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28.03.11

Webdienste aus Deutschland: Chronisch unterschätzt

Der deutschen Internetwirtschaft fehlen die ganz großen Triumphe. Dass in der "zweiten Reihe" zahlreiche international erfolgreiche und technisch moderne Dienste existieren, wird leicht übersehen.

 

Unterschätzt?

Deutsche Startups und Internetdienste spielen auf internationaler Bühne keine große Rolle? Hiesige Onlineservices ignorieren technische Trends wie das Bereitstellen offener APIs? Zwei Aussagen, zu denen sich von vielen der am Wohl der lokalen Webwirtschaft gelegenen Beobachter wahrscheinlich recht einfach ein zustimmendes Nicken einheimsen ließe. Aber - womöglich überraschend - unberechtigt.

Anfang März haben wir mit eurer Mithilfe eine Liste von aus Deutschland stammenden Startups und Onlineservices erstellt, die zumindest in einigen Ländern außerhalb des deutschsprachigen Raums eine gewisse Bedeutung besitzen.

Bis heute sind 22 Anbieter zusammengekommen, auf die dieses Kriterium zutrifft - einige Grenzfälle nicht eingeschlossen, die zwar auch außerhalb des DACH-Gebiets Erfolge feierten, aber zumindest gefühlt ihren Innovationshöhepunkt überschritten haben oder schlicht zu einer ersten Generation von Services gehören, die heutzutage in der globalen digitalen Wirtschaft keine nennenswerten Akzente mehr setzen (der Sinn einer solchen Zusammenstellung liegt ja darin, das Potenzial für die Zukunft zu identifizieren, nicht die behäbigen Akteure der Vergangenheit zu huldigen).

Kurzum: Mindestens 22 Webangebote aus Deutschland sind in einzelnen oder vielen europäischen oder äußereuropäischen Märkten (in denen nicht Deutsch gesprochen wird) erfolgreich. Mindestens. Eigentlich kein schlechtes Ergebnis!

Zu einer ähnlichen Erkenntnis führte auch unsere ebenfalls gemeinsam mit netzwertig.com-Leserinnen und -Lesern zusammengestellte Übersicht über hiesige Webangebote mit offenen Entwicklerschnittstellen.

Während derartige APIs bei US-Startups meist nur wenige Wochen oder Monate nach dem Launch lanciert werden und schnell zum Entstehen zahlreicher Drittanbieter-Applikationen führen, scheinen sich Dienste aus Deutschland eine derartige Lösung zu sparen und eher auf formelle Kooperationen mit anderen Anbietern zu setzen - so zumindest mein initialer Eindruck. Wann hört man schon von APIs hiesiger Internetfirmen?

Gut, dass wir das Thema angerissen haben: Immerhin 20 Services aus Deutschland mit offenen APIs wurden bisher zusammengetragen, zudem vier aus der Schweiz und vier aus Österreich (wobei ich diese zwei Länder in meiner Betrachtung ausklammere, da sie in puncto Innovationsfreude nicht den gleichen tendenziell schlechten Ruf habe wie Dienste aus Deutschland) - sowohl bekannte als auch weniger Bekannte Startups und Angebote.

Damit bieten zwar trotzdem nur ein geringer Teil der hiesigen Onlineanbieter offene Schnittstellen, aber deutlich mehr, als man intuitiv annehmen würde. Zumal die Zusammenstellung nicht vollständig ist.

Betrachtet man nun die Zahl international erfolgreicher Services aus Deutschland sowie die der Anbieter offener APIs, kann man eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Hiesige Startups und Webangebote sind besser und relevanter als ihr Ruf.

Damit stellt sich die Frage, wieso dies so ist. Folgende Faktoren könnten hier eine Rolle spielen:

  • Berühmt-berüchtigte, einfallslose und technisch anspruchslose Copycats erhalten überproportional viel Aufmerksamkeit, was das Image der gesamten deutschen Internetwirtschaft beschädigt
  • Selbst viele der Startups mit internationaler Relevanz sowie offenen Schnittstellen (diese stellvertretend für eine gesunde Einstellung zu technischen Innovationen) haben häufig ein Vorbild (oder Wettbewerber) in den USA und sind zwar in ausländischen Märkten vertreten, global gesehen jedoch nicht Marktführer
  • Im elitären Kreis der ganz großen Internetanbieter sind keine hiesigen Unternehmen vertreten - da dominieren US-Firmen wie Google, Facebook, Twitter, Microsoft, Amazon, Groupon oder Zynga sowohl den Markt als auch die Berichterstattung
  • Fehlen von Vorbildern im aufmerksamkeitsstarken Social-Web-Bereich (mit einige Ausnahmen), wodurch existierende Erfolge in anderen Sektoren in der Hintergrund treten.
  • Zurückhaltende Kommunikation und defensive Pressearbeit mancher deutscher Startups
  • Eine deutlich kleinere Entwicklergemeinde in Deutschland, wodurch APIs weniger stark genutzt werden (zumal Programmierer bevorzugt auf die Plattformen bauen, von denen möglichst viele User profitieren -> Facebook, Twitter & Co)

Vermutlich ist es an der Zeit, manch angestaubte Klischees über deutsche Internetfirmen endgültig ad acta zu legen. Denn sie haben teilweise mehr erreicht und sind moderner, als es der erste Eindruck vermittelt. Andererseits bedeutet dies nicht, dass hiesige Startups nun locker der US-Konkurrenz das Wasser reichen könnten. Von einem solchen, aus heutiger Sicht eher utopisch wirkenden Zustand trennen uns noch immer Lichtjahre.

Was der deutschen Internetlandschaft vor allem fehlt, sind die ganz großen, marktbeherrschenden Player, sowie Paukenschläge wie die in der vergangenen Woche gelaunchte Foto-App Color . Dabei geht es nicht um die tatsächliche Qualität der App sondern darum, wie ein US-Startup innerhalb weniger Tage die Webszene rund um den Globus auf sich aufmerksam machen kann. Dieser strukturelle Vorteil wird auch in Zukunft dafür sorgen, dass es gerade bei Services mit Medienstar-Qualitäten US-Anbieter leichter haben.

Begibt man sich jedoch in die Tiefe und Nische, findet man eine wachsende Zahl an zukunftsorientierten, innovativen Jungunternehmen, die mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nachhaltige "State of the Art" Produkte und Dienste entwickeln. Wir sollten versuchen, dies zu würdigen und häufiger hervorzuheben.

(Foto: Flickr/Nevada Tumbleweed; CC-Lizenz)

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