<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

16.10.13Leser-Kommentare

Weltstadt-Ambitionen treffen auf Provinzverhalten: Wieso Berlin noch einen langen Weg vor sich hat

Berlin hat große Ziele, als Metropole und globales Zentrum der Internetwirtschaft. Doch noch ist die Stadt dafür viel zu provinziell und unmodern.

Kaum eine Stadt auf der Welt sorgt bei jungen partylustigen, Kultur und Unterhaltung liebenden Leuten derzeit für so viel Funkeln in den Augen wie Berlin. Gleichzeitig üben nur wenige Regionen auf diesem Planeten aktuell eine derartig starke Anziehungskraft auf Menschen aus der Internetwirtschaft aus wie die deutsche Hauptstadt. Berlin, Europas kommendes Silicon Valley - dieser Vergleich wird zwar auf jedem Podium und in jedem Artikel reflexartig mit der Anmerkung bedacht, dass kein Ort jemals genau so werden könne wie die das Valley beherbergende San Francisco Bay Area und dass es auch gar nicht darum gehe, die dortigen Verhältnisse zu kopieren. In den Köpfen vieler lokaler Branchenakteure existiert dennoch die Hoffnung, dass die Spreemetropole einmal eine so bedeutende Rolle im globalen Webzirkus einnehmen werde, dass führende Onlinefirmen hier ganz selbstverständlich große Standorte betreiben und dass Gründer bei der Wahl "Berlin oder San Francisco/Silicon Valley" die Hauptstadt nicht nur wählen, wenn sie die Wochenenden durchfeiern wollen oder weil ihnen das US-Visum verwehrt wurde. Berlin ist durch die Brille der Webindustrie, aber auch anderer Wirtschaftszweige und natürlich der Politik, eine Stadt mit enormen Ambitionen. Doch wie ich in den letzten Tagen wieder einmal erkennen musste, fehlt noch Grundlegendes, um wirklich in der ersten Liga der Weltstädte und Wirtschaftszentren mitspielen zu können. Auf mich, einen 1983 geborenen Berliner, der in den Bezirken Mitte, Treptow und Prenzlauer Berg aufwuchs (in der Reihenfolge) und im Jahr 2006 nach Stockholm siedelte, strahlt Berlin trotz aller rasanten Veränderungen der vergangenen vier bis fünf Jahre noch immer die gleiche provinzielle Aura aus wie vor zehn oder 15 Jahren. Sicher, die Straßen sind bunter denn je. Touristen, Kurzzeit-Expats und Wahlberliner verändern die Stimmung, Tonalität und Geräusche der Innenstadt. Neue Restaurants, Geschäfte, Hotels und Bürokomplexe entstehen auf lange Zeit vernachlässigten Brachflächen. Die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn auch ausgehend von einem hohen Niveau. Gleichzeitig explodieren die Miet- und Immobilienpreise, was in langwierigen Gentrifizierungsdebatten gipfelt. Und dennoch: Sitze ich in der S-Bahn oder laufe ein paar Kilometer entfernt von Kastanienallee, Oranienstraße oder Rosenthaler Platz entlang und betrachte die mürrisch dreinschauenden Gesichter um mich herum, höre ihre Gespräche und vernehme den unnachahmlichen, leicht alkoholgetränkten Geruch in der Tram oder U-Bahn, dann könnte ich leicht vergessen, welches Jahr wir eigentlich schreiben. Genau so fühlte sich Berlin auch 1999 an. Der Gedanke, dass ich gerade soetwas wie das europäische Pendant zum Silicon Valley vor mir habe, liegt in diesen Momenten in weiter Ferne.

Informationen wenn, dann nur für Einheimische

Mein Fazit der vergangenen fünf Tage in Berlin lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Viele Dinge funktionieren mehr schlecht als recht und produzieren regelmäßigen Alltagsfrust, der sich einem hinderlich in den Weg stellt. Gleich mehrfach etwa war ich gezwungen, aufgrund von Bauarbeiten den Schienenersatzverkehr in Anspruch zu nehmen. Das nervt, aber kommt in den besten Familien und allen Städten vor. Was jedoch Berlin und in diesem Fall die S-Bahn einfach nicht auf die Reihe kriegt, ist das Bereitstellen von verünftigen Informationen. Orts- oder Sprachunkundigen bleibt häufig nur, der Masse zu Folge, in der Hoffnung, die weiß schon, wie es weitergeht. Speziell auf der S-Bahn-Verbindung vom Zentrum zum Flughafen Schönefeld (ab demnächst dann Berlin-Brandenburg International - vielleicht) erlebe ich es seit Jahren, wie Hinweise zu unerwarteten Zugwechseln oder Fahrplanänderungen den mit Koffern bepackten Touristen entgehen, weil entweder gar keine Durchsage kommt, oder der Fahrer nur kurz etwas auf Deutsch/Berlinerisch murmelt. Klar, Locals wissen dann genau, was zu tun ist. Sie kennen die Prozedur. Alle anderen laufen Gefahr, ihren Flug zu verpassen oder woanders zu landen als da, wo sie hinwollten. Wenn sie Glück haben, geben ihnen einheimische Fahrgäste Instruktionen. Mit etwas mehr Glück sprechen diese auch ein paar Brocken Englisch.

Derartige Beobachtungen sorgten bei mir schon 2006 für Kopfschütteln. Sieben Jahre später hat sich rein gar nichts daran geändert. Wie eine Verbindung, die jährlich hunderttausende Berlin-Besucher vom Flughafen zu ihren Hotels transportiert, derartig von der S-Bahn sowie den für das Wohlergehen der Touristen zuständigen Behörden vernachlässigt werden kann, ist mir schleierhaft. Die Ignoranz und Empathieunfähigkeit muss grenzenlos sein. Und das in einer Stadt, die ihren kleinen wirtschaftlichen Boom stark eben diesen Besuchern verdankt. Berlin möchte gerne eine Weltstadt sein, die ihre Gäste mit offenen Armen und warmen Herzen empfängt. Doch diejenigen, die dies dann ausführen sollen, haben noch nicht davon gehört, dass sie dafür auch etwas tun müssen. Wahrscheinlich regen sie sich beim Feierabendbier oder im Bekanntenkreis ohnehin über "all die Touris" auf. Eine Gepflogenheit, die bei Ureinwohnern der Stadt gerade sehr en vogue ist.

Insellösungen verwirren Auswärtige

Dass Berlin im Kern noch immer ein kleines, auf sich selbst fokussiertes Dörfchen mit wenigen Verbindungen zur Außenwelt und einem begrenzten Horizont ist, wird mir auch dann bewusst, wenn es mal wieder Ärger mit meinen Geld- und Kreditkarten gibt. Klar, beim Dönerladen um die Ecke ist Cash King, genauso wie in der ein oder anderne Trendlocation. Doch selbst in gepflegten Restaurants kommt es immer wieder vor, dass MasterCard oder Visa nicht akzeptiert werden. Oder aber es wird mir erklärt, dass dies möglich sei, klappt dann aber ausgerechnet mit meinen Karten nicht. Gut, kann vorkommen. Wenn dann jedoch das Personal selbst keine Ahnung und diesen Fall scheinbar noch nie erlebt hat, dann wundert mich dies schon - denn diese Karten habe ich sonst schon in vielen Ländern problemlos genutzt. Mehrfach versuchte ich auch, mit meiner Maestro-Karte an einem Fahrkartenautomaten ein Ticket zu kaufen. Doch abgesehen von dem aufleuchtenden Hinweis "Bitte Karte entnehmen" geschah nichts. Glücklicherweise stand ein Geldautomat daneben. Wer nicht über die hierzulande verbreitete Geldkarte alias "EC-Karte" verfügt - was für den Großteil der ausländischen Gäste gilt - der muss in Berlin (und wahrscheinlich überall in Deutschland) immer damit rechnen, bei der Kartenzahlung auf Probleme zu stoßen. Ein meines Erachtens nach unhaltbarer Zustand, der die Bundesrepublik und Berlin zu einem Exoten unter den anderen führenden Industrienationen macht. Gleiches gilt übrigens für die Routine, wie man in der Gastronomie bezahlt und das Trinkgeld gibt - häufig noch immer durch Ansagen und nicht - wie in den meisten anderen Ländern üblich - diskret nach dem eigentlich Bezahlen.

Berlin ist nicht modern

Als "Tourist in meiner eigenen Stadt" sehe ich manche Dinge anders als sowohl Auswärte und Einheimische, bin weniger an die Zustände gewöhnt als hier lebende Menschen aber auch weniger verzeihend als Touristen. Damit Berlin dorthin gelangt, wo es die Vertreter der Webwirtschaft, mutmaßlich viele Politiker und auch andere, nicht das Festhalten am Status-Quo als Ideal ansehende Bewohner gerne hätten, denke ich, dass die Stadt in ihrem tiefsten Inneren international werden muss. Auch überall dort, wo nicht US-amerikanische Startup-Macher, australische Englisch-Lehrer, spanische Architektur-Studenten und japanische Modedesigner ihre ganz eigene Vorstellung von Berlin verwirklichen und wo es schwierig ist, noch echte Urberliner zu treffen. Andererseits sind selbst diese Gruppen von den zahlreichen Einschränkungen der Stadt betroffen, die ebenfalls am Metropolenstatus sägen, seien es das Flughafen-Debakel, konsumentenunfreundliche Ladenschlussgesetzte oder die fehlenden Möglichkeiten elektronischer Behördengänge. Viele Prozesse sind unnötig kompliziert und nicht durchdacht, selten funktionieren Dinge besser als erwartet, Bürokratie siegt vor pragmatischen, zeitmäßen Lösungen. Berlin ist ganz einfach nicht modern. Selbst wenn es gerne so tut.

Internationale und interkulturelle Kompatibilität

Für die Ambitionen, die Berlin als Hauptstadt eines der reichsten und am weitesten entwickelten Länder der Erde hat, mangelt es der Stadt noch zu sehr an internationaler und interkultureller Kompatibilität. Derzeit helfen vergleichsweise niedrige Lebenshaltungskosten, viele kulturelle Highlights und der Ruf als Partymetropole Nummer 1 über diese Mängel hinweg. Doch damit aus diesem temporären Hochgefühl ein dauerhafter Zustand werden soll, muss die Stadt erkennen, dass die Öffnung und Internationalisierung Berlins einen Kraftakt erfordert, der in den Köpfen beginnt. Noch mögen Berlin-Besucher Hundedreck unter dem Schuh oder das Nicht-Funktionieren von Dingen in einer eigentlich für ihren Perfektionismus bekannten Kultur wie der deutschen als charmant und "eben typisch Berlin" empfinden. Doch ich habe meine Zweifel, dass das Privileg dieser Sonderbehandlung auf alle Ewigkeit existieren wird. Spätestens wenn dies entfällt, müssen das berlinerische Provinzdenken und die damit verbundenen Unzulänglichkeiten verschwunden sein. Sonst werden die aktuellen Träume Berlins genau das bleiben: Träume. /mw

Foto: Flickr/bogenschlag , CC BY 2.0

Kommentare

  • Hermann

    16.10.13 (08:46:11)

    Nur kurz zumThema Kartenzahlung: das ist kein Berliner, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen. der Deutsche an sich mag einfach keine Karten, warum auch immer...

  • Martin Weigert

    16.10.13 (10:25:36)

    Ja so ist es. Problematisch wird das dann, wenn eine deutsche Stadt plötzlich für Leute aue aller Welt zum Zuhause wird.

  • flo

    16.10.13 (10:46:48)

    Als Exil-Berliner in Zürich stimme ich dir in vielerlei Hinsicht zu, aber ist es nicht mitunter so, dass viele dieser Probleme auch prinzipiell deutsch sind und gerade gerne ignoriert werden, weil die Wirtschaft ja so schön brummt? Nimm mal den ÖPNV – der ist in vielen Städten Deutschlands schon mal schlechter ausgebaut in Berlin und in NRW drohen die ersten Kommunen mit der Einstellung der U-Bahn (lass dir das mal auf der Zunge zergehen), weil in den 60ern die Instandhaltung nicht einkalkuliert wurde. Gleiches gilt natürlich auch für die Infrastruktur der Deutschen Bahn bspw. im Rheingraben. Autobahnen, auf denen man nur noch 80 fahren darf wegen der Straßenschäden sind auch nicht so selten, wie man denkt. Die Bürokratie ist zB auch in Köln ein Stein im Schuh, da ist es dann das höchste der Gefühle, dass man sich einen Termin online holen kann oder mal seine Adresse ändern kann. Nach einem Besuch in Bukarest in diesem Jahr habe ich auch mal bemerkt, wie vergleichsweise langsam unser Breitband im Durchschnitt ist. Rumänien ist da viel weiter. Und wegen der Störerhaftung ist es noch immer unmöglich überall vernünftiges WLAN zu bekommen – selbst in Sillicon Berlin. Mal abgesehen von der Tatsache, dass es in Deutschland Menschen gibt, die für weniger als 5€ die Stunde arbeiten, sind das doch einige Dinge, die einem im Jahr 2013 sauer aufstoßen. Ich habe prinzipiell das Gefühl, dass in Deutschland das 20. Jahrhundert (oder vielleicht noch das von dir angesprochene Jahr 2006) so lange konseviert wird, bis es nicht mehr geht, anstatt darüber nachzudenken wie das 21. aussehen sollte. In Berlin kann ich das wenigstens vergessen, weil es sich international anfühlt und die nächste Kneipe zum Glück nicht weit weg ist.

  • Ruben

    16.10.13 (11:09:49)

    Stimmt. Und es nervt mich jedes Mal. Egal ob in Hamburg, München oder Berlin. Wenn man mal länger im Ausland gelebt hat (in meinem Fall Tallinn, wo man einfach alles mit Kreditkarte bezahlen kann), dann fällt das hier in D erst richtig negativ auf.

  • boob

    16.10.13 (16:51:37)

    Du meine Güte, die immergleiche Leier der deutschen Provinzblätter...hier nur ein bisschen unbeholfener. Frage: Weltstadt ist "en vouge"...oder? Wer sich so ausdrückt, der scheint sich mit dem Thema geringfügig übernommen zu haben.

  • Martin Weigert

    16.10.13 (16:55:27)

    @ flo " Ich habe prinzipiell das Gefühl, dass in Deutschland das 20. Jahrhundert (oder vielleicht noch das von dir angesprochene Jahr 2006) so lange konseviert wird, bis es nicht mehr geht, anstatt darüber nachzudenken wie das 21. aussehen sollte." Treffend formuliert. @ boob Ich hab keine Ahnung, was du eigentlich zum Ausdruck bringen willst. Mal vom Hinweis auf den Tippfehler abgesehen. Der bringt dich zu dem Schluss, dass ich mich mit dem Thema geringfügig übernommen habe? Seltsame Logik.

  • boob

    16.10.13 (18:07:47)

    Nun, wer so großmütig anderen die Welt erklären will, der sollte zunächst mal Begriffe definieren, mit denen er um sich schmeißt. Weltstadt, Metropole, Provinz...und das Ganze so kleinkariert argumentiert? Hier ein fehlender Hinweis für die Orts/Sprachunkundigen (Paris, Barcelona usw. lassen schön grüßen), der leichte nächtliche Alkoholgeruch im ÖNV, die Maestro-Karte und der Fahrkartenautomat...so liest es sich, wenn Klein-Fritzchen aus Ostberlin die Provinz ablegt.

  • Martin Weigert

    16.10.13 (18:13:03)

    Paris und Barcelona gelten auch nicht als Städte, die im Technologie- und Internetbereich an die Weltspitze streben (zumindest geht niemand wegen all der strukturellen, sprachlichen und politischen Probleme ernsthaft davon aus). Und darauf hinzuweisen, dass andere die Dinge noch schlechter machen, ist doch grundsätzlich das Rezept von Erfolglosen.

  • Jaheira

    16.10.13 (18:19:54)

    Das EC-Kartensystem ist für Handel und Gastronomie günstiger als Kreditkartengebürehen. Ich glaube anderen Ländern fehlt einfach die günstige Alternative. Weil die Kosten der Gastronomen und der Handelsbetriebe Einfluss auf die Verbrauerpreise nehmen, profitieren wir alle, wenn teure Kreditkarten abgelehnt werden oder unüblich sind. Ausländer können sich mit Bargeld behelfen, demnächst vielleicht auch mit Bezahlsystemen über das Handy.

  • Martin Weigert

    16.10.13 (18:27:31)

    Das ist eine extrem verkürzte Sicht. Kurzfristig profitierst du von den günstigen Preisen. Mittelfristig würdest du aber womöglich sehr viel mehr von einer moderneren, wirklich weltoffenen, entbürokratischen Stadt mit hoher Lebensqualität und einer florierenden Wirtschaft profitieren, in der du nicht ständig in Hundekacke tritts. Natürlich entscheidet sich all das nicht an der Kartenfrage. Aber sie ist einer von ganz vielen Faktoren, in der es Berlinern schwer fällt, mal etwas weiter zu blicken als über den Flaschenhals des 30-Cent-Sternburgs. P.S. Kosten für Transport und Bearbeitung von Bargeld sowie damit verbundene Zinsausfälle werden übrigens im Endeffekt auch auf die Preise umgelegt. Interessanter Artikel dazu http://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/sparen-und-geld-anlegen/zahlungsmittel-was-kostet-das-geld-12598556.html "Theoretisch wäre es für alle – Handel, Banken und Privatleute – am günstigsten, wenn es nur noch Kartenzahlung gebe. "

  • Robert Frunzke

    16.10.13 (20:37:46)

    Also ich glaube ja, Du weißt nicht, wie Du Deine eigene Erwartungshaltung in die richtigen Bahnen lenken kannst, weil Du weder weißt, was Du willst, noch was Du erwartest, und so präsentierst Du uns hier Deine reine Haltung, ganz ohne Alles, aber mit viel Haltung eben. Schöner Satz, ne? :-) Aber mal im Ernst: was willst Du eigentlich? Berlin ist so wie es ist, und genau so wurde es zur angesagten Stadt. Willst Du ein klinisch steriles perfekt durchorganisiertes, in quadratische Sektoren unterteiltes Städtchen, mit einer Elite-Uni und großem Golfplatz dran? Dann geht doch nach Palo Alto. Und versuche mal, das was Du auf Deiner Berlinodyssee unternommen hast, in Palo Alto. Und definiere mal "provinziell"? Wie meinst Du das, mal abgesehen vom abwertenden Aspekt dieses Attributs?

  • Martin Weigert

    16.10.13 (21:12:10)

    Sorry Robert aber ich habe wirklich keine Lust auf Schwarz-Weiß-Diskussionen. Es gibt nicht nur zwei mögliche Optionen (Berlin, wie von mir geschrieben, oder Palo Alto). Und natürlich kannst du Palo Alto in keinem Punkt mit Berlin vergleichen. Auf so eine absurde Idee wäre ich auch gar nicht gekommen. Es ist eine meines Erachtens nach grundsätzlich destruktive Herangehensweise, bei der Beurteilung des Status Quo sich nicht daran zu orientieren, was besser gemacht werden kann, sondern stattdessen andere vermeintlich schlechtere oder zumindest weniger wünschenswerte Beispiele heranzuziehen und davon ausgehend festzustellen, dass das ursprüngliche Objekt der Debatte ja doch nicht so schlimm ist. Was ich will? Eine Stadt, in der die meisten Dinge reibungslos funktionieren. Eine Stadt, in der eine echte Weltoffenheit herrscht, anstelle der Furcht vor dem Anderen. Eine Stadt, die echte wegweisende Experimente wagt. Eine Stadt, die über sich hinauswächst. Eine Stadt, die nicht darauf stolz ist, jeden Missstand zu einer charmanten Tugend machen zu können, anstatt den Missstand zu beheben. Ja, das sind hohe Ansprüche. Wahrscheinlich ist es falsch, diese ausgerechnet an Berlin zu stellen. Aber ich glaube halt nicht, dass Berlin ewig von "Arm aber sexy" profitieren können wird. Und insofern ist mir daran gelegen, dass danach etwas Besseres kommt, nicht ein noch tieferer Abgrund.

  • Robert Frunzke

    16.10.13 (21:46:28)

    Ja, gut. Es ist natürlich gut, nach etwas Besserem zu streben, statt mit noch Schlechterem zu vergleichen und damit zu relativieren. Aber es ist eine Stadt. In einer Stadt leben Menschen, die diese (meist sogar eher unbewusst) formen und gestalten. Dass aktuell gerade die Internetwirtschaft versucht, Berlin mitzugestalten, ist ja eine nette Sache. Aber Berlin hat doch ein seltsames Eigenleben, ein eigenes Bewusstsein, das sich nicht so leicht durch ein paar dahergelaufene Hipster brechen lässt!? Ach, was weiß ich … ich bin raus ;-) Was die Kreditkarten angeht: Servicelevel und akzeptierte Zahlungsmittel hängen in Dtl, wie anderswo auch, vom Standard des jeweiligen Etablissements ab. Im Adlon wirst Du wohl keine Probleme mit Deiner Kreditkarte haben. Und wenn Du mit Taxi oder Mietwagen statt S/U-Bahn fährst, dann musst Du Dich auch nicht mit dem Prekariat herumärgern. Klingt ein wenig so, als wenn Dich das abgestoßen hätte!? Ich hoffe, ich habe das falsch verstanden! ;-) So ist das nunmal…

  • Christopher

    16.10.13 (22:58:12)

    Meine Berliner S-Bahn darf sich gern verspäten und nach Bier riechend, wenn man dann weiter ungestört draußen seine Zeit verbringen kann und Menschen, die nicht fließend und akzentfrei Englisch sprechen, nicht an den Stadtrand verdrängt werden. Selbst wenn du das nicht so meintest, kommt dein Artikel doch ganz schön überheblich rüber. Hans, 54, arbeitsloser Kranführer wird von deiner Internetwirtschaft nämlich nicht profitieren. Sry

  • Martin Weigert

    16.10.13 (23:12:20)

    "Hans, 54, arbeitsloser Kranführer wird von deiner Internetwirtschaft nämlich nicht profitieren." Mittelfristig durchaus. Denn wenn die Wirtschaft boomt, braucht's auch mehr Kranführer. Komisch eigentlich, dass dir das nicht selbst einleuchtet.

  • boob

    17.10.13 (04:57:15)

    Zitat: "Was ich will? Eine Stadt, in der die meisten Dinge reibungslos funktionieren. Eine Stadt, in der eine echte Weltoffenheit herrscht, anstelle der Furcht vor dem Anderen. Eine Stadt, die echte wegweisende Experimente wagt. Eine Stadt, die über sich hinauswächst." Liest sich so: Ein selbsternannter Blogautor versucht sich mit erheiternder Naivität an einer Idealvorstellung von "funktionierenden, weltoffenen Weltstädten"...und ist nicht mal imstande, seine (mehrfach nachgefragte) Definition von Weltstadt nun endlich zu erläutern. Immerhin: Wenn Berlin als sogenannte Stadt der Nobelpreisträger, als größter Wissenschaftsstandort Europas, als momentan bedeutendster Kultur-und Musikstandort sowie politischer und gesellschaftlicher Mittelpunkt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt auch nur einen geringfügigen Hauch von Silicon Valley (oder auch nur von London)dazubekommt...dann ist das trotzdem nicht mehr als eine weitere, willkommene wirtschaftliche Nuance. An dieser Stelle mit Fahrscheinautomaten, Durchsagen bei Fahrplanänderungen und Alkoholgerüchen (Hundekacke nicht zu vergessen) zu argumentieren, wird dem selbstaufgeladenen Thema sicherlich nicht gerecht. Es reicht insoweit nicht vorne und hinten. Trotzdem alle guten Wünsche ins hoffentlich saubere, reibungslos funktionierende, weltoffene Stockholm, Herr Erfolgsblogger.

  • Friederike

    17.10.13 (12:31:48)

    Ich liebe meine Heimatstadt ja sehr, aber Berlin war schon immer ein Provinznest. Schon das allgegenwärtige Kiez-Denken (das ich herrlich finde, aber eben provinziell) trägt seinden Teil dazu bei. So richtig klar geworden ist mir das aber erst, seit ich (nach 25 Jahren Charlottenburg) in die "echte" Provinz gezogen bin. Und mich hier manchmal sehr zuhause fühle. Is eigentlich - gedanklich und von der Mentalität - alles wie früher, wie in Berlin, nur in den Ausmaßen und Angeboten kleiner.

  • Michael

    17.10.13 (15:05:57)

    Dass Berlin ein gemeines dreckiges Nest ist, wußte ja schon Goethe zu beklagen: "Es lebt aber, wie ich an allem merke, in Berlin ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten." Das ist sicher auch heute noch so und es ist sogar mit durch die Größe der Weltstadt verursacht. Wenn von Metropole die Rede ist, meint das in der Tat nicht Weltstädtischkeit in sämtlichen Ecken, sondern wie in vielen anderen Metropolen vor allem in den Innenbezirken. Auch meint es nicht die totale Weltstädtischkeit, sondern im durchschnittlichen Vergleich. Eine Metropole schließt unzählige kleine provinzielle Ecken nicht aus, sondern ein. Sie machen ihre Vielfalt, Chaos, Durcheinander mit aus. Sicher hat Berlin auf dem Weg zur Weltstadt noch Reserven, aber dafür ist die Stadt erst seit ca. gut zwei Jahrzehnten wiedervereinigt. Eine Zeit lang war man ja am Anfang der Wiedervereinigung total pessimistisch in Hinsicht auf Berlin, jetzt geht es immerhin rasant aufwärts.

  • Dave

    17.10.13 (16:48:26)

    Wir Deutschen (auch ausgewanderte..) neigen halt immer dazu, unsere Erfolge klein zu reden oder unter den Scheffel zu stellen. So auch hier. Ich höre von ausländischen Besuchern eher postives. Die Strassen sind sauber, die Infrastruktur funktioniert, soziale Absicherung ist vorhanden, man bekommt als Arbeitnehmer problemlos eine Krankenversicherung und so weiter und so weiter. Was spielt es da für eine Rolle, dass man nicht rund um die Uhr shoppen kann? Dass man nicht überall mit Kreditkarten zahlen kann? Dass man auf den Behörden warten muss??? Seien wir froh, dass nicht alle Länder, Regionen und Städte gleichgeschaltet sind. Sonst brauchen wir ja erst garnicht ins Ausland zu gehen und was Neues erleben wollen.

  • Martin Weigert

    17.10.13 (17:01:56)

    Besucher finden fast immer alles Positiv, egal wohin sie kommen (solange der besuchte Ort in irgendeiner Form Faszination ausstrahlt). Das ist wie jemand, der frisch verliebt ist. Nach ein paar Monaten oder Jahren wetzt sich das dann ab.

  • boob

    17.10.13 (21:52:20)

    Natürlich sind öffentliche Äußerungen gerade für einen selbsternannten Blogger nicht ohne Risiko, wenn ganz offensichtlich (wie auch hier) sowohl die formellen als auch die inhaltlichen Voraussetzungen in so unendlich weiter Ferne liegen. Die Frage muss also irgendwann jemand stellen: Wieso/wodurch, um Himmelswillen, fühlt sich jemand berufen, angesichts allein seiner semantischen Untauglichkeit sich darüberhinaus mit seiner "charmanten" Naivität in der Öffentlichkeit lächerlich machen zu müssen.

  • Jan

    22.10.13 (14:29:44)

    Ich verstehe auch nicht, was der Artikel eigentlich ausdrücken will. Einfach nur motzen? Den Weltbürger nach außen kehren? Der Text ist so beliebieg, da lässt sich jede andere deutsche Großstadt einsetzen. Nicht umsonst gilt Dresden als das Saxony Valley und für München, Hamburg und Köln lässt sich sicher auch irgendein "Valley" finden. Der Unterschied zwischen dir, als Urberliner, und mir, als Nicht-Berliner, ist: wir sehen zwar das selbe, aber empfinden den totalen Gegensatz. Grade weil Berlin so ist, wie du es beschreibst und ich es sehe, ist es aktuell die Stadt, die es jetzt ist. Es hätte keinen besseren Bürgermeister geben können, um Berlin zu dem (weltweiten) Anziehungspunkt zu machen, wie es die Stadt jetzt ist. Es ist immer der Fehler von Autoren, wenn sie eine Sache nur mit dem eigenen Augen betrachtet und sich dabei nie in die Lage Anderer hineinversetzt. Und zu der Kreditkartenstudie, die ganz oben angeführt ist: guck mal, wer die in Auftrag gegeben hat ...

  • Martin Weigert

    22.10.13 (14:39:55)

    Berlin ist das wirtschaftlich schwächste Bundesland Deutschlands (zumindest wenn man von der Arbeitslosenquote ausgeht). Das allein gibt genug Anlass, sich kritisch mit den Entwicklungen in der Stadt auseinanderzusetzen. Ich verstehe nicht, wie man so tun kann, als habe Berlin in seiner aktuellen Form den Optimalzustand erreicht. Dazu müsste man die Augen schon ganz schön vor der Wirklichkeit verschließen. "Der Text ist so beliebieg, da lässt sich jede andere deutsche Großstadt einsetzen. " Es geht aber um Berlin. Die Stadt, die zum Tech-Mekka Europas werden will. Und die Stadt, die soviele Expats und kreative Geister aus aller Welt anzieht wie keine andere. Andere, höhere Ansprüche an eine solche Stadt zu stellen, halte ich nicht für falsch. "Es ist immer der Fehler von Autoren, wenn sie eine Sache nur mit dem eigenen Augen betrachtet und sich dabei nie in die Lage Anderer hineinversetzt." Stimmt. Aber was ist die Lage anderer? Eine Stadt, in der man billig Party machen kann?

  • boob

    22.10.13 (21:36:43)

    Himmel und Zwirn, schon wieder daneben. Maßstab für die Wirtschaftskraft eines Bundeslandes ist bekanntlich ausschließlich das Bruttosozialprodukt (BIP) und nicht irgendeine Arbeitslosen/Beschäftigten- oder sonstige Quote. Berlin liegt danach aktuell in Deutschland an siebter Stelle von sechzehn Bundesländern, übrigens weit vor Hamburg (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/36889/umfrage/bruttoinlandsprodukt-nach-bundeslaendern/). Niemand außer Ihnen hat außerdem behauptet, dass Berlin einen "Optimalzustand" erreicht hätte oder zum "Tech-Mekka Europas" werden will oder sich als "Weltstadt" versteht. Allesamt Unterstellungen, die ausschließlich aus Ihrer eigenen Feder kommen. Und: billig Partymachen, davon können Sie in Stockholm nur träumen. Ganz offen gesagt: Sie erlauben sich, höhere Ansprüche an Berlin zu stellen. Die ohnehin geringe Anspruchshaltung eines durchschnittlichen Lesers an diesen mit dem Thema völlig überforderten Blogger scheint Sie nicht zu interessieren. Souveränität sieht anders aus.

  • Martin Weigert

    22.10.13 (23:06:06)

    Ich denke, deine Sichtweise ist hinreichend deutlich geworden. Dich weiter als einzige Instanz der Wahrheit aufzuspielen, ist damit überflüssig. Gleiches gilt für die persönlichen Angriffe. Für die Zukunft ein Tipp: Trotz Meinungsunterschieden ein bisschen nett und freundlich sein, dann wirst du ernster genommen. Da unterscheidet sich der FAZ-Leserbrief nicht von einem Blogkommentar. P.S. teile mal das BIP von Hamburg und Berlin durch die Anzahl der Einwohner. Bekanntlich hat nur das Aussagekraft für einen Vergleich.

  • boob

    23.10.13 (09:05:30)

    Aber ja doch...und bezogen auf die Einwohnerzahl ist Luxemburg das Land mit der stärksten Wirtschaftskraft Europas (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/188766/umfrage/bruttoinlandsprodukt-bip-pro-kopf-in-den-eu-laendern/)----und der Wirtschaftsriese Deutschland landet abgeschlagen noch hinter Irland! und Belgien im europäischen Mittelfeld. Hier genau fokussiert sich Ihr Problem: Abseits von Technikthemen wird's arg dünne bei Ihnen. Deshalb auch von mir ein gutgemeinter Tipp: Ein eigener Blog verlangt als unabdingbare Voraussetzungen sowohl orthografische als auch inhaltliche Wetterfestigkeit sowie eine wenigstens geringfügige Toleranz gegenüber anderen Ansichten. Solange Sie hier keine Abhilfe schaffen, werden Sie dauerhaft mit kritischen Stimmen auf Ihre Schaumschlägerei rechnen müssen. Das Betteln um Nettigkeit und Freundlichkeit wirkt hier eher als Zeichen Ihrer Unsicherheit.

  • Robert Frunzke

    08.11.13 (00:19:09)

    Hey, gerade auf Heise gelesen, und da musste ich an Dich denken: "Microsoft ist sich sicher, dass aus Berlin eine der nächsten "1-Billion-$-Companies" kommen wird, die die IT verändert." http://www.heise.de/newsticker/meldung/Steve-Ballmer-eroeffnet-Microsoft-Berlin-2041699.html Na dann sei es so! :D

  • Martin Weigert

    08.11.13 (00:20:25)

    Wenn Steve Ballmer das sagt... ;)

Diesen Beitrag kommentieren:

Die Kommentare können nur zwischen 9 und 16 Uhr
freigeschaltet werden. Wir bitten um Verständnis.

Um Spam zu vermeiden, schreiben Sie bitte die Buchstaben aus diesem Bild in das nebenstehende Formularfeld:

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer