicht mal alle vor Augen rufen, die hier einen Begriff wie "geschminkte" Realiät verwenden. Ich finde es auch ein bisschen billig, sich vor der Diskussion zu drücken, wie man diese Entwicklung einschätzt. Zumindest wenn man dafür nur das "Ist ja Internet, kann man sowieso nix machen"-Totschlagargument verwendet. Denn: Bei jeder Debatte über Anonymität im Internet, die Heftigkeit von Shitstorms oder ähnliche, lese ich (von Vertretern größtmöglicher Freiheit im Netz) Kommentare, in denen behauptet wird, man solle sich nicht so aufregen. Schließlich könne man jeden verfolgen, der im Internet strafechtliche relevante Beleidigungen oder Drohungen ausstößt. Denn: dass Internet sei eben kein rechtsfreier Raum! (Ja, auch in diesem Zusammenhang wird dieser Begriff oft verwendet). Stimmt das vielleicht doch nicht? Und im von mir - und bestimmt vielen hier Kommentierenden - geschätzten Bildblog wird jeder Zugriff der Bilduzeitung auf das Facebook-Foto eines Unfallopfers gebrandmarkt. Ja, was regt man sich da auf, wenn man da eh nichts machen kann? Muss man sich halt dran gewöhnen? Ich habe hier ein ganz unangenehmes Gefühl, dass viele Dinge, die vermeintlich ohnehin skrupellose Journalisten einerseits und vermeintlich zur Aufklärung der Welt beitragende "Bürgerjournalisten" andererseits tun, mit zweierlei Maß gemessen werden.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (17:18:58)

    Es mag nach einem Totschlagargument klingen, aber indem man es als dieses bezeichnet, schließt man wiederum aus, dass es technische Entwicklungen geben kann, die tatsächlich eine neue Sicht- und Umgangsweise erzwingen. Und genau das beobachten wir in so vielen anderen Bereichen, die von der Digitalisierung tangiert werden. So lange du nicht in jedem Land der Welt das Veröffentlichen von Leichenbildern von Tatorten unter Strafe stellst UND eine Überwachungsstruktur des Internets errichtest, um für Verstöße Verantwortliche dingfest zu machen, wirst man sich damit abfinden müssen, dass es zu solchen Veröffentlichungen von "Bürgerjournalisten" kommt. Und wie realistisch ist es, dass beide Voraussetzungen erfüllt werden? So groß das Bedürnfis nach (und die theoretische Notwendigkeit) von Regulierungen auch sein mögen: Nicht zu erkennen, dass hier ein Kontrollverlust stattfindet, wäre fatal, weil man dann die politische und gesellschaftliche Energie vollkommen falsch kanalisiert. Was wir speziell in Deutschland schon seit Jahren genau so erleben. Nachtrag: Auch ethische Werte verändern sich im Zeitverlauf. Ich möchte nicht prognostizieren, in welche Richtung, aber dass diese in 100 Jahren noch genauso aussehen wie heute, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Bei Diskussionen, die weitreichende Veränderungen durch Technologie betreffen, wird aber gerne suggeriert, dass alles so bleibt wie es heute ist. Rechtslage, Werte, Moral und Ethik.

  • Claus Hornung

    28.08.12 (17:37:24)

    @Martin Weigert, tut mir leid, aber ich sehe schon wieder Totschlagargumente. Warum ist, was in der analogen Welt, Strafverfolgung ist, im Internet gleich eine Überwachungsstruktur? Warum muss immer wieder bei der Kritik an technischen Neuerungen als Gegenargument kommen, man würde damit technische Entwicklungen verhindern? Will, wer Tempolimits einfordert, gleich Autobahnen oder Autos abschaffen? Nochmal: Erstmal muss man sich drüber einigen, was man von einer Entwicklung hält und - falls man sie negativ beurteilt - was man dagegen unternehmen könnte. Wenn dieser Ansatz gleich weggewischt wird, weil die Durchsetzung vermeintlich illusorisch ist - dann ist das - ich wiederhole mich: ein Totschlagargument.

  • Claus Hornung

    28.08.12 (17:39:48)

    Und noch ein Nachtrag zu den ethischen Werten: So wie Sie es hier formulieren, könnte man annehmen, dass die Veränderung ethischer Werte über uns kommt wie der Wechsel der Jahreszeiten. Aber ethische Werte existieren oder existieren eben nicht, weil Menschen sie geschaffen haben! Und genau darum darf man sich nicht vor der Diskussion über sie drücken.

  • Jens Best

    28.08.12 (17:52:26)

    Nochmals in aller Deutlichkeit: Niemand sieht gerne solche Bilder. Ebenso soll eine solche Realität möglichst selten vorkommen. Solche Bilder bewegen Menschen dazu die dahinterliegende Entwicklung zu hinterfragen. Blutlachen lassen sich schwer PR-mässig umschreiben. Der Vietnamkrieg wurde "an der Heimatfront" durch die schockierenden Bilder verloren. Die USA-Propaganda hat dadurch gelernt. Als Folge gab es im Irak-Krieg "embedded journalist", freie Berichterstattung war so also nicht möglich. Krieg wird durch die Bilder verloren, die die schockierende Wahrheit zeigen. Ohne Krieg gibt es auch genügend Greuel, die menschliche oder gesellschaftliche Ursachen hat. Die lockeren US-Waffengesetze sind eine solche Sache. Es ging hier nicht um schreckliche Bilder einer Naturkatstrophe, sondern um die blutverschmierten Folgen, wenn jeder seine irren Gedanken und Feindseligkeiten mit einer Waffe im zivilen Alltag potentiell beenden kann. Es gibt genügend Irre da draußen, man muss ihnen nicht auch noch eine Waffe in die Hand geben. Wenn hier also über die Greuel berichtet wird, ist eine Debatte, diese Fotos kategorisch nicht zu zeigen (oder sie gar zu filtern) keine sehr aufklärerische Haltung.

  • Claus Hornung

    28.08.12 (18:13:08)

    @Jens Best, ich glaube, dass Sie nicht annähernd alle Schrecken des Vietnamnkrieges in Bildern gesehen haben. Aber das, was die Welt damals gesehen hat, hat - wie Sie richtig feststellen - gereicht. Aus dem Grund geht es ja auch nicht darum, Bilder kategorisch zu unterdrücken - ich habe auch keinen Kommentar hier gelesen, in dem ich das so formuliert gesehen hätte. Bei solchen Themen kann es immer nur Einzelfallentscheidungen geben. Es ist ja auch nicht so, als ob bislang keine Kriegsbilder in der Presse veröffentlicht würden. Andersherum wird ein Schuh draus: Es gibt genug Gründe, die kategorische Veröffentlichung von allem zu kritisieren.

  • Hr. Casbar

    28.08.12 (18:17:58)

    "...Das digitale Zeitalter lässt uns keine andere Wahl, als unser..." Jedes Zeitalter lässt einem die Wahl, nur mit unterschiedlichen Konsequenzen. Ich bin weder bei Facebook, noch bei Twitter etc. und muß mich folglich auch nicht diesen "Informationen" aussetzen. Nach meinem dafürhalten gehts den Veröffentlichern solcher Fotos auch nur darum ein wenig Beachtung zu erhalten, denn Beachtung bekommt man zwar im echten Leben von seinen echten Freunden, aber wenn dein Lebensmittelpunkt digital ist, muß man (sich) für Beachtung schon so einiges "leisten". Nicht meine Welt, aber wer meint bei allem mitmachen zu müssen, der setzt sich eben auch allem aus. Im Übrigen teile ich die Meinung, dass uns solche Fotos sehr wohl beeinflussen, (sehr) frei nach dem Motto: "Was ich nicht kenne, kann ich auch nicht vermissen!" mfG Casbar

  • Jens Best

    28.08.12 (18:24:50)

    @Claus Hornung Zustimmung, die kategorische Veröffentlichung als Selbstzweck ist schlicht absurd. Nicht zustimmen kann ich ihrer Hoffnung(?), dass im vermeintlich aufgeklärten Westen (für andere Kulturkreise kann ich hier nicht sprechen) Kriegsbilder oft genug veröffentlicht werden. Die Informationskontrolle (ich führte als starkes Bsp. Irak-Invasion durch die USA an) ist mittlerweile Bestandteil nicht nur von Kriegshandelnden, sondern auch von anderen Branchen, deren Profite oder Geschäftsmodelle durch zuviel "falsches" Bildmaterial bedroht werden könnte. Zur unkontrollierten Streuung und ihrem merkwürdigen "Selbstzweck": In einer Zeit, in der klassische Gatekeeper durch das befreiende/befähigende Medium Internet abgelöst wurden, herrscht ein gewisses "alles-mal-ausprobieren"-Modus. Dies wird, da bin ich mir sicher, kein langfristiger Trend sein. Das eigentliche Abenteuer, dem wir uns hier stellen, ist es, ob die Aufklärung ohne übermässige Reglements oder gar Verbotsgesetz etc. auskommen wird und wir einen offenen Weg dazu finden. In einer solch großen Kohorte wie die global vernetzte Menschheit darstellt sicherlich ein zum ewig neuen Scheitern verurteiltes Unterfangen, dessen einziges Ziel nur die Erziehung und gegenseitige Ausbalancierung sein kann. Offenheit, wie sie uns das Internet ermöglicht, ist eine Herausforderung mit viel Potential - das es einfach wird hat keiner gesagt.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (18:32:21)

    @ Claus Hornung Warum ist, was in der analogen Welt, Strafverfolgung ist, im Internet gleich eine Überwachungsstruktur? Weil diese Strafverfolgung in der digitalen Welt nur durch unverhältnismäßige Eingriffe erfolgen kann, welche die Grundrechte des Menschen tangieren. Beispiel Deep Packet Inspection: Provider schauen auf Anfrage der Ermittlungsbehörden ganz tief in die einzelnen Datenpakete von Nutzern, um eventuelle Straftaten aufzudecken - und schaffen damit den ultimativen gläsernen Bürger. Ungefähr so, wie wenn in jeder Wohnung eine Kamera mit Direktanbindung zur Polizei installiert wäre. Da Menschen heute im Prinzip ihr gesamten Leben online abwickeln, hat eine Strafverfolgung immer zur Folge, dass die Ermittler automatisch auch Einblick in alle Aspekte dieses Lebens bekommen. Bei einem Massenmörder mag dies sogar angemessen sein. Bei einem Nutzer, der als Augenzeuge ein Leichenbild im Netz publizert (oder Musik illegal heruntergeladen hat), aber nicht. D.h., eine ungezügelte, ungebremste Strafverfolgung im Netz geht immer mit eim enormen Kollateralschaden einher. Und DAS ist der eigentliche Punkt, an dem WIR - die Gesellschaft uns fragen müssen und auch können - ob wir das wollen. Wer hier mit "ja" antwortet, darf gerne eine exzessive Regulierung des Netzes einfordern. Wer hier aber nicht mit "ja" antwortet, sollte sich überlegen, was dann Parolen wie "Es darf einfach nicht sein, dass im Netz..." eigentlich wert sind. Nochmal: Erstmal muss man sich drüber einigen, was man von einer Entwicklung hält und – falls man sie negativ beurteilt – was man dagegen unternehmen könnte. Korrekt. Aber man muss gleichzeitig realistisch bleiben und sich die Konsequenzen der eigenen Forderungen vor Augen führen. Mein Eindruck ist: Je weniger sich Menschen intensiv mit den Dynamiken des Digitalen auseinandergesetzt haben, desto weniger überblicken sie diese Konsequenzen.

  • Claus Hornung

    28.08.12 (18:37:17)

    @Martin Weigert "Mein Eindruck ist: Je weniger sich Menschen intensiv mit den Dynamiken des Digitalen auseinandergesetzt haben, desto weniger überblicken sie diese Konsequenzen." Und mein Eindruck ist, dass viele Menschen die Dynamiken des Digitalen ins Feld führen, wenn die Diskussion eigentlich sich eigentlich um etwas anderes dreht, etwa Ethik, Werte oder Umgangsformen.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (18:39:09)

    Mag sein. Aber Ethik, Werte und Umgangsformen sind anpassbar. Und manchmal kommt eben der Punkt, an dem sie sich den Umständen anpassen müssen - nicht umgedreht. Warum - steht oben.

  • Claus Hornung

    28.08.12 (18:46:58)

    @JMartin Weigert "...Ethik, Werte und Umgangsformen sind anpassbar. Und manchmal kommt eben der Punkt, an dem sie sich den Umständen anpassen müssen..." Ich hoffe, dass ist nicht Ihr Ernst.

  • verstört

    28.08.12 (19:56:29)

    Ich lese "Und während ausgebildete Journalisten einem Pressekodex folgen, entscheiden Privatleute allein auf Grundlage ihres Gewissens", und ich denke "Und während Privatleute sich an ihr Gewissen halten, entscheiden Clickhuren allein aufgrund dessen, was Clicks und Verkäufe bringt". Ich würde jeder Privatperson mehr vertrauen, als Springers Chefetage, die tagtäglich menschenverachtenden Mist unter die Millionen bringt, und dafür von Prominenten auch noch hofiert wird.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (20:23:04)

    Klar, warum nicht?! Nochmal: 1900 hatten die Menschen andere ethische und moralische Werte als 2012. Es wäre sehr seltsam, wenn sich dies nicht mit den Rahmenbedingungen mitverändert.

  • Martin Weigert

    28.08.12 (20:24:08)

    Klar, aber nun arbeitet ja zum Glück nicht jeder Journalist bei Springer.

  • Daniel

    28.08.12 (20:49:24)

    Ein sehr guter Einwand. So ist das Veröffentlichen solcher Fotos wohl einfach die erweiterte Version des Wendehalses beim Vorbeifahren an einem Verkehrsunfall – mehr Gaffen denn Berichterstatten. Dass es die heutige Technik erlaubt, solche Momentaufnahmen über die selben Medien, Kanäle, und mit der selben Reichweite zu verbreiten wie traditionelle Massenmedien, macht daraus noch lange keinen Journalismus. Es wäre ja eine interessante Entwicklung, eine Demokratisierung des Journalismus. Aber in Zeiten, wo sich die Journalismusbranche selbst zumeist auf das Abtippen fragwürdiger Agenturmeldungen beschränkt, ist eine solche Hoffnung wohl fehl am Platz. Sicher auch teilweise durch die Branche selbst verschuldet, lässt sich nicht abstreiten dass auch die eigentliche Nachfrage nach fundiertem, investigativem Journalismus geschwunden ist. Nur ist das nicht eine Nische, in die man mal kurz so spontan und hobbymässig, eben als "Bürgerjournalist", einspringen könnte.

  • daniel andres

    28.08.12 (21:02:36)

    Es geht nicht um die Verschonung drr Leser/Zuschauer vor Brutalität sondern um ein bisschen Menschenwürde. Die Journalisten haben da Regeln. Aber andere Leute werden sich nie an Regeln halten deshalb ist die Diskussion sinnlos. Was gemacht werden kann wird auch gemacht. So ist die Realität.

  • Christian Vock

    29.08.12 (11:26:53)

    Ganz genau das ist der eigentliche Kern der Diskussion. Journalisten haben (oder sollten es haben) das nötige fachliche und hoffentlich ethische Rüstzeug, mit entsprechenden Bildern verantwortungsvoll umzugehen, also Überprüfung der Echtheit und der Quellen, Einordnung in einen Kontext, etc. Ein sogenannter "Bürgerjournalist" schießt ein Handyfoto und stellt es ins Netz und der Betrachter soll nun auf die Seriosität dieses Fotografen vertrauen? Alleine der Syrienkonflikt zeigt doch gerade, wie schwierig es ist, mit im Netz auftauchenden Fotos seriös umzugehen. Der Titel des Artikels "Das Ende der geschminkten Wirklichkeit" suggeriert nur leider gerade, dass Journalisten die Wirklichkeit schminken und "Bürgerjournalisten" die Realität abbilden würden. Genau das Gegenteil ist der Fall. Ein Journalist ordnet das Gesehene ein, ein "Bürgerjournalist" veröffentlicht einfach nur. Nun kann man natürlich immer den Medien ein Berichterstattungsmonopol vorwerfen. Das wäre mir aber immer noch lieber als ein unreflektiertes Bilder zur Schau stellen von einem Heer von "Bürgerjournalisten". Das ist im besten Fall ein Wichtigmachen, im schlechtesten Fall reines Gaffertum. Mit der "ungeschminkten Wirklichkeit" hat beides aber nichts zu tun.

  • verstört

    29.08.12 (13:17:41)

    Springer ist hier nur das Rolemodel, dem längst tausende Chefetagen nacheifern. Der Punkt war: Für den Passenten gilt die Moral, für den Verleger nur die Auflage. Und der Verleger ist der Boss des Journalisten.

  • Jens Best

    02.09.12 (14:03:09)

    Sorry Christian Vock, aber deine Ungehaltenheit gegenüber Menschen, die mit den ihnen zu Verfügung stehenden Mittel Vorgänge berichten ist völlig deplatziert. Insbesondere, dass du auch noch versuchst die sowieso schwierige Kriegssituation und die unter Opfern berichteten Bürger dort zu diskreditieren kann nicht unbeantwortet bleiben. Es gibt einen Wandel in der "Realitätberichtserstattung", in der Art, wie wir uns gegenseitig erzählen, was passiert. Partizipativer Journalismus ist jung in seiner aktuellen, web-unterstützten Art. Deswegen ist er aber nicht automatisch schlecht. Dass du versuchst durch die Benutzung des Wortes "sogenannte" und das Setzen des Begriffes Bürgerjournalismus in Anführungszeichen, zeigt, dass deine Meinung nicht auf Reflektion, sondern purer irrationaler Ablehnung beruht. Ich wage mal den Versuch, dir ein wenig Wissen angedeihen zu lassen, damit du in Zukunft wenig unreflektiert an der Diskussion teilnimmst: Vom Gatekeeping zum Gatewatching. Von Axel Bruns http://snurb.info/files/2008_DFG_Vom%20Gatekeeping%20zum%20Gatewatching_preprint.pdf

  • Daniel

    02.09.12 (21:21:15)

    Jens, es ging ihm doch gar nicht darum die aus Syrien heraus berichtenden Bürger zu diskreditieren. Wenn du seinen Beitrag noch einmal liest stellst du fest, dass er nicht die Fotos oder Fotografen selbst ansprichst, sondern den Umgang mit dem von ihnen gelieferten Material. Ich finde die ganze Diskussion zieht völlig am Ziel vorbei wenn wir darüber sprechen, was jetzt ein Einzelner für Bilder schiessen soll, oder ob und wie er sie veröffentlicht. Dass sich daran in der heutigen Zeit ohnehin nicht viel ausrichten lässt wurde ja zur Genüge etabliert. Vielmehr geht es doch hier um die Konsumentenseite, welche Information man sucht und mit was man sich zufrieden gibt. Der Artikel selbst geht ja darauf ein, was für unabstreitbare Vorteile diese Bürgerberichterstattung (und ich verzichte hier ebenfalls bewusst auf den Begriff Bürgerjournalismus, worauf ich nochmals zurückkomme) hat. Dass sie eben zum Beispiel Bilder oder Informationen aus erster Hand liefern kann, an die der reaktive Journalismus so nie kommen könnte. Das Problem sehe ich woanders. Der Autor spricht von geschminkter und ungeschminkter Wirklichkeit. Die von Augenzeugen berichtete Wirklichkeit ist aber nicht nur ungeschminkt, sondern auch kontextfrei, stark subjektiv, oft tendenziös. Dass solche Quellen sehr wertvoll sein können steht ausser Frage, aber eben im Rahmen einer umfassenden Berichterstattung. Ein professioneller, verantwortungsbewusster Journalist hat eben zur Aufgabe, den Kontext zu recherchieren, sich um Objektivität zu bemühen, und sich nicht von "Spin", den auch Bürgerjournalisten betreiben, beeinflussen zu lassen. Nicht umsonst herrschen im Journalismus strenge Regeln was Quellen und Belegbarkeit angeht. Dass die breite Öffentlichkeit zunehmend auf viele der gleichen Quellen Zugriff hat, die früher professionellen Journalisten vorbehalten war, ist ein Fakt unserer Zeit. Aber das macht die journalistische Arbeit nicht weniger wichtig. Da liegt der Kern des Problems. Es beschränkt sich nicht auf die Bereiche, wo die Realität grausam ist – Attentate, Kriegsgebiete, Naturkatastrophen. Aus den genau gleichen Gründen bin ich enttäuscht wenn öffentlich-rechtliche TV-Kanäle zu politischen Themen in "Spürst-du-mich"-Manier lieber Bürger mit Sendebedürfnis ihre Stammtischmeinungen präsentieren lassen, als sich auf Fakten zu konzentrieren und einen Kontext herzustellen. Es hat nämlich einen Grund, warum ich mich an ein journalistisches Medium wende, und nicht versuche selbst Primärquellen zu finden oder das Wort der Strasse suche. Der Journalist soll (im Idealfall) diese Arbeit für mich tun, und soweit möglich zum Kern der Sache vordringen – indem er auch diese Primärquellen mit einschliesst, natürlich. Wenn ich vom Gaffertum spreche meine ich nicht die Leute vor Ort, sondern die Konsumenten die sich in der bequemen Stube, nachdem sie über den letzten Amoklauf gelesen haben, noch ein paar Bilder ansehen möchten; oder denen diese Bilder schon gleich als ganze Berichterstattung genügen. Was man aus einzelnen Tweets oder Handyfotos gewinnt ist eine Perspektive von vielen, im besten Fall die halbe Wahrheit, im schlimmsten Fall Desinformation.

  • Daniel

    02.09.12 (21:33:48)

    Ich habe angetönt auf den Begriff Bürgerjournalismus zurückzukommen, und es dann vergessen. Meine Ansicht ist nicht, dass Bürgerjournalismus nicht möglich oder inhärent schlecht ist. Im Gegenteil. Aber ich bin der Ansicht, dass der Begriff viel zu liberal eingesetzt wird. Wer Augenzeuge eines Ereignisses wird, eine Foto schiesst und diese auf Facebook postet, wird davon nicht Bürgerjournalist. Was stattfindet ist eine massive Verwässerung der Begriffe Augenzeuge, Quelle, und Berichterstatter. Diese können nicht gleichgesetzt werden, nur weil sich die Medienlandschaft insofern geändert hat dass jeder publizieren kann! Um einen Beitrag als Journalismus bezeichnen zu können, muss auch die entsprechende Arbeit geleistet werden. Seine Meinung oder seinen Augenzeugenbericht öffentlich kundzutun ist nicht dasselbe. Insofern finde ich es wirklichen "Grassroots"-Journalisten gegenüber abwertend, solche Personen als Bürgerjournalisten zu bezeichnen, und für die Öffentlichkeit irreführend, weil einem der Eindruck vermittelt wird, es sei Recherche und Prüfung durchgeführt worde. Man kann das Buzzword noch so lange um sich werfen, an den Tatsachen ändert es nichts. Fotograf bleibt Fotograf, Augenzeuge bleibt Augenzeuge, Journalist bleibt Journalist.

  • Martin Weigert

    02.09.12 (21:51:53)

    Dann benötigen wir einen passenderen Begriff.

  • Christian Vock

    05.09.12 (11:43:19)

    @ Jens Best Wie man meine Sätze derart missverstehen kann, ist mir schleierhaft. Daher noch einmal: Ich habe in keiner Weise versucht, "die sowieso schwierige Kriegssituation und die unter Opfern berichteten Bürger dort zu diskreditieren", wie du schreibst. Ich habe lediglich zu Bedenken gegeben, dass der Umgang - also die Überprüfung auf Echtheit, Quellenrecherche, Einordnung, etc. - mit solchen Fotos (und nicht nur mit diesen) schwierig ist. Das ist keine Diskreditierung der Opfer, das ist journalistische Pflicht. Dass dein Satz "Ich wage mal den Versuch, dir ein wenig Wissen angedeihen zu lassen, damit du in Zukunft wenig unreflektiert an der Diskussion teilnimmst:" ein ebenso arroganter und unqualifizierter Diskussionsstil ist, weißt du, glaube ich, selbst.

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