<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

26.03.09Leser-Kommentare

Weltwoche: Köppel allein zu Haus

Chefredaktor Roger Köppel verliert reihenweise Schreiber: Sie kündigen oder werden gegangen. Damit aber riskiert die Weltwoche ihren Ruf als stolzes Autorenblatt.

Köppelwoche (Keystone, M)

"Hallo Weltwoche, ist da (noch) jemand?", fragt Martin Hitz auf medienspiegel.ch – denn in den vergangenen Wochen haben eine ganze Reihe profilierter Journalisten das Blatt verlassen: Im Februar ging Auslandredaktor Eugen Sorg wegen unterschiedlicher strategischer Auffassung. Die Leiterin des Ressorts Gesellschaft, Bettina Weber, soll Ende Juni das Blatt verlassen. Hinter vorgehaltener Hand sagt man, sie hätte eine Geschichte nicht mittragen wollen, nach der berufstätige Mütter ihren Kindern schaden würden. Literaturredaktor Julian Schütt wechselt zum Kulturmagazin Du, schreibt ein Buch und bleibt der Weltwoche immerhin als Autor erhalten. Im März kündigte der berüchtigte Rechtsdenker Hanspeter Born, der sich stets mühte, genau das Gegenteil vom Mainstream zu schreiben. Genau wie Sorg gehörte er zum festen Kern, auch bei ihm kommt der Abschied plötzlich. Eine Woche später wurde dann der Abgang von Daniele Muscionico bekannt. Die Kulturjournalisten geht aus persönlichen Gründen, bleibt aber Autorin. Damit hat die Weltwoche binnen kürzester Zeit fünf Redaktoren verloren.

Außerdem wurden die Kolumen "Moderne Liebe" von Güzin Kar, die Pop-Kolumne von Albert Kuhn, die "Trend"-Beiträge von Alix Sharkey und die geschätzte "Fernsehkritik der reinen Vernunft" von Gion Cavelty eingestellt. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Ressortleiter Kultur und Wissenschaft, Peer Teuwsen, zur Zeit gewechselt. Seit Dezember erscheint die Hamburger Wochenzeitung in einer extra Schweiz-Ausgabe. Ende November dann entließt Köppel zunächst ohne ausführliche Begründung Wirtschaftsredaktor Claude Baumann und Gesellschaftsredaktor David Signer. Schon schreibt der Tages-Anzeiger vom "Ende einer Ära" bei der Weltwoche und vermisst weitere gute Schreiber: Thomas Widmer und Bruno Ziauddin.

Und was sagt der Chef zum Personal-Exodus? "Es ist immer schade, Kollegen zu verlieren, aber angesichts der düsteren Konjunkturaussichten sind solche internen Bereinigungsprozesse auch positiv zu sehen", zitiert persoenlich.com aus einer E-Mail von Roger Köppel. Weniger erfreut über Personalwechsel und -ausdünnung ist Dose E.S.K im Blog Hose&Dose: "Daniel Ammann, Alex Bauer und Urs Paul Engeler können das Blatt nicht im Alleingang stemmen. Zudem sind die aktuellen Ausgaben bereits jetzt schon so dünn, dass es sich kaum lohnt das Magazin zu kaufen." Die Blogger ätzen schon.

Namedropping-Statistik: 19 Journalisten werde in diesem Branchendienst-Beitrag namentlich genannt. Wahnsinn! In "6 vor 9" vom Donnerstag waren es nur acht.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

Kommentare

  • Klaus Jarchow

    27.03.09 (08:24:05)

    Ernsthaft frage ich mich als 'bundesdeutscher Kavallerist', dem die 'Weltwoche' zufällig vor ungefähr einem Jahr erstmals in die Griffel fiel: Wer bitte liest denn so etwas? Ein skurriles Indianerblättchen, in unaufhörlichen redaktionellen Kriegstänzen begriffen, ewig soll's gegen die Schoschonen oder die Kiowa gehen, die Vorurteile wirbeln wie die Tomahawks durch die Luft - und ich muss bei jedem dritten Satz laut auflachen, nach dem Motto: "Schrägeres habe ich selten gehört!". Sind das nun Wirtschaftsesoteriker? Rotweiß bemalte National-Liliputaner, die als Kind in ein Fässchen Waadtländer gefallen sind? Taumelt hier das Raumschifflein SVP Enterprise ziellos durch die Weiten des Finanzraums? Das kommt mir vor wie eine Art Schweizer 'Titanic', die sich aber dessen gar nicht bewusst ist ... rumms, Hauptsache gegen den Mainstream: "Wir nennen Ihnen 25 Gründe, warum die privaten Sender unser Leben bereichern". Joho - schon hätten wir solch ein typisches Titanic-Thema vor uns - wahrscheinlich ja wegen dem Blinkyblinky, Dudeljohöh, Ballerfilmen und Tittenschwenken auf allen Kanälen. Weitere Themenvorschläge: "Ist Luft zum Atmen wirklich so wichtig?"; "Die Europäer sollen wissen: In unseren Alpenfestungen können wir in zufriedener Autarkie mit Heidi zusammen ganz alleine leben!"; "Unser Geld ist gar nicht weg, es ist nur nicht mehr da! Der große Kommentar zur Finanzwoche von Roger Köppel". Und ewig haben dabei die EU und die Sozialdemokratie an allem schuld, sogar noch dann, wenn das Klopapier auf dem Redaktionsklo mal wieder alle ist. Selbst Metaphern sind eher Glückssache, das Lektorat scheint früher als die Redaktion gegangen zu sein: "Am 21. Oktober 2008 liess Peer Steinbrück seinem inneren Stiefelreiter die Zügel". Bitte, wer reitet dort auf diesem Reiter, wo ist das Pferd, in wessen Maul sind die Zügel zu suchen? Und wie kommt ein solcher Meisterdenker in die Politik? Wenn also die Leute von dort wegströmen, könnte ich's ja noch verstehen. Wie aber kamen sie einst dort hin? Anders ausgedrückt: Nichts gegen Meinungsjournalismus, aber man muss schon verstehen, eine Meinung zu haben. Noch anders ausgedrückt: gute Argumente sind unverzichtbar, sonst wird das ewiglich nichts mit der Ideologie ...

  • Admiral Golowko

    27.03.09 (08:52:27)

    So übel finde ich die Weltwoche gar nicht. Sie ist ein auf intellektuell frisiertes Klatschblatt, nach der Devise: "Wir schreiben stets gegen den progressiv-liberalen Mainstream an", aus meiner Sicht ist diese Haltung allerdings eher eine Masche denn eine Ideologie. Dies hat zum einen Unterhaltungswert, und ist zum anderen gar nicht selten verdienstvoll und informativ- nämlich dann wenn besagter Mainstream ein Thema so dominiert, dass die Veröffentlichung anderer Standpunkte in den grossen Medien kaum noch möglich zu sein scheint, etwa bei den Themen Klimawandel oder AIDS. Stilistische Eigenheiten gibt es etwa im "Spiegel" doch ebenfalls zur Genüge, nur dort mokiert sich kaum mal einer drüber.

  • Klaus Jarchow

    27.03.09 (10:14:00)

    @ Admiral Golowko: Wann hätte es in den Schweiz jemals einen erdrückenden "progressiv-liberalen Mainstream" gegeben? Das war doch medial gesehen stets eher ein NZZ-Land, also 'liberal' höchstens im Westerwelle'schen Sinne - ein typischer Nachtwächterstaat: Bürger, schont die Parks und die Banken ... Dass jedes Medium, abhängig von den Schreibern, seine eigene Metaphernwelt pflegt, ist richtig. Beim 'Spiegel' aber sind die - manchmal sicherlich auch seltsamen - Bilder zumindest in sich stimmig und "vorstellbar". Was eine Vorbedingung für Textverständnis ist ...

  • Admiral Golowko

    27.03.09 (12:07:51)

    Auf die Schnelle habe ich zwei kurze Weltwoche-Artikel (oder sind es Auszüge aus WW Artikeln ?!) ergoogelt,welche meine oben geäusserte Meinung vielleicht illustrieren bzw. bestätigen können: http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2008-19/artikel-2008-19-globale-erwaermung-vorlaeufig-abgesagt.html http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2007-31/artikel-2007-31-systematisch-aufgebauscht.html

  • Klaus Jarchow

    27.03.09 (13:57:01)

    Yoho - das es für jede These einen Forscher gibt, der eilfertig die Hände breitet und die höheren Weihen der Wissenschaftlichkeit erteilt, das wissen wir ja nun, und nicht erst seit heute. Wissenschaft ist eben auch nur eine Industrie. Zum Verifizieren genügt aber immer noch Ockham's Rasiermesser. Den Rest der Hypothesenritter würde auch ein kochender Atlantik nicht überzeugen - das sind dann die Hard-Core-Verschwörungstheoretiker, so 'ne Art Zeugen Jehovas im Science-Bereich. Kreationisten halt - ich denke mir was aus, und dann ist das so. Wer aber - wie ich hier - an der Küste lebt, der schwadroniert nicht so daher. Erstens gibt es das Alfred-Wegener-Institut vor Ort und noch so mancherlei höchst Renommiertes - und zweitens kannst du hier den Anstieg der Pegel und die stärker werdenden Turbulenzen auch live bewundern.

  • Fred David

    27.03.09 (14:26:22)

    @) Herr Admiral, aus beiden Beispielen spricht ein für die Wewo typisch gewordener Verfolgungswahn: Immer sind irgendwo düstere, meist linke oder staatliche Kräfte und Mächte am Werk, die die öffentliche Meinung manipulieren und uns aus rätselhaften Motiven eine Klimaerwärmung aufschwätzen oder wider besseres Wissen und voller abgründiger Absicht eine Aidsmania andichten wollen. Und nur ausschliesslich und allein die "Weltwoche" und ein paar "Welt"-Redakteure wissen, dass es ganz anders ist, weil eben der Rest der Menschheit aus ziemlich vielen naiven Dummköpfen besteht. Die Masche langweilt ein wenig. Natürlich ist es gut, wenn man zum Klimawandel auch völlig gegenläufige Meinungen und Informationen bringt. Der Klimawandel ist sicher kein gradlinig prognostizierbares Phänomen. Man sollte jedoch bitte nicht unterschlagen, dass die überwiegende Mehrheit des Weltklimarates und der Forscher eine andere Position vertritt. Aber dieser Uno-Institution ist halt auch böse. Sie manipuliert, wo sie nur kann. Der Klimabericht, an dem tausende internationale Wissenschaftler mitgewirkt haben - es gab noch nie einen Forschungsgegenstand , der so breit untersucht wurde - ist eine Erfindung von überehrgeizigen Forschern, die ihre gigantischen Etats rechtfertigen müssen und daher abenteuerliche Untergangszenarien erfinden. Und jetzt, wo sie ertappt sind, können sie natürlich nicht mehr zurück. So etwa die Wewo -Argumentation. Es gab tatsächlich ja eine Zeit weltweiter Panikmache. Das war zu viel des Alarmismus. Heute ist die Berichterstattung aber generell sehr viel sachlicher geworden und ich habe bisher von keinem ernstzunehmenden Wissenschaftler gelesen, er wüsste genau, was in 40, 50 Jahre passsieren wird. Das Thema ist zu wichtig, um sich damit aufzuspielen, man sei als einziger im Besitz der allumfassenden Wahrheit. Einen solchen Totalitätsanspruch aufs Wissensmonopol gabs eigentlich nur im Marxismus.

  • Admiral Golowko

    27.03.09 (21:39:58)

    @Klaus Jarchow...worüber echauffieren sie sich denn eigentlich ? Nehmen Sie sich doch ein Beispiel an der Gelassenheit des Alfred-Wegener-Institutes, welches Sie erwähnen. @Fred David: Den "Verfolgungswahn" den Sie bei der Weltwoche zu erkennen glauben, den können Sie genausogut bei deren inhaltlichen Opponenten finden, die Themen Klimawandel bzw. AIDS werden keinesfalls rational diskutiert, und auch für den Mainstream gibt es bei diesen Debatten so gut wie immer die Guten und die Bösen. Und: Die Weltwoche hat Mark van Huisseling, ein Gigant unter den Kolumnisten, welcher manchmal so geniale Sätze schreibt: "Ich war eingeladen an zwei Veranstaltungen, von denen ich lieber nichts erzähle. Das nennt man Win-Win Situation: Die Veranstalter müssen nichts schlechtes lesen über ihre Events. Und MvH muss nicht schreiben, dass er auf zwei B-Anlässe ging (bestenfalls)" So lange wie MvH`s Kolumnen dort erscheinen, werde ich die Weltwoche jedenfalls kaufen!

  • Fred David

    28.03.09 (09:43:47)

    @) Herr Admiral, ich will Sie doch gar nicht davon abhalten, die Wewo zu kaufen. Sie dürfen für "Giganten" halten, wen Sie wollen. Ich will nur nicht, dass da jemand auf die Idee kommt, mir erzählen zu wollen, die "Weltwoche" unter der gegenwärtigen Führung sei ein Leitstern des sauberen, unabhängigen Journalismus. That's all.

  • Admiral Golowko

    28.03.09 (11:56:53)

    @Fred David: Es gibt keinen "sauberen unabhängigen Journalismus", so etwas kann es auch nicht geben, und letztlich ist das sogar gut so. Es gibt langweilige und weniger langweilige Zeitschriften- und ich halte die "Weltwoche" für eine der weniger langweiligen. That`s all.

  • Anna

    24.11.09 (13:13:10)

    Ist Herr Köppel ein Deutscher und ist die Weltwoche auch deutsch geworden?

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer