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06.11.14Leser-Kommentare

Webdesign aus dem Automaten: The Grid verspricht Homepage-Baukasten mit „künstlicher Intelligenz“

Das US-Startup „The Grid“ arbeitet an einem Homepage-Baukasten, der dank „künstlicher Intelligenz“ wie ein Webdesigner agieren soll. Man wirft ihm Texte, Bilder, Videos und mehr zu – schon zaubert er die perfekte Website. Man sollte diese Versprechen sicherlich nicht zu ernst nehmen. Die Technik unter der Haube ist aber dennoch interessant.

Wirft man einen Blick auf die Website von The Grid, könnte man meinen, Webdesigner sollten sich schleunigst nach einem neuen Job umsehen. Denn wenn das Projekt des Startups im Frühjahr 2015 livegeschaltet wird, soll es sehr viel mehr als ein klassischer Homepage-Baukasten sein. Wichtigstes Feature: Das System arbeitet nicht mit feststehenden Vorlagen, die man dann mit passenden Inhalten füllt. Stattdessen richtet sich das Design nach den Inhalten. Bilder sollen dabei sogar automatisch beschnitten werden. Farben werden den Bildern angepasst. Und fügt man neue Elemente hinzu, reagiert The Grid darauf ebenfalls.

Im Erklär-Werbevideo sieht das dann so aus: www.youtube.com/watch

Die automatisch erstellte Seite soll dabei jederzeit gut aussehen und für die Ansicht auf unterschiedlichen Geräten vorbereitet sein (Stichwort: responsives Webdesign). Darüber hinaus lasse sie sich laut Darstellung des Startups per Knopfdruck auf ein erhofftes Ziel hin optimieren, zum Beispiel eine Produktbestellung. Das System analysiere den Text und führe selbstständig einen A/B-Test mit verschiedenen Varianten durch. Ein „E-Commerce-Modul“ ist für Ende 2015 angekündigt. Die Website solle nicht zuletzt für Suchmaschinen optimiert sein.

Bei alldem brauche man keinerlei Coding-Kenntnisse. Alles lasse sich so einfach aktualisieren wie ein Social-Media-Profil. Statt eines Templates wählt man hier einen Stil aus – „eine Handvoll“ davon soll zu Beginn zur Verfügung stehen, weitere Varianten später kostenlos ergänzt werden.

Kurzum: The Grid lässt ein ordentliches Marketing-Feuerwerk abbrennen. Das ist sehr verständlich, suchen sie doch nach den ersten Kunden, die das System zum Sonderpreis blind vorbestellen, und begeben sich dabei in einen bereits gut besetzten Markt. 96 US-Dollar ist der aktuelle Sonderpreis für ein Jahr und man kann diesen Tarif auch nach dem ersten Jahr behalten. Der reguläre Preis soll letztlich bei 25 US-Dollar im Monat liegen. Darin enthalten sind bis zu sieben Websites inklusive Domains. Wie viel Speicherplatz und Webtraffic man dafür bekommt, steht allerdings offenbar noch nicht fest. In den FAQs wird nur recht nebulös von „nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch“ gesprochen, den The Grid unterbinden werde. Darüber hinaus verweist man dort auf einen noch nicht genauer spezifizierten „future VIP level of service“.

Glaubt man dem Zähler der Seite, haben sich schon fast 7.000 Nutzer von dem Angebot überzeugen lassen und die gewünschte Summe vorgestreckt. Wirklich notwendig sollte das Geld eigentlich nicht sein, hatten die Macher doch bereits 3,1 Millionen US-Dollar Investorengelder eingesammelt.

Alles nur Hokuspokus?

Jetzt könnte man recht schnell abwinken und das Projekt ins Reich der Fabeln verweisen. Aber immerhin sind die Köpfe hinter dem Projekt keine Unbekannten. Creative Director Leigh Taylor war beispielsweise an der ersten Version des Editors von Medium.com beteiligt, das ich hier genauer vorgestellt hatte. Den „Hacker und gelegentlichen Abenteurer“ Henri Bergius kennt man wiederum beispielsweise von Create.js und dem Kickstarter-Projekt NoFlo. Und der Gründer und CEO Dan Tocchini ist nicht zuletzt der Macher der Grid Style Sheets, das einem Webdesigner kurz gesagt mehr Möglichkeiten bei weniger Aufwand als CSS geben soll. In diesem Talk stellt er es vor (ab 5:50):

vimeo.com/91393694

Wer tiefer einsteigen will: Einen guten Artikel zu Grid Style Sheets gibt es auf raygun.io. GSS ist eine Grundlage von The Grid, steht aber frei zur Verfügung. Darüber hinaus soll The Grid eine API für Entwickler bekommen.

Alles in allem werden wir mit The Grid also wohl einen flexiblen Homepage-Baukasten sehen, der einige besondere Tricks beherrscht. Wie gut das Ergebnis dann ausfällt, bleibt abzuwarten. Angeblich ist die Website von The Grid bereits mit dem Tool erstellt. Insofern kann man sich dort mit einem Blick in den Quellcode selbst ein Bild machen. Zu bedenken ist, dass sich Kunden von den Features des Baukastens abhängig machen. Lässt man hier einmal die Rauchschwaden des Marketing-Feuerwerks abziehen, bleibt da aktuell nicht viel Positives übrig.

Eines scheint mir jedenfalls sicher: Webdesigner müssen sich wegen dieses Automaten nicht nach einem neuen Job umsehen...

Weitere Hintergründe finden sich in diesem Artikel bei Wired.

Kommentare

  • Lars

    06.11.14 (17:38:36)

    Baukasten bleibt Baukasten egal wie viel ich da rein programmiere. Ich finde es aber immer wieder interessant, das es für solche Ideen immer wieder Sponsoren gibt. Aber wie auch immer, es wird immer Webdesigner jenseits von solchen Baukastensystemen geben müssen, denn es gibt auch immer Kunden die eine individuelle Webseiten-Lösung suchen. Zumal beim Design ja auch das Thema SEO mit berücksichtig werden sollte. Also ich sehe das wie in der Tuning-Branche bei den Autos. Wer sich vom Nachbarn unterscheiden möchte, benötigt einen menschlichen Spezialisten :-)

  • Nikolai Shulgin

    06.11.14 (19:00:48)

    Es ist eigentlich Zeit, dass sich der "Baukasten-Markt" einmal konsolidiert. Schließlich gibt es doch schon zahlreiche wirklich brauchbare Lösungen (wie Spaces oder Squarespace, die ich hier schon einmal angesprochen hatte: https://www.bitrix24.de/for-entrepreneurs/mit-kleinem-budget-zur-perfekten-startup-website.php). Dass sich Webdesigner jetzt einen neuen Job suchen müssen, glaube ich nicht. Denn wirklich Individuelles bedarf immernoch echter Kopfarbeit. Das Modell des Fertighauses hat schließlich auch nicht zur Massenarbeitslosigkeit von Architekten geführt.

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