<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

16.02.09

Webgründer: Hört auf, Zeit und Kapital zu verschwenden

Nicht immer erfüllen Web-Startups die Anforderungen, die User an sie stellen. Im Gegenteil: Ein Großteil neuer Sites bietet Anwendungen, die niemand braucht. Viele junge Gründer und Entwickler verschwenden Zeit und Geld.

Geld verbrennenDass sich in Folge des weltweiten Wirtschaftsabschwungs die Zahl neuer Startups vor allem aufgrund eines erschwerten Kapitalzuganges verringern würde, war abzusehen. Was das Auftauchen wirklich durchdachter, neuartiger Anbieter betrifft, sieht es seit einigen Monaten äußerst mau aus. Das bestätigt auch Markus, der beim Museum of Modern Betas im Test-Stadium befindliche Webdienste vorstellt und dem derzeit weniger neue Services unter die Augen kommen als noch vor einem halben Jahr.

Umso frustrierender ist es, wenn die wenigen, auf den ersten Blick interessanten Neustarts sich als schlecht konzipiert und unbrauchbar herausstellen. Was bringt es uns und euch, einen Dienst vorzustellen, dessen dauerhafte Überlebenschancen irgendwo zwischen null und einem Prozent liegen?

Aktuellstes Beispiel dafür ist Goom Radio, ein französischer Service, der sein Glück nun auch in Deutschland versuchen will. Goom kombiniert diverse, nach Genre sortierte Radiostreams mit einem sozialen Netzwerk und der Möglichkeit, eigene, individuelle Streams aus von Goom bereitgestellten und selbst hochgeladenen Titeln zu erstellen und diese mit anderen zu teilen.

Die Pressemitteilung von Goom las sich ganz interessant, weshalb ich dem Dienst einen Besuch abstatte, mich registrierte und ein wenig herumspielte (aus Deutschland wird man unfreiwillig auf die noch nicht gestartete de-Version geleitet, aus Schweden konnte ich jedoch auf die internationale Variante von Goom Radio zugreifen).

Doch schnell kam die Ernüchterung: eine äußerst unübersichtliche Site, für Unruhe sorgende Laufschrift anno 1999 und schlecht voneinander abgegrenzte Funktionen. Außerdem hatte ich das Gefühl, unnötig viele Klicks tätigen zu müssen, um eine Aktion durchführen zu können (z.B. einen eigenen Radiostream zu erstellen). Nach fünf Minuten war mir die Lust am Ausprobieren vergangen.

Unabhängig von diesem speziellen Fall und der Frage, wie viele Onlineradios das Netz eigentlich benötigt, ist Goom exemplarisch für ein grundlegendes Problem, dessen unfreiwilliger Zeuge wir als Freunde des Webs tagtäglich werden: Die Verschwendung wertvoller Ressourcen.

Zwar lässt sich heutzutage mit vergleichsweise geringem Aufwand ein funktionierender Onlineservice auf die Beine stellen, aber ganz ohne finanzielles Investment geht es nicht. Entscheidender jedoch ist die Zeit und Arbeitskraft, die Jungunternehmer und Entwickler in Projekte stecken, die von Beginn an nur minimales Potenzial haben, sich dauerhaft zu etablieren.

Man stelle sich vor, was all die talentierten Entrepreneure Sinnvolles anstellen und welche Synergien sie nutzen könnten, hätten sie nicht - jeder für sich - in den letzten Jahren das x-te Social Network an den Start gebracht und Energie, Zeit, Herzblut sowie Geld in ihr häufig zum Scheitern verurteiltes Vorhaben investiert.

Natürlich ist es eine Illusion, anzunehmen, dass wir jemals zu einem Punkt kommen, an dem Internetunternehmen ohne Erfolgschancen und Alleinstellungsmerkmale gar nicht erst gegründet und nur die Googles, Facebooks und Twitters Kapital und andere Ressourcen erhalten. Zumal sich gerade anhand der großen Zahl chancenloser und mangelhafter Webangebote erkennen lässt, welche Kandidaten tatsächlich das Zeug zum nächsten großen Ding haben - nämlich die, die Probleme und Funktionen besser lösen als die breite Masse der austauschbaren 0815-Projekte.

Dennoch möchte ich diesen Artikel für den Aufruf nutzen, sich noch genauer Gedanken darüber zu machen, was man mit einem (in der Planungsphase befindlichen) Startup erreichen möchte.

Zu oft entsteht nämlich beim Begutachten eines neuen Dienstes der Eindruck, er diene lediglich der Erfüllung des Selbstzweckes einer Webgründung, statt sich am tatsächlichen Bedarf zu orientieren und auf echte Innovation und Problemlösung zu setzen. Je mehr solcher Services mir unter die Augen kommen, desto stärker ist mein Bedürfnis, den verantwortlichen Köpfen einfach nur sagen zu wollen: Hört auf damit, bevor ihr noch mehr Kapital und Arbeitsstunden mit diesem hoffnungslosen Fall verschwendet.

Zugegeben: Auch solche vermeintlich hoffnungslosen Fälle können sich später zu einem Erfolg mausern oder für eine akzeptable Summe einen (mehr oder weniger naiven) Käufer finden. Doch im Rezessionsjahr 2009 stehen die Chancen dafür schlechter als bisher. Gleichzeitig sind die für das Aufziehen und den Betrieb eines Startups benötigten Mittel aufgrund eines erschwerten Zuganges zu Finanzierungen wertvoller den je. Wer sie hat, sollte damit verantwortungsvoll umgehen.

Wer im derzeitigen, Kräfte zehrenden konjunkturellen Umfeld mit einem Webangebot an den Start gehen möchte, muss mehr den je den Markt studieren, von den erfolgreichen Diensten lernen und die Fehler vermeiden, die viele andere vor ihm begangen haben. Ein solcher Lernprozess ist essentiell und scheint bisher allzu selten stattzufinden.

Und eine Bitte zum Schluss: Wer mit der Gründung einer Site liebäugelt, dessen Konzept bereits von diversen andere Services umgesetzt wurde und dabei nicht mindestens fünf (oder besser zehn) grundlegende, tatsächliche (!) Verbesserungen mitbringt, der lässt es lieber ganz sein.

Foto: Flickr/purpleslog (CC-Lizenz)

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer