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16.10.13

Weltstadt-Ambitionen treffen auf Provinzverhalten: Wieso Berlin noch einen langen Weg vor sich hat

Berlin hat große Ziele, als Metropole und globales Zentrum der Internetwirtschaft. Doch noch ist die Stadt dafür viel zu provinziell und unmodern.

Kaum eine Stadt auf der Welt sorgt bei jungen partylustigen, Kultur und Unterhaltung liebenden Leuten derzeit für so viel Funkeln in den Augen wie Berlin. Gleichzeitig üben nur wenige Regionen auf diesem Planeten aktuell eine derartig starke Anziehungskraft auf Menschen aus der Internetwirtschaft aus wie die deutsche Hauptstadt. Berlin, Europas kommendes Silicon Valley - dieser Vergleich wird zwar auf jedem Podium und in jedem Artikel reflexartig mit der Anmerkung bedacht, dass kein Ort jemals genau so werden könne wie die das Valley beherbergende San Francisco Bay Area und dass es auch gar nicht darum gehe, die dortigen Verhältnisse zu kopieren. In den Köpfen vieler lokaler Branchenakteure existiert dennoch die Hoffnung, dass die Spreemetropole einmal eine so bedeutende Rolle im globalen Webzirkus einnehmen werde, dass führende Onlinefirmen hier ganz selbstverständlich große Standorte betreiben und dass Gründer bei der Wahl "Berlin oder San Francisco/Silicon Valley" die Hauptstadt nicht nur wählen, wenn sie die Wochenenden durchfeiern wollen oder weil ihnen das US-Visum verwehrt wurde. Berlin ist durch die Brille der Webindustrie, aber auch anderer Wirtschaftszweige und natürlich der Politik, eine Stadt mit enormen Ambitionen. Doch wie ich in den letzten Tagen wieder einmal erkennen musste, fehlt noch Grundlegendes, um wirklich in der ersten Liga der Weltstädte und Wirtschaftszentren mitspielen zu können. Auf mich, einen 1983 geborenen Berliner, der in den Bezirken Mitte, Treptow und Prenzlauer Berg aufwuchs (in der Reihenfolge) und im Jahr 2006 nach Stockholm siedelte, strahlt Berlin trotz aller rasanten Veränderungen der vergangenen vier bis fünf Jahre noch immer die gleiche provinzielle Aura aus wie vor zehn oder 15 Jahren. Sicher, die Straßen sind bunter denn je. Touristen, Kurzzeit-Expats und Wahlberliner verändern die Stimmung, Tonalität und Geräusche der Innenstadt. Neue Restaurants, Geschäfte, Hotels und Bürokomplexe entstehen auf lange Zeit vernachlässigten Brachflächen. Die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn auch ausgehend von einem hohen Niveau. Gleichzeitig explodieren die Miet- und Immobilienpreise, was in langwierigen Gentrifizierungsdebatten gipfelt. Und dennoch: Sitze ich in der S-Bahn oder laufe ein paar Kilometer entfernt von Kastanienallee, Oranienstraße oder Rosenthaler Platz entlang und betrachte die mürrisch dreinschauenden Gesichter um mich herum, höre ihre Gespräche und vernehme den unnachahmlichen, leicht alkoholgetränkten Geruch in der Tram oder U-Bahn, dann könnte ich leicht vergessen, welches Jahr wir eigentlich schreiben. Genau so fühlte sich Berlin auch 1999 an. Der Gedanke, dass ich gerade soetwas wie das europäische Pendant zum Silicon Valley vor mir habe, liegt in diesen Momenten in weiter Ferne.

Informationen wenn, dann nur für Einheimische

Mein Fazit der vergangenen fünf Tage in Berlin lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Viele Dinge funktionieren mehr schlecht als recht und produzieren regelmäßigen Alltagsfrust, der sich einem hinderlich in den Weg stellt. Gleich mehrfach etwa war ich gezwungen, aufgrund von Bauarbeiten den Schienenersatzverkehr in Anspruch zu nehmen. Das nervt, aber kommt in den besten Familien und allen Städten vor. Was jedoch Berlin und in diesem Fall die S-Bahn einfach nicht auf die Reihe kriegt, ist das Bereitstellen von verünftigen Informationen. Orts- oder Sprachunkundigen bleibt häufig nur, der Masse zu Folge, in der Hoffnung, die weiß schon, wie es weitergeht. Speziell auf der S-Bahn-Verbindung vom Zentrum zum Flughafen Schönefeld (ab demnächst dann Berlin-Brandenburg International - vielleicht) erlebe ich es seit Jahren, wie Hinweise zu unerwarteten Zugwechseln oder Fahrplanänderungen den mit Koffern bepackten Touristen entgehen, weil entweder gar keine Durchsage kommt, oder der Fahrer nur kurz etwas auf Deutsch/Berlinerisch murmelt. Klar, Locals wissen dann genau, was zu tun ist. Sie kennen die Prozedur. Alle anderen laufen Gefahr, ihren Flug zu verpassen oder woanders zu landen als da, wo sie hinwollten. Wenn sie Glück haben, geben ihnen einheimische Fahrgäste Instruktionen. Mit etwas mehr Glück sprechen diese auch ein paar Brocken Englisch.

Derartige Beobachtungen sorgten bei mir schon 2006 für Kopfschütteln. Sieben Jahre später hat sich rein gar nichts daran geändert. Wie eine Verbindung, die jährlich hunderttausende Berlin-Besucher vom Flughafen zu ihren Hotels transportiert, derartig von der S-Bahn sowie den für das Wohlergehen der Touristen zuständigen Behörden vernachlässigt werden kann, ist mir schleierhaft. Die Ignoranz und Empathieunfähigkeit muss grenzenlos sein. Und das in einer Stadt, die ihren kleinen wirtschaftlichen Boom stark eben diesen Besuchern verdankt. Berlin möchte gerne eine Weltstadt sein, die ihre Gäste mit offenen Armen und warmen Herzen empfängt. Doch diejenigen, die dies dann ausführen sollen, haben noch nicht davon gehört, dass sie dafür auch etwas tun müssen. Wahrscheinlich regen sie sich beim Feierabendbier oder im Bekanntenkreis ohnehin über "all die Touris" auf. Eine Gepflogenheit, die bei Ureinwohnern der Stadt gerade sehr en vogue ist.

Insellösungen verwirren Auswärtige

Dass Berlin im Kern noch immer ein kleines, auf sich selbst fokussiertes Dörfchen mit wenigen Verbindungen zur Außenwelt und einem begrenzten Horizont ist, wird mir auch dann bewusst, wenn es mal wieder Ärger mit meinen Geld- und Kreditkarten gibt. Klar, beim Dönerladen um die Ecke ist Cash King, genauso wie in der ein oder anderne Trendlocation. Doch selbst in gepflegten Restaurants kommt es immer wieder vor, dass MasterCard oder Visa nicht akzeptiert werden. Oder aber es wird mir erklärt, dass dies möglich sei, klappt dann aber ausgerechnet mit meinen Karten nicht. Gut, kann vorkommen. Wenn dann jedoch das Personal selbst keine Ahnung und diesen Fall scheinbar noch nie erlebt hat, dann wundert mich dies schon - denn diese Karten habe ich sonst schon in vielen Ländern problemlos genutzt. Mehrfach versuchte ich auch, mit meiner Maestro-Karte an einem Fahrkartenautomaten ein Ticket zu kaufen. Doch abgesehen von dem aufleuchtenden Hinweis "Bitte Karte entnehmen" geschah nichts. Glücklicherweise stand ein Geldautomat daneben. Wer nicht über die hierzulande verbreitete Geldkarte alias "EC-Karte" verfügt - was für den Großteil der ausländischen Gäste gilt - der muss in Berlin (und wahrscheinlich überall in Deutschland) immer damit rechnen, bei der Kartenzahlung auf Probleme zu stoßen. Ein meines Erachtens nach unhaltbarer Zustand, der die Bundesrepublik und Berlin zu einem Exoten unter den anderen führenden Industrienationen macht. Gleiches gilt übrigens für die Routine, wie man in der Gastronomie bezahlt und das Trinkgeld gibt - häufig noch immer durch Ansagen und nicht - wie in den meisten anderen Ländern üblich - diskret nach dem eigentlich Bezahlen.

Berlin ist nicht modern

Als "Tourist in meiner eigenen Stadt" sehe ich manche Dinge anders als sowohl Auswärte und Einheimische, bin weniger an die Zustände gewöhnt als hier lebende Menschen aber auch weniger verzeihend als Touristen. Damit Berlin dorthin gelangt, wo es die Vertreter der Webwirtschaft, mutmaßlich viele Politiker und auch andere, nicht das Festhalten am Status-Quo als Ideal ansehende Bewohner gerne hätten, denke ich, dass die Stadt in ihrem tiefsten Inneren international werden muss. Auch überall dort, wo nicht US-amerikanische Startup-Macher, australische Englisch-Lehrer, spanische Architektur-Studenten und japanische Modedesigner ihre ganz eigene Vorstellung von Berlin verwirklichen und wo es schwierig ist, noch echte Urberliner zu treffen. Andererseits sind selbst diese Gruppen von den zahlreichen Einschränkungen der Stadt betroffen, die ebenfalls am Metropolenstatus sägen, seien es das Flughafen-Debakel, konsumentenunfreundliche Ladenschlussgesetzte oder die fehlenden Möglichkeiten elektronischer Behördengänge. Viele Prozesse sind unnötig kompliziert und nicht durchdacht, selten funktionieren Dinge besser als erwartet, Bürokratie siegt vor pragmatischen, zeitmäßen Lösungen. Berlin ist ganz einfach nicht modern. Selbst wenn es gerne so tut.

Internationale und interkulturelle Kompatibilität

Für die Ambitionen, die Berlin als Hauptstadt eines der reichsten und am weitesten entwickelten Länder der Erde hat, mangelt es der Stadt noch zu sehr an internationaler und interkultureller Kompatibilität. Derzeit helfen vergleichsweise niedrige Lebenshaltungskosten, viele kulturelle Highlights und der Ruf als Partymetropole Nummer 1 über diese Mängel hinweg. Doch damit aus diesem temporären Hochgefühl ein dauerhafter Zustand werden soll, muss die Stadt erkennen, dass die Öffnung und Internationalisierung Berlins einen Kraftakt erfordert, der in den Köpfen beginnt. Noch mögen Berlin-Besucher Hundedreck unter dem Schuh oder das Nicht-Funktionieren von Dingen in einer eigentlich für ihren Perfektionismus bekannten Kultur wie der deutschen als charmant und "eben typisch Berlin" empfinden. Doch ich habe meine Zweifel, dass das Privileg dieser Sonderbehandlung auf alle Ewigkeit existieren wird. Spätestens wenn dies entfällt, müssen das berlinerische Provinzdenken und die damit verbundenen Unzulänglichkeiten verschwunden sein. Sonst werden die aktuellen Träume Berlins genau das bleiben: Träume. /mw

Foto: Flickr/bogenschlag , CC BY 2.0

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